Hilfe für Flüchtlinge: Meine Freundin weint

Tausende Flüchtlinge erreichen dieser Tage Österreich. Für sie war es ein langer Weg aus der Hölle bis in das Paradies.

Meine Freundin Anna weint. Sie neigt in diesen Tagen zur Hysterie. Sie twittert und mailt und postet. Wenn man sie anruft, ist ihr Telefon besetzt. Sie hat ein Dutzend, ach was, fünf Dutzend Freunde, die wissen, was in Ungarn mit den Flüchtlingen so vor sich geht. Die erfahren das ihrerseits von Facebook und Twitter. Mit ihnen ist sie in beständigem Kontakt und so auch ich. Ich höre, dass hunderte Menschen zu Fuß an die österreichische Grenze unterwegs sind. Männer, Frauen, Kinder, die nächstens erschöpft im Straßengraben liegen. Man müsse diese Menschen retten, sagt sie. Wenn sie es schon übers Meer geschafft haben, dann verdienten sie es, in einer Sänfte, zumindest in einem Auto an den Ort ihrer Sehnsucht gebracht zu werden. Und dieser Ort heißt „Germany“, was es den Behörden in Österreich in diesen Tagen leicht macht, sich generös zu zeigen. Denn für Flüchtlinge aus Syrien ist Österreich ein Durchgangsland - keiner redet mehr von Bruno Kreisky, alle reden von Mama, und das ist die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Das verletzt ein bisschen den Nationalstolz.

Auch mir steigen die Tränen in die Augen, wenn ich sehe wie die Wiener bei jedem einfahrenden Zug, der aus Budapest am Westbahnhof ankommt, klatschen und „Willkommen!“ rufen, manche sogar auf arabisch. In den Supermärkten um den Bahnhof herum sind Bananen und Weißbrot Mangelware geworden. Vollkornbrot vertragen sie nicht, das weiß einer, der Flüchtlingen hilft. Die Menschen, die helfen, überschlagen sich vor Eifer. Jeder will am Ende einen Flüchtling gerettet haben. Das mag eitel sein, aber es wie soll es anders gehen? Meine Freundin Anna putzt am Westbahnhof die Toiletten. Die professionelle Arbeitsteilung, die Regeln, wer was tut, wer wofür zuständig ist, sind in diesen Tagen außer Kraft gesetzt.


Fehlt nur noch, dass Strache sagt, die Flüchtlingsströme seien von der Politik erzeugt und gesteuert, weil die Linken sich damit ihre Mehrheit sichern sollten.

Ich dachte, auch die FPÖ würde in diesen Tagen etwas leiser treten, sich genieren für ihre Hetze gegen die „Flüchtlingsflut“. Weit gefehlt. Am Viktor-Adler-Markt am vergangenen Freitag herrschte eine Bombenstimmung. Und es waren noch nie so viele Fans da (und ich habe mindestens ein dutzend Strache-Veranstaltungen dort erlebt). „Willst du Wohnung haben, musst du Kopftuch tragen, “ - ein Hass-Evergreen. Kommt nicht nur gut an, die Leute johlen. Früher haben sie geschmunzelt, jetzt nehmen sie es ernst. Es wäre nicht ratsam, sich mit Kopftuch durch den Pulk zu kämpfen. Es sind auch viele Neo-Österreicher unter den Fans, junge Männer vor allem. Auch sie sind mit Strache sehr empört darüber, dass es „unseren alten Muatterln“ und „unseren Obdachlosen“ (!!!) wegen der vielen Flüchtlinge und dem Geld, das sie kosten, so schlecht geht. Sie sind wütend auf die „Asylbetrüger“ und überhaupt: die Völkerwandung, die auf uns zukommt, ist zu viel, die kann ein kleines Land wie Österreich nicht schultern.

