Wie der US-Geheimdienst Ex-Nazis anheuerte und so die FPÖ-Gründung förderte

Wie der US-Geheimdienst Ex-Nazis anheuerte und so die FPÖ-Gründung förderte

Neue Details zu einem Schurkenstück des Kalten Krieges: 1948 heuerte der US-Geheimdienst in Österreich Ex-Nazis an. Deren Spionagemission scheiterte kläglich, aber sie trieben die Gründung der Vorgängerorganisation der FPÖ aktiv voran.

Von Thomas Riegler

Jochen Rindt, Thomas Prinzhorn, André Heller und Ex-Landeshauptmannstellvertreter Peter Schachner-Blazizek haben etwas gemeinsam: Sie besuchten ein Privatgymnasium in Bad Aussee, das 1980 in den Konkurs schlitterte. Der glücklose Besitzer erhielt dennoch 1995 für seinen "Mut zum Risiko“ und "als Historiker und Verfasser zahlreicher zeitgeschichtlicher Publikationen“ das Goldene Verdienstkreuz des Landes Steiermark: Dr. Wilhelm Höttl (1915-1999), ehemals SS-Obersturmbannführer, "Spionage- und Abwehrchef für den Südosten“ und rechte Hand des Nazi-Verbrechers Ernst Kaltenbrunner. Während Letzterer 1946 nach seiner Verurteilung beim Nürnberger Prozesses gehenkt wurde, machte Höttl eine erstaunliche zweite Karriere: als honoriger "Historiker“, als Schulgründer und als Spion verschiedener Geheimdienste. Denn der Ex-Nazi galt als Spezialist für Ungarn und den Balkanraum - ausgezeichnete Referenzen im Kalten Krieg, als die Maxime galt: "Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“ Also entließ die US-Army Höttl im Dezember 1947 aus dem Straflager und verweigerte dessen Auslieferung an eines der österreichischen Volksgerichte, die damals gegen NS-Täter vorgingen.

Groß angelegtes Spionageunternehmen
Schon 1948/49 führte Höttl im Auftrag des US-Militärgeheimdienstes Counter Intelligence Corps (CIC) ein groß angelegtes Spionageunternehmen durch, gemeinsam mit den umtriebigen Ex-Nazis Karl Kowarik und Erich Kernmayer sowie einem ungarischen SS-Mann. profil-Recherchen in freigegebenen US-Akten und im Wiener Staatsarchiv zeigen: Höttl und sein Anhang nutzten die US-Ressourcen, um gleichzeitig ein eigenes "nationales Projekt“ voranzutreiben - die politische Reintegration der österreichischen Nazis und den Aufbau des Verbandes der Unabhängigen (VdU), der Vorgängerorganisation der heutigen FPÖ.

Agenten-Netzwerke
Begonnen hatte alles 1948. Zwischen den Supermächten hatten sich in diesem Jahr extreme Spannungen aufgebaut, in der Tschechoslowakei und in Ungarn hatten die Kommunisten die Macht übernommen. In Österreich gab es Befürchtungen, die KPÖ könnte in der sowjetisch besetzten Zone einen Putsch vorbereiten. In dieser Situation installierte Höttl für das CIC zwei Agenten-Netzwerke. Zunächst sollten unter dem Codenamen "Montgomery“ jenseits des Eisernen Vorhangs in Ungarn Informationen beschafft werden. Operationschef war der ehemalige SS-Hauptsturmführer Karoly Ney. Noch 1944 hatte er Jagd auf "Juden, Defätisten und Saboteure“ gemacht. Zwei Jahre später verurteilte ein US-Tribunal Ney zum Tode.

