Elfriede Hammerl: Schweigen im Lande

Elfriede Hammerl: Schweigen im Lande

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Arbeiter haben Hofer gewählt, JungakademikerInnen Van der Bellen. Diese beiden Gruppen lebten in verschiedenen Welten. Es gebe keinen Gesprächsaustausch zwischen ihnen. So kommentierte sinngemäß Sozialforscher Günther Ogris das jüngste Wahlgeschehen. Das Phänomen sei nicht neu, fügte er hinzu, doch im Unterschied zu früher gebe es heute mehr AkademikerInnen.

Ich sehe noch einen Unterschied: Einst wollte die Arbeiterbewegung den sogenannten niederen Ständen zum Aufstieg verhelfen, Rollenvorbild war das Bildungsbürgertum. Die stolzen Proletarier lehnten es zwar ab, sich ihrer Herkunft zu schämen, aber sie waren nicht stolz auf ihre Bildungsdefizite, sondern auf ihr intellektuelles Potenzial, das es ihnen ermöglichen würde, Bildungsbarrieren zu überwinden.

Heute empören sich die sogenannten Bildungsverlierer nicht mehr über einen Mangel an Bildungschancen, sondern darüber, dass Gebildeteren bessere Karten auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft zugestanden werden. Rollenvorbild ist der Geiz-ist-geil-Typ im Feinrippleiberl, der stolz ist auf seine Rüpelhaftigkeit und darauf, dass er nicht zu den Hirnwichsern gehört. Und anders als die alte Sozialdemokratie, die (angeführt von bürgerlichen Akademikern) ihren AnhängerInnen zu mehr Rechten auf der Basis von mehr Wissen verhelfen wollte, bestärken die Rechtsnationalisten die Unwissenden in ihrer Ignoranz, weil sie deren abrufbaren Zorn brauchen. Informierte könnten manipulationsresistent sein.

Gesellschaftlicher Umgang zwischen den Sozialschichten war damals noch weniger selbstverständlich als heute.

„Die Arbeiterkultur stellte in höchstem Maß eine politische Bewegung dar“, schreibt Oswalda Tonka in ihrem Erinnerungsbuch „Buchengasse 100. Die Geschichte einer Arbeiterfamilie“1. „Zeitungen und Broschüren der Arbeiterpresse waren gefüllt mit Gedichten und Texten von Arbeiterdichtern, die ihre Gefühle und ihre Not zu Papier brachten. (…) Aber auch die Hochkultur alter Meister wie Grillparzer, Goethe, Lessing und Schnitzler wurde der arbeitenden Bevölkerung nahegebracht, um ihr Selbstbewusstsein zu heben und um ein stolzer Prolet zu sein.“

Bewegend schildert Tonka, Jahrgang 1923, in bitterster Armut aufgewachsen, früh politisiert und während der Nazizeit im Widerstand, einen Volkstheaterbesuch als Zwölfjährige. Man gab Grillparzers Medea, ein Stück, das Oswalda und ihre Schwester dank eines ausgeborgten Reclamhefts bereits auswendig konnten. Den letzten Geldschein habe ihre Mutter für die Theaterkarten aus der abgegriffenen Börse nehmen müssen, schreibt sie, aber dafür habe man ein Wunder erleben dürfen. „Auf dem langen Fußweg zurück in die Vorstadt waren wir sprachlos. Danach unterhielten wir uns viele Wochen lang immer über diesen Abend.“

Gesellschaftlicher Umgang zwischen den Sozialschichten war damals noch weniger selbstverständlich als heute. Tonka zitiert aus der Autobiografie von Albert Fuchs, eines Sohns aus gutem Haus, der sich als junger Schulungsreferent in der Arbeiterbewegung engagiert hatte: „Selbstverständlich war mir am Anfang das proletarische Milieu sehr fremd. So scheußliche Häuser, wie ich sie nun fortlaufend aufsuchte – Zinskasernen mit Bassena und Klosett am Gang, hatte ich vordem nur vom Hörensagen gekannt. Nie war ich mit Menschen an einem Tisch gesessen, die aus dem Reindl aßen und das Messer in den Mund steckten. Manche Genossen waren in ihrer Ausdrucksweise von einer Derbheit, die mich überraschte. Es dauerte einige Zeit, bis ich mich an all das gewöhnte. Bedeutend schneller gewöhnten sich die Arbeiter an mich. Mein bürgerlich-intellektuelles Wesen behinderte den Kontakt überhaupt nicht. (…) Vielleicht kam mir in Favoriten der Umstand zu Hilfe, dass ich als Intellektueller Seltenheitswert hatte.“

Diese soziale Durchmischung wäre zunächst ungemütlich, aber auf längere Sicht möglicherweise nützlich.

Heute haben sich die Wohnverhältnisse verbessert, die Tischmanieren im proletarischen Milieu verbürgerlicht bzw. die des Bürgertums proletarisiert, und auch die Ausdrucksweisen der Milieus haben sich einander angeglichen (Scheiße! ist inzwischen ein universaler Ausruf für ärgerliche wie für freudige Überraschungen) – der gut gemeinte Paternalismus von Söhnen oder Töchtern aus gutem Hause scheint daher überholt. Trotzdem wollen offenbar größere Bevölkerungsgruppen aus dem gefühlten oder vorgeblichen Elend ihres unbefriedigenden Daseins erlöst werden. Als Retter bieten sich jetzt nicht mehr intellektuelle Weltverbesserer an, sondern skrupellose Machtspieler, die Dumpfbacken nationalistischen Größenwahn als Ersatz für echte Lebenschancen verkaufen, um ihren ganz persönlichen Vorteil daraus zu ziehen.

Wenn der neue Bundespräsident Gräben zuschütten möchte, sollte er vielleicht Intellektuelle auffordern, wieder nach Favoriten (und Simmering und Donaustadt und Kapfenberg) zu gehen und sich mit den Nicht-mehr-Genossen dort an einen Tisch zu setzen, nicht paternalistisch und nicht mit kulturanthropologischem, sondern mitmenschlichem Interesse. Diese soziale Durchmischung wäre zunächst ungemütlich, aber auf längere Sicht möglicherweise nützlich.

1) Oswalda Tonka, Buchengasse 100. Die Geschichte einer Arbeiterfamilie. ProMedia 2016

[email protected] www.elfriedehammerl.com