Fehlt nur noch, dass Strache sagt, die Flüchtlingsströme seien von der Politik erzeugt und gesteuert, weil die Linken sich damit ihre Mehrheit sichern sollten. Strache sagt das heute nicht so deutlich, aber in der FPÖ ist man dieser Ansicht, und er spielt darauf an. Es ist zum Heulen: die Menschen, die ihm zukreischen und wie sie aussehen. Es sind die hässlichsten Menschen Wiens, ungestalte, unförmige Leiber, strohige, stumpfe Haare, ohne Schnitt, ungepflegt, Glitzer-T-Shirts, die spannen, Trainingshosen, Leggins. Pickelhaut. Schlechte Zähne, ausgeleierte Schuhe. Die Flüchtlinge aus dem nahen Osten sind ein schönerer Menschenschlag. Und jünger. Und irgendwie schwant ihnen das, den abgearbeiteten, älteren Österreichern. Und sie werden sehr böse und würden die Flüchtlinge gern übers Meer zurück jagen. Aber das kann man ja nicht laut sagen. Sagen sie.

Ein paar Stunden später, wie zur Reinwaschung und zur Sühne, fahre ich mit meiner Kollegin Anna Giulia Fink nach Ungarn. Aus journalistischer Neugier, doch insgeheim würden wir schon auch gern eine Gruppe von Flüchtlingen aus den Fängen der bösen Ungarn retten.


Ein kleines Mädchen klammert sich an seine Mutter und dann drückt es den Teddybären an sich, den ich ihm gegeben habe. Beide waren wir verlegen.

Samstag Nacht: ein, zwei Stunden nach Mitternacht. Die Meldungen in den sozialen Netzwerken überschlagen sich: es würden Busse Richtung Österreich fahren, am Bahnhof Keleti in Budapest herrsche Party-Stimmung, die Menschen seien außer sich vor Freude, dann wieder: die Ungarn locken die Flüchtlinge bloß in ein neues Lager. Sie seien da, sie seien dort. Alle wissen etwas, keiner weiß etwas.

Am Bahnhof in Parndorf stehen etliche ÖBB’ler herum. Die Männer in orangen Signaljacken warten. Auf den großen Ansturm. Oder auf nichts. Sie wissen nicht, ob Züge aus Ungarn kommen oder Busse, ob Flüchtlinge im Anmarsch sind. Die ungarischen Behörden schweigen oder geben unklare Auskünfte. Es ist zermürbend.

Es ist dunkelste Nacht und es hat zu regnen begonnen, als wir endlich die Nova-Rock-Halle in Nickelsdorf gefunden haben. Google Maps kennt sie nämlich nicht diese Halle, Google Maps kennt nur ein Nova Rock in Kanada.

Dort herrscht bereits eine gewisse Anspannung. Die ersten beiden Busse aus Ungarn sind eingetroffen und die Menschen sehen aus wie tot. Glücklich, aber vollkommen erschöpft. Sie schauen einen an und sie können weder lächeln, noch sich dankbar zeigen. (Hoffentlich halten das die lieben, hilfsbereiten Österreicher aus). Viele haben Blasen an den Füßen. manche haben einen Wadenkrampf. Sie waren zu lange unterwegs, sie haben zu viel gelitten, es ist genug. Die Halle mit hunderten Feldbetten ist noch leer. Ein kleines Mädchen klammert sich an seine Mutter und dann drückt es den Teddybären an sich, den ich ihm gegeben habe. Beide waren wir verlegen.


Ich kann nicht ruhig sitzen. Vor meinem inneren Auge sehe ich Menschenzüge auf den Straßen, Flüchtlinge, die sich nichts mehr wünschen, als in ein sicheres Auto gesetzt und zu einem Bahnhof gebracht zu werden.