Während drei Mitangeklagte gehenkt wurden, begnadigte man ihn. Rund um Ney bildeten mehrere Dutzend Agenten, vor allem ungarische Kriegsveteranen und Emigranten, eine Gruppe namens "AMA“. Diese übte im Toten Gebirge den Partisanenkampf. Als "Pressechef“ bei der "AMA“ fungierte Höttls enger Vertrauter Erich Kernmayer. Für diese Aufgabe empfahl ihn seine Vergangenheit: "Bis 1934 war Kernmayer glühender Kommunist, von da an begeisterter Anhänger Hitlers“, heißt es in seiner Stapo-Akte. Das illegale NSDAP-Mitglied stieg nach dem "Anschluss“ zum Gau-Presseamtsleiter in Wien auf und diente danach in der Waffen-SS-Division "Das Reich“.

"Mount Vernon"
Parallel zu "Montgomery“ lief noch ein zweites Unternehmen -"Mount Vernon“: Hier sollte eine "österreichische Nachrichtenorganisation“ aufgebaut werden, "die im Ernstfall als antibolschewistische Untergrundbewegung funktionieren soll“. Diese Aufgabe übernahm Karl Kowarik, der 1934 Führer der gesamten Hitlerjugend Österreichs gewesen war. 1939 der SS beigetreten, wurde Kowarik Stadtrat in Wien und Mitglied des Deutschen Reichstags. Auch er diente anschließend in der Waffen-SS. Nunmehr in US-Diensten richtete er sein Hauptquartier in einer Gmundner Villa ein. Unter den acht "Quellen“ von "Mount Vernon“ befanden sich zwei frühere SS-Geheimdienstoffiziere und ein SS-Untersturmführer. Um seine Berichte per Bahn durch die sowjetische Zone zu schleusen, versteckte einer der Spione diese im Wassertank der Herrentoilette.

Höttl, Deckname "Willi“, war der "control chief“ beider Netzwerke. Bei ihm liefen alle Fäden zusammen, wie aus einem Dokument hervorgeht: "Er allein und persönlich empfängt alle Gelder und verteilt sie auf die einzelnen Gruppen und Personen.“ Höttl musste sich bald stärker einbringen, denn es kriselte heftig. Vor allem Ney hatte jedes Vertrauen verspielt: Seine Truppe soll rasch unterwandert worden sein, wodurch die Spione in Ungarn aufflogen. Außerdem wurde Ney ein allzu lockerer Umgang mit den Finanzmitteln der Gruppe vorgeworfen. Und schließlich war das CIC mit der Ausbeute unzufrieden: Es sei zu wenig Material geliefert und gleichzeitig ein finanzielles Minus angehäuft worden.

Nach dem Ausscheiden Neys wurden die Geheimdienstaktivitäten in Ungarn von Kernmayer übernommen, dem man auch Kowarik unterstellte. Der neue Chef arbeitete daran, die bisherige Erkundungstätigkeit von "Mount Vernon“, die sich auf militärische Belange und KPÖ-Aktionen beschränkt hatte, "auf die gesamte Innenpolitik und auf die Wirtschaft auszudehnen“. Bald kam es zu internen Spannungen, und das CIC bekrittelte die Qualität der Informationen.

Umso energischer widmeten sich Höttl und seine Gehilfen ihrer eigentlichen Herzensangelegenheit: der Wiedereinbindung und der Rehabilitierung österreichischer Nazis. Diese fühlten sich von der jungen Republik ungerecht behandelt: Im Zuge der "Entnazifizierung“ waren NS-Funktionäre sowie Angehörige von SS und Gestapo für einige Jahre in Internierungslagern festgehalten worden, so auch Kernmayer und Kowarik, die im Lager Glasenbach einsaßen.

