<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Putin, Hitler und die NATO

<small><i>Georg Hoffmann-Ostenhof</small></i>
Putin, Hitler und die NATO

Warum Nazi-Vergleiche trotz allem zuweilen statthaft und sinnvoll sind.

Putin als Hitler redivivus? In den vergangenen Tagen und Wochen wird über die Frage, ob man Parallelen zwischen dem Moskowiter Autokraten und dem Mann aus Braunau ziehen darf, heftig gestritten. Um es vorwegzunehmen: Man darf.

Es gibt freilich genügend Gründe dagegen: Vor einigen Jahren veröffentlichte der „Standard“-Journalist Eric Frey ein eindrucksvolles Buch mit dem Titel „Das Hitler-Syndrom. Über den Umgang mit dem Bösen in der Weltpolitik“. Darin wendet er sich gegen die verbreitete politische Unsitte, immer dann, wenn irgendwo ein Diktator sein Unwesen treibt oder ein Regime Eroberungslust verspürt, Nazi-Vergleiche anzustellen.
Wer wurde da in den vergangenen Jahren nicht aller zum Wiedergänger Hitlers hochstilisiert. Vor allem in den USA: Ho Chi Minh, Saddam Hussein, Osama Bin Laden oder Achmadinedschad avancierten ebenso schnell zu den großen alles bedrohenden Verderbern, wie dem Kampf gegen diese taxfrei die Dignität des Alliierten-Kriegs gegen das „Dritte Reich“ verliehen wurde. Auch in Israel bekommen Feinde und Kritiker in Windeseile – metaphorisch – das „Führer“-Bärtchen aufgemalt.

Nicht nur würden durch dieses „Hitler-Syndrom“ die Verbrechen Nazi-Deutschlands letztlich relativiert und verharmlost, meint Frey, es führte auch zu fatalen Fehlentscheidungen. Die Tatsache, dass Washington die internationale Situation gerne durch die Brille des Zweiten Weltkrieges sieht, habe direkt in desaströse bewaffnete Abenteuer geführt – wie etwa Vietnam- und Irak-Krieg.

Das Münchner Abkommen vom September 1938, in dem Briten und Franzosen die Tschechoslowakei – und damit einen Verbündeten – opferten, um sich den Frieden zu erkaufen, gilt als einer der größten Irrtümer der Geschichte. „Appeasement“, wie diese Politik gegenüber Hitler genannt wird, ist seither ein Hardliner-Schimpfwort für das angeblich feige Einknicken gegenüber einem Bösewicht, der militärisch bekämpft werden müsse, weil er sonst noch stärker und gefährlicher würde – auch wenn im Einzelfall Verhandlungen grundsätzlich möglich und sinnvoll wären.

Frey liegt mit seiner Analyse sicherlich richtig. Dennoch ist auffallend, dass nun im Falle der Ukraine-Krise nicht nur Kalte Krieger und Militaristen Hitlervergleiche anstellten und auf die späten 1930er-Jahre verweisen – und dafür schwere Vorwürfe für diesen „Tabubruch“ einheimsen.
Sowohl die ehemalige US-Außenministerin Hillary Clinton als auch der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble – beides keine martialischen Hitzköpfe – fühlten sich bei Wladimir Putins Begründung für seinen Ukraine-Kurs, es ginge ihm darum, die russischen Landsleute vor Unterdrückung zu bewahren, an Hitler erinnert, als dieser angeblich „zum Schutze der Deutschen“ das Sudetenland überfiel.

Die beiden verteidigen sich: Sie wollten bloß gewisse Aspekte der aktuellen russischen Politik mit jener Nazideutschlands und nicht Putin und Hitler in toto vergleichen. So hält es auch der amerikanische Strategie-Altmeister Zbigniew Brzezinski: „Die Annexion der Krim erinnert mich an den sogenannten ‚Anschluss‘ Österreichs“, sagt er. Es hätte ja auch in Österreich 1938 ein Referendum gegeben, das höchste Zustimmung für die bereits erfolgte Annexion brachte. Brzezinski zieht noch eine zusätzliche Parallele: „Und wenn Putin mit nacktem Oberkörper für Kameras posiert, denke ich an Mussolini. Putin ist ein Showman, etwas bombastisch und narzisstisch, gemischt mit einer Dosis Größenwahn.“

Trotz aller Problematik: Solche Rückgriffe auf historische Beispiele lassen die Dynamik der aktuellen Ereignisse ein wenig besser verstehen – eine Anleitung zum Handeln liefern sie jedoch keineswegs.

So wollen weder Clinton, noch Schäuble, noch Brzezinski Verhandlungen mit Moskau ausschließen. Im Gegenteil. Und niemand im Mainstream der westlichen Außenpolitik, zu dem die drei gehören, erwägt, Putin die Krim mit Waffengewalt wieder zu entreißen oder groß mit Westtruppen an Russlands Grenzen aufzumarschieren. Niemand will da zündeln, niemand eskalieren.

Und doch: Das Militärische ist auf den alten Kontinent zurückgekehrt. Als die Sowjetunion untergegangen, der Kalte Krieg zu Ende und der Balkan befriedet war, da wähnte sich Europa im ersehnten „ewigen Frieden“ des deutschen Aufklärungsphilosophen Immanuel Kant angelangt. Künftige Kriegsszenarien am Kontinent erschienen völlig undenkbar. Man schrumpfte die Armeen und rüstete sie um – für ihre vermeintliche Hauptaufgabe: Einsatz in entfernten Krisenregionen. Mit dem Abzug aus Afghanistan schien die NATO dann endgültig ihre Existenzberechtigung verloren zu haben.

Da krallte sich Putin die Krim. Und russische Panzerkolonnen begannen wieder zu rollen. Und plötzlich ist alles anders. Jetzt erkennt man, dass auch in Europa die Kant‘sche Zeit noch nicht gekommen ist. Die NATO weiß wieder, warum sie da ist. Und jäh tauchen Begriffe auf, die längst der Vergangenheit anzugehören schienen: Man spricht wieder von Eindämmung und militärischer Abschreckung.

Nein, Putin ist gewiss nicht der Hitler unserer Zeit. Aber Russlands Präsident hat mit seinen Ukraine-Aktionen ein neues Kapitel der europäischen Geschichte aufgeschlagen. Gefährliche Zeiten kommen auf uns zu. Nun gilt es, diplomatische, politische und militärische Strategien jenseits von Appeasement und Kriegstreiberei zu finden.

georg.ostenhof@profil.at