Schönrechnen

Ein Gewinn wird übers Wochenende zum Verlust, Risiken in der Höhe von mehreren Milliarden Euro ­werden außerhalb der Bücher geführt und der Wert von Konzernbeteiligungen scheinbar willkürlich festgelegt. Die Bilanzen von Banken haben mit der Realität nicht immer viel zu tun.

Bei Familie Treichl wird die Haushaltsplanung von Jahr zu Jahr auch immer schwieriger. Schon 2009 kam Erste-Bank-Generaldirektor Andreas Treichl ohne Bonus – und daher nur mit einem Gehalt von 1,5 Millionen Euro heim. Und auch für das laufende Geschäftsjahr sieht es mit einer Leistungsprämie derzeit eher finster aus. Erklären Sie das mal Ihrer Frau.

Die Erste Group kündigt nach einer kurzfristigen Bilanzbereinigung anstelle satter Gewinne plötzlich Verluste in der Höhe von 800 Millionen Euro an.
Erklären Sie das mal Ihren Aktionären.

Für die Montag vergangener Woche ­bekannt gegebene Wertberichtigung des ­Osteuropageschäfts hat Erste-Group-Vorstandschef Andreas Treichl überraschend viel Jubel geerntet. Dabei ist völlig untergegangen, dass der Konzern offenbar über Jahre hinweg irreführende Bilanzen gelegt hat. Mehr noch: Das börsennotierte Institut hat spekulative Finanzderivate mit einem Volumen von 5,2 Milliarden Euro nicht in den der Öffentlichkeit zugänglichen Büchern abgebildet – jedenfalls nicht so, dass Anleger in vollem Umfang über die Risken Bescheid gewusst hätten. Donnerstagabend legte die Österreichische Volksbanken AG noch eins drauf: Auch das Spitzeninstitut des Volksbankensektors steuert auf ein rabenschwarzes Geschäftsjahr 2011 zu – ein Jahresverlust von 900 Millionen Euro wurde bekannt ge­geben.

Die jüngsten Offenbarungen von Erste Bank und Volksbanken werfen Fragen auf: Wie sind derartige Überraschungen überhaupt möglich? Existieren Gewinne (und Verluste) tatsächlich nur auf dem Papier, und können diese gleichsam übers Wochenende einfach nach Gutdünken revidiert werden?

Es zeigt sich, dass selbst in Zeiten von Stresstests und staatlichen Hilfspaketen die Bücher einiger Kreditinstitute höchst unverbindliches Zahlenwerk enthalten.

„Man kann Treichl nur gratulieren, dass er ein so schlechtes Ergebnis so positiv verkauft“, sagt Herbert Stepic, Vorstandsvorsitzender der Raiffeisen Bank International. Tatsächlich. Montag vergangener Woche kündigte Andreas Treichl vor versammelter Presse „radikale Schritte“ an. Die Kurzfassung: Der Wert der Erste-Bank-Töchter in Ungarn und Rumänien muss um insgesamt beinahe eine Milliarde Euro nach unten revidiert werden, das Jahresergebnis wird einen Verlust von bis zu 800 Millionen Euro ausweisen, und an eine vorzeitige Rückzahlung des staatlichen Partizipationskapitals ist nicht zu denken. Und ganz nebenbei müssen jetzt die Zahlenreihen der Jahre 2009 und 2010 nachjustiert werden.