Amnestie für die "Minderbelasteten"
Bitter waren die Ex-Nazis auch über ihre politische Schlechterstellung: Rund 540.000 Personen, die zwischen 1933 und 1945 Mitglied der NSDAP oder eines ihrer Verbände waren, hatten das Wahlrecht verloren. Aber schon 1948 verabschiedete der Nationalrat eine Amnestie für die "Minderbelasteten“, die damit wieder stimmberechtigt waren. Um dieses beträchtliche Wählerpotenzial entbrannte in der Folge ein Wettstreit zwischen den Großparteien SPÖ und ÖVP - vor allem, als sich im März 1949 rund um Viktor Reimann und Alois Kraus der Verband der Unabhängigen (VdU) als Vertretung der Ex-Nazis zusammenfand. Der Kampf gegen die angebliche Entrechtung der "Ehemaligen“ war eines ihrer Hauptanliegen. Anfang Juni 1949 wetterte Kraus auf einer VdU-Versammlung: "In keinem Staat der Welt hat eine so grausame Verfolgung der Mitläufer des NS-Regimes stattgefunden wie in Österreich.“ Es gebe nur eines: "Die derzeitige NS-Gesetzgebung muss einfach gestürzt werden.“

„Soziale Misere”
Beim Aufstieg des VdU hatten Höttl und seine Netzwerke eine wichtige Rolle gespielt. In einem Bericht der Organisation Gehlen, Vorläufer des heutigen Bundesnachrichtendiensts, vom Dezember 1948 wird vermerkt: "Als sein politisches Ziel bezeichnet Höttl die Herstellung eines tragbaren Verhältnisses zwischen der Regierung und der nationalen Opposition sowie zwischen Österreich und dem ‚deutschen Raum‘. Man müsse die ehemaligen Nationalsozialisten, sofern sie aufbauwillig sind, aus der sozialen Misere herausführen und sie wieder an den österreichischen Staat heranlassen.“ Schon im Oktober 1948 wurde gemeldet, dass Kernmayer "in ständiger Beziehung zu dem Leiter des Salzburger Instituts für Wirtschaftsforschung, Dr. Kraus, steht und in dessen Publikation ‚Berichte und Informationen‘ auch Material veröffentlicht, das er entweder direkt von den Emigranten gesammelt hat oder nur durch Verbindungen zu den amerikanischen Nachrichtendienst-Stellen (CIC Salzburg und Gmunden) bekommen haben kann.“

Am 9. Jänner 1949 traf sich Höttl mit Kraus in Gmunden. Man einigte sich darauf, die VdU-Parteigründung durch den "Österreich-Apparat (Kowarik-Kernmayer)“ zu unterstützen - etwa durch "Flüsterpropaganda“ oder indem der VdU-Parteizeitung "Neue Front“ Belastungsmaterial gegen ÖVP-Funktionäre in Oberösterreich zugespielt wurde. Kraus erhielt jedenfalls das Versprechen, dass Höttls Spionagetruppe dem VdU "zur Verfügung stehen würde“. Was dann passierte, belegt ein profil vorliegendes Dokument von 1953 anschaulich: "Die Organisation Dr. Höttl streckte dann wie eine Spinne ihre Fühler über ganz Österreich aus, um alle ehemaligen führenden Nazis für den VdU zu erfassen.“ Es sei "sogleich“ Verbindung zu früheren Angehörigen des SS-Sicherheitsdiensts und SS-Funktionären aufgenommen worden, "um von ihnen Nachrichtenmaterial zu erhalten“. Ein Vertrauter Kernmayers, der frühere Gau-Inspektor in Oberdonau, Stefan Schachermeyer, klapperte Industrielle ab, "die er im Auftrag des VdU zu Geldspenden veranlasste“.

Interne Konflikte
Der so vorangetriebene Aufbau der VdU löste vor allem bei der ÖVP Sorgen vor einer Spaltung des bürgerlichen Lager aus: Am 28. Mai 1949 setzte sich deshalb in Oberweis eine Delegation unter Führung des späteren Bundeskanzlers Julius Raab mit elf "Ehemaligen“ - darunter Höttl und der spätere Universitätsprofessor Taras Borodajkewycz - zusammen. Eine Einigung kam nicht zustande. Während die Oberweiser Konferenz große Wellen schlug, traf sich Kernmayer diskret auch mit SPÖ-Vertretern. Bei den anschließenden Nationalratswahlen am 9. Oktober 1949 gewann der VdU aus dem Stand 11,7 Prozent der Stimmen. Allerdings führten Verluste bei darauf folgenden Wahlen und interne Konflikte dazu, dass die Partei in der 1955 gegründeten FPÖ aufging.

