Das Wiener Bauprojekt Krankenhaus Nord gerät aus den Fugen

Das Wiener Bauprojekt Krankenhaus Nord gerät aus den Fugen

Schwere "Systemfehler“, unausgereifte Planung, offener Streit: Ein Briefwechsel zwischen dem Wiener Krankenanstaltenverbund und neun Bauunternehmen offenbart chaotische Zustände beim Neubau des Krankenhauses Nord. Auf Wiens zweitgrößter Baustelle drohen "laufende Mehrkosten“, der Eröffnungstermin ist völlig ungewiss.

Selten wurde ein Bauprojekt schon vor der Fertigstellung so hochgelobt, wie das Krankenhaus Wien Nord. Ein "Wohlfühlspital“ mit "healing garden“ soll es werden. Die modernste Gesundheitseinrichtung Europas, um die Österreich weltweit beneidet werde. Ein "Kempinski“, in dem Patienten wie Gäste in einem Hotel, ein- und auschecken können. Auf dem 111.000 Quadratmeter großen Areal seien 785 Krankenbetten geplant. Rund 250.000 Ambulanzbesuche und 17.000 Operationen sollen in dem Megaspital jährlich administriert werden. Abseits der medizinischen Versorgung werde das Krankenhaus zudem die Wirtschaft ankurbeln. "Wir investieren uns aus der Krise heraus“, schwärmte Wiens Bürgermeister, Michael Häupl, bei der Grundsteinlegung des Rohbaus in der Brünner Straße vor mehr als zwei Jahren.

Doch die Investition entwickelt sich seitdem äußerst ungünstig. Nichts läuft mehr wie geplant. Auf Wiens zweitgrößter Baustelle tobt seit Monaten ein offener Streit zwischen dem Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) als Bauherren und neun ausführenden Baufirmen.

Häupl und Wehsely warnen

Das Verhältnis der Konfliktparteien ist mittlerweile derart zerrüttet, dass sich die Haustechnik- und Elektrounternehmen neuerdings direkt an die Eigentümervertreter des KAV wenden: Bürgermeister Michael Häupl und die Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely. In einem Brief, der profil vorliegt, warnen die Firmen auf drei A4-Seiten vor "laufenden Mehrkosten“ beim Bauvorhaben Krankenhaus Nord. Auslöser: "schwere Systemfehler“ und ein "unrealistischer Terminplan“.

Seit der KAV die ersten Entwürfe für die Bettenburg in Floridsdorf präsentierte, steht der Dachverband der meisten Krankenhäuser und Pflegeheime Wiens in der Kritik. Ursprünglich kalkulierte die ausgelagerte Gesellschaft im Eigentum der Bundeshauptstadt für das Krankenhaus Nord mit Gesamtkosten von 300 Millionen Euro. Weil sich die Bettenanzahl auf 785 verdoppelte, stiegen die projektierten Aufwendungen auf 825 Millionen Euro. Mittlerweile ist von 954 Millionen Euro die Rede, was der KAV mit der "Inflation“ begründet.

Doch das dürfte noch nicht alles sein.

Bei Österreichs derzeit größtem Hochbauvorhaben drohen Kosten und Zeitplan aus dem Ruder zu laufen. Denn in Folge von Bauzeitverzögerungen stapeln sich beim KAV bereits die ersten Mehrkostenforderungen.

Das Schreiben der Auftragnehmer (Bacon Gebäudetechnik, Caliqua Anlagentechnik, Cofely Gebäudetechnik, Elin, Herbsthofer, LSG Building Solutions, Ortner, Stolz, Wieselthaler) vom 19. März dieses Jahres offenbart chaotische Zustände. Es sei mittlerweile ein "offenes Geheimnis“, dass die Projektbeteiligten auch untereinander nicht einer Meinung sind. Die finanzielle Belastung der Unternehmen sei "dramatisch“, ja sogar "existenzbedrohend“. Wenn der KAV die "Warnungen“ und "Hinweise“ nicht ernst nehme, habe er "für die Folgen einzustehen“, schreiben die Unternehmen.

