ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz bereitet seine dritte Amtszeit vor

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz bereitet seine dritte Amtszeit vor

ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz bereitet seine dritte Amtszeit vor – unterstützt von will­fährigen Stiftungsräten, berechnenden Landespolitikern und der „Kronen Zeitung“.

Was einst Rang und Namen im ORF hatte, versammelte sich Donnerstag vorvergangener Woche im Parlament, um einen zu ehren, der lange den höchsten Rang innegehabt hatte: Gerd Bacher, 88, ORF-Generalintendant von 1967 bis 1974, 1978 bis 1986 und 1990 bis 1994. Der Presseclub Concordia hatte Bacher mit einem Ehrenpreis für dessen Lebenswerk ausgezeichnet. Peter Huemer, Leiter des legendären „Club 2“, hielt die Laudatio und zitierte Helmut Zilk: „Der Aufschwung des ORF war die Folge des Zusammentreffens einiger Besessener mit einem Oberbesessenen. Und dieser Oberbesessene war Gerd Bacher.“

Alexander Wrabetz ist eher kein Besessener, sondern Pragmatiker. Wenn der ORF-Generaldirektor dereinst für sein Lebenswerk geehrt werden sollte, dürfte der Laudator auf dessen bemerkenswerteste Leistung hinweisen: Wrabetz schickt sich an, 2016 zum dritten Mal in Folge zum Chef des ORF gewählt zu werden, was nicht einmal Bacher gelungen war. Die Vorbereitungsarbeiten sind angelaufen – mit allen Begleiterscheinungen: Versprechen, Partnerschaften, Machttauschhandel.

Dienstag kommender Woche konstituiert sich der neue Stiftungsrat, das Aufsichtsgremium des ORF. Dessen 35 Mitglieder werden 2016 den Generaldirektor bestimmen. Vor einem halben Jahr galt Wrabetz’ Wiederwahl als ausgeschlossen. Der ORF-General hatte sich den Zorn von Werner Faymann zugezogen. Dass die SPÖ bei den Wahlen unter 30 Prozent geblieben war, lastete der Kanzler Wrabetz persönlich an: Der ORF-Chef habe zu wenig Durchgriff auf die Information bewiesen.
Hartnäckig hielt sich das Gerücht, Faymann wolle Wrabetz vorzeitig ablösen und habe Gefallen an einem bürgerlichen Generaldirektor gefunden: Helmut Brandstätter. Der „Kurier“-Herausgeber dementiert freilich vehement jede Ambition auf den ORF-Chefposten. Mittlerweile soll sich Wrabetz mit der SPÖ halbwegs arrangiert haben; kolportiert wird ein Gespräch, in dem Faymann dem ORF-Generaldirektor zusicherte, ihn zumindest bis 2016 zu verschonen.

„Mutter Erde“ und „Kronen Zeitung“
Für die Organisation seiner Wiederwahl hat Wrabetz somit vorerst den Rücken frei. Neben den derzeit 14 SPÖ-Stiftungsräten muss er vier weitere gewinnen. Als Querverbinder zu den Grünen hat Wrabetz soeben einen alten Freund engagiert: Pius Strobl, der die Öko-Partei früher im Stiftungsrat vertrat. Der ORF-Kommunikationschef trat 2010 ab, nachdem ihm vorgeworfen worden war, er habe Stiftungsräte belauschen lassen. Nun koordiniert Strobls Agentur die neue ORF-Mega-Charity „Mutter Erde braucht dich“, eine Art „Licht ins Dunkel“ beziehungsweise „Nachbar in Not“ im Umweltschutzbereich – und geeignet, in einer Laudatio für Wrabetz’ Lebenswerk erwähnt zu werden.

Nebenbei bedient der ORF-Chef dank „Mutter Erde“ grün-affine NGOs wie Greenpeace oder Global 2000. Bei einer Sitzung im Jänner hielten Redakteure der ORF-Information vorsorglich fest, die Kooperation dürfe keinen Einfluss auf die Berichterstattung zu Umweltthemen haben. Die Präsidentschaft im Trägerverein „Mutter Erde“ übernahm Wrabetz persönlich – obwohl er im Stiftungsrat aufgrund möglicher persönlicher Haftungen davor gewarnt worden war.

Wenn es um die Bewahrung der Schöpfung geht, darf auch die „Kronen Zeitung“ als ORF-Partner nicht fehlen. Die Zusammenarbeit von ORF und „Krone“ bei „Mutter Erde braucht dich“ ist ein Geschäft, beruhend auf Gegenseitigkeit: Alexander Wrabetz sichert sich Positivberichte, die „Krone“ Einfluss und Inserate. Und demnächst soll die Kooperation weiter vertieft werden. Der ORF wird die Smartphone-App der „Krone“ zur Fußball-WM mit Videos beliefern – und im Gegenzug auf eine eigene App verzichten. ORF-Sprecher Martin Biedermann: „Unsere Strategie geht dahin, nicht mehr reine Event-Apps zu entwickeln.“

Dass der ORF bisher zu jedem größeren und kleineren Ereignis – wie der Ski-WM in Schladming – eigene Apps herausbrachte, zum größten Sportereignis der Welt jedoch nicht, könnte den neuen Stiftungsrat durchaus beschäftigen.

