unzensuriert.at: Wie die FPÖ-nahe Site systematisch Stimmung macht

Die Website unzensuriert.at steht in einem Naheverhältnis zur Partei von Heinz-Christian Strache und Norbert Hofer und verbreitet Propaganda im freiheitlichen Sinn

Die Website unzensuriert.at steht in einem Naheverhältnis zur Partei von Heinz-Christian Strache und Norbert Hofer und verbreitet Propaganda im freiheitlichen Sinn

Das Onlinemedium unzensuriert.at ist eine der erfolgreichsten Plattformen der deutschsprachigen Rechten. Eine Auswertung von profil zeigt erstmals, wie systematisch die FPÖ-nahe Site Stimmung macht.

Angriff ist die beste Verteidigung, dachte sich wohl Walter Asperl. Der FPÖ-Mitarbeiter und Geschäftsführer des rechten Onlinemediums unzensuriert.at wurde vergangene Woche von profil mit einigen Fragen konfrontiert: Wie begründet er die ausgesprochen freundliche Berichterstattung gegenüber der FPÖ? Warum nimmt die Site bevorzugt Migranten und Journalisten ins Visier?

Statt zu antworten, widmete Asperl dem „Investigativ-Duo Brodnig/Winter“ einen Artikel und machte die Anfrage „dieser ‚seriösen Journalisten‘“ (wohlgemerkt unter Anführungszeichen) zum Thema. Sogleich echauffierten sich die unzensuriert.at-Nutzer über „blöde Lügenpresse“, „Systemmedien“ und „linke Schmierer“. Dabei war der profil-Artikel noch gar nicht in Druck gegangen.

Das hat System. Wenn Journalisten kritisch über die FPÖ oder unzensuriert.at berichten, werden sie auf dem Portal gern angeprangert. Die Website unzensuriert.at steht in einem Naheverhältnis zur Partei von Heinz-Christian Strache und Norbert Hofer und verbreitet Propaganda im freiheitlichen Sinn. Nun hat profil konkrete Zahlen erhoben. Wie systematisch die blaue Stimmungsmache im Netz funktioniert, zeigt eine detaillierte Auswertung des Zeitraums vom 7. bis 20. November. In den untersuchten zwei Wochen publizierte unzensuriert.at 124 Texte; kaum einer kam ohne klassische Feindbilder aus.


Die Welt wird in ein für die User leicht verständliches Schwarz-Weiß-Schema gepresst: hier die Guten, dort die Bösen.

Auf dem rechten Portal ist kein Platz für Differenzierung und Reflexion, die Welt wird in ein für die User leicht verständliches Schwarz-Weiß-Schema gepresst: hier die Guten, dort die Bösen. Die FPÖ für euch, das Establishment dagegen. Flüchtlinge kriminell, Hofer redlich.

Oberster Heilsbringer des digitalen Kampfmediums ist kein FPÖ-Politiker, sondern der designierte US-Präsident
Donald Trump. Gut jeder zehnte Text stilisiert ihn zum Hoffnungsträger der Rechten. „Bitte Trump räum bei uns auch auf“, schreibt ein Nutzer namens „framablue“ unter einem Artikel, laut dem Trump „gleich zur Sache gehen“ und „kriminelle Ausländer“ abschieben werde.

Freund und Feind: Die profil-Auswertungen von 124 Artiken auf unzensuriert.at zeigt, welche Akteure dort besonders positiv oder negativ dargestellt werden.

Freund und Feind: Die profil-Auswertungen von 124 Artiken auf unzensuriert.at zeigt, welche Akteure dort besonders positiv oder negativ dargestellt werden.

Vermeintliche Helden wie Donald Trump oder Norbert Hofer treten auf unzensuriert.at aber deutlich seltener in Erscheinung als die angeblichen Schurken. Die Site erklärt den Fans, wen sie besonders verachten sollen. Ganz oben auf der Abschussliste von unzensuriert.at stehen Migranten, gegen die in 21 Prozent der Artikel angeschrieben wird, gefolgt von etablierten Medien mit 18,5 Prozent. Knapp dahinter im Negativ-Ranking: Flüchtlinge, Linke, das nicht näher definierte Establishment, Muslime und die EU. Die blauen Stimmungsmacher sind konsequent: Über all diese Feindbilder verlieren sie nirgendwo ein positives Wort. Die FPÖ und ihr Präsidentschaftskandidat Norbert Hofer kommen dagegen in 124 Artikeln kein einziges Mal schlecht weg.


