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Gynäkologie: Eine neue Studie warnt vor Kaiserschnitt-Komplikationen

Gynäkologie. Eine neue Studie warnt vor Kaiserschnitt-Komplikationen

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Der 38-jährigen Wienerin Anna W. steigen heute noch die Tränen auf, wenn sie an den Kaiserschnitt vor sieben Jahren denkt. Eine vaginale Geburt war geplant gewesen. Doch ihr Gynäkologe entschied, nachdem sie 22 Stunden in den Wehen gelegen war, zur Geburt per Kaiserschnitt. „Ich war darauf nicht vorbereitet und finde, dass jede werdende Mutter besser informiert werden muss“, sagt die Wienerin. Da sie eine Vollnarkose benötigte, bekam sie nichts vom Geburtsvorgang mit, obwohl sie gerne „den ersten Schrei ihres Sohnes“ gehört hätte. Nachträglich ist Anna W. überzeugt, dass der Arzt noch länger zuwarten hätte können, schließlich habe es keine Anzeichen für einen Notfall gegeben. „Aber vielleicht lag es ja daran, dass gerade Sonntag war und er schneller nach Hause wollte“, sagt die Frau verärgert.

Tatsächlich kritisiert sogar mancher Gynäkologe, dass der eine oder andere Kollege aus Bequemlichkeit oder übertriebener Angst vor rechtlichen Konsequenzen Kinder künstlich auf die Welt hole. Die Rate der Kaiserschnitte, so zeigt die Statistik, steigt jedenfalls auffällig. Im Jahr 2012 wurden 29,4 Prozent aller Kinder per Sectio entbunden. Damit liegt Österreich mehr als drei Prozentpunkte über dem OECD-Durchschnitt. Zum Vergleich: 1995 kamen nur 13 Prozent aller Kinder per Kaiserschnitt auf die Welt.

Doch diese Entwicklung ist nicht ohne Weiteres auf die Ärzte abzuschieben: Einerseits steigt das Alter der Erstgebärenden und damit die Zahl der Risikoschwangerschaften. Der späte Kinderwunsch ist oft nur noch durch künstliche Befruchtung zu erfüllen, was zu häufigeren Mehrlingsgeburten führt – und zu mehr Sectios. Abgesehen von den medizinischen Indikationen kommt es jedoch auch öfter zu Wunschkaiserschnitten. Vor diesem Trend warnen nun immer mehr Experten – denn eine kürzlich publizierte Meta-Studie zeigt auf, dass der Kaiserschnitt mehr Nachteile für Mutter und Kind mit sich bringt, als bisher angenommen.

Daten von insgesamt 591.850 Frauen
In der Vergangenheit war die Diskussion über die Sectio teils sehr ideologisch behaftet, da Einzelstudien oft unterschiedliche Ergebnisse geliefert hatten. Nicht zuletzt deshalb sahen britische Forscher die Notwendigkeit einer umfassenden Untersuchung. Für ihre Meta-Studie – eine Auswertung zahlreicher anderer Arbeiten zu einem Thema gleichsam aus der Vogelperspektive – analysierten sie 18 Studien und Daten von insgesamt 591.850 Frauen.

Studienleiter Tahir Mahmood vom Londoner Royal College der Geburtshelfer und Gynäkologen erklärt: „Die Kaiserschnittrate varriiert von Land zu Land stark. In manchen brasilianischen Privatkrankenhäusern liegt die Sectio-Rate etwa bei 80 Prozent.“ Der Grund: Brasilianische Frauen wollen sich ihre „Honeymoon-Vagina“ erhalten – so der Branchenterminus.
Dass eine vaginale Geburt die weibliche Sexualität beeinträchtigt, sei jedoch ein Mythos, erkärt Mahmood. Es gebe viel zu wenig Langzeitstudien, um dies behaupten zu können. In der Regel würden die Befragungen von Müttern nur bis zu sechs Monate nach der Geburt durchgeführt. „In dieser Zeit müssen sie jedoch stillen und haben andere Sorgen, als an ihre Sexualität zu denken.“

