Martin Sonneborn: "Machtübernahme im kotelettförmigen Land"

Martin Sonneborn: "Machtübernahme im kotelettförmigen Land"

Der Satiriker Martin Sonneborn über seine Pläne, in Österreich einen Ableger seiner „schmierigen, obskuren“ Partei zu gründen, Kärnten abzumauern – und was Josef Hader damit zu tun hat.

Interview: Jakob Winter

profil: Sie wollen einen Ableger Ihrer satirischen „Partei“ in Österreich gründen. Wieso?
Martin Sonneborn: Weil ich die deutsche Antwort auf Adolf Hitler bin. Und auf die hat Österreich offenbar gewartet, denn es gibt sehr viele Anfragen. Denen wollen wir uns nicht länger verweigern. Wir tun es nicht für uns, wir tun es für Österreich.

profil: In Berlin fordern Sie den Wiederaufbau der Mauer – zur „endgültigen Teilung“ Deutschlands. Was haben Sie mit Österreich vor?
Sonneborn: Ich bedanke mich für das Vertrauen, das aus dieser Frage spricht. Mauern sind ein Europa-Projekt. Es gibt ein menschliches Grundbedürfnis, sich vom Nachbarn abzugrenzen. Wenn man den Österreichern verspricht, Kärnten von der Steiermark abzumauern, wird das viel Zulauf bringen.

profil: Sind Mauern Ihr einziges politisches Programm?
Sonneborn: Es gibt natürlich Dinge, die mich stören: wenn ein deutscher Student auf recht bizarre Weise hinter Gittern gehalten und verurteilt wird, nur weil er an einer Demonstration teilgenommen hat. Das wird Konsequenzen geben. In Deutschland haben wir versprochen, im Olympiastadion einen Schauprozess gegen Merkel zu führen.

profil: Bei uns gäbe es das Ernst-Happel-Stadion.
Sonneborn: Das würde ich als Anregung dankbar aufnehmen. Die herrschende politische Klasse wird sich dort, gemeinsam mit der Spitze des juristischen Systems und der Polizeiführung, verantworten müssen – aus einem Käfig heraus. So ein bisschen an Mubarak orientiert.

profil: Wird bei der Programm-erstellung auch die Basis mitentscheiden?
Sonneborn: Nein, das wird alles aus Berlin oktroyiert. Wir sind eine stark führerzentrierte Partei. Die Piraten zeigen ja, wohin Basisdemokratie führt. Es wird viel geredet und dann passiert nichts.

profil: Bis wann soll sich die „Partei“ in Österreich konstituieren?
Sonneborn: Wunschtermin ist der 26. Oktober, das bietet sich an.

profil: Wissen Sie, warum am 26. Oktober der Nationalfeiertag begangen wird?
Sonneborn: Ich nehme an, da standen die Befreier vor der Tür.

profil: Das Gesetz zur immerwährenden Neutralität wurde beschlossen. Sehen Sie diese im europäischen Gefüge noch verwirklicht?
Sonneborn: Neutralität finde ich super. Österreich hat auf europäische Politik absolut keinen Einfluss genommen. Es gibt auch keine nennenswerten Beiträge mehr zur europäischen Kultur. Insofern sind die Österreicher ihrer Neutralitätsverpflichtung sehr gut nachgekommen.

profil: Die Bekanntheit der „Partei“ stützt sich in Deutschland auf Ihre Person und das Satiremagazin „Titanic“. Solche Zugpferde haben Sie in Österreich nicht.
Sonneborn: Das Europamandat haben wir vor allem über die sozialen Medien gewonnen. Und ich glaube, dass man auch in Österreich viele Leute über das Internet erreichen kann.

profil: Haben Sie schon eine Führungsfigur für Ihr Parteiprojekt im Auge?
Sonneborn: Es gibt ein paar Österreicher, die ich sympathisch und zurechnungsfähig finde. Ich könnte mir Josef Hader als brillanten Kopf an der Spitze sehr gut vorstellen.

profil: Weiß Hader das auch, oder richten Sie ihm das jetzt über profil aus?
Sonneborn: Das ist ein Gesprächsangebot über die Medien. Ich würde mich freuen, wenn er darauf zurückkommt.

profil: Hader ging auf eine katholische Schule. Sie auch. Wie halten Sie es mit der Religion?
Sonneborn: Ich bin Mitherausgeber eines Satiremagazins, das vom Papst verklagt wurde. Grund dafür war eine Montage, die Benedikt XVI. mit gelbem Fleck auf Schritthöhe seines weißen Gewandes zeigte. Insofern ist die Beziehung zur Kirche schwierig.

profil: Bei welcher Wahlauseinandersetzung wird der österreichische „Partei“-Ableger erstmals in den Ring steigen?
Sonneborn: Bei der nächsten.

profil: Das wären dann die Landtagswahlen 2015, wie zum Beispiel jene in Wien.
Sonneborn: Nach meiner Kenntnis gibt es viel Verdrossenheit ob der demokratiefernen und korrupten Großen Koalition im Bund. Insofern ist Wien ein guter Anfang.