Nur ein einziges Mal wurden Rot und Grün in den untersuchten zwei Wochen von unzensuriert.at lobend hervorgehoben.

Die politische Konkurrenz links der Mitte wird von dem Portal besonders gern ins Visier genommen. In 15 Prozent der Texte auf unzensuriert.at wird die SPÖ gescholten, etwas weniger Negativ-Meldungen richten sich gegen die Grünen sowie den Präsidentschaftskandidaten Alexander Van der Bellen.

Nur ein einziges Mal wurden Rot und Grün in den untersuchten zwei Wochen von unzensuriert.at lobend hervorgehoben – nachdem sie in einem Wiener Bezirksparlament dem FPÖ-Antrag für ein Verbot von Koranverteilungen zugestimmt hatten.
Die Tonlage des Portals klingt so: Hofer „könnte einen Beitrag zum Weltfrieden leisten“, Van der Bellen dagegen sei „ehemaliger Freimaurer“ und „Kandidat der abgehobenen politischen und gesellschaftlichen Kaste“. Allen Ernstes wird auf unzensuriert.at auch behauptet, die politischen Gegner hießen Kinderehen gut: „Während Linke und Grüne sich eher als ‚Befürworter‘ oder Dulder der ‚islamspezifischen Gepflogenheiten‘ sehen, fordern Konservative und rechte politische Parteien ein striktes Verbot gemäß geltender europäischer Rechtslage.“

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unzensuriert.at zählt rund 50.000 Fans auf Facebook – eine respektable Zahl. Zum Vergleich: Die Wiener Stadtzeitung „Falter“ hat 37.000 Fans, die „Oberösterreichischen Nachrichten“ kommen auf 58.000 Fans, profil rangiert bei 78.000 Fans. Gemessen an den Likes und daran, wie oft Artikel von unzensuriert.at auf sozialen Medien geteilt werden, liegt unzensuriert.at sogar unter den 100 stärksten deutschsprachigen Nachrichtensites, wie die Analysesite 10000flies.de ausweist. Gerade Facebook bietet Accounts wie
unzensuriert.at ein optimales Forum: Alarmierende und emotionalisierende Inhalte werden von Nutzern besonders oft gelikt und geteilt.


Die blaue Plattform ist keineswegs ein Einzelfall. Im Netz kann heute jeder kostengünstig sein eigenes Medium gründen.

So manche Schlagzeile von unzensuriert.at ist irreführend. Die Plattform berichtete am 9. November: „Grüne fordern Aus für Christbaum vor dem Rathaus.“ Das wurde auf Facebook mehr als 1000 Mal gelikt, mehr als 500 Mal geteilt. User posteten empört: „Da wundern sich alle das alles blau wählt.“ Oder: „ICH lasse mir von solchen IDIOTEN doch nicht vorschreiben ob ich noch einen Baum haben darf oder nicht.“ In Wahrheit handelte es sich um einen Fall aus Deutschland. Grüne in Düsseldorf hatten vorgeschlagen, eine lebende Tanne zu nutzen, statt jedes Jahr einen Baum zu fällen.

Das hat Methode: Um permanent Alarmismus betreiben zu können, greift unzensuriert.at Schreckensmeldungen aus aller Welt auf. Die blaue Plattform ist keineswegs ein Einzelfall. Im Netz kann heute jeder kostengünstig sein eigenes Medium gründen. Weltweit schießen Medienprojekte aus dem Boden, die es mit Fakten nicht immer ganz so genau nehmen. „Vergesst die Presse, lest das Internet“, riet Donald Trump seinen Fans im Wahlkampf. Gerade Rechtspopulisten versuchen, ihre Anhänger von etablierten Medien wegzulotsen, hin zu einschlägigen Websites.

