Automatenverband: Die Loge der Zocker

Ein Glücksspiel-Automat wird eingeschrottet.

Ein Glücksspiel-Automat wird eingeschrottet.

Aus dem Inneren einer bizarren Vereinigung: Der Automatenverband vertritt mit Verve die Interessen Dutzender Glücksspielanbieter, die eigentlich gar nicht mehr im Geschäft sind - weil sie über keinerlei Konzessionen verfügen.

Viele Freunde hat er nicht. Helmut Kafka legt sich mit jedem an, der sich erdreistet, der Glücksspielwirtschaft in die Parade zu fahren. "Ignoranten“, "Heuchler“ und "Verbots-Lobbyisten“ heißt er seine Gegner. Kafka, der da so giftet, führt Österreichs nunmehr bizarrste Interessensvertretung an: den österreichischen Automatenverband, eine Vereinigung von Glücksspielbetreibern - offiziell.

Tatsächlich tummeln sich im Verband zu Dutzenden Unternehmer, die über keinerlei Berechtigung mehr verfügen, Glücksspielautomaten aufzustellen und zu betreiben. Denn in Wien, Salzburg, Tirol und Vorarlberg ist der Betrieb von derlei Geräten mittlerweile gänzlich verboten, in den übrigen fünf Bundesländern wurden in den letzten Jahren Lizenzen an maximal drei Unternehmen vergeben - etwa an die Novomatic-Gruppe, die großen Wert darauf legt, dem Automatenverband nicht anzugehören. Mit Jahreswechsel 2015/2016 ist nun auch in der Steiermark die Übergangsfrist für den Betrieb von Glücksspielgeräten ausgelaufen, kleine Betreiber müssen ihre Geräte abmontieren.

Sohin ist der Automatenverband die letzte verbliebene Bastion jener Unternehmer, die sich vom Staat übervorteilt fühlen und gegen das verschärfte Glücksspielgesetz opponieren. Darunter finden sich auch etliche Charaktere, die sich dem Verbot nicht beugen und bis heute versuchen, Automatenglücksspiel ohne Konzession und damit in der Illegalität feilzubieten. Kurzum: Der Verband, ein eingetragener Verein, dient als Plattform, um einen offiziellen Anschein zu wahren; gleichsam als Sprachrohr derer, die rechtliche Rahmenbedingungen nicht immer ganz so genau nehmen.

Pressemitteilungen in ruppigem Tonfall

1958 wurde der Automatenverband in Wien gegründet, in der Blütezeit zählte er über 1000 Mitglieder. Waren im letzten Jahr noch knapp über 100 Unternehmer beteiligt, so kommt die Vereinigung aktuell auf 80 Mitglieder, Tendenz sinkend. Trotz fehlender Geschäftsgrundlage müssen Vereinsmitglieder jährlich bis zu 1600 Euro an Mitgliedsbeiträgen berappen, je nach Betriebsgröße. Verblieben ist deshalb nur mehr der harte Kern, der noch von den goldenen Zeiten zehrt und bereit ist, den Rechtsweg zu beschreiten, bis hinauf zum Europäischen Gerichtshof. Auf Seminaren und im Hinterzimmer beraten sie, mit welchen juristischen Finessen gegen die Behörden vorzugehen sei, Pressemitteilungen im ruppigen Tonfall kennzeichnen die Öffentlichkeitsarbeit. Helmut Kafka, graue Mähne, stets adrett gekleidet, ist Präsident und Pressesprecher in Personalunion. Wer ihm länger zuhört, könnte beinahe den Eindruck gewinnen, alle Welt habe sich gegen ihn und seine Protegés verschworen.

Da ist etwa die Finanzpolizei, zuständig für die Prüfung und Beschlagnahmung illegaler Geräte, und damit so etwas wie der natürliche Fressfeind des Automatenverbandes. In internen Mails des Vereins wird die verhasste Behörde stets unter Anführungszeichen gesetzt, um ihre Legitimation infrage zu stellen. Kafka kann sich richtiggehend in Rage gegen die Finanzpolizisten reden, deren Kontrollen bei illegalen Automatenbetreibern beschreibt er so: "Die stürmen rein und behandeln die Leute wie Schwerstverbrecher.“ Wilfried Lehner, der Finanzpolizeichef, würde seine Mitarbeiter nach Auffassung Kafkas "am liebsten bewaffnen“. Denn dann würden sie beim Zugriff "in die Decke schießen und ‚Hände hoch‘ schreien“.

In der Tat erfordert die finanzpolizeiliche Praxis mitunter Brechstangen, Vorschlaghämmer und Eisenbohrer. Es ist dies die Reaktion auf illegale Automatenaufsteller, die ihre Salons hinter verschlossenen Türen verstecken und nur bekannten Spielern Zutritt gewähren, oder auf solche, die ihre Spielgeräte einbetonieren. Finanzpolizeichef Lehner skizzierte bereits vor einem Jahr gegenüber profil ein düsteres Bild der Glücksspielbetreiber: "Diese Leute sind nicht zimperlich. Dagegen läuft der Rotlicht-Bereich geradezu problemlos.“

Helmut Kafka hat noch weitere Anschuldigungen auf Lager, diesmal juristischer Natur. Weil die Stadt Wien - sie verbot das "kleine Glücksspiel mit Ende 2014 - konfiszierte Automaten nach Abschluss des Verfahrens verschrottet, beruft sich Kafka auf EU-Recht, das eine umweltverträgliche Entsorgung elektronischer Geräte vorsieht. Laut Kafka wäre es am besten, die Stadt verkaufe die Automaten nach der Beschlagnahmung einfach wieder: "Da käme auch Geld herein.“ Dass die illegalen Aufsteller ihre Geräte über diesen Weg kostengünstig wiedererwerben könnten, sagt er nicht dazu.

