<small><i>Christian Rainer</i></small>
Sido & Obama mit Arbeit. Arbeitslose arbeitslos

<small><i>Christian Rainer</i></small>
Sido & Obama mit Arbeit. Arbeitslose arbeitslos

Drei Themen, die garantiert nichts miteinander zu tun haben.

Sido. Dass Sido seinen Job bei der „Großen Chance“ wiederbekommen hat, ist ein Skandal. Bekanntlich hatte der Rapper, der als Juror fungierte, Dominic Heinzl nach der ORF-Sendung mit der Faust ins Gesicht geschlagen. Zuvor hatte er Heinzls Mutter auf das Unflätigste beleidigt. All das im Detail mit Kamera und Mikrofon dokumentiert. Dass Heinzl nicht unmittelbar zusammensackte, sondern wohlkalkuliert einige Sekunden später, tut hier nichts zur Sache.

Tatsache ist nämlich: Wir sprechen von Gewaltanwendung, möglicherweise sogar von versuchter Körperverletzung und Ehrenbeleidigung im Sinne des Strafrechts, das Ganze im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, bezeugt von ein paar hunderttausend Jugendlichen und Erwachsenen per TV, YouTube und Zeitungen. Die einzige Konsequenz konnte nur sein, Sido aus der Jury zu entfernen. Das tat Programmdirektorin Kathi Zechner auch umgehend und wortreichst – von wegen Wirkung der Gewalt auf die Jugend, wie das auf ihre eigenen Kinder gewirkt hätte und so fort.

Genau diese Kathi Zechner hat nun die Entscheidung getroffen, Sido nach nur einer Woche Pause wieder als Juror zu installieren. Mit hanebüchener wie peinlicher Argumentation: „Das ist keine Rücknahme der Entscheidung.“ (Was ist es sonst?) „Der Stopp war nötig, weil auf beiden Seiten überzogen wurde.“ (Was heißt hier auf beiden Seiten? Hier wird körperliche Gewalt mit ein wenig Heinzl-Attitüde gleichgesetzt und dadurch verharmlost.) „Wir führen die ausgestreckten Hände beider zusammen.“ (Ausgestreckt war bloß Sidos Arm, und das mit einer Faust. Demnächst wird ein Mordversuch bei Gericht ebenso befriedet werden.)

In Wahrheit schaut Frau Zechner nur auf die Quoten (die Sendung funktioniert ohne Sido wohl nicht) – bei einem Programm, das im ORF ohnehin wenig zu suchen hat, und in absolut unzulässiger Weise. Nicht überraschend ist in diesem Zusammenhang nur: dass der ORF-Generaldirektor mal wieder untergetaucht ist.

Obama.
Soll es überraschen, dass 80 Prozent der Österreicher Obama und nur fünf Prozent Romney wählen würden? Ausgerechnet jene Österreicher, die durchaus für markige Sprüche erfolgreicher Unternehmer anfällig sind (siehe Felix Baumgartners Liebe zu kleinen Diktatoren) und jeden Schwarzen prinzipiell für einen Ausländer halten? Mag auch daran liegen, dass die Hälfte der Österreicher den republikanischen Herausforderer ungestützt nicht einmal beim Namen nennen könnte. Liegt aber dann doch daran, dass der Westen nicht der Westen ist, auch wenn USA und Europa (immer öfter ohne Großbritannien) regelmäßig über einen Kamm geschoren werden. Nur weil sich amerikanische Konsum- und „Kultur“-Güter durchgesetzt haben, gilt das noch lange nicht für Werte und Weltbilder. Der Unterschied beginnt beim Gewicht, das Gott zugemessen wird (man stelle sich einen Atheisten als US-Präsidenten vor!), und endet bei der Bedeutung, die dem Militär oder dem Sozialstaat zugemessen wird. Da liegen die Kontinente an gegenüberliegenden Polen. Was wiederum die Erklärung für vieles ist. Zum Beispiel für den pragmatischen Umgang der USA mit Immigranten (die in den USA oft aus wesentlich abgegrenzteren Ethnien kommen als in Europa). Aber auch für die relative Erfolglosigkeit der Amerikaner mit ihren Investitionen in Osteuropa (das ihnen wesentlich fremder gegenübersteht).

Wer wird die US-Wahl gewinnen? Weil es erheiternd sein könnte, einen profil-Herausgeber bei einem krassen Irrtum zu erwischen: Barack Obama, und das ziemlich ungefährdet.

Arbeitslosigkeit.
Österreich liegt in der europäischen Arbeitslosenstatistik stets unter den Allerbesten (und damit auch in jedem globalen Vergleich). Doch von diesen Zahlen soll man sich nicht einlullen lassen. Nicht bloß, weil in der vergangenen Woche ein gröberer Anstieg vermeldet wurde. Vielmehr ist Arbeitslosigkeit ein wichtiger Indikator für die Stabilität der demokratischen Strukturen eines Landes, und für diese Behauptung braucht es keinen Hinweis auf die zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Niemand sollte glauben, dass die Zahl der Beschäftigungslosen nicht innerhalb weniger Jahre auf 30 Prozent steigen kann, sei es durch eine Rezession, sei es durch strukturelle Veränderungen einer Volkswirtschaft. Bei solchen Prozentsätzen wird es schnell heikel. Beziehungsweise umgekehrt: Es gibt kaum Beispiele von Staaten, die längere Perioden mit derartigen Arbeitslosenzahlen als Demokratien überlebt haben.

Dass unsere Demokratie in Stein gemeißelt ist, ist ein ähnlich gefährlicher Trugschluss wie die Überzeugung, dass 67 Jahre ohne Krieg ewigen Frieden bedeuten.

christian.rainer@profil.at