Peter Michael Lingens: Das Elend der kleinen Bühnen

Peter Michael Lingens: Das Elend der kleinen Bühnen

Das Sparen des Staates bei der Subvention der Kultur ist so widersinnig wie sein Sparen bei der Bildung.

Dem Kommentar, den ich kürzlich über das Elend Griechenlands geschrieben habe, habe ich die Empfehlung angeschlossen, sich im Wiener ateliertheater "Kafkas Affe" anzusehen. Aus zwei Gründen: Weil ich glaube, dass man Benjamin Vanyek, der ihn verkörpert, früher oder später auf großen Bühnen umjubeln wird; und weil die Sparmanie, die Griechenlands Probleme zum Elend verschärft hat, auch zum Elend der kleinen Theater selbst reichster Länder – wie Österreich oder Deutschland – geworden ist. Denn die Subventionen, die sie zum Überleben brauchen, zählen zu den beliebtesten Einsparungen.

Das ist unmittelbar widersinnig: Zusperrende Theater schaffen arbeitslose Schauspieler. Deren Arbeitslosenunterstützung kommt den Staat teurer als die Subvention der Theater. Denn diese haben die Gagen ihrer Akteure ja zu einem erheblichen Teil aus dem Kartenverkauf, also privaten Mitteln, bestritten. Noch unsinniger ist es mittelbar: Die umfangreiche Wiener Theaterszene trägt wesentlich zum boomenden Tourismus bei und ist zumindest für Konzerne aus dem deutschen Sprachraum ein wesentlicher Grund, hier Büros zu unterhalten.

Das Ateliertheater am Naschmarkt hat einmal weit in diesen deutschen Sprachraum hineingeragt: Stücke von Wolfgang Bauer oder Franz Xaver Kroetz wurden dort uraufgeführt, Harold Pinter wurde fürs deutschsprachige Publikum entdeckt, Stars wie Maria Schell übernahmen Rollen. Halbierte Subventionen führten dazu, dass es 2005 aus dem Stadtzentrum in die Burggasse 71 abwanderte, wo es unter neuer Führung zunehmend an Bedeutung verlor und schließlich zusperrte. Doch 2013 nahmen sich die Regisseurin Nina C. Gabriel und ihr Lebensgefährte, der Maler Ludwig Drahosch, der einstigen Kinoräume an, tapezierten an Wochenenden Wände, strichen vergammelte Türen, verschraubten Sitze und schufen mit dem ateliertheater Reloaded eine der hübschesten Kleinbühnen Wiens.


Ein Theater mit 95 Sitzen kann unmöglich ausgeglichen bilanzieren.

Der beeindruckte Hausherr kam ihnen bei der Miete entgegen. Die Hoffnung auf eine noch so kleine Subvention des Betriebes durch die Stadt Wien erwies sich jedoch als vergeblich: Sie spart. (Verglichen mit deutschen Städten ist sie dabei noch gnädig: Dort gibt es ein Massensterben kleiner Bühnen.) Gabriel und Drahosch taten alles, was tüchtige „Privatunternehmer“ zu leisten vermögen: Für Stücke mit großer Besetzung, wie „Liliom“, tat man sich mit der Schauspielakademie Elfriede Otts zusammen, die kostengünstig Talente bereitstellt. Eigenproduktionen wie „Hotel California“ oder den „Affen“ bestreitet man mit einem Mini-Team: Nina C. Gabriel führt Regie und/oder spielt, Ludwig Drahosch ist Bühnenbildner, Techniker, Beleuchter und Billeteur. Hervorragende Gastproduktionen – derzeit Mercedes Echerers „Wellentanz“ und Yasmina Rezas „Gott des Gemetzels“ aus dem nahen Scala-Theater (das seit 20 Jahren Top-Qualität zu Mini-Kosten produziert) – mieten sich ebenso ein wie fremdsprachige Schauspieltrupps, die in Wien für Landsleute spielen. Man kann es wirtschaftlich nicht besser machen und bietet beste künstlerische Qualität. Aber das ändert nichts daran, dass ein Theater mit 95 Sitzen unmöglich ausgeglichen bilanzieren kann. Das ateliertheater Reloaded kann auf die Dauer nur überleben, wenn es wenigstens 50.000 Euro im Jahr an Subvention erhält – sonst muss es zusperren.

In New York würde es von einem Millionär oder Filmstar gesponsert, der einmal den Hamlet spielen will. Österreich hat zwar nach der Schweiz die meisten Millionäre pro Kopf der EU, aber die Kultur des Kultur-Sponsoring ist nicht rasend entwickelt. Der Finanzminister könnte sie fördern, indem er jedermann zugestünde, einen winzigen Prozentsatz seines Einkommens dafür von der Steuer abzusetzen. Aber als ich dem Ministerium dergleichen einmal vorschlug – „Man könnte das Kulturbudget getrost um diesen Steuerausfall verringern, denn es würde weit mehr privates Kapital geweckt“ –, entgegnete mir der Beamte: „Und Sie, Herr Lingens, wollen entscheiden, was Kultur ist.“

Dabei bin ich weit davon entfernt, die Kultur der Privatwirtschaft und dem Markt zu überlassen – es kommen mir dabei zu viele Musicals heraus. (Österreich bringt es allerdings fertig, ausgerechnet das Musical, das sich in den USA selbstverständlich selbst erhält, ähnlich hoch wie das Burgtheater zu fördern.) Vielmehr glaube ich, dass es ein besonderer Vorzug Europas ist, „Kultur“ als einen Teil dessen zu begreifen, was der Staat wie „Sicherheit“ oder „Bildung“ durch Steuermittel garantiert und durch privates Sponsoring nur fördert.

Es ist so absurd, am finanziellen Einsatz für dieses kulturelle Europa zu sparen, wie es absurd ist, das Budget für die Errichtung von Ganztagsschulen zu kürzen oder Stützlehrer einzusparen.

PS: Wäre das Erbe nach Hans Dichand von schätzungsweise 500 Millionen Euro gemäß dem Modell der AK (des ÖGB) besteuert worden, so hätte das dem Staat 48,6 Millionen eingebracht. Konservativ zu drei Prozent Zinsen angelegt, erbrächte das genug, um drei Kleinbühnen für alle Zeiten abzusichern. Nach spanischem Modell besteuert reichte es sogar für neun.