Wesentlich konkretere Ergebnisse brachten jedoch die Untersuchungen über die Fruchtbarkeit der Frauen: Durch einen Kaiserschnitt kann die weitere Fertilität mitunter stark beeinträchtigt sein. So war die Folgegeburtenrate bei Frauen, die bei der Erstgeburt per Sectio entbunden hatten, um bis zu elf Prozent geringer als bei jenen, die ihr Kind vaginal zur Welt gebracht hatten.
Der Wiener Fertilitätsmediziner Wilfried Feichtinger erlebt in der Praxis oft, wie schwer manche Frauen nach einem Kaiserschnitt-Baby wieder schwanger werden: „Es fällt uns immer wieder auf, dass bei solchen Patientinnen gehäuft Probleme beim sogenannten Embryonentransfer auftreten.“ Schuld daran sei die Vernarbung der Gebärmutter.

Welche privaten Probleme dies auslösen kann, zeigt die Geschichte der 30-jährigen Susanne F. Sie hatte sich immer eine große Familie mit mindestens vier Kindern gewünscht. Ihren heute vierjährigen Sohn und auch ihre zweijährige Tochter musste sie aufgrund einer Beckenendlage per Kaiserschnitt auf die Welt bringen. Eine dritte Schwangerschaft stellte sich nur mit Hilfe der Fertilitätsmedizin ein – und währte nicht lange. Im März dieses Jahres erlitt Susanne F. in der sechsten Schwangerschaftswoche eine Fehlgeburt: „Es ist ein trauriges Erlebnis, und natürlich frage ich mich, warum andere, die gar keine Kinder wollen, so einfach schwanger werden.“
Und auch wenn sich eine Folgeschwangerschaft nach einem Kaiserschnitt einstellt, treten vermehrt Schwierigkeiten ein, wie die Meta-Studie weiters zeigt. So kann die Plazenta in das durch den Kaiserschnitt vernarbte Gewebe der Gebärmutter einwachsen, weshalb die Gefahr einer nachgeburtlichen Blutung um den Faktor 1,9 angehoben wird. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau eine Bluttransfusion benötigt, wodurch wiederum das Infektionsrisiko wächst. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Gebärmutter in der fortgeschrittenen Schwangerschaft oder während des Geburtsvorganges reißt, ist ebenfalls größer. Nicht ohne Grund raten manche Gynäkologen nach drei Kaiserschnitten zu einer Eileiterunterbindung, da sie eine weitere Schwangerschaft für zu riskant erachten.

Höheres Risiko, Diabetes oder eine Allergie zu entwickeln
Außerdem haben Kaiserschnitt-Kinder ein höheres Risiko, Diabetes oder eine Allergie zu entwickeln. „Der Kontakt mit Bakterien im Geburtskanal dürfte das Immunsystem für das Leben außerhalb des Mutterbauches gleichsam impfen“, erklärt die Wiener Gynäkologin Brigitte Benesch.
Viele Kaiserschnitte sind jedoch durchaus medizinisch notwendig. So etwa oftmals bei Mehrlingsschwangerschaften, die aus künstlichen Befruchtungen resultieren. Da solche immer ein Risiko darstellen, wurden die Fortpflanzungsmediziner bereits ermahnt, weniger Embryonen einzusetzen. „Wir Reproduktionsmediziner haben auf diese Vorwürfe entsprechend reagiert, die Zahl der Mehrlingsgeburten ist deutlich zurückgegangen“, sagt Feichtinger. „Nun wollen wir unsererseits die Geburtshelfer bitten, die Rate an Kaiserschnitten zu reduzieren, insbesondere die mancherorts fast zur Gewohnheit gewordene Wunschsectio bei Erstgebärenden. Dies wäre im Sinne der Frauengesundheit und zur Prävention der sekundären Unfruchtbarkeit.“
Dass sich immer mehr Frauen einen Kaiserschnitt wünschen, hängt wohl auch ein wenig mit einem bedenklichen Hollywoodtrend zusammen. So berichten Regenbogengazetten immer häufiger von Müttern wie dem brasilianischen Topmodel Alessandra Ambrosio, die ihre Kinder bereits einen Monat zu früh per Kaiserschnitt auf die Welt holen lassen – um eine Überdehnung der Bauchhaut zu verhindern. Auch die Schauspielerinnen Angelina Jolie und Nicole Kidman sowie Victoria Beckham sollen der Figur wegen die Gesundheit ihrer Ungeborenen aufs Spiel gesetzt haben. Denn natürlich ist die Lungenfunktion bei solchen Frühchen noch nicht ausgereift. Als medizinisch vertretbar gelten daher nur Sectios, die maximal zehn Tage vor dem errechneten Geburtstermin angesetzt werden.

