<i><small>Herbert Lackner</small></i>
Weg mit der Wehrpflicht!

Jungen Männern sollte nicht länger Lebenszeit gestohlen werden.

Man hatte mir beigebracht, mit einem Puch-Haflinger zu fahren, Garagen zu kehren, drei gleichermaßen dumme Soldatenlieder zu singen („Es braauuuust unser Panzer im Sturmwind dahin …“) und öde Nächte in einem Wachlokal abzusitzen. Ich kannte die Dienstränge des österreichischen Bundesheers, konnte ein Steyr-Sturmgewehr zerlegen, hatte gelernt, das Schnarchen meiner Zimmerkameraden nicht mehr zu hören und jeden Tag Bier zu trinken.

Ein bisschen wenig für neun Monate im Leben eines 19-Jährigen (so lange dauerte der Wehrdienst 1969).

Ich habe später Männer verschiedener Geburtsjahrgänge, die ebenfalls Wehrdienst geleistet hatten, gefragt, ob es bei ihnen anders gewesen sei. Alle erzählten ähnliche Geschichten: von Langeweile und Zeittotschlagen, von sinnlosen Schikanen und den Tricks, mit denen man sich schließlich noch ein Plätzchen in irgendeiner Kanzlei verschafft hatte.

Warum trifft man eigentlich so wenige Österreicher, die von sinnvollen Dingen berichten, die sie während ihres Wehrdiensts erlernt haben? Warum hat man nur bei den von Berufs- und Milizsoldaten besetzten Außenposten – am Golan oder am Balkan – den Eindruck, hier sei eine Truppe am Werk, die Sinn macht?

Das österreichische Bundesheer basiert auf Selbstbetrug: Denn weder können die paar hypersensiblen Abfangjäger den Luftraum über Österreich ultimativ sichern, noch könnte dies die Armee am Boden. Und dass jemand nach ein paar Monaten in einer Kaserne und einigen Übungstagen fit für eine kriegerische Auseinandersetzung ist (sofern man ­dafür überhaupt „fit“ sein kann), können nicht einmal die überzeugtesten Befürworter der allgemeinen Wehrpflicht ernsthaft glauben.

Sie ist ein Relikt aus vergangenen Tagen. Vor allem die Sozialdemokraten hatten bei der Wiederbegründung des Bundesheers 1955 darauf bestanden. Sie hatten noch den christlichsozialen Verteidigungsminister Carl Vaugoin im Ohr, der 1933 angekündigt hatte, seine Berufssoldaten würden die Roten „Glied für Glied in Stücke hauen“. Ein paar Monate später taten sie es tatsächlich.

Verteidigungsminister Norbert Darabos hat einen sich darauf beziehenden Punkt ganz oben in seinem Argumentationskatalog: „Die allgemeine Wehrpflicht garantiert die Verankerung des Bundesheers in unserer Gesellschaft und sorgt damit auch für demokratische Kontrolle.“ Heißt das, dass jedes Berufsheer eine potenzielle Putscharmee ist? Historisch gibt es dafür keine Beweise: Alle großen Militärcoups in Europa und Südamerika – von Griechenland bis Chile – wurden von Volksheeren inszeniert.

Der Aufbau des Bundesheers basiert noch auf dem Grundsatz, Österreich drohe die größte Gefahr vom Osten her. Wendige, mit den örtlichen Gegebenheiten vertraute Milizkräfte sollten sich den heranrollenden Warschauer-Pakt-Truppen entgegenstemmen und sie eine Zeit lang aufhalten. Wie verbissen die lächerliche Annahme verfolgt wurde, das Bundesheer könnte die vielfach übermächtigen Ost-Armeen auch nur zwei Tage lang binden, zeigt der Umstand, dass das Bundesheer noch Mitte der neunziger Jahre gebrauchte Kampfpanzer kaufte. Da wusste schon längst jeder, dass es in Mitteleuropa nie mehr eine große Panzerschlacht geben würde (heute sind bloß 50 dieser Panzer einsatz­fähig).

Viele Staaten tragen der neuen Lage Rechnung. Schweden hat die Wehrpflicht mit 1. Juli ausgesetzt, dort gibt es künftig ein Freiwilligen-Heer. Auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel plädiert inzwischen offen für ein Aussetzen der Wehrpflicht. Das Volk hätte sie – das zeigen Umfragen – eindeutig auf ihrer Seite. Selbst in der seit Wilhelm Tell notorisch wehrwilligen Schweiz halten einander Gegner und Anhänger einer Berufsarmee bereits die Waage.

Die Befürworter der Wehrpflicht haben durchaus bedenkenswerte Argumente. Ein Berufsheer sei weit teurer, meinen sie und gehen bei ihren Berechnungen von einer 23.000-Mann-Armee aus – so viele Soldaten stehen heute pro Jahr in Österreich unter Waffen. Aber muss ein Berufsheer wirklich so groß sein? Warum sollten nicht auch aus einem 15.000-Mann-Heer jene 1000 Soldaten rekrutierbar sein, die derzeit Auslandseinsatz leisten?

Der Katastrophenschutz sei dann nicht mehr gewährleistet, heißt es. Aber wenn dieser eine so zentrale Aufgabe des Bundesheers ist – warum werden die Präsenzdiener dann nicht besser dafür ausgebildet?

Schließlich wird noch ein „unmilitärisches“ Argument bemüht: Ohne Wehrdienst kein Zivildienst. Dies würde die Trägerorganisationen wie Rotes Kreuz, Caritas und Volkshilfe nach Schätzungen etwa 150 Millionen Euro kosten. Aber warum sollte es nicht möglich sein, mit entsprechenden ­Anreizen junge Leute für einen freiwilligen Sozialdienst zu gewinnen? Als Gegenleistung könnte es eine Bevorzugung bei der Vergabe von Startwohnungen und Studienplätzen, Bildungsgutscheine und eine großzügige Pensionsanrechnung geben.

Noch etwas sollte bedacht werden. In der nun hoffentlich einsetzenden Debatte über Wehrpflicht versus Berufsheer geht es um etwas sehr Wertvolles: um die Lebenszeit junger Österreicher, die sinnvoller genutzt werden könnte, als dies auf einem Kasernenhof möglich ist.

herbert.lackner@profil.at