Peter Michael Lingens: Nur chinesische Medizin hilft

Peter Michael Lingens: Nur chinesische Medizin hilft

Die gewohnte Entwicklungshilfe kann den Flüchtlingsstrom aus Afrika unmöglich eindämmen.

Ein Bruder meiner Mutter war mit einer Jüdin verheiratet. Hätte England sie 1939 zurück nach Österreich abgeschoben, so hätte sie nicht überlebt. Vielleicht erklärt das, warum ich zeitlebens Flüchtlinge in meine Wohnung aufgenommen habe.

Trotzdem habe ich unseren letzten Flüchtling, einen Tunesier, vor einem Monat hinausgeschmissen: Ich war nicht mehr überzeugt, dass seine Geschichte – der IS hätte ihn seiner Sprachkenntnisse wegen zur Mitarbeit aufgefordert und ihn verfolgt, weil er ablehnte – auch wirklich stimmt.

Ich habe in der Folge aber auch keinen zweifelsfrei Asylberechtigten aufgenommen, denn mein Einkommen wird sich demnächst deutlich vermindern, und ich will nicht mehr auf den Mietvertrag verzichten. An andere strengere Maßstäbe als an mich selber anzulegen, liegt mir nicht: Ich freue mich, wenn der österreichische Staat zweifelsfrei Asylberechtigte aufnimmt und in Heimen unterbringt, bis sie sich selbst erhalten können. Mehr ist dem Land nicht zuzumuten. Wir müssen diese strenge Unterscheidung zwischen wirklich Bedrohten und Wirtschaftsflüchtlingen leider vornehmen. Denn schon die wirklich Bedrohten sind Millionen. Europa, selbst wenn es ungleich solidarischer wäre, kann unmöglich die 20, 30 Millionen Menschen aufnehmen, die sich alleine in Afrika in einer hoffnungslosen wirtschaftlichen Lage befinden.

Es besteht Einigkeit darüber, dass nur die Verbesserung der Bedingungen vor Ort den Flüchtlingsstrom eindämmen kann: Entwicklungshilfe ist wieder gefragt.

Die eingehendsten Studien dazu hat Angus Deaton, Wirtschaftsnobelpreisträger des Vorjahres, durchgeführt: Geldüberweisungen, so argumentiert er, seien nutzlos. Denn nicht Geldmangel sei das Problem, sondern die sinnvolle Verwendung von Geld. Entwicklungshilfe, die afrikanische Staaten durchaus bekämen, versickere in den Taschen der Machthaber. Das Einzige, was funktioniere, sei die Verwendung jenes Geldes, das Flüchtlinge, die es in die EU geschafft haben, nach Hause schickten. (Darüber sollte man in Österreich nachdenken, bevor man eben dies abstellt.) Ich sehe wenig Grund, an Deatons Argumenten zu zweifeln, so sehr ich konkrete Projekte der Caritas oder engagierter Einzelpersonen (Karlheinz Böhm, Christine Wallner usw.) zu schätzen weiß. Es fehlt in Afrika nicht an Geld. Die Beweglichkeit des Kapitals, verbunden mit der Profitgier großer Unternehmen, hat dafür gesorgt, dass in Afrika durchaus Industrien und Arbeitsplätze entstanden sind. Es ist – im Gegensatz zu einer verbreiteten Meinung – nicht so, dass die Wirtschaft dort nicht wüchse und nicht wesentlich mehr als bisher produziert würde und auch im Land verbliebe, obwohl die investierenden Unternehmen Gewinne abschöpften und nach Hause – von China über die EU bis in die USA – überweisen.


Afrikas Regierungen müssen, so weit möglich, zur Geburtenkontrolle gedrängt werden.

Das Problem ist das Wachstum der afrikanischen Bevölkerung. 1950 lebten in Afrika 230 Millionen Menschen – heute sind es 1,2 Milliarden geworden. Die Bevölkerung ist extrem jung, die Geburtenrate liegt extrem hoch. Daher dürften es 2050 seriös geschätzte 2,5 Milliarden sein. Die Wirtschaft wächst linear – die Bevölkerung exponentiell.

Obwohl es in Nigeria oder Angola selbst nach dem Ölpreisverfall Wachstumsraten von vier Prozent gibt (in Nordafrika hat die Arabellion das Wachstum fast zum Erliegen gebracht), kann die Bevölkerung der Armut aus mathematischen Gründen unmöglich entkommen. Nur Geburtenkontrolle kann den Kontinent retten. Es war vor allem anderen die Ein-Kind Politik, die in China schon vor der Einführung des „Kapitalismus“ zum Ende der großen Hungersnöte und mittlerweile zu beträchtlichem Wohlstand geführt hat. Wie entscheidend sie war, kann man am dramatischen Wohlstandsgefälle ablesen, das das kapitalistische Indien von China trennt.

Eine Diktatur kann Geburtenkontrolle leicht durchsetzen. Demokraturen wie sie in Afrika vorherrschen, haben es ungleich schwerer. Zumal der männlichen Bevölkerung jegliche Einsicht fehlt: In der größtmöglichen Kinderzahl sieht sie ihre Potenz bestätigt. Gleichzeitig glauben Frauen – in diametralem Gegensatz zur Realität –, dass viele Kinder ihr Alter absichern. Was also kann unternommen werden, wenn man nicht auf Seuchen oder Kriege setzen will, um Afrikas Bevölkerung zu verringern? Afrikas Regierungen müssen, so weit möglich, zur Geburtenkontrolle gedrängt werden. Es gilt Familienberatungsstellen zu finanzieren, in denen Pillen und Spiralen verteilt werden. Männer wie Frauen müssen Geldbeträge erhalten, wenn sie sich nach zwei Kindern sterilisieren lassen. Leider steht dem eine verfehlte christliche Überzeugung entgegen: Christlich gesinnte Entwicklungshelfer meinen, Geburtenkontrolle nicht fordern zu dürfen. Und Afrikaner christlichen Glaubens halten sie für Sünde.

Ein humaner Papst muss das ändern.

peter.lingens@profil.at