Bei all den Schauermeldungen kommt es auf eine bittere Pille mehr oder weniger nicht mehr an. „Darüber hinaus wird die Erste Group die Darstellung ihres CDS-Portfolios von fortgeführten Anschaffungskosten auf Marktpreise anpassen“, heißt es in einer umfangreichen Presseaussendung der Bank. Was sich anhört wie ein technisches Detail aus der Welt der Rechnungslegung, ist in Wirklichkeit der Beweis dafür, dass sich ein börsennotiertes Finanzinstitut über Jahre hinweg das eigene Ergebnis schöngerechnet hat. Faktum ist: Die Erste Group hat nach eigenem Bekunden bis ins Jahr 2008 in großem Stil so genannte Credit Default Swaps (CDS) abgeschlossen. CDS sind Finanzderivate, die wie Versicherungen gegen den Ausfall von Krediten oder Staatsanleihen funk­tionieren. Eine Bank versichert dabei den Inhaber einer Staatsanleihe (oft eine andere Bank) für den Fall, dass diese nicht bedient werden kann. Dafür erhält der so genannte Sicherungsgeber eine Prämie. Kann ein Staat die per CDS versicherte Anleihe nicht mehr bedienen, haftet dieser Sicherungsgeber für den Zahlungsausfall.

Bis ins Jahr 2008 hat die Erste Group ein CDS-Portfolio im Umfang von 5,2 Milliarden Euro aufgebaut. Darin enthalten auch Versicherungen griechischer Staatsanleihen. Einzig: Durch einen buchhalterischen Trick tauchten die CDS in der Bilanz nicht auf. Die Erste Bank stellte sich einfach auf den Standpunkt, ihre CDS wären keine Finanzderivate. „Wir haben die CDS bis jetzt als Kreditgarantien angesehen“, erklärt Michael Mauritz, Sprecher der Erste Bank. Und: „Es gibt auch weiterhin verschiedene Möglichkeiten, CDS darzustellen.“ Ansichtssache.

„CDS werden grundsätzlich als Derivate behandelt“, sagt Timo Steinmetz, Direktor im Bereich Bankenprüfung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers. Die Erste Bank dürfte die Öffentlichkeit mit ihrer Klassifizierung über den Wert des eigenen Portfolios jedenfalls im Unklaren gelassen haben. Kreditgarantien müssen nämlich erst in die Bilanz genommen werden, sobald ein Zahlungsausfall eintritt. Im Gegensatz zu Finanzderivaten müssen daher auch keine Abwertungen vorgenommen werden, wenn sich die Bonität des Schuldners verschlechtert. Mit anderen Worten: Während Griechenland in den vergangenen Jahren unaufhaltsam auf den Kollaps zusteuerte, hat die Erste kein einziges Mal den Wert des Portfolios angepasst oder gar Rück­lagen für den Ernstfall gebildet. Auch im Geschäftsbericht findet sich kein brauchbarer Hinweis darauf, welche Art von Papieren hier außerhalb der Bilanz schlummerte. Üblicherweise bewerten Banken ihre Finanzderivate nach dem Marktwert. CDS werden selbst auch gehandelt. Sinkt die Bonität eines Landes, fällt logischerweise auch der Wert des CDS. „Wir haben unser CDS-Portfolio immer schon zum Marktwert bewertet und deshalb keinen Grund für eine Korrektur“, kontert RBI-Vorstand Stepic auf diesbezügliche Nachfragen.

Der Erste Bank dagegen entstehen aus dem CDS-Portfolio nun Verluste in einer Größenordnung von 460 Millionen Euro. Was noch bis 2010 gegolten hat, gilt heute also nicht mehr. „Kein wissender Mensch schaut sich Bankbilanzen an“, meint dazu Stefan Pichler, Professor am Institut für Bankwesen der WU Wien. Denn sie sagen weniger über den Zustand einer Bank aus als über das Geschick des Bilanzbuchhalters. Anleger, die sich mithilfe der Bilanzzahlen ein getreues Bild von der wirtschaftlichen Lage eines Unternehmens machen wollen, befinden sich auf verlorenem Posten. Denn selbst für Experten werden die Bilanzen immer undurchschaubarer, Gewinne und Ver­luste immer schwerer vorhersehbar – oder nachvollziehbar. Das liegt nicht nur daran, dass die Märkte heftig schwanken, sondern daran, dass die Bilanzregeln den Banken ungeheuren Spielraum ­lassen.

