Neue Mittelschule: Warum sie scheitern musste

Neue Mittelschule: Warum sie scheitern musste

Das ehrgeizige Projekt Neue Mittelschule ist gescheitert. Ohne das Fernziel Gesamtschule wird sie nur als bessere Hauptschule überleben.

Vielleicht hätte sie das Erbe weniger euphorisch antreten sollen. Als Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek zu Beginn der Wiener Semesterferien die jüngsten Testergebnisse zu den Bildungsstandards vortrug, pries sie die Neue Mittelschule an, als hätte diese glänzend abgeschnitten.

Bildungsexperten rieben sich verdutzt die Augen. Sie sahen in den Daten den düsteren Beleg dafür, dass sich das Vorzeigeprojekt der inzwischen abgelösten Unterrichtsministerin Claudia Schmied auch im sechsten Jahr nicht vom Fleck rührt.

77.000 Kinder in der achten Schulstufe waren von November 2012 bis ins Frühjahr 2013 in allen Schultypen zum Englisch-Vergleichstest angetreten. Erstmals wurden die Ergebnisse der Kinder in den Neuen Mittelschulen (NMS) separat ausgewiesen. Man hatte gehofft, die Anstrengung der Reform werde sich lohnen. Doch mit 478 Punkten blieben die NMS-Schülerinnen und Schüler sogar um zwei Punkte hinter den Gleichaltrigen an den Hauptschulen und weit hinter den Gymnasiasten (600 Punkte) zurück.

"Sofort stoppen“, fordert Günter Haider, Bildungsforscher und Experte für die Qualitätsprüfung von Bildungssystemen. Es sei gefährlich und teuer, "im Blindflug“ weiterzumachen. Der Rechnungshof hatte schon im vergangenen Herbst kritisiert, dass die NMS ohne Evaluation flächendeckend eingeführt wurde.

Hauptschulen an schwierigen Standorten
Schmied habe sich "ihr“ Projekt um keinen Preis schlechtreden lassen wollen, sagen frühere Mitarbeiter der Ministerin, die stets mit einem Kampflächeln und optimistischen Stehsätzen vor die Kameras getreten war. Anfangs, im Schuljahr 2008/09, hatten sich 64 Pionierschulen an dem Schulversuch NMS beteiligt. Und schon damals war der Haken sichtbar. Ein einziges Gymnasium machte mit. Mittlerweile gibt es österreichweit 936 Neue Mittelschulen, und gerade einmal elf Gymnasien sind dabei. Die NMS sind also im Grunde Hauptschulen an schwierigen Standorten, mit hohem Anteil an Migranten und bildungsfernem Herkunftsmilieu.

Bürokratie wucherte wild
Die unter politischem Erfolgsdruck und in aller Eile eingerichteten NMS zeigten in der ersten Phase bizarre lokale Eigenheiten. So wurde die NMS in Vorarlberg genehmigt, obwohl man dort eine Zeitlang die alten Leistungsgruppen der Hauptschule beibehielt. Auch die Bürokratie wucherte wild. Allein sechs Abteilungen des Ministeriums waren damit beschäftigt, in Absprache mit den Landesschulräten Gymnasiallehrer zu finden, die bereit waren, ein paar Stunden an einer NMS zu unterrichten. Denn das ist das Herzstück der Reform: AHS- und HS-Lehrer stehen gemeinsam in der Klasse und machen Team-Teaching, fördern die Schwachen und fordern die Starken. So weit die Idee. In ländlichen Regionen sieht das so aus, dass ein Gymnasiallehrer von weit her anreist, eine Art Starauftritt hinlegt und wieder davonfährt. Keine Rede von gemeinsamer Vorbereitung und Zusammenführung des Lehrkörpers. Im Gegenteil: Die privilegierten Gastauftritte (bessere Bezahlung, Kilometergeld) erregen Unmut, die Arbeit mit den Kindern bleibt an den Hauptschullehrern hängen.

"Das Ministerium nickte alles ab, um die Zahl der Neuen Mittelschulen hochzutreiben“, sagt Haider. Das Reformvorhaben war noch nicht einmal im vierten Jahr, als Schmied, flankiert vom schwarzen Bildungssprecher Werner Amon, im Sommer 2012, ohne den empirischen Befund abzuwarten, den Schulversuch zum Regelbetrieb erklärte.

Die Forscher am Bifie habe "der Blitz“ getroffen, erzählt Haider, der das Bundesinstitut für Bildungsforschung, Innovation und Entwicklung des Österreichischen Schulwesens damals noch leitete. Man habe das Kabinett gewarnt, doch Schmied sei nicht zu bremsen gewesen. Als 2012 die wenig berauschenden Auswertungen erster Stichproben eintrudelten, verordnete die Ressortchefin Stillschweigen. Dann wurden Haider und sein Stellvertreter gefeuert.

Für den Experten ist das Gezerre um die Gesamtschule ein Déjà-vu. Schon in den 1970er-Jahren hatte die SPÖ versucht, die Gesamtschule über Schulversuche durchzusetzen und auf Beteiligung der Gymnasien gehofft - damals so vergeblich wie heute.

