<small><i>Peter Michael Lingens</small></i>
Der Fahrrad-Terror

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Der Fahrrad-Terror

Erfahrungen eines älteren Fußgängers in der Radfahrstadt Wien.

Eigentlich war ich zuversichtlich, eines natürlichen ­Todes zu sterben. Die Zeiten, da ich als „Agent Israels“ auf der Todesliste des Terrorkommandos Abu Nidal stand, sind vierzig Jahre vorbei – der gute Mann ist vor mir gestorben –, ich fahre nicht Auto, schon gar nicht Motorrad, und im Flugzeug, das ich relativ häufig benutze, droht mir der Tod statistisch erst nach zwei Milliarden Kilometern.

Ich habe mich daher auch vor Verkehrsunfällen ziemlich sicher gefühlt. Bis Wien zur Radfahrstadt wurde. Bisher wurde ich zweimal angefahren. Das erste Mal, als ich einen Freund besuchte, der das Pech hat – richtiger: dessen Freunde das Pech haben –, dass sein Haus in der Margaretenstraße an einer Radrennstrecke liegt. Der Gehsteig ist dort sehr schmal, der darauf verlaufende Radweg ist es auch, dann kommt die ebenfalls eher schmale, stets zugeparkte Straße. Die Autos fahren mit der gebotenen Vorsicht – schließlich sind ihre Lenker gemäß gängiger Judikatur so gut wie immer schuld. Radfahrer nie. Sie rasen. Das Bewusstsein unendlicher ökologischer Überlegenheit vermittelt offenbar das Gefühl totaler Freiheit: Wenn sie hoch zu Fahrrad im Sattel sitzen, wollen sie galoppieren. Außerdem macht Radfahren fit, und diese oft arthritischen, manchmal beleibten, viel zu früh gealterten Fußgänger, die sich da zögerlich wie Karpfen fortbewegen, bedürfen eines Hechts, der sie jagt. Sofern sie sich in bekannten Gefilden tummeln, suchen sie Zuflucht in einem Haustor, sobald ein Radler naht.

Aber ich bin nicht aus Margareten. So überquerte ich also, nachdem ein Autofahrer freundlich abgebremst hatte, die Straße und machte den Fehler, in seine Richtung zu blicken, um ihm dankend zuzunicken – da die Margaretenstraße eine Einbahn ist, glaubte ich, mir diesen Akt der Straßenkameradschaft leisten zu können. Bis ich den Ellenbogen eines Radfahrers gegen meine Brust krachen, ihn selbst ein wenig schlingern und dann wütend absteigen sah: „Kennan S’ ned schaun? Des is a Radlweg! Se Armleichter.“
„Entschuldigen Sie. Ich habe in die falsche Richtung geschaut. Ich dachte nicht, dass gegen die Einbahn …“
Ich hatte Glück: Der Mann schwang sich wieder in den Sattel, beugte sich tief über seinen Rennlenker und raste weiter. Schließlich hatte ihn der Zwischenfall Zeit gekostet.

Auch ich war froh über den glimpflichen Ausgang. Schließlich hätte der Mann sich bei einem Sturz das Genick brechen können – mich hatte vor Schreck nur beinahe der Schlag getroffen. In beiden Fällen wäre die Sache juridisch heikel gewesen: Natürlich war ich verpflichtet, auch in die Gegenrichtung des Autoverkehrs zu schauen, weil der Radweg in beiden Richtungen benutzt werden darf. Wie weit ein Radfahrer verpflichtet wäre anzuhalten, wenn ein ­Autofahrer anhält, um einen Fußgeher passieren zu lassen, ohne dass ein Zebrastreifen ihn dazu verpflichtet, ist eine interessante Rechtsfrage.

Man soll jedenfalls nicht glauben, dass man wenigstens gefahrlos aus dem Haustor auf den Gehsteig treten kann. Zumindest nicht in Neubau, denn das ist ein „grüner“ Bezirk, und das Fahrrad ist allgegenwärtig. Auch auf dem Gehsteig.
Meine Frau, die jünger ist, konnte sich gerade noch in die Eingangsnische drücken – ich bekam den Fahrradlenker in den Rücken. Der junge Mann landete am Boden.
„Das ist ein Gehsteig!“, schrie ich ziemlich erregt.
„Entspann dich!“, sagte der junge Mann, der sich er­hoben hatte, und setzte sich wieder aufs Rad.
„Das ist eine Frechheit!“, rief ich ihm nach.
„Alter Trottel!“, meinte er, sich ein letztes Mal umdrehend, und fuhr auf dem Gehsteig weiter bis zur nächsten Ampel, die er selbstverständlich bei Rot überquerte, um auf dem nächsten Gehsteig weiterzufahren. Das tat übrigens auch die nächste Radfahrerin, die allerdings freundlicher war: „Verzeihen Sie“, sagte sie, als sie uns überholte. Ich will dem Bezirk zugute halten: In der Burggasse ist ein Radweg geplant.

Natürlich bin ich nicht gegen Fahrräder – dazu bin ich als Jugendlicher viel zu lange selbst durch Wien geradelt. Allerdings in ständiger Angst, einem Unfall zum Opfer zu fallen – diese Angst ist den Radfahrern von heute abhan­dengekommen: Autofahrer müssen panisch aufpassen, wenn sie – etwa am Ring – nach rechts abbiegen und den Radfahrer wegen einer anhaltenden Straßenbahn nicht im Außenspiegel heranrasen sehen. Und dort, wo sich Radwege – wie etwa vor dem Landesgericht – plötzlich zwischen die Autospuren zwängen, bremsen sie ebenso panisch auf Fußgehergeschwindigkeit herunter. Radfahrer tun das fast nie.

Das wird zum Problem, wenn sich Radwege und Fußwege permanent überschneiden wie etwa entlang des Rings. Es müsste das Gesetz von Skipisten gelten: Der Langsamere muss mit der Rücksicht des Schnelleren rechnen können. In London sind die Radwege für den Fußgeher immerhin kenntlich – nämlich leuchtend rot. In Wien muss man sie ahnen.
Ich verstehe, dass Wien den Radverkehr forcieren will – aber dann gehört er auch forciert geregelt: durch Num­merntafeln, Tempokontrollen und Strafmandate für Terroristen.

peter.lingens@profil.at