In Europa bilanzieren kapitalmarkt­orientierte Unternehmen nach den International Financial Reporting Standards (IFRS). Diese werden jedoch nicht von der EU, sondern vom International Accounting Standards Board (IASB), einer privatrechtlichen Stiftung mit Sitz in London, festgelegt. Jahr für Jahr erlässt das IASB neue Standards, ändert alte oder schafft bestehende ab. Die Regeln sollen verlässliche Informationen für Investoren bereitstellen. Mittlerweile füllen die Detailbestimmungen Tausende von Seiten. Zu mehr Transparenz führte das jedoch nicht. Denn trotz all der Regulierungswut bleibt den Banken in ihrer Bilanzierung noch immer ein erheblicher Ermessensspielraum, etwa bei der Bewertung von Risiken und Vermögenswerten. Und den nutzen sie weidlich aus. Auch die Erste Bank beruft sich bei der Umschichtung ihrer CDS aktuell übrigens auf Erkenntnisse des IASB. „Einer publizierten Feststellung des IASB vom 28. Juli 2011 über die Klassifizierung von CDS folgend, hat der Vorstand der Erste Group eine Umgliederung des Portfolios … beschlossen“, heißt es in einer Aussendung der Bank. Eine faule Ausrede. Tatsächlich wurden in besagtem ­Schreiben keinerlei neue Feststellungen über die bilanzielle Beurteilung von CDS getroffen, sondern nur der seit Jahren gültige Standard rekapituliert. „Unsere Conclusio: Wenn es vorher schon eindeutig gewesen wäre, dann hätte man diese Klarstellung ja gar nicht benötigt, oder?“, so Erste-Bank-Sprecher Michael Mauritz.

Selbst wenn: Die Bank ist ihren Anlegern und Kunden gegenüber in erster Linie zur richtigen Darstellung aller Vermögenswerte und Risken verpflichtet – egal, ob bilanziell oder nicht.

In Europas Banken – und nicht nur da – herrscht ein bilanzielles Tohuwabohu. Jeder Finanzvorstand rechnet anders und interpretiert die Bilanzierungsregeln nach Gutdünken. Die Willkür in der Anwendung der Rechnungslegungsstandards zeigt sich momentan besonders deutlich in der Bewertung griechischer Staatsanleihen. Sie führt dazu, dass einige Banken Wertberichtigungen vermeiden, während andere die Belastungen der Schuldenkrise in vollem Umfang in ihren Ergebnissen zu spüren bekommen. So hat der Großteil der Finanzinstitute seine Griechenland-Papiere nur um die geforderten 21 Prozent wertberichtigt, während andere, wie etwa die Royal Bank of Scotland, die Hälfte ­abgeschrieben haben. Das Resultat: Die teilverstaatlichte britische Problembank musste kürzlich einen Milliardenverlust bekannt geben und zählt nun zu jenen Bankhäusern Europas mit dem höchsten Kapitalbedarf.

Die Frage, ob Wertpapiere zu Markt- oder zu Anschaffungspreisen bilanziert werden müssen, bietet generell einiges an Entfaltungsmöglichkeit. „Banken versuchen bei fallenden Märkten nicht nach Marktwerten zu berechnen, bei steigenden dagegen schon“, erklärt Teodoro ­Cocca, Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät an der Linzer Kepler-Uni. Solange es an den Börsen aufwärts ging, störte die zeitnahe Bewertung niemanden. Die steigenden Werte wurden sofort als Gewinne verbucht. So gaben die Banken ­Vermögen vor, das nur auf dem Papier existierte. Als es im Zuge der Finanzkrise mit den Börsen abwärts ging, war die so genannte „Mark-to-Market“-Bewertung längst nicht mehr so beliebt. Nach heftiger Lobbyarbeit durch die Banken setzten die Regelsetzer die Bilanzierung nach strengen „Fair Value“-Kriterien aus. Produkte, die wertlos geworden sind, weil sie keiner mehr haben will, dürfen zum Anschaffungspreis oder nach „Mark-to-Model“ bewertet werden. Letzteres heißt, dass Banken den Wert der betreffenden Papiere nach eigenen Bewertungsmodellen errechnen können. Deshalb schlummern noch immer Ramschpapiere zu vermeintlichen Milliardenwerten in den Bilanzen der Institute. Und niemand weiß genau, welche Risiken hier noch verborgen sind.