Meine Freundin Monika M., die in dieser Nacht hinter uns her gefahren ist, hat mehr zu bieten. Die Augen der Rot-Kreuz-Helfer leuchten, als sie ihren SUV öffnet: Bananen, Süßigkeiten, Männerschuhe, Kinderschuhe, Damenkleidung, Wäsche, Decken, Blasenpflaster, Wasser, Wasser, Wasser, Hygieneartikel, Medikamente usw. usf. Und das alles in schier unglaublicher Mengen. Am Ende schenkt sie ihre beiden Not-Anoraks, die sie immer im Auto hat, den frierenden jungen Männern. Sie sieht: es fehlen Männersocken, Männerschuhe, Männerjacken. Sie ist nicht zu bremsen. Sie würde jetzt gern Caritas-Direktor Michael Landau anrufen. Es ist vier Uhr morgens. Ich behaupte, ich hätte seine Nummer nicht.

Um sechs Uhr Morgens sind wir wieder in Wien und in Nickelsdorf und in Parndorf ist jetzt die Hölle los. Aber das haben wir erst am Samstag Vormittag erfahren.

Gegen Mittag bin ich schon wieder auf der A4. Ich kann nicht ruhig sitzen. Vor meinem inneren Auge sehe ich Menschenzüge auf den Straßen, Flüchtlinge, die sich nichts mehr wünschen, als in ein sicheres Auto gesetzt und zu einem Bahnhof gebracht zu werden.


Wie wählt man aus? Die Lauten oder die Leisen? Nimmt man den Wortführer, oder die drei jüngsten aus der Gruppe?

Ich fahre mit meinem Mann, der leicht fiebert, es aber auch nicht lassen kann. Auf der Autobahn, etwa auf der Höhe von Bruck an der Leitha zieht eine dunkle Karawane Richtung Ungarn. 15 bis 20 Männer und eine Frau, mit steifen Gliedern, die eben erst einem Auto entstiegen sind. Vermutlich war es einer dieser schrecklichen Kastenwägen, aber von diesem ist keine Spur mehr zu sehen. Sie wandern entlang der Leitplanken. Und in die falsche Richtung. Viel haben sie nicht bei sich. Manche tragen einen Rucksack, manche nur eine Plastiktasche. Einige haben ein Handy, aber die Telefonkarte funktioniert in Österreich nicht. Wir würden sie gern nach Wien fahren, aber alle haben im Auto nicht Platz.

Wie wählt man aus? Die Lauten oder die Leisen? Nimmt man den Wortführer, oder die drei jüngsten aus der Gruppe? Die mit dem charmanten Lächeln oder die Stummen, die finster dreinblickenden, die kein Wort Englisch verstehen? Wie ist die interne Hackordnung?

„Wir sind Syrer aus Damaskus,“ sagt der Wortführer. Christen! Fügt er hinzu. Sie wollen alle nach „Germany“, einer möchte in die Niederlande. Wir könnten auch ein, zwei Taxis rufen. Sie hätten Geld. Während wie beratschlagen, hält plötzlich ein Polizeiwagen am Pannenstreifen.


Die Polizistin: davon weiß ich nichts. Es gilt das Gesetz. Die sind festzunehmen.

Eine junge Polizistin: Was ist da los? Sie dürfen hier nicht stehen. Ich: Wir bringen diese Menschen zum Westbahnhof. Aber es hat nicht jeder Platz. Wir würden noch drei, vier Taxis brauchen. Können Sie mir sagen, wo wir genau sind?

Die Polizistin, etwas fassungslos: Die sind illegal. Die sind festgenommen. Die werden zu nächsten Polizeistelle geführt.
Ich: Aber seit gestern Nacht ist doch alles anders. Die Flüchtlinge dürfen aus Ungarn raus, nach Österreich, nach Deutschland, wo immer sie hinwollen, jedenfalls heute, das haben sich Merkel und Faymann...

Die Polizistin: davon weiß ich nichts. Es gilt das Gesetz. Die sind festzunehmen.

Jetzt mischt sich ein etwas älterer Kollege ein: Wir müssen so handeln, sagt er: Er wisse selbst, dass es absurd sei, aber man müsse die Bestimmungen einhalten. Er zuckt entschuldigend die Achseln. Die Flüchtlinge würden ja nicht eingesperrt werden. Sie würden nach amtlichen Prozedere zum Westbahnhof in Wien gebracht werden. „It´s just a break“ sagt er zu den jungen Männern, in deren Augen schon wieder Angst und Verzweiflung flackert. Werden sie jetzt gleich über die Leitplanken springen und davonlaufen?