Wrabetz’ Geschick im Umgang mit seinem Aufsichtsgremium wird dabei abermals gefragt sein – wie nach seiner Wiederwahl 2011. Damals berief er den SPÖ-Stiftungs- und Zentralbetriebsrat Michael Götzhaber flugs zum Technischen Direktor. Und Stiftungsrat Helmut Krieghofer, einst ÖVP-Landesgeschäftsführer, wurde Chef des Landesstudios Tirol.
Damit derart krasse Karrieredeals – Stiftungsrat wählt Generaldirektor, Generaldirektor befördert Stiftungsrat – nicht mehr möglich sind, beschloss das Aufsichtsgremium im Juni 2012 eine Cooling-off-Phase: Ein Wechsel vom Stiftungsrat ins Unternehmen nach einer Generaldirektorenwahl ist ausgeschlossen. Und auch Betriebsräte können nicht mehr direkt in die Geschäftsführung aufsteigen.

Schlampige Verhältnisse
Die schlampigen Verhältnisse zwischen Aufsichtsgremium und ORF sind damit nicht beseitigt. Der von der Regierung neu nominierte Stiftungsrat Herbert Fechter – ein Bekannter von ÖVP-Minister Sebastian Kurz – vermarktet als Agent unter anderem die „Große Chance“-Schiedsrichterin Karina Sarkissova und den früheren „Dancing Star“-Juror Harald Serafin.
Stiftungsrat Siegfried Meryn (SPÖ) tritt als Haus-und Hofmediziner des ORF regelmäßig im Fernsehen auf.
Die neu bestellte Stiftungsrätin Karin Gutiérrez-Lobos (SPÖ), Vizedirektorin der Medizinischen Universität Wien, moderiert auf Ö1 eine Gesundheitssendung.
Der Leiter des ÖVP-Freundeskreises im Stiftungsrat, Franz Medwenitsch, ist hauptberuflich Geschäftsführer des Verbands der österreichischen Musikwirtschaft, die ohne ORF-Radios auf dem Existenzminium vegetieren würde.

Der Vorsitzende des ORF-Redakteursrats Dieter Bornemann: „Es ist schlicht unvereinbar, dass Leute, die in einem geschäftlichen Kontakt mit dem ORF sind, im Aufsichtsrat sitzen.“

Noch mehr als Gschäftsbeziehungen zum ORF irritieren die Kontakte der Stiftungsräte zur Politik. Die von der Regierung nominierte Stiftungsrätin Andrea Brem ist Geschäftsführerin des Vereins Wiener Frauenhäuser. Dessen Vorsitzende: Martina Ludwig-Faymann, Wiener SPÖ-Gemeinderätin, Gattin des Kanzlers.

Neu im Stiftungsrat – ebenfalls von der Regierung nominiert – ist Herwig Hösele, einst ÖVP-Bundesratspräsident. Neuer Vorsitzender des Gremiums wird der frühere SPÖ-Abgeordnete und Casinos-Vorstand Dietmar Hoscher. Redakteurssprecher Bornemann: „ÖVP und SPÖ kommen bei der letzten Wahl auf knapp 50 Prozent der Wähler. Trotzdem werden 27 der 35 Stiftungsräte den Regierungsparteien zugeordnet. Das ist unverhältnismäßig und der Versuch parteipolitischer Kontrolle.“
Wie Parteien ticken, weiß Wrabetz genau. 2011 war die Wiederwahl gelungen, weil die SPÖ Ex-ORF-Chef Gerhard Zeiler unbedingt verhindern wollte. Findet Faymann bis 2016 keine Alternative, stehen die Chancen abermals nicht schlecht.

ORF-Chef spürt, was die Mächtigen wünschen
Als ÖVP-Mann im ORF-Direktorium ist Finanzdirektor Richard Grasl nahezu fix gebucht – eventuell aufgewertet zum Co-Geschäftsführer. Technikvorstand Michael Götzhaber dürfte ebenfalls bleiben – dank Unterstützung der roten Gewerkschafter. Hörfunkdirektor Karl Amon könnte schon vor 2016 ausscheiden. Zum einen wird er heuer 65, zum anderen lastet man ihm an, sein Budget in Millionenhöhe zu überziehen.
Fernsehdirektorin Kathrin Zechner wird die Informationsagenden wohl wieder verlieren und maximal Programmdirektorin bleiben. Zum einen gerieren sich die ORF-Journalisten unter Zechners Patronanz für den Geschmack der Großparteien allzu unabhängig, zum anderen leistete sie sich ein paar Hoppalas. Bei einer Galaveranstaltung der Werbewirtschaft im März hatte sie mit einer unbedachten Äußerung („Vielleicht ist es gut, dass die Finanz zusammenbricht“) die Kreditwirtschaft – einen der größten Werbekunden des ORF – provoziert. Dass sie ihren TV-Stars derzeit aus Unvereinbarkeitsgründen untersagt, Veranstaltungen von Banken zu moderieren, erhöhte den Zorn in der Finanzindustrie weiter.

Alexander Wrabetz würde ein derartiger Fauxpas eher nicht passieren. Der ORF-Chef spürt, was die Mächtigen wünschen. Der Kärntner SPÖ-Landeshauptmann Peter Kaiser darf sich weiterhin über die ORF-Übertragung der „Starnacht am Wörthersee“ im Juli freuen, Niederösterreichs ÖVP-Landeschef Erwin Pröll über die „Starnacht aus der Wachau“ im September.

Neben der Vorbereitung seiner Wiederwahl muss sich Wrabetz freilich auch ums Tagesgeschäft kümmern. Im April erreichte der ORF nur noch einen Marktanteil von 30,6 Prozent, der bisher niedrigste Wert für diesen Monat überhaupt. Beim Kandidatenhearing vor der Wiederwahl 2011 hatte Wrabetz auf die Frage nach seinem unternehmerischen Ziel noch geantwortet: „Die Quoten stabil halten.“