Wie ein bosnischer Vater gegen die Radikalisierung seiner Kinder kämpft

Selman Murat: „Gleich schlägt sie Alarm, wir sollten gehen“

Selman Murat: „Gleich schlägt sie Alarm, wir sollten gehen“

Ein Bosnier fand in Wien den Weg zum Glauben. Nun muss er seine eigenen Kinder vor islamistischer Radikalisierung bewahren.

Es nieselt. Eine ältere Frau mit Kopftuch schleppt sich mit einer Einkaufstasche die Murlingengasse entlang. Sonst ist niemand zu sehen. Selman Murat*, 39, tänzelt wie ein nervöser Boxer. „Gleich schlägt sie Alarm, wir sollten gehen“, warnt er, als eine hölzerne Eingangstür hinter der leicht gebeugten Gestalt ins Schloss fällt. Von außen wirkt die Tewhid-Moschee in Wien-Meidling wie ein Wohnhaus. Im obersten Stockwerk ist ein Fenster angelehnt. Der Imam habe sich mit seinen acht Kindern unter dem Dach ausgebreitet, sagt Murat mit einem hastigen Blick über die Schulter. Er habe lange genug in dem Haus gebetet, um zu wissen, was man hier von Journalisten und Fotografen hält: „Man hasst euch. Der Imam verbietet es, mit der Presse zu reden.“

Ausgerechnet das verteufelte Licht der Öffentlichkeit sucht der gebürtige Bosnier nun. Seine Geschichte ist schwierig zu erzählen. Sie handelt von einem Vater, der seine Töchter in ein islamistisches Milieu abgleiten sieht und sich allein gelassen fühlt, als er Hilfe zu holen versucht. Es geht um Gefahren, die enorm sind, aber schwer zu fassen. Wo genau beginnt Radikalisierung? Und die Geschichte beginnt mit einem Scheidungskrieg, in dem sich jede Seite mit Behauptungen ins Recht setzt, die kaum zu überprüfen sind.

Selman Murat wird 1975 als Sohn eines bosnischen Polizeijuristen geboren. 1992, als der Krieg ausbricht, übersiedelt die Familie nach Wien, wo sie sich mit einer Pizzeria über Wasser hält. Die Hoffnung des Buben auf eine Karriere als Profi-Fußballer zerplatzt. Murat sucht Trost im Glauben. Er hört auf zu rauchen und zu trinken, vertieft sich in den Koran, und als es Zeit ist zu heiraten, fährt er nach Bosnien und sucht sich eine unberührte Braut aus Bugojno, die bereit ist, ein gläubiges Leben mit ihm zu teilen.


Die ultraorthodoxe Welt, die auch einmal seine war, wird Murat zusehends fremd.

Die Ehe scheitert. Ihr Mann sei „sehr streng“ gewesen, sie habe Angst vor ihm gehabt, sagt die heute 30-Jährige. Selman Murat erzählt, seine Ex-Frau habe im Krieg Gräuel miterlebt und Angehörige verloren: „Vielleicht hat sie das radikalisiert.“ Die drei gemeinsamen Töchter, 6, 10 und 11, pendeln zwischen den Elternteilen. Eines Tages schleudert die Älteste dem Vater ins Gesicht, ein „Kjafir“ zu sein. Der neue Lebensgefährte der Mutter hatte ihr das Wort, mit dem radikale Salafisten Ungläubige abstempeln, ins Ohr gesetzt, aus Ärger darüber, dass der Vater wegen der Obsorge vor Gericht gegangen war: „Er akzeptiert nur die Scharia.“ Der Gedanke, der Neue an der Seite seiner Ex-Frau könnte seinen Kindern in täglichen, kleinen Dosen das Gift des Extremismus verabreichen, lässt den Vater nicht mehr los. Er vertraut sich dem Imam an und erntet Schulterzucken: „Lass Gott im Jenseits richten.“

Zwei Monate später stellt der Stiefvater ihn nach dem Freitagsgebet in der Moschee: „Lass meine Frau in Ruhe!“ Auf der Straße beginnen die Männer zu raufen. Murat sagt, er habe sich nur gewehrt, und will das mit den Aufzeichnungen der Überwachungskamera beweisen. Der Obmann der Moschee jedoch habe ihn abblitzen lassen: „Das regeln wir intern.“ Keiner der Augenzeugen ist bereit, bei der Polizei auszusagen.

Die ultraorthodoxe Welt, die auch einmal seine war, wird Murat zusehends fremd. Er schreibt an das Familiengericht. Die erste von inzwischen fünf Richterinnen bezweifelt, dass der Einfluss des Stiefvaters für eine Radikalisierung ausreicht. Der Vater, der das zynische Spiel der Hassprediger mit den Grenzen des Strafrechts zur Genüge kennt, berichtet dem Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung von seinem Verdacht. Der Stiefvater baut in Serbien ein Haus. Was, wenn er mit den Kindern dorthin zieht? Oder nach Syrien?