KAV lässt sich "nicht erpressen"

Im Krankenanstaltenverbund wird das als unverhohlene Drohung aufgefasst. Das Konsortium habe in Österreich eine marktbeherrschende Stellung und würde versuchen, aus der im Oktober anstehenden Wiener Gemeinderatswahl Kapital zu schlagen, so ein KAV-Aufsichtsrat. Nachsatz: Erpressen lasse sich der KAV sicher nicht.

Im Hintergrund beschäftigt die Causa bereits Anwaltskanzleien. Schon vor einem Jahr hatten die gleichen Elektro- und Haustechnikunternehmen, die jetzt vor weiteren Mehrkosten warnen, per Gerichtsbeschluss die Daten des Projektservers sichern lassen, um sich für etwaige Prozesse mit Beweisen auszurüsten. Ein Novum. Offenbar rechneten die Firmen bereits zu dieser Zeit mit Bauzeitverzögerungen und ausufernden Kosten. Schuld daran sei der KAV, weshalb sich die Firmen "das nicht umhängen lassen wollen“, wie ein Beteiligter damals der Tageszeitung "Die Presse“ erklärte.

Im aktuellen Briefwechsel monieren die neun Unternehmen nun, dass ein Bauvorhaben dieser Größenordnung "üblicherweise anders organisiert“ werde. Demnach sei die gesamte Projektabwicklung vom Krankenhaus Nord nicht, wie bei einem Vorhaben dieser Größenordnung üblich, an einen Generalplaner und in der Folge an einen Generalunternehmer übergeben worden. Generalplaner und -Unternehmer verantworten ein Projekt von der Ausschreibung bis zur Fertigstellung - das hat allerdings seinen Preis. Um Kosten zu sparen, hatte der KAV sich dazu entschieden, diese Aufgabe selbst zu übernehmen und damit Hunderte einzelne Gewerke auszuschreiben. Ein teurer Fehler, wie es mittlerweile selbst aus dem Umfeld des KAV-Aufsichtsrats heißt. Ein Fehler, den seinerzeit auch die Flughafen Wien AG gemacht hatte. Was den Bau des "Skylink“-Terminals massiv verteuerte (profil berichtete ausführlich).

"In Wahrheit rechnet sich der Generalunternehmerzuschlag bei Weitem, denn die Mehrkosten, die durch eine gesplittete Vergabe entstehen, sind erfahrungsgemäß bedeutend höher“, erklärt Hans Georg Jodl, Professor für Bauprozessmanagement an der TU Wien.

"Zu viel Hektik und Druck"

Korrigieren lässt sich dieses Grundproblem ohnehin nicht mehr. Bau-Experte Jodl kritisiert die Politik auch in einem anderen Kontext. Denn der Großteil aller Fehler habe seine Wurzel "in einer Planung, die unter zu viel Hektik und Druck passiert“. Der KAV verweist darauf, dass vor allem die Insolvenz der beauftragten Fassadenfirma sowie Statikpläne, die nachträglich korrigiert werden mussten, zu Verzögerungen geführt hätten. Jodl gesteht dem KAV zu, dass ein Projekt dieser Größenordnung nie ganz genau geplant werden könne. Geänderte Behörden-Auflagen oder der Konkurs einer beauftragten Firma seien tatsächlich unvorhersehbar.

Trotzdem war der Terminplan für das gesundheitspolitische Prestigeprojekt der Stadt Wien stets sehr eng bemessen. Ursprünglich sollte das Spital 2015 in den Teil- und im Juni 2016 in den Vollbetrieb gehen. Daraus wird aber nichts.

Vergangenes Monat gestand Gesundheitsstadträtin Wehsely im Gemeinderat erstmals offiziell ein, dass die Eröffnung erst 2017 erfolgen wird. Wann genau, ist aber völlig offen. Denn der aktuell gültige Vertragsterminplan sei überholt, wie die Baufirmen in ihrem Schreiben vom März betonen. Alle weiteren Vorschläge seitens des KAV lehnten die Unternehmen "mangels Brauchbarkeit“ ab.