„Breitbart News“ ist das Leitmedium einer jungen, rechten Bewegung in den USA, die kein Problem mit krudem Pseudojournalismus hat. „Was wäre Ihnen lieber: dass Ihr Kind Krebs oder Feminismus hat?“, fragt „Breitbart“. Die sogenannten „alternativen Medien“ sind inzwischen im Establishment angekommen. Nach seinem Wahlsieg bedankte sich Trump, indem er den führenden „Breitbart“-Mann Steve Bannon zu seinem Chefstrategen für das Weiße Haus kürte.

Eine ähnliche Strategie wenden heimische Rechtspopulisten an. FPÖ-Chef Heinz-Christian-Strache spricht von „Systemmedienmanipulation“. Auch kritische Nachfragen in TV-Interviews bezeichnet er als „Hetzkampagne“ – gleichzeitig teilt er auf Facebook gerne Artikel von unzensuriert.at. Sein Parteikollege Norbert Hofer wiederum hält bei TV-Livesendungen Texte des Onlineportals in die Kamera. Den Fans suggeriert das: unzensuriert.at ist ein vertrauenswürdiges Medium.


Wer etwas an unzensuriert.at auszusetzen hat, übt automatisch „Meinungsdiktatur“ aus.

Die blaue Schlagseite von unzensuriert.at ist nicht weiter verwunderlich, wird das Portal doch von FPÖ-Mitarbeitern betrieben. Alexander Höferl, der das Kommunikationsbüro der Freiheitlichen leitet, und Walter Asperl, Referent im blauen Parlamentsklub, engagieren sich seit der Gründung bei dem Medium, das sich selbst als „polemisch und selbstverständlich parteilich“ bezeichnet. Das habe aber „nichts mit einer konkreten Partei und auch nichts mit rechts oder links zu tun“, meint Asperl auf profil-Anfrage. unzensuriert.at soll wie ein normales Nachrichtenportal wirken, unter dem Deckmantel scheinbarer Überparteilichkeit lassen sich freiheitliche Positionen viel glaubwürdiger unters Wahlvolk bringen.

Aus linguistischer Sicht betreibt unzensuriert.at politisches „Framing“. Dabei werden gezielt Worte benutzt, die einen Deutungsrahmen mitliefern. Der Begriff „Meinungsdiktatur“ ist gleich zweifach geschickt: Er erweckt den Eindruck, Sites wie unzensuriert.at würden politisch unterdrückt; die Meinungen Andersdenkender werden pauschal als Einheitsbrei abgetan. Zweitens schützt dieser „Frame“ vor jeglicher Kritik. Egal, wie weit das Portal die Grenzen des guten Geschmacks überschreitet: Wer etwas an unzensuriert.at auszusetzen hat, übt automatisch „Meinungsdiktatur“ aus.

Solche rhetorischen Tricks bestimmen auch die Integrationsdebatte, bei der unzensuriert.at vor der „unkontrollierten Einwanderung von Menschen aus humanistisch inkompatiblen Kulturen“ warnt. Das Portal prophezeit sogar den „Bevölkerungsaustausch“. Die renommierte Linguistin Elisabeth Wehling von der University of California in Berkeley spricht von einem „Verschwörungs-Frame“: „Austauschen bedeutet, dass ein Objekt komplett durch ein anderes ersetzt wird. Man tauscht Dinge aus, die schadhaft oder einem nicht genehm sind. Impliziert wird eine Abwertung der ‚alten’ Bevölkerung durch die Eliten und eine Aufwertung der ‚neuen’ Bevölkerung.“

Wie wirksam diese Stimmungsmache ist, belegen die Leserkommentare. Die unzensuriert.at-Nutzer wittern überall Verschwörung – besonders vor dem Wahltag. Weil die Kugelschreiber in der Wahlkabine manipuliert sein könnten, raten sie: „Bei der Stimmabgabe bitte einen FILZ-Stift verwenden!“

Und was, wenn Hofer trotz Filzstift nicht Präsident werden sollte? Es wird sich ein Sündenbock finden.