profil: Bei den EU-Wahlen erreichten Sie 0,6 Prozent der deutschen Stimmen. Ins Parlament zogen Sie nur ein, weil die Fünf-Prozent-Hürde in Deutschland gekippt wurde. In Österreich sind alle Hürden aufrecht. Realistische Chancen auf Mandate können Sie sich hier wohl keine machen.
Sonneborn: Die Hürden sind hochfragwürdig. Schmierigen, obskuren Parteien wie uns wird dadurch die Machtübernahme erschwert. Deshalb werden wir diese Beschränkungen auf dem Klageweg aushebeln.

profil: Seit Juli sind Sie EU-Parlamentarier. Sie haben angekündigt, bereits nach einem Monat zurücktreten zu wollen. Nun sind Sie bald zwei Monate im Amt.
Sonneborn: Kinder, wie die Zeit vergeht! Ja, ich habe das vollmundig angekündigt. Bei der Listenerstellung für die Europawahl gab es zu viele basisdemokratische Initiativen aus dem „Partei“-Mob. Ich wollte eine große Diskussion um die Listenplätze verhindern und habe deshalb gesagt, wir wechseln einfach monatlich. Jetzt ist allerdings klar: wir könnten unser Mandat verlieren, wenn wir zu oft zurücktreten. Das wollen wir nicht riskieren.

profil: Werden Sie also die volle Periode im EU-Parlament absolvieren?
Sonneborn: Das kann ich nicht versprechen. Ich habe mir von der Verwaltung gewünscht, dass ich hinter Udo Voigt von der NPD sitze. Ich wollte ihm mit Gummibändern gefaltete Buskarten auf den dicken Hals schießen, wie früher in der Schule. Das hat aber nicht funktioniert, jetzt sitzt er hinter mir.

profil: Gibt es neben Sitzplatzwünschen auch politische Anliegen für Europa?
Sonneborn: Ich habe eine Vision. Ich möchte, dass die Gurkenkrümmungsverordnung, die 2009 abgeschafft wurde, wieder eingeführt wird. Allerdings für Exportwaffen: zwei Zentimeter Krümmung pro zehn Zentimeter Lauf. Ich glaube, damit können wir die Welt wesentlich verbessern. Es zeigt sich ja gerade, was für ein Unheil weltweit angerichtet wird – auch mit österreichischen Waffen.

profil: Wie sieht es mit der langfristigen Perspektive aus? Ist eine EU-Erweiterung denkbar?
Sonneborn: Ich werde versuchen, die EU zu verkleinern, und nicht zu vergrößern.

profil: Wen wollen Sie ausschließen?
Sonneborn: Ich habe an Österreich gedacht. Die Neutralität dieses kleinen, herrlichen, selbstständigen und neutralen Volkes sollte gewahrt bleiben.

profil: Bei den letzten EU-Wahlen haben rechtspopulistische Parteien einen massiven Aufschwung erlebt. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?
Sonneborn: So unangenehm das ist, dass mir Udo Voigt im Rücken sitzt: Das sind demokratisch gewählte Vertreter, genauso wie ich. Das ist kein Zeichen für einen einfachen Rechtsruck. Die etablierten Parteien bieten ihren Wählern zu wenig an.

profil: Dank mangelnder Angebote hat es auch in Italien ein Komiker ins Parlament geschafft hat …
Sonneborn: Jetzt bin ich aber gespannt …

profil: Die Rede ist von Beppe Grillo. Was unterscheidet Sie von ihm?
Sonneborn: Ich kann auf Marktplätzen nicht so herumbrüllen wie Beppe Grillo. Und wir sind insgesamt seriöser als seine Partei. Aber natürlich ähneln wir uns in mancher Hinsicht: Wir sind Egozentriker an der Spitze von führerzentrierten Parteien ohne eigene Inhalte.

profil: Was müsste sich an der politischen Landschaft ändern, damit sich Satireparteien wie die Ihre erübrigen?
Sonneborn: In diesem zunehmend irrer werdenden Kapitalismus kann kaum eine Situation eintreten, in der die „Partei“ überflüssig wird.

profil: Was läuft falsch am Kapitalismus?
Sonneborn: Es gibt eine massive Umverteilung von unten nach oben. Banken und Konzerne haben derzeit das bessere Ende für sich. Das ist zwar schwer zu ändern, aber dennoch möglich. Wir haben im letzten Wahlkampf versprochen, die 100 reichsten Deutschen umzunieten. Das zeigt, wohin es mit uns geht: Die anderen Parteien sind für ein Existenzminimum, wir fordern ein Existenzmaximum.

profil: Glauben Sie, dass die „Partei“ tatsächlich etwas verändern kann?
Sonneborn: Ich bin sehr froh, dass ich keine konstruktive Arbeit leisten muss. Wir spielen die destruktive Variante. Wir zeigen, wie es nicht gemacht gehört. Wenn dann die Verantwortung käme, würde uns das vielleicht vor Schwierigkeiten stellen. Deshalb hoffe ich, dass die Machtübernahme in Österreich vor der in Deutschland kommt.

profil: Österreich dient also als Versuchslabor?
Sonneborn: Genau. Ich will in diesem kleinen, kotelettförmigen Land die Machtübernahme ausprobieren.

Den bösen, abgründigen ­Humor pflegt Martin ­Sonneborn als Heraus­geber des deutschen Satiremagazins „Titanic“ derart ­exzessiv, dass ihn sogar Papst Benedikt ­verklagte. Im Jahr 2004 brachte er die Realsatire in die Politik und gründete die „Partei“, die es bei der ­Europawahl ins
EU-­Par­lament schaffte. profil traf ihn in Berlin.