Ich versuche, dem Amtsschimmel das Bedrohliche zu nehmen. Ich erkläre den Männern wie nett unsere Polizei ist, dass sie dort verköstigt werden und dass sie später garantiert zum Westbahnhof gebracht werden würden, denn dies seien die Tage der Freiheit und ganz Europa sei stolz auf sie, weil sie es geschafft haben. Die jungen Männer schauen mich müde an.


Hinter der Halle sammeln sich jetzt zwanzig, dreißig Busse. Sie fahren demnächst ab. Sie fahren alle direkt nach Deutschland.

Kurz danach sind wir wieder in der Nova-Rock-Halle in Nickelsdorf. Heute sieht es anders aus. Die hunderten grünen Feldbetten stehen zwar noch immer in Reih und Glied, doch sie haben nichts Spartanisches mehr an sich. Auf jedem Bett liegen bunte Kleiderknäuel oder Decken oder schlafende Menschen. Kinder laufen dazwischen umher, junge Männer probieren Jacken und Schuhe an, die Frauen halten sich Gewänder vor den Leib. Spiegel hab ich keinen gesehen. Obst, Brote, Kuchen, Kekse - sind appetitlich auf langen Tischen arrangiert und unter den Rot-Kreuzhelfern herrscht eine abgespannte, aber unglaublich herzliche Stimmung. Alle sind sie hundsmüde, aber ich glaube: diese freiwilligen Helfer kann nichts erschüttern. Sie wissen, es kann heute noch zu einem Ansturm kommen. Es kann auch sein, dass in den nächsten Stunden die Überfülle an Nahrungsmitteln schon wieder zu wenig ist, aber sie werden auch damit fertig werden. Am Vormittag war Innenministerin Mikl-Leitner kurz da, - schwer erschüttert, erzählt ein Beobachter, aber die Essensausgabe wurde wegen ihrem Besuch kurz unterbrochen. Auch der Kardinal Schönborn war da und habe ernst geschaut.

Hinter der Halle sammeln sich jetzt zwanzig, dreißig Busse. Sie fahren demnächst ab. Sie fahren alle direkt nach Deutschland. Was fehlt, sind: Deos. Die Flüchtlinge wollen nicht nur wieder saubere Kleidung nach all den Strapazen und der Höllenfahrt übers Mittelmeer. Sie wollen auch gut duften. Damit haben die Hilfsorganisationen nicht gerechnet.

Unsere nächste Station ist Parndorf. Auf dem Weg dorthin sehen wir eine Gruppe von Flüchtlingen am Straßenrand. Es ist skurril. Mehrere Österreicher in ihren PKWs sind stehen geblieben und beäugen die Flüchtlinge wie versprengte Rehe, und dazwischen hat sich ein Polizeiauto platziert. Blicke und Rufe gehen hin und her. Wir fassen uns ein Herz: gehen an der Polizei vorbei und deuten den Flüchtlingen, sie könnten ins Auto einsteigen. Eine Großfamilie mit mehreren Kindern und Kinderwägen, Frauen und Männern wird auf drei Autos verteilt. Auf nach Parndorf zum Bahnhof. Wir würden sie gern nach Wien bringen, aber sie wollen beieinander bleiben. Auf dem Gelände um den Bahnhof herum eine Stimmung wie beim Jazzfest in Wiesn oder Sonntags auf der Wiener Donauinsel. Wenn die Flüchtlinge das wüssten, würden sie vielleicht bei uns bleiben wollen.


Es sieht aus wie ein kleiner Basar. Überall glückliche Gesichter. Als ein Zug einfährt, eine Garnitur des Wiesel, erwarte ich gleich ein fürchterliches, ein unangenehm-aggressives Gedränge. Keine Spur.