Vielleicht macht er in seiner Not den Eindruck eines Mannes, der Bedrohungen übertreibt, um seiner Ex-Frau zu schaden.

Er alarmiert außerdem die Kinder- und Jugendanwaltschaft, die Schule, das Jugendamt, holt Rat bei Deradikalisierungsfachleuten. Und immer wieder schreibt er an das Familiengericht. Vielleicht macht er in seiner Not den Eindruck eines Mannes, der Bedrohungen übertreibt, um seiner Ex-Frau zu schaden. Jedenfalls fühlt er sich im Stich gelassen. Ihm sei klar geworden, dass er Beweise liefern müsse, sagt Murat. Nächtelang hält er sich mit Kaffee vor dem Computer wach, chattet mit Radikalen, sichert verhetzende Postings. Der Stiefvater stellt Bilder ins Internet, die ihn vor der Moschee im zentralbosnischen Bugojno zeigen, wo 2010 bei einem Anschlag von Islamisten ein Polizist getötet und ein anderer schwer verletzt wurde. Selman Murat fährt sogar nach Slowenien und Bosnien, um islamistischen Verbindungen vor Ort nachzugehen. Immer tiefer taucht er in die Welt der mörderischen Ideologen ein.

In der Murlingengasse und in einer Moschee in Wien-Neubau hatte Murat mitangesehen, wie ein normaler Junge namens Mirsad O. sich nach 2001 allmählich in den Hassprediger Ebu Temja verwandelte. Der Bosnier steht derzeit in Graz vor Gericht. Er kennt den Dschihadisten Mohamed Mahmoud aus der Murlingengasse, auch Firas Abdullah hat er hier schon gesehen. Wenn Murat die Jahre zurückspult, sieht er sich selbst auf einem schmalen Grat wandeln. Was hatte ihn vor dem Extremismus bewahrt? „Ich habe gearbeitet und mich weiterentwickelt, ich habe keine Sozialhilfe abgezockt und keine Dschihad-Bücher gelesen“, sagt er. War es Zufall? Glück?

Nach einem Treffen von Hasspredigern in Wien im Oktober 2013 rückt die Polizei zu einer Razzia in der Moschee der Radikalen in Wien-Leopoldstadt an. Auf dem profil vorliegenden Video, das Firas Abdullah auf Facebook hochgeladen hat, ist Ebu Temja zu sehen. Männer im Outfit von Salafisten halten ihre Kameras dicht vor die Gesichter von Polizisten und Fotografen. „Ich merke mir deines, weil es so schön ist, für später, wenn das Kalifat kommt“, hört man. Ein Mann dreht vor der Kamera auf: „Unsere Brüder in Syrien, wir lassen euch nicht im Stich. Seht, wie diese Kufar uns bekämpfen. Die werden alle in der Hölle brennen. Mit zehn Streifenwagen sind sie gekommen.“ Die Beamten bleiben ruhig.


Immer wieder beobachtet Selman Murat IS-Anhänger, die sich in Moscheen schleichen.

Die islamistische Szene gerät zusehends unter Druck. Der bosnische Vater bekommt eine Broschüre in die Finger, die in Wiener Salafistenkreisen unter der Hand kursiert. Darin erklärt der Al-Kaida-Vordenker Shaykh Anwar al-Awlaki, warum es in Ordnung sei, Ungläubige zu bestehlen und ihnen sogar das Leben zu nehmen. Immer wieder beobachtet Selman Murat IS-Anhänger, die sich in Moscheen schleichen, stets auf der Jagd nach verlorenen Seelen, die für den Dschihad ansprechbar sind. Und er findet heraus, dass der Stiefvater mit einem slowenischen Schengen-Visum über Deutschland nach Österreich eingereist ist und von der Sozialhilfe und dem Kindergeld zehrt, das seine Ex-Frau bekommt. Die Beamten vom Verfassungsschutz stoßen auf eine Überweisung per Western Union an einen radikalen Imam im südserbischen Novi Pazar, in dessen Moschee sich gelegentlich auch der Stiefvater zum Gebet einfindet.

