Facultas: ÖH-Buchverlag zahlte Vorstand fast 500.000 Euro Gehalt

Beim ÖH-Buchverlag Facultas gehen Gewinn und Umsatz kontinuierlich zurück. Alleinvorstand Thomas Stauffer aber ließ sich seine Bezüge auf mehr als 458.000 Euro verdoppeln.

„Verbrecherpartie!!!“ schreit es aus einem Poster heraus. „Raubritter!“ aus einem anderen. „Unglaublich, dass sich die das Geld überhaupt nehmen trauen. Das spricht wirklich für einen gesunden Charakter“, ergänzt ein weiterer.

„Unmoralisch hohe Gehälter”
Online-Foren österreichischer Medien sind selten Hort formvollendeter Höflichkeit, respektvollen Umgangs oder gar analytischer Diskussionen. Relativ emotionsfreie Kommentare wie „je prekärer und rücksichtsloser Subsubsub-Arbeitsverhältnisse gestaltet werden, desto üppiger fließen die Managerboni“ gehen da leicht unter. Denn wenn es um Managergehälter geht, wird der Ton besonders rüde: „Drecksgsindl! Beim Kleinen sparen und kontrollieren und bei staatsnahen Betrieben nicht abspecken. Zum Kotzen, diese Politikergfraster-Kaste.“ Manch einer fordert sogar Gefängnis: „Diese Typen, die sich unmoralisch hohe Gehälter auszahlen lassen, gehören verurteilt und inhaftiert“. Auf Basis welcher gesetzlichen Grundlage bleibt jedoch offen.

Alle zwei Jahre schwappt diese Welle der Empörung hoch. Immer dann, wenn der Rechnungshof seinen Einkommensbericht über die Gagen von Vorständen und Geschäftsführern in staatlichen und staatsnahen Unternehmen veröffentlicht. Dieser lässt bei Lesern im ganzen Land den Puls rasen. Zuletzt geschehen kurz vor Weihnachten.

Spitzenverdiener
Die Wut der Bürger und die Berichterstattung der Medien konzentrierten sich vor allem auf die Topplatzierten im Ranking der Spitzenverdiener: Die Vorstände der Österreichischen Post, des Energieversorgers Verbund und der ÖBB-Tochter Rail Cargo Austria. Ärger erregten auch die Managerbezüge der Pleitebanken Hypo Alpe-Adria, Kommunalkredit/KA Finanz.

Alleinvorstand Stauffer: Bruttoeinkommen von 458.600 Euro
Völlig unbeachtet blieb jedoch ein Unternehmen, welches außerhalb des Universitäts- und Wissenschaftsbetriebes kaum jemanden ein Begriff ist: Die Facultas Verlags- und Buchhandels AG. Alleinvorstand Thomas Stauffer bezog, laut Erhebung des Rechnungshofes, im Jahr 2012 ein Bruttoeinkommen von 458.600 Euro. Damit reiht er sich auf Platz 7 der einschlägigen Bestverdiener. In Relation zu den 866.400 Euro Durchschnittseinkommen der Postvorstände: armer Schlucker. Im Vergleich zum Bundeskanzler: Krösus. Faymanns Gehalt von 285.600 Euro toppt Stauffer um über 60 Prozent.

„Wir melden uns“
Ein öffentliches, laut Statut zur Gemeinnützigkeit verpflichtetes Unternehmen, das derart hohe Bezüge auszahlen kann, medial aber völlig unterbelichtet ist, weckt Interesse. Nach den Weihnachtsfeiertagen ersuchte profil um einen Gesprächstermin. Er wurde umstandslos gewährt. Doch das drei Wochen später angesetzte Interview wurde kurzfristig wieder abgesagt. Wann man das nachholen könne? „Wir melden uns“, ließ Stauffer ausrichten. Über die Beweggründe kann nur gemutmaßt werden. profil bat schließlich nicht um ein Vorstellungsgespräch, sondern um Informationen zu einem Unternehmen, das je zur Hälfte der Hochschülerschaft (ÖH) der Universität Wien und der ÖH der Wirtschaftsuniversität Wien gehört. Gemeinsam vertreten sie die Interessen von über 110.000 Studierenden.