Es ist großartig. Familien lagern auf dem Rasen, essen, trinken, schlafen, reden. Frisieren sich gegenseitig, schimpfen mit den Kindern. Ein sechsjähriger füttert einen zweieinhalbjährigen, Männer hopsen mit ihren Kindern am Rücken umher, Frauen scharen sich um Buden, die vollgehängt sind mit Kleidern, Tüchern, Decken. Es sieht aus wie ein kleiner Basar. Überall glückliche Gesichter. Als ein Zug einfährt, eine Garnitur des Wiesel, erwarte ich gleich ein fürchterliches, ein unangenehm-aggressives Gedränge. Keine Spur. Die Flüchtlinge schlendern seelenruhig zum Bahnsteig, verabschieden sich noch von den Helfern, nehmen Papiertaschentücher oder Wasser an sich, die von jungen Mädchen gereicht werden. Hier scheint jeder zu wissen, dass er mitkommt, dass er nicht um einen Platz im Zug kämpfen muss.

Apokalyptisch dagegen die Situation direkt an der Grenze. Am Ort, an dem Angst und Hoffnung aufeinanderprallen. Ein Gelände neben der Autobahn, eigentlich ein Riesenparkplatz. Rechts rauschen die Autos vorbei, von der anderen Seite blinken die roten Reklamelichter eines Etablissements herüber. Hierwurden die Flüchtlinge aus Ungarn angekarrt. Hier war der Endpunkt. Flüchtlinge, die tagelang im Schmutz der Großstadt vor dem Bahnhof lagerten, weitgehend ohne Essen, Trinken, ohne sich waschen zu können, ohne Toiletten. Menschen, die sich verzweifelt zu Fuß auf den Weg gemacht hatten und die vergangene Nacht (Freitag auf Samstag) von der ungarischen Polizei auf der Autobahn aufgelesen worden waren.


Und hier ist das Paradies. Sagen sie.

Die Ungarn - sagen sie – und zeigen: Hände in Handschellen. Die Ungarn - Faschisten nennen sie sie. Die Ungarn - sind selber ziemlich arm und durch den Kommunismus so roh geworden, sagt einer, in ziemlich flüssigem Englisch. Die Ungarn hätten sie gequält, sie hätten Frauen vergewaltigt und auf deren Männern Kippen ausgedämpft. Die Ungarn, das war die Hölle, wie der Krieg in Syrien, das Meer und die Balkanroute in Zug und Transporter.

Und hier ist das Paradies. Sagen sie. Auf dem weitläufigen Parkplatz liegen Decken, Gewänder, Essensreste. Und Menschen, eingewickelt in Decken, Frauen neben ihren Männern, die Kinder dazwischen. Wind ist aufgekommen, es regnet wieder und die Dämmerung bricht ein. Viele schlurfen, eingehüllt in Decken über dem Gelände, manche sitzen stoisch da, wie Mönche. Es herrscht eine unheimliche Stille. Um die Busse, die zu den Bahnhöfen nach Parndorf, nach Wien oder weiter fahren, drängen sich hunderte Menschen, vor allem Männer. Die Menge steht und stockt. Vereinzelte Rufe. Ein Baby schreit.

Eine Gruppe von Teenagern hat sich von dort davongemacht: ich weiß nicht, wie sie es geschafft haben, an der Polizei, die den Parkplatz bewacht, vorbei zu kommen. Sie wandern jetzt auf der Autobahn. Sie sind guter Dinge. Sie lachen und necken sich gegenseitig. Sie wollen zum Westbahnhof. Sie wollen als Gruppe zusammenbleiben. So haben sie die letzten Wochen überlebt.

Und so werden sie gemeinsam nach Deutschland kommen.