Selman Murat ist entsetzt, was seine Töchter ihm berichten: Der Älteren habe der Stiefvater mit der Peitsche gedroht, sollte sie das Gebet vernachlässigen. Er habe die Elfjährige das Video sehen lassen, in dem IS-Terroristen einen Piloten aus Jordanien bei lebendigem Leib anzünden. Und schließlich habe er noch gedroht, für sie und ihren Vater ein Kreuz zu kaufen, denn sie seien beide „ungläubig“. Seine Älteste spielte ihm auf dem Smartphone einen Tonmitschnitt vor. „Mama, er [der Stiefvater, Anm.] spricht nicht mit mir, weil ich mit dem Jugendamt gesprochen habe und deswegen eine Ungläubige bin“, ist das Mädchen darauf zu hören. Die Mutter erwidert auf Bosnisch: „Es ist nicht nur deswegen, sondern weil er Angst hat, dass du dem Papa erzählst, was du zu Hause hörst.“

Die Jüngste habe im Alter von fünf Jahren im Kindergarten gerufen: „Wir werden alle brennen, Allah wird uns bestrafen.“ Ihre Halbschwester setze öfter ein Kopftuch auf – sie ist drei. Auf Facebook postete der Stiefvater über einem Satz aus einer serbischen Zeitung („Die Kinder werden uns wild, wenn wir gesetzlich verbieten, sie zu schlagen“), in diesem Punkt sei er ausnahmsweise mit den Serben einer Meinung.

Murat sagt, er sei stolz darauf, nie ein „Sozialfall“ gewesen zu sein. Bei der Verlängerung der U1 nach Kagran habe er 30 Meter unter der Erde gearbeitet; dass er Arbeit scheue, könne man ihm nicht nachsagen. Über Facebook verfolgt er mit, wie Salafisten sich höhnisch dafür rechtfertigen, dass sie von Kindergeld, Wohnbeihilfe und staatlicher Unterstützung leben: Einmal erklären sie es zur legitimen „Kriegsbeute“, das nächste Mal zu einer Art „Wiedergutmachung“ dafür, dass der Kaiser in der österreichisch-ungarischen Monarchie die Schätze Bosniens geplündert habe.


Die Zeichen für Radikalisierung sind schwer zu lesen. Der Vater Selman Murat weiß selbst, wie fließend die Grenzen sind.

Murats Ex-Frau ist völlig entgeistert, als profil sie nach ihrer Sicht der Dinge fragt. Ihr geschiedener Mann habe „zwei Gesichter“, sagt sie; nichts von dem, was er behaupte, stimme. Weder zwinge sie ihre älteste Tochter zu beten und zu fasten, noch radikalisiere sie ihre Kinder. Das Geld an den Imam in Serbien hätten weder sie noch ihr Mann überwiesen. Dass in der Murlingengasse radikale Kreise verkehren, sei ihr nicht bekannt. Mit Ebu Tejma habe nicht nur ihr heutiger Mann, sondern auch Selmat Murat schon gebetet: „Eine Moschee ist wie eine Kirche für alle offen, man weiß nicht, wer neben einem ist.“ Sie denke, ihrem Mann gehe es nur ums Geld und er sei „psychisch krank“.

Die Zeichen für Radikalisierung sind schwer zu lesen. Der Vater Selman Murat weiß selbst, wie fließend die Grenzen sind. In der ultraorthodoxen Moschee in der Murlingengasse musste er sich vorhalten lassen, seine Hosen seien nicht kurz und sein Bart nicht voll genug für einen wahren Bruder im Glauben. In der Arbeit nützte er die Pausen zum Beten. Sein Chef habe gewusst, dass er religiös sei. Murat räumt ein, dass ein mit Sorgen beladener Vater sich zur Rettung seiner Kinder spektakuläre und rasche Maßnahmen erwarte.

Die Öffentlichkeit hechelt beim Thema Dschihadismus von einem hysterischen Anfall zum nächsten. Das setzt Familienrichterinnen, Sozialarbeiter, Schulpsychologen und Klassenlehrerinnen unter Druck. Allerorten fehlt es an Erfahrung und Wissen, wie mit den Risiken ideologischer Gehirnwäsche vernünftig umzugehen ist. Letztlich geht es um Beziehungsarbeit, den mühsamen Aufbau von Vertrauen, sagen Jugendarbeiter: Die Leidtragenden sind die Kinder, wenn sie auf einen unüberprüften Verdacht hin aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen werden.

Das sieht inzwischen auch Selman Murat ein. Eltern in seiner Lage rät er heute, „nicht auf Imame zu hören, für die Ämter, Psychologen und Richterinnen des Teufels sind, Geduld zu haben, immer wieder nachzufragen und niemals aufzugeben“. Er hofft, dass das Jugendamt demnächst den Hauptwohnsitz der Kinder zu ihm verlegt. Vor dem Sommer ist ihm bange. Schon einmal habe die Mutter den Behörden weiszumachen versucht, dass sie mit den Kindern nach Bosnien verreisen wolle. Wie Facebook-Postings hinterher zeigten, war sie in Wahrheit nach Mekka und Medina gefahren. Die Kinder dorthin mitzunehmen, war ihr auf Antrag des Vaters gerichtlich im letzten Moment untersagt worden. „Ich habe Angst, dass die Mädchen irgendwann nach Syrien verschwinden und ich sie nie wieder sehe.“

*Der Name ist der Redaktion bekannt, wurde aber zum Schutz der Kinder geändert.