Der KAV beteuert, dass aktuell an einem neuen Terminplan gefeilt werde, der spätestens im Sommer ausverhandelt sein soll. "Alle Beteiligten sind daran interessiert, dieses Projekt gut voranzubringen“, sagt Generaldirektor Udo Janßen. Die unterkühlte Stimmung zwischen den Projektpartnern dürfte in der Tat etwas auftauen. In einem weiteren Schreiben lassen die Baufirmen den KAV über ihre Anwaltskanzlei wissen, dass erste "positive Ergebnisse“ aus neuen Vereinbarungen spürbar seien. Doch die wirklichen Probleme dürften erst bevorstehen.

Aktuell wird eifrig am Innenausbau gewerkt - erfahrungsgemäß die fehleranfälligste Bauphase. Es drohen weitere Bauverzögerungen. Dabei hat jeder Terminverzug beim Krankenhaus Nord auch weitreichende finanzielle Folgen für andere KAV-Krankenhäuser. Denn sobald der Neubau fertiggestellt ist, sollen drei Spitals-Standorte und zwei Abteilungen andernorts aufgelassen werden und in das Krankenhaus Nord übersiedeln. Allein: Durch die verzögerte Inbetriebnahme des neuen Spitals müssen das Krankenhaus Floridsdorf, die Semmelweiß-Frauenklinik und das Orthopädische Krankenhaus in Gersthof sowie die Lungenabteilung des Otto-Wagner-Spitals und die Herzchirurgie aus Hietzing deutlich länger als geplant aufrechterhalten werden. Die Folge: zusätzlicher Aufwand.

Verzögerungen treiben Kosten in die Höhe

Das Spitalskonzept 2030 der Stadt Wien, dessen Herzstück die angedachte Zusammenlegung mehrerer Standorte ins Krankenhaus Nord ist, soll das Leistungsangebot verdichten und den KAV finanziell entlasten. Anstelle der zwölf bestehenden soll es im Endausbau nur mehr sieben KAV-Krankenhäuser in Wien geben. Doch vorerst treiben die Verzögerungen beim Krankenhaus Nord die Kosten des Konzepts in die Höhe. Immerhin: Die medizinische Versorgung in Wien sei unabhängig von Eröffnungsterminen gesichert, garantiert der KAV. Konkrete Zahlen zu den Mehrkosten will der Verband nicht nennen.

Unklar ist auch, wie der KAV die veranschlagten 954 Millionen Euro für den Neubau des Krankenhauses Nord auftreiben will. Die Finanzierung sei nur für 658,5 Millionen Euro gesichert, moniert der Stadtrechnungshof. Es bestünde ein ungeklärter Liquiditätsbedarf von 299,1 Millionen Euro, wobei eine "schriftliche Finanzierungsstrategie“ vonseiten des KAV "nicht vorgelegt werden konnte“. Weder KAV noch Gesundheitsstadträtin Wehsely konnten auf profil-Anfrage en detail erklären, woher jene 299,1 Millionen Euro kommen sollen, die zur Restfinanzierung des Spitals noch fehlen. Sollten nun weitere Kostenüberschreitungen hinzukommen, wird das Finanzierungsloch noch größer. Der KAV verweist diesbezüglich nur schwammig auf die Budgetmittel der Stadt Wien. Und Stadträtin Wehsely sagt lapidar, die Gesamtfinanzierung des Projekts sei "völlig außer Streit gestellt“.

Die Rathaus-Opposition ist über die intransparente Finanzierung empört und fürchtet beim Bauvorhaben Krankenhaus Nord gar eine Explosion der Kosten auf bis zu 1,5 Milliarden Euro. "Gerade in einem Wahljahr scheinen die Fakten weniger zu zählen als das politisches Kleingeld“, lässt KAV-Generaldirektor Janßen ausrichten. Es sei schade, dass in der politischen Auseinandersetzung so wenig über die "neuen Maßstäbe in der medizinischen und pflegerischen Versorgung gesprochen wird“, die das Krankenhaus Nord setzen werde. Vielleicht liegt das auch an den schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit. Zur Erinnerung: Das Wiener AKH wurde mit Errichtungskosten von einer Milliarde Schilling geplant. Erst etwa 40 Jahre nach dem Erstbeschluss konnte Europas größtes Spital eröffnet werden. Kostenpunkt: satte 45 Milliarden Schilling (ca. 3,3 Milliarden Euro).