Vergleiche mit Prohibitions-Zeit

Ganz so unschuldig gibt sich Kafka aber nicht immer, vor allem dann nicht, wenn er gegen den Finanzpolizeichef selbst ausrückt, dessen Lebenslauf er auswendig herunterbeten kann: "Lehner hasst Glücksspiel wie die Pest, der will das vernichten.“ Und er wartet mit einem interessanten Vergleich auf: Der oberste Finanzkontrolleur spiele sich auf, als sei er Eliot Ness, der berüchtigte US-amerikanische Prohibitionsagent, der gegen den damals verbotenen Alkoholhandel des Mafiosos Al Capone in Chicago vorging: "Damals wurden mit dem Vorschlaghammer die Alkoholfässer zerschlagen, heute werden öffentlichkeitswirksam die Automaten zerschlagen“, findet Kafka.

Der Automatenverband und seine Mitglieder beschäftigen eine Armada an Advokaten, die tief in den Rechtsvorschriften wühlten und nun die Auffassung vertreten, Österreichs Glücksspielgesetz widerspreche Europarecht, weil in neun Bundesländern unterschiedliche Regelungen gelten und damit "Inkohärenz“ herrsche, wie Kafka es nennt, also kein einheitlicher Glücksspielmarkt vorliege. Doch selbst wenn die Gerichte dieser Auslegung folgten, könnte der nationale Gesetzgeber nachschärfen. Dass die kleinen Automatenaufsteller ihrem Geschäft in absehbarer Zeit wieder legal nachgehen können, ist de facto ausgeschlossen. Man kann dies als Lobbyingerfolg der beiden großen Player, Casinos Austria und Novomatic werten, die sich unliebsamer Konkurrenten entledigten. Man kann darin aber auch eine notwendige Regulierung des Glücksspielmarktes sehen, wie es etwa Andreas Kreutzer tut, der eine gut gebuchte Consultingfirma führt: "In so einem sensiblen Bereich brauche ich einen transparenten Markt, das geht einfach nicht, wenn ich mehrere hundert Anbieter habe.“

Spielerschutz steht im Fokus der Gesetzgebung. Alle Automaten müssen ans Bundesrechenzentrum angeschlossen werden, die Finanz kann so die Abrechnung nachvollziehen und illegale Geräte leichter identifizieren. Spieler müssen sich registrieren, ihr Spielverhalten wird aufgezeichnet - bei übertriebenem Zocken droht die Sperre. Derlei Schutzmaßnahmen sind in kleinen Gaststätten kaum realisierbar.

Auf Kriegsfuß mit Spielsuchtforschern

Freilich, der Automatenverband ist da anderer Meinung: Der Öffentlichkeit werde "skrupellos vorgegaukelt“, Beschränkungen bewirkten etwas beim Spielerschutz. Nicht weiter verwunderlich, dass Kafka und Konsorten auch mit Spielsuchtforschern auf Kriegsfuß stehen. Als sich der angesehene deutsche Psychologe und Suchtforscher Gerhard Meyer erlaubte, das Wiener Glücksspielverbot, es gilt seit 2015, zu goutieren, weil seiner Meinung nach "Automaten die Spielform mit dem höchstem Sucht- und Gefährdungspotenzial sind“, wurde er harsch zurechtgewiesen. "Spielsucht-Meyer“, wie er vom Automatenverband wenig schmeichelhaft genannt wird, sei dafür bekannt, "höchst ungeniert die Realität zu ignorieren“ und "Sachen zu erfinden“. Belegt wird dies mit keiner Silbe. Wozu auch.

Es gibt kaum einen Konflikt, den der Automatenverband scheuen würde, wobei die Argumentationslinie zumeist abenteuerlich anmutet. Umso mehr verwundert es, dass sich die Vereinigung bis heute der Unterstützung durch Teile der Wirtschaftskammer sicher sein kann. Die Fachgruppe Tourismus und Freizeitbetriebe in der Kammer, der die Automatenbetreiber zugeordnet sind, stellt Seminarräumlichkeiten zur Verfügung und zahlt Buffets - für Vorträge mit pikanten Titeln wie: "Finanzpolizei - Rechtsbrecher unterwegs?“ Kafka ist zudem als Experte in diversen Kammerbeiräten vertreten und sichert so seine Reputation. Auf höherer Ebene hat die Wirtschaftskammer das Glücksspielgesetz allerdings mitverhandelt - und spricht von einem "ausgewogenen Kompromiss“.

Es dürfte nicht unschwer sein zu erahnen, wer das anders sieht.