Viele werdende Mütter haben aber auch einfach nur Angst. Lilly Becker, die Frau des Ex-Tennisstars Boris Becker, entschied sich für eine Sectio, weil sie „bis zum Schluss unsicher gewesen war, ob sie die Schmerzen einer natürlichen Geburt ertragen kann“. Das Phänomen der Promi-Wunschkaiserschnitte hat bereits einen Namen: „Too posh to push“ – zu schick, um zu pressen.

Eine aktuelle Umfrage der Stadt Wien unter 1829 Frauen im Wochenbett ergab ebenfalls, dass die Angst vor der Geburt groß ist. Nur 1,5 Prozent der befragten Frauen meinten, dass sie sich bereits von Beginn an für einen Kaiserschnitt entschieden hätten. Doch im Laufe der neun Schwangerschaftsmonate änderten immer mehr ihre Meinung. So berichteten nur zehn Prozent, dass sie keine, 26 Prozent immer sehr große Angst vor der Geburt hätten. Letztere Gruppe entband mit 38 Prozent auffallend häufig per Kaiserschnitt.

Schmerzen ersparen sich Frauen durch eine Schnittgeburt jedoch nicht unbedingt: Die Umfrage förderte auch zutage, dass die postoperativen Schmerzen und Komplikationen der Sectio oft unterschätzt werden. So würden 84 Prozent der Mütter, die vaginal entbanden, eine solche Geburt vorbehaltlos einer Freundin empfehlen. Den Kaiserschnitt hingegen nur 24 Prozent.

Mehr Aufklärung
Der Wiener Gynäkologe Paul Sevelda plädiert daher für mehr Aufklärung: „Werdende Mütter müssen so umfassend wie möglich informiert werden, damit sie selbstbewusst mitreden können, wie sie ihr Baby im besten Fall auf die Welt bringen wollen.“ Die Abteilung für Frauengesundheit der Stadt Wien will nun eine Broschüre verfassen und Maßnahmen setzen, damit die Rate auf 20 Prozent sinkt.

Dass Letzteres gelingt, glaubt der Wiener Gynäkologe Peter Husslein jedoch nicht. Da sich Frauen immer später dazu entschließen, Kinder zu bekommen, gebe es eben auch mehr Risikogeburten und damit mehr Kaiserschnitte. Er will nicht abstreiten, dass manche Kollegen weniger aus medizinischer Notwendigkeit als aus Bequemlichkeit eine Frau zu einer Sectio drängen. Denn eine solche ist planbar und in der Regel nach eineinhalb Stunden vorbei. Grundsätzlich findet Husslein: „Ein Geburtshelfer hat dafür zu sorgen, dass er eine Frau bestmöglich berät und ihr hilft, die von ihr gewünschte Geburt zu bekommen. Ein geplanter Kaiserschnitt ist völlig zu respektieren. Wenn eine Frau aber vaginal entbinden will und dann beim ersten abfallenden Herzton des Kindes ein Kaiserschnitt durchgeführt wird, ist das nicht in Ordnung“, so Husslein.
Vor allem aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen setzen Ärzte lieber auf eine Sectio, was auch aus den Daten der britischen Forscher hervorgeht: Demnach werde nur ein Prozent der Kinder in Europa per Zange oder Saugnapf auf die Welt geholt. Im Idealfall sollten es sieben bis acht Prozent sein, so Forscher Mahmood. Außerdem würde zu oft nach einem medizinisch notwendigen Kaiserschnitt ein solcher fast automatisch bei einer Folgegeburt vorgenommen. Nur zehn Prozent der Frauen, die zunächst vaginal entbunden hatten, hatten das zweite Mal einen Kaiserschnitt. Hingegen 65 Prozent aller Sectio-Erstgebärenden.

Wie der britische Gynäkologe befüchtet auch die Hebamme Brigitte Theierling, dass viele Geburtshelfer ihr Handwerk nicht mehr richtig lernen: „Ich kenne Jungärzte, die noch nicht einmal eine Beckenendlage gesehen, geschweige denn entbunden haben.“