Airbnb: Die Stadt Wien will Geld von privaten Vermietern

GEHEIMNISKRÄMEREI: Wo Wohnungen touristisch weitervermietet werden, geben Bettenvermittlungsportale wie Airbnb nicht gerne preis. Die Behörden stellt das vor große Herausforderungen.

GEHEIMNISKRÄMEREI: Wo Wohnungen touristisch weitervermietet werden, geben Bettenvermittlungsportale wie Airbnb nicht gerne preis. Die Behörden stellt das vor große Herausforderungen.

Baumhäuser, Inseln oder Luftmatratzen in Studenten-WGs: Alles können Urlauber über Portale wie Airbnb buchen. Geltende Gesetze werden dabei häufig ignoriert. Die Stadt Wien rüstet zur Gegenoffensive.

Leuchttürme und Windmühlen sind längst nicht die außergewöhnlichsten Schlafquartiere: Wer es gern extravagant mag, kann auch in einem Baumhaus aus Bambus im Dschungel Costa Ricas oder auf einer einsamen Insel vor der Küste Kolumbiens nächtigen. Ein findiger New Yorker baute nach dem Schneesturm Ende Jänner mitten in Brooklyn gar ein Iglu und bot es zur Vermietung an.

Mittels Onlinebuchungsportalen wie Airbnb oder 9flats kann jeder sein Eigenheim, ganz gleich wie eigenartig, an Touristen und Geschäftsreisende untervermieten. Von der Wohnzimmercouch in der Wiener Studenten-WG bis zum Schloss im Süden Englands findet der geneigte Urlauber dort alle Komfort- wie Preisklassen und hat sie mit wenigen Klicks auch gleich gebucht. Meist sind die Quartiere billiger als klassische Hotels.

In der Praxis ist das alles aber nicht ganz so einfach. Denn wer Zimmer, Wohnungen oder ganze Häuser touristisch vermietet, muss - genauso wie professionelle Quartiergeber - diverse Auflagen erfüllen; das Berappen der Ortstaxen ist nur eine davon. In vielen Fällen passiert genau das nicht, weshalb die öffentliche Hand um Steuereinnahmen umfällt. Zudem wird der ohnehin angespannte Wohnungsmarkt weiter verknappt. Was also tun? In der Stadt Wien brütet seit Juni 2015 eine Arbeitsgruppe darüber, wie dem grassierenden Trend der Privatzimmervermietung über Onlineportale zu begegnen sei.

Airbnb als globaler Player im Tourismus

Privatzimmervermietung ist kein neues Phänomen, doch die Digitalisierung und der Vormarsch der sogenannten sharing economy, des kommerziellen Teilens von vorhandenen Gütern, bedingen den Aufschwung. Airbnb ist unter den Bettenportalen längst zum globalen Player im Tourismus avanciert. Darüber kann selbst eine rührselige Geschichte der Marketingabteilung nicht hinwegtäuschen: Gerne wird dort von jener Luftmatratze erzählt, die von den beiden Unternehmensgründern Joe Gebbia und Brian Chesky in deren Wohnung in San Francisco zur Vermietung angeboten wurde und zur verheißungsvollen Geschäftsidee inspirierte. Sie war auch namensgebend: "Airbed and breakfast", kurz: "Airbnb".

Das Unternehmen selbst besitzt keinerlei Unterkünfte, sondern vermittelt Gäste mit Gastgebern und sorgt für die Abwicklung der Buchung - selbstverständlich nicht, ohne eine Servicegebühr einzuheben, und zwar von beiden Seiten, den Hosts, wie die Quartiergeber in der Unternehmenssprache heißen, und den Untermietern.

Das Geschäft läuft derart gut, dass der Unternehmenswert laut "The Wall Street Journal" mittlerweile auf 25,5 Milliarden Dollar geklettert ist. Eigenangaben von Airbnb zufolge werden heuer weltweit bereits mehr als zwei Millionen Quartiere in 34.000 Städten angeboten, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Zum Vergleich: Die größte Hotelkette der Welt, Hilton Worldwide, brachte es im Jahr 2014 auf knapp über 715.000 Zimmer.

In Österreich werden über Airbnb aktuell 11.000 Quartiere angeboten, 6000 davon allein in der Bundeshauptstadt. Dahinter folgen Salzburg mit 800 Unterkünften, Innsbruck mit 600 und Graz mit 450. Kein Wunder also, dass die Hotellerie hierzulande nervös wird. "Wir sagen dazu shadow economy statt sharing economy", stichelt Michaela Reitterer, Chefin der österreichischen Hoteliervereinigung, in Anspielung auf die Steuersünder unter den Zimmervermietern.

Die Fürsprecherin der Hoteliers kann zig Statistiken zitieren, etwa jene, dass den knapp über 60.000 Hotelbetten in Wien bereits 10.000 Betten auf der Plattform Airbnb gegenüberstehen. Dabei sind Reitterer weniger die Studenten ein Dorn im Auge, die ein Zimmer ihrer WG vermieten , als die großen Fische: Laut der Website "insideairbnb" vermieten in Wien 20 Anbieter insgesamt 360 Apartments, vorzugsweise in der Innenstadt. Der Spitzenreiter bringt es gar auf 58 Apartments. Lästige Hotelauflagen gelten für diese Betreiber nicht.

Zahlen sind Unternehmensgeheimnis

Nur: Wer Wohnungen wo vermietet und wie viele Nächtigungen dort verbucht werden, das weiß nur Airbnb, die Zahlen sind allerdings ein gut gehütetes Unternehmensgeheimnis. Kontrollen der Behörden gestalten sich schwierig, werden doch die genauen Adressen der Unterkünfte erst ersichtlich, sobald die Buchung fixiert wurde. Airbnb verweist gern auf Datenschutz sowie auf die Eigenverantwortung der einzelnen Nutzer.