Auch die Art und Weise, wie eine Bank den Wert ihrer zugekauften Töchter, den so genannten „Goodwill“, berichtigt, hat naturgemäß Einfluss auf die Bilanz. Es ist ein enormer Unterschied, ob sie dies regelmäßig tut oder die Abschreibung auf einen Schlag durchführt, wenn es sich gar nicht mehr vermeiden lässt. Mittels eines Impairment-Tests müssen die Banken wenigstens einmal im Jahr prüfen, ob ihr Goodwill noch werthaltig ist. Zeigt sich, dass die Annahmen über Erträge und Kosten zu optimistisch waren, muss eine Abwertung erfolgen. Zumindest in der Theorie. Weil jedoch jede Wertberichtigung zum Ausdruck bringt, dass die Unternehmensführung aus heutiger Sicht zu einem zu hohen Preis gekauft hat oder gar eine Fehlinvestition getätigt hat, wird mit der Abwertung oft lange gezögert. Schließlich hat die Korrektur Auswirkungen auf eine ganze Reihe von Kennzahlen – nicht zuletzt auf den Gewinn. Und den sehen sich Anleger bekanntermaßen ganz genau an.

Warten die Banken mit ihren Abschreibungen zu lange, nämlich bis der Ausweis von Wertverlusten nicht mehr aufgeschoben werden kann, rappelt es meist gewaltig, wie nicht zuletzt das Beispiel Erste Group deutlich zeigt. Diese musste ihre Töchter in Ungarn und Rumänien um insgesamt 939 Millionen Euro abschreiben. Die Österreichische Volksbanken AG (ÖVAG) vermeldete Ende vergangener Woche einen erwarteten Jahresverlust in der Höhe von 900 Millionen Euro. Ein guter Teil resultiert aus einer Buchwertabschreibung der Volksbank Rumänien im Ausmaß von 350 Millionen Euro. Andere österreichische Großbanken haben nach eigenem Bekunden zuvor ihre Bilanzen berichtigt. „Wir haben auf die Folgen der Finanzkrise bereits in der Vergangenheit entschlossen reagiert und die Wertansätze unserer Osteuropabeteiligungen deutlich korrigiert. Und dennoch haben wir jedes Jahr Gewinne geschrieben und keine Staatshilfe nehmen müssen“, so Willibald Cernko, Vorstandsvorsitzender der UniCredit Bank Austria.

Die Probleme der Volksbankengruppe sind alles andere als neu. Das Institut war als eine von acht europäischen Banken bei dem von der Europäischen Bankenaufsicht (EBA) durchgeführten Stresstest durchgefallen.
Hätte es noch eines Beweises bedurft, wie stressfrei auch der im Juli veröffentlichte Stresstest gewesen war, mit dem Fall Dexia wurde er erbracht. Nur wenige Wochen nach Bekanntgabe der Ergebnisse war der Test Makulatur. Der belgisch-französischen Bank wurde ihr Griechenland-Engagement zum Verhängnis. Nun wird sie verstaatlicht. Dabei zählte Dexia nach den im Stresstest angewandten Kriterien damals zu einem der gesündesten Institute Europas.

Die Tests sind eine Konsequenz aus der weltweiten Finanzkrise, die zahlreiche Banken zu Fall brachte, ausgelöst durch die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers im Herbst 2008. Seither steht die gesamte Branche unter Beobachtung. Der Zweck der Übung – Transparenz in die Bankenwelt zu bringen – wurde verfehlt.

Schon der erste Stresstest geriet zur Lachnummer: Damals hatten alle irischen Banken den Test glänzend bestanden. Kurz darauf mussten jedoch die Allied Irish Bank und die Bank of Ireland verstaatlicht werden.