Viertgrößte Buchhändler Österreichs
Mitte der 1970er-Jahre startete der Betrieb als von Studenten geleiteter Copyshop. Anfang der 1990er-Jahre stellte man das Projekt auf professionellere Beine und gründete mehrere Gesellschaften mit beschränkter Haftung. Stauffer war schon damals an Bord. 2001 wurden die einzelnen Unternehmen zur Aktiengesellschaft fusioniert. Der 53-Jährige fungiert seither als Vorstand. Dank seiner Expansionsstrategie ist Facultas gemessen am Umsatz nach Thalia, Libro und Morawa heute der viertgrößte Buchhändler Österreichs.

Umsatz von 20,4 Millionen Euro
Ein Blick in die Bücher macht Staunen. 2010 erzielte die Facultas AG einen Umsatz von 20,4 Millionen Euro. Im Jahr 2012 waren es nur noch 18,3 Millionen. Im selben Zeitraum brach der Gewinn dramatisch ein: von knapp 1,1 Millionen auf 403.000 Euro. Die Entwicklung von Stauffers Bezügen steht diesen Kennzahlen diametral entgegen. 209.300 Euro waren es im Jahr 2010. Seither haben sie sich mehr als verdoppelt.

Wie erklären sich diese enormen Gehaltssprünge? Welche Voraussetzungen gelten für Bonuszahlungen, wollte profil von Stauffer wissen. Reaktion: keine.

Nicht viel auskunftsfreudiger der Aufsichtsrat: „Das Gehalt setzt sich aus einem Grundgehalt und einer Gewinnbeteiligung für alle Gesellschaften der Facultas AG zusammen. Im Kalenderjahr 2012 gab es eine Nachzahlung für das Ende Juli 2011 endende Wirtschaftsjahr. Dies ist der Grund für die von Ihnen herausgearbeiteten Unterschiede“, erklärt Aufsichtsratschef Georg Klöckler.

Der Facultas gehört unter anderen die deutsche medizinische Versandbuchhandlung Rothacker. Sie hält zwei Drittel an der Facultas Dombuchhandelsgesellschaft, die sechs Filialen in Wien und Niederösterreich betreibt. Und sie ist Gesellschafterin der UTB, einer Gemeinschaft von 15 auf Studienliteratur spezialisierten Verlagen im deutschsprachigen Raum. Doch auch deren Erfolgskurve zeigt steil nach unten. Gewinn 2010: 1,1 Millionen Euro. 2011: 888.000 Euro. 2012: 637.000 Euro. Eine Verdoppelung des Einkommens dürften diese Zahlen nicht rechtfertigen.

Und was halten die Eigentümer davon? Die ÖH wird mit einer Gewinnausschüttung von jährlich 70.000 Euro abgespeist. Damit finanziert sie Rabatte auf Kopierkarten. Mehr kommt den Studierenden vom Facultas-Profit nicht zugute.

Die ÖH entsendet mehrere Vertreter in den Aufsichtsrat, die in dieser Funktion über die Bezüge des Vorstands entscheiden (unter ihnen auch der bestens in der ÖVP vernetzte Wiener Rechtsanwalt Werner Suppan). Chiara Werner-Tutschku, Vorsitzende der ÖH an der WU Wien teilt mit, sie wäre in den nächsten Wochen „ziemlich ausgebucht“. Ein kurzes Gespräch ist offenbar nicht drin. Lucia Grabetz, Cathy Schneider und Stephanie Marx – die drei Vorsitzenden der ÖH Uni Wien (jener Körperschaft die vor zwei Jahren mit dem Studentenbeisl „Café Rosa“ eine halbe Million Euro in den Sand setzte) – ziehen es überhaupt vor, eine entsprechende Anfrage zu ignorieren. Sie dürften noch mit dem Nachhall des Wiener Akademikerballs beschäftigt sein.