Frauen-Netzwerk Digitalista: "Wir wollen, dass die digitale Zukunft auch weiblich ist"

Frauen-Netzwerk Digitalista: "Wir wollen, dass die digitale Zukunft auch weiblich ist"

Susanne Liechtenecker führt mit ihrem Mann das Digital Innovation Lab "Liechtenecker", gemeinsam mit anderen Frauen aus der Digitalbranche gründete sie das Karrierenetzwerk "Digitalista".

profil: Welche Vorteile kann die Digitalisierung vor allem Frauen bringen?
Liechtenecker: Ein Vorteil, der immer wieder genannt wird, ist die leichtere Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das sehe ich zum Teil auch so. Ich habe nach meiner eigenen Schwangerschaft erlebt, dass der Wiedereinstieg viel leichter ist. Weil man nicht wirklich "raus" muss. Gleichzeitig ist das auch ein Nachteil, weil man auch nicht mehr so leicht "raus" kann. Ich bin jetzt von der zeitlichen und örtlichen Flexibilität her viel freier und kann viele Dinge über mein Smartphone erledigen. Natürlich muss man dann aufpassen, dass man nicht permanent arbeitet, obwohl man gerne mehr Zeit mit seinem Kind verbringen würde. Auf jeden Fall ist es auch ein Vorteil für die Firmen, weil sie so wichtige Arbeitskräfte nicht verlieren. Es ist eine Win-win-Situation für beide. Ein weiterer Vorteil von Digitalisierung ist, dass vieles demokratischer wird, und jeder daran teilhaben kann. Ich glaube aber, dass Frauen diese Chance teilweise zu wenig ergreifen.


Auf jeden Fall ist es auch ein Vorteil für die Firmen, weil sie so wichtige Arbeitskräfte nicht verlieren

profil: Inwiefern?
Liechtenecker: Die Digitalisierung schafft neue Jobs, neue Services. Diese dürfen wir nicht nur den Männern überlassen. Es ist wichtig, dass Frauen sich dem annehmen und eine weibliche Perspektive hineinbringen. Und das ist leichter als je zuvor, selbst, wenn man das Know-how nicht hat. Es war noch nie so einfach, sich Kenntnisse selbst anzueignen, zum Beispiel online. Sei es jetzt Programmieren oder etwas ganz anderes. Das ist auch etwas, das wir der Digitalisierung zu verdanken haben. Start-ups bieten ebenfalls riesige Chancen für Frauen. Bei einem unserer Events hat der bekannte Business Angel Johann "Hansi" Hansmann etwas Interessantes gesagt: Er investiere zuerst in Teams, dann erst in die Idee. Und er investiere am liebsten in gemischte Teams. Er weiß, dass dieser Ausgleich für den Erfolg sehr wichtig ist. Diesen Aspekt sollten sich Männer und Frauen zu nutze machen.

profil: Warum sind Frauen hier zurückhaltender?
Liechtenecker: Natürlich gibt es gesellschaftliche Rollenprägungen, die leider noch immer stark präsent sind. Es ist eine große Aufgabe von Vereinen wie Digitalista, von der Gesellschaft selbst, sich dem anzunehmen. Der MINT-Bereich (Anm.: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) wird immer noch sehr schlecht verkauft. Es heißt ja immer, Frauen sind besser bei den Sprachen, beim Programmieren geht es aber genauso um die Kenntnisse einer Programmiersprache. Klar, die Konzepte dahinter sind mathematischer, dazu muss man einen Zugang finden. Man sagt auch, Frauen können gut Probleme lösen, um nichts anderes geht es in der Digitalisierung. Die ganze Bloggerszene ist weiblich geprägt, diese Fähigkeiten braucht es. Ich hasse zwar dieses Klischeedenken, aber so könnte man die MINT-Fächer besser verkaufen.

profil: Versuchen Unternehmen mittlerweile Frauen stärker in ihre Digitalisierungs-Initiativen einzubinden?
Liechtenecker: Das ist leider kaum sichtbar. Oft wird die Digitalisierung von der technischen Seite begonnen, die noch großteils männlich geprägt ist. In meinem Unternehmen versuchen wir bei Workshops Diversität herzustellen, um mehrere Perspektiven mitzunehmen. Firmenkulturen sollten meiner Meinung nach in Zukunft diverser sein. Und Digitalisierung ist eine Chance auf Diversität, die man ergreifen muss.


Digitalisierung ist eine Chance auf Diversität, die man ergreifen muss

profil: Was hat den Ausschlag gegeben, Digitalista zu gründen?
Liechtenecker: Wir Gründungsmitglieder haben uns davor schon immer wieder in informeller Runde getroffen und gemerkt, wir stoßen alle auf dieselben Problematiken in der Digitalbranche. Vielleicht geht es anderen auch so? Wir waren auf Konferenzen oft die einzigen weiblichen Speaker und fanden für unsere eigenen Events auch kaum weibliche Speaker. Bei Digitalista geht es uns nun darum, die Sichtbarkeit von Frauen in der Branche zu erhöhen. Und wir wollen sie vernetzen, damit sie sich untereinander helfen können. Aber wir wollen auch Männer einbeziehen, sie können bei uns ebenso Mitglied werden. Es gibt die gläserne Decke und die muss durchbrochen werden. In unserer Branche sind wir schon relativ ausgeglichen, was z.B. Gehalt betrifft, aber immer noch nicht ganz.

profil: Was sind die häufigsten Hindernisse für Frauen in der Digitalbranche?
Liechtenecker: Für viele ist es immer noch die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Viele sind mit diesem Thema schon befasst, lange bevor sie Kinder haben und manche bremsen schon ab, bevor diese "Wand" da ist. Männer haben das nicht, die bremsen nie. Frauen sollten auch Gas geben, solange es geht. Wenn es so weit ist, kann man sich immer noch überlegen, wie man das Ganze vereinbart. Hier müssen auch die Männer mehr Verantwortung übernehmen, denn die totale Vereinbarkeit reibt meist nur die Frau auf.


Männer haben das nicht, die bremsen nie

profil: Was würden Sie einer jungen Frau raten, die in der Digitalbranche Fuß fassen möchte?
Liechtenecker: Ich würde mir ansehen, welche Informationen und Kompetenzen gefragt sind, die mir auch Spaß machen und da dann immer dran bleiben. Und mitzugestalten und nicht vor neuen Rollen und Aufgaben zurückzuschrecken. Man sollte die Chance ergreifen und diese Rollen für einen selbst gestalten. Diese Gestaltung aus der weiblichen Perspektive braucht es auch. Frauen müssen sagen: Wir wollen, dass die digitale Zukunft auch weiblich ist. Auch Männer haben hier eine Verantwortung. Die Zukunft muss zusammen gestaltet werden.