„Drittes Lager”
Höttls Spionagekomplex, der die Bildung dieses "dritten Lagers“ mit ermöglicht hatte, bestand zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr. Die Amerikaner hatten schon am 1. September 1949 die Reißleine gezogen. CIC-Operationschef Major James Milano meldete, dass Höttl zunehmend eine Belastung geworden sei. Einer Verurteilung als Kriegsverbrecher sei Höttl ja nur deshalb entkommen, weil er sich in Nürnberg als Zeuge für die Anklage zur Verfügung gestellt hatte. Das Treffen von Oberweis, von dem Höttl seine US-Partner vorab nicht informierte, war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er hatte die Spionagearbeit mit der lokalen Politik vermischt und die eigentliche Aufgabe vernachlässigt. Seine Berichte waren seit einem halben Jahr nach Einschätzung der Amerikaner "extrem schlecht“ gewesen und die monatlichen Kosten von 2600 Dollar nicht wert. Höttl akzeptierte das zähneknirschend. In einem persönlichen Schreiben versicherte er Milano, dass sich seine Einstellung zu den USA nicht geändert habe. Er setze die Anstrengungen zur Mobilisierung gegen den "bolschewistischen Weltfeind“ fort.

Daraus wurde aber nichts. Die erst kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs gegründete CIA hatte ab 1949 die Arbeit des CIC übernommen und wollte mit Höttl nichts zu tun haben. Dieser wurde 1953 bewusst "verbrannt“ - man spielte Medien Informationen zu, wonach Höttl mit einem sowjetischen Spionagering in Verbindung stehe.

Seine NS-Vergangenheit holte Höttl immer wieder ein: Aus seiner staatspolizeilichen Akte geht hervor, dass Ungarn 1961 um seine Auslieferung ansuchte. Hauptvorwurf: Er habe 1944 den Putsch der faschistischen "Pfeilkreuzler“ mit vorbereitet "und sei für die Verschleppung und den Tod von zehntausenden ungarischen Staatsbürgern sowie für die Ausraubung Ungarns verantwortlich“. Aufgrund rechtlicher Bestimmungen sah sich die Bundesregierung "keinesfalls“ in der Lage, Höttl auszuliefern. Allerdings räumte man Ungarn ein, Informationen für ein entsprechendes Verfahren in Österreich zu übermitteln. Dazu kam es aber nicht. Der als "belastet“ eingestufte Höttl war schon 1951 vom Bundespräsidenten begnadigt worden. Er habe "die Zugehörigkeit zur nationalsozialistischen Bewegung niemals missbraucht“ und sei zur Republik "positiv eingestellt“, hatte sich Höttl damals gerechtfertigt.

1952 wurde seine Privatschule gegründet. Es hieß, Höttl habe braune Kameraden als Lehrer versorgt. Er selbst räumte ein, dass viele der Schüler, die bei ihm die Matura schafften, anderswo chancenlos gewesen wären. Für André Heller war die Höttl-Schule schlicht ein "Nazi-Reservat“, in das man ihn gesteckt hatte. Als er in den 1950er-Jahren zum ersten Mal das Klassenzimmer in Bad Aussee betrat, sagte Höttl zu den Mitschülern: "Das ist der Heller, setzt euch nicht neben ihn, der hat böses Blut.“

Höttl, aufgrund undurchsichtiger Immobiliengeschäfte schon Mitte der 1960er-Jahre einmal bankrott, verbrachte einen beschaulichen Lebensabend in Altaussee. 1997 veröffentlichte er sein letztes Buch und starb zwei Jahre später im Alter von 84 Jahren.