Haider fürchtet, es könnte wieder so enden: "Wir haben auch im sechsten Jahr der NMS keinen ernstzunehmenden Beleg dafür, dass die NMS mehr leistet oder sozial gerechter ist, nicht einmal einen positiven Trend.“ In den acht Bundesländern - ohne den Sonderfall Wien, wo ein halbes Dutzend AHS und einige Privatschulen beim Schulversuch mitmachten - liegen die Neuen Mittelschulen nicht nur um zwei, sondern gleich um zehn Punkte zurück.

Die AHS dagegen behauptet sich. Der Zustrom ist ungebrochen. Ulrike Popp, Bildungsforscherin an der Uni Klagenfurt, kann es den Eltern nicht verdenken, dass sie ihre Kinder im Gymnasium sehen wollen: "Sie haben ein vitales Interesse daran, dass sie den Königsweg zur Matura einschlagen.“ Das ist - unter den derzeitigen Umständen - die AHS: 95 Prozent der Kinder, die in einer AHS-Unterstufe sitzen, gehen vier Jahre später in eine Schule mit Matura. Von den Hauptschülern wechseln nur 37 Prozent in eine weiterführende Schule. "Die Durchlässigkeit gibt es vor allem auf dem Papier“, konstatiert die Wiener Bildungsforscherin Christiane Spiel.

Selbst gute Hauptschulen auf dem Land holen nicht aus ihren Schülern heraus, was möglich wäre. Eine Studie in Oberösterreich ging der Frage nach, was aus Volksschulkindern wird, die trotz festgestellter AHS-Reife in der Hauptschule landen. Im Vergleich zu jenen, die im Alter von zehn Jahren ins Gymnasium kamen, waren es unter den begabten Hauptschülern mehr als 30 Prozent weniger, die es vier Jahre später an die höhere Schule schafften.

Mehr Stress und Angst an den Gymnasien
Woran liegt das? Ferdinand Eder, Leiter jener Kommission, welche die verschobene Evaluierung der NMS nachholen soll, meint, das liege auch an der unterschiedlichen Kultur von Hauptschul- und Gymnasiallehrern; die einen seien auf das Soziale, die anderen auf das Fachliche getrimmt: "Es gibt unter Hauptschullehrern mehr den sozial beschützenden Typus, während ihre AHS-Kollegen ein intellektuell-forschendes Selbstverständnis pflegen.“ So schneide die AHS bei Leistungstests besser ab, doch "oft auf Kosten der psychischen Gesundheit der Kinder“, warnt Eder. An den Gymnasien herrsche mehr Stress und Angst. Doch der Vorteil der NMS, die soziale Kompetenz, wird in den Tests zu den Bildungsstandards nicht gemessen.

Zwei Fragen bleiben offen: Wäre die NMS eine bessere Hauptschule? Dafür müsste erst das gesamte Datenmaterial evaluiert werden, sagen Experten. Und: Wäre eine gemeinsame Schule für alle Zehn- bis 14-Jährigen besser als unterschiedliche Schultypen? Internationale Vergleichserhebungen wie PISA sagen eindeutig: Ja.

Doch die empirische Gewissheit kann es nicht geben, solange die NMS als drittes Angebot neben Hauptschule und AHS existiert und das Gymnasium vor allem die "Besseren“ - jene mit höherem familiären Bildungshintergrund - anzieht.

"Das politische Projekt, mit der NMS den Weg zur gemeinsamen Schule zu bahnen, ist gescheitert“, sagt die ehemalige AHS-Direktorin Heidi Schrodt und Ex-Mitglied einer Expertengruppe im Unterrichtsministerium: "Wir haben nie daran gedacht, dass die NMS die Hauptschule ersetzen soll. Was jetzt herausgekommen ist, wollte niemand von uns.“

In Deutschland ist es üblich, bei Schulvergleichen nicht nur absolute Werte anzuführen, sondern auch zu untersuchen, ob sich eine Schule unter oder über ihren Möglichkeiten behauptet. Die Latte liegt höher, wenn in den Klassen viele Kinder aus Akademiker-Haushalten mit deutscher Muttersprache sitzen. Für Brennpunkt-Schulen im urbanen Ballungsraum, wo sich die benachteiligten Kinder drängen, liegt sie entsprechend niedriger.

In einem Fach wie Englisch schlägt vor allem die soziale Lage auf die Leistung durch. Kinder aus bildungsfernen, sozial schwachen Familien reisen nicht, haben kein Au-pair-Mädchen aus den USA und keinen Ferienaufenthalt auf Malta. Ein Kind, dessen Eltern nur einen Pflichtschulabschluss haben, liegt im Durchschnitt um 38 Punkte schlechter als das Kind von Arbeitern mit Lehrabschluss. Von da bis zum Nachwuchs aus einem Maturantenhaushalt tut sich der Graben noch einmal so weit auf.

Um diese Schieflage zu korrigieren, fließen bis 2015 rund 250 Millionen Euro in die NMS. Ein Schüler in der NMS kostet rund 7200 Euro im Jahr, ein Hauptschüler 6600 Euro und ein AHS-Schüler 4700 Euro. Doch ein Sonderschüler kostete im Jahr 2006 rund 26.000 Euro. Und der wird jetzt schon in vielen NMS mitbetreut.