Zusatzkommentar von Christa Zöchling (veröffentlicht am 8. September)

"An die Kritiker und Kritikerinnen
Bei meinem Online-Beitrag „Meine Freundin weint“, den ich am Wochenende für profil.at verfasst habe, handelt es sich ausdrücklich und ersichtlich um eine Reportage, das heißt, ich spreche subjektiv und in der Ich-Form. Ich habe unter anderem aufgeschrieben, was ich am Viktor-Adler-Markt gehört und gesehen habe. Ich habe die Menschen geschildert, wie sie auf den ersten Blick wahrgenommen werden, also auch und vor allem äußerlich – und in ihren kulturellen Codes. Wer wenig Geld hat, kauft in Billigläden, trägt Polyester-Jacken und kann sich keine teuren Zahnimplantate leisten. Die sozialen Milieus der Parteien unterscheiden sich voneinander. Es muss erlaubt sein, das zu beschreiben.
Keineswegs will ich jene Menschen, die nicht zu den Privilegierten in unserer Gesellschaft gehören und wohl auch deshalb Angst vor Zuwanderern und Flüchtlingen haben, verunglimpfen und herabwürdigen. Doch die von mir beschriebene Hässlichkeit ist keine ästhetische Kategorie, sondern eine moralische. Ich empfinde es als kalkulierte Niedertracht, Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens über das Meer flüchten, „Asylbetrüger“ und „Sozialschmarotzer“ zu nennen, und jeder, der hier mitkrakeelt, ist hässlich in diesem Sinn. Die führenden Funktionäre der FPÖ, die übrigens zu den Bessergestellten gehören und selbst mit Verachtung auf ihr Fußvolk schauen, empören sich jetzt und sagen, ich würde ihre Anhänger pauschal herabwürdigen. Doch Hass macht hässlich. Und dieser Hass wird von Heinz-Christian Strache, Johann Gudenus und Herbert Kickl geschürt.
Ich möchte noch ein kleines Erlebnis für die Stimmung auf dem Platz nachtragen: Als ich vergangenen Freitag mit einem Block in der Hand am Viktor-Adler-Markt in der Menge stand, pöbelte mich ein älterer Herr an, ich sei doch Ausländerin, was ich hier täte. Ich antwortete nicht. Er ließ nicht locker: „Du nix Deutsch?!“ Ein paar andere fielen ein und höhnten: „Schau‘, die versteht nix.“ Ich wechselte meinen Beobachterposten und stellte mich woanders hin. Für mich war das einfach, weil es mich im Grunde nicht betraf."

Entscheidung des Österreichischen Presserates
Der Senat 1 hat durch den Vorsitzenden Dr. Peter Jann und seine Mitglieder Anita Staudacher, Dietmar Mascher, Renate Graber und Paul Vecsei in seiner Sitzung vom 10.11.2015 in einem selbstständigen Verfahren nach Durchführung einer Verhandlung am 10.11.2015 gegen die news networld internetservice GmbH, Taborstraße 1-3, 1020 Wien, als Medieninhaberin von „profil.at”, vertreten durch Rechtsanwalt Dr. Hubert Simon, Schellinggasse 3, 1010 Wien, wie folgt entschieden.

Der Artikel „Hilfe für Flüchtlinge: Meine Freundin weinte”, erschienen am 06.9.2015 auf „profil.at” verstößt gegen den Punkt 7 (Schutz vor Pauschalverunglimpfung und Diskriminierung) des Ehrenkodex für die österreichische Presse.

Aus der Begründung
Die oben wiedergegebenen Beschreibung einer Menschengruppe (Teilnehmer an der Veranstaltung der FPÖ), stellt Menschen pauschal als die „hässlichsten Menschen Wiens” dar und schreibt ihnen weitere detailliert beschriebene Eigenschaften zu. Eine derartige intensive, pauschale Häufung negativer Attribute stellt für sich betrachtet eine eindeutige Diskriminierung dieser Menschen dar. Dabei kommt es nach Ansicht des Senats nicht darauf an – wie von der Medieninhaberin von „profil.at” vorgebracht wurde –, ob die Verfasserin des Artikels damit nur eine subjektive Würdigung zum Ausdruck bringen wollte, was in der Beschreibung im Übrigen auch nicht zum Ausdruck kommt.