Es ist jedenfalls denkbar einfach, die eigene Wohnung auf dem Portal anzubieten; niemand kontrolliert, ob das rechtens ist. Dabei gäbe es zahlreiche Einschränkungen zu beachten, je nach Bundesland unterschiedlich: In Wien dürfen beispielsweise Gemeindewohnungen nicht weitervermietet werden, in Salzburg verbietet das Raumordnungsgesetz die touristische Vermietung in Häusern mit mehr als fünf Wohnungen generell. Laut Spruch des Obersten Gerichtshofes vom Vorjahr dürfen selbst Wohnungseigner ihre Unterkünfte nur dann via Airbnb anbieten, wenn das von ausnahmslos allen übrigen Eigentümern im jeweiligen Haus gutgeheißen wird. Mieter wiederum brauchen die Genehmigung ihres Vermieters. Zudem gibt es einiges zu bezahlen: Ortstaxe und, je nach Verdienst, auch Steuern. Hinzu kommt noch die polizeiliche Meldung der Gäste. Wer mehr als drei Wohnungen anbietet, muss ein Gewerbe anmelden.

Schwer vorstellbar, dass temporäre Zimmervermieter diese juristischen Feinheiten überblicken. profil macht sich auf die Suche nach Airbnb-Gastgebern, doch kaum jemand will Stellung beziehen. Ein junges Paar fürchtet, dass der Vermieter dahinterkommt; ein Wohnungseigentümer glaubt gar, er werde zur Zielscheibe der Hoteliers, sollte er sich öffentlich als Ferienwohnungsvermieter outen.

Audrey, 25, traut sich. Sie sitzt gerade in Rom. Seit vergangenem Sommer vermietet sie ihr Wiener WG-Zimmer über Airbnb, immer dann, wenn sie selbst gerade nicht in der Stadt ist. Etwa 1000 Euro hat die Germanistikstudentin bereits verdient. "Damit finanziere ich die Miete", sagt sie. Die Studentin glaubt, sie sei rechtlich "im Reinen". Dass sie Ortstaxe bezahlen muss, weiß sie nicht: "Vielleicht sollte ich mich mal beim Staat melden."

An diesem Punkt setzt die Stadt Wien an: "Wir wollen die Zimmervermieter nicht mit brennendem Schwert verfolgen. Wir glauben vielmehr, dass vielfach Unwissenheit vorherrscht", gibt sich die Wiener Finanzstadträtin Renate Brauner (SPÖ) kulant und kündigt eine Informationsoffensive an. Mieter von Gemeindewohnungen werden per Schreiben darüber aufgeklärt, dass sie nicht weitervermieten dürfen. Für alle anderen geht dieser Tage eine Website online, die über den juristischen Rahmen aufklärt. Auch an einem Ortstaxenrechner wird gefeilt.

"Jeder muss sich an die gleichen Regeln halten"

Ganz will es die Stadt Wien aber offenbar nicht auf das Pflichtbewusstsein der Bürger ankommen lassen. Brauner plant zwei Gesetzesänderungen. Erstens: Unternehmen wie "Airbnb" sollen dazu verpflichtet werden, sämtliche Nutzerdaten zu übermitteln - Namen, Adressen und sogar die jeweils erzielten Umsätze. Zweitens: Das maximale Strafmaß bei Verstößen gegen das Tourismusgesetz soll von derzeit 420 Euro auf über 2000 Euro angehoben werden. Spätestens bis Jahresende soll das Gesetz beschlossen sein, versichert Brauner gegenüber profil: "Wir begrüßen neue Geschäftsmodelle, aber: Jeder muss sich an die gleichen Regeln halten."

Auch andere Metropolen suchen nach einer Linie gegenüber Bettenvermittlungsportalen: In Berlin soll die Vermietung von Wohnraum als Ferienwohnung generell verboten werden -die Übergangsfrist läuft in Kürze aus. New York errechnete Ende 2014, dass mehr als 70 Prozent der Angebote auf Airbnb illegal sind, und geht seither schärfer gegen die Vermieter vor. Airbnb vollzieht deshalb gerade einen Strategiewechsel und kommt den Städten entgegen. Für Amsterdam hebt das Bettenportal die fälligen Tourismusgebühren ein und überweist sie an die Stadtverwaltung. Und Rio de Janeiro, wo heuer die Olympischen Sommerspiele stattfinden, kooperiert eng mit dem Unternehmen, um die gesteigerte Bettennachfrage durch private Zimmer bedienen zu können.

Die in Wien geplante Regelung, die andere österreichische Städte wie Graz wohl zum Vorbild nehmen werden, stützt sich auf die Annahme, dass Airbnb die Daten seiner Nutzer herausrückt. Schon vor über einem Jahr wurde das österreichische Finanzministerium bei dem Unternehmen vorstellig, um Steuersündern auf die Schliche zu kommen. Was ist seither passiert?"Ich kann Ihnen nur sagen, dass das am Laufen ist", sagt der Sprecher des Finanzministeriums, Johannes Pasquali. Er rechnet mit einem Steuerentgang in der Höhe von etwa fünf Millionen Euro pro Jahr. Julian Trautwein, Pressesprecher von Airbnb im deutschsprachigen Raum, erklärt lapidar: "Dazu können wir leider keine Aussage machen." Soll heißen: Die Daten bleiben geheim.

Immerhin zeigt Airbnb auch erste Regulierungsansätze: Das New Yorker Iglu wurde nach nur sechs Stunden vom Netz genommen. Es habe die Voraussetzungen des Unternehmens nicht erfüllt.