Nobelpreise: Nicht wenige Preisträger trieben später abstrusen Unfug

Nobelpreisträger gelten als untadelige Instanzen, deren Forschung unser Weltbild revolutioniert. Doch zahlreiche Beispiele zeigen: Auch kluge Köpfe haben oft ein Faible für haarsträubenden Unfug.

Von Florian Freistetter

Exakt 33 Ärzte aus Österreich absolvierten in diesem Jahr eine Ausbildung bei der Österreichischen Gesellschaft für orthomolekulare Medizin und dürfen nun bei der Ärztekammer ein entsprechendes Spezialdiplom erwerben. Obwohl das nach seriöser Heilkunde klingt, handelt es sich um eine alternativmedizinische Methode, für die es keinen Nachweis der Wirksamkeit gibt. Die orthomolekulare Medizin behauptet, dass Krankheiten durch die hochdosierte Verabreichung von Vitaminen geheilt werden könnten. Sogar Krebs soll die Vitaminkur erfolgreich bekämpfen. Eine Studie des Vereins für Konsumenteninformation kam vergangenes Jahr zu dem Schluss, dass nicht nur die Kosten dieser "Therapie“ enorm hoch sein können, sondern auch gesundheitliche Risiken durch eine Überdosierung drohen. Angesichts dieser Tatsachen ist es überraschend, dass die Orthomolekulare Medizin keineswegs von einem geschäftstüchtigen Quacksalber entwickelt wurde, sondern von Linus Pauling - einem zweifachen Nobelpreisträger.

„Größten Nutzen für die Menschheit”
Der Nobelpreis gilt als die höchste Auszeichnung für einen Wissenschafter und soll "denen zugeteilt werden, die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben“. Der schwedische Industrielle Alfred Nobel verfügte in seinem Testament, dass eine spezielle Stiftung gegründet werden solle, die jedes Jahr passende Kandidaten aus den Bereichen Physik, Chemie, Physiologie oder Medizin, Literatur sowie Friedensbemühungen auswählt. Der "Nobelpreis für Wirtschaft“ ist übrigens kein echter Nobelpreis, sondern trägt den offiziellen Namen: "Von der schwedischen Reichsbank in Erinnerung an Alfred Nobel gestifteter Preis für Wirtschaftswissenschaften“.

Die ersten Nobelpreise wurden 1901 vergeben, und schon damals konnten sich die Gewinner über eine große Summe Geld: freuen. Nobel hatte mit der Erfindung des Dynamits ein Vermögen gemacht und die Stiftung finanziell gut ausgestattet. Wenn ab Montag dieser Woche die diesjährigen Kandidaten nominiert werden, beträgt das Preisgeld immer noch knapp eine Million Euro - aber es ist weniger das Geld, das den Reiz des Nobelpreises ausmacht als vielmehr das Prestige, das mit der Verleihung einhergeht, und die große Popularität, welche die Nobelpreisträger genießen. Sie gelten als die klügsten Köpfe ihrer Zeit, als große Visionäre und Genies, die unser Bild von der Welt verändert haben.

„Leuchttürme des Wissens”
Auch wenn die preisgekrönten Wissenschafter tatsächlich meist Großes geleistet haben, sind sie doch nur Menschen, die mitunter gravierenden Irrtümern aufsitzen oder sich auf teils absurde Theorien versteifen. Und manche Stars der Forschung mutierten mit der Zeit gar zu Sonderlingen der Fachwelt, was freilich vor allem deshalb öffentlich wahrgenommen wird, weil es sich eben um Nobelpreisträger handelt. Wohl würden nur wenige dieser Kapazitäten übermäßig schräge Ideen verfolgen, meint der deutsche Psychologe Sebastian Bartoschek, "allerdings haben sie die Möglichkeit, diese entsprechend zu verbreiten, und werden, auch aufgrund ihres Nobelpreises, von den Medien gerne zitiert. Und das umso mehr, desto abstruser ihre Aussagen sind.“ Eine Zeitlang kann das durchaus funktionieren: "Denn in der Bevölkerung stehen diese Menschen als Leuchttürme des Wissens da, deren hohe Auszeichnung ihr mögliches Unwissen in anderen Bereichen überstrahlt.“

Vitamin C gegen Krebs
Linus Pauling darf als besonders gutes Beispiel für diesen Effekt gelten. In den 1930er-Jahren erforschte der amerikanische Chemiker, wie sich einzelne Atome aneinander binden, um Moleküle zu formen. Obwohl man schon ein recht gutes Verständnis über den Aufbau der Materie hatte, war dieser Aspekt damals weitestgehend unbekannt, und Paulings 1939 erschienenes Buch "Die Natur der chemischen Bindung“ gilt heute noch als eines der grundlegenden Werke der modernen Chemie. Pauling selbst zählt zu den bedeutendsten Chemikern der Geschichte und erhielt 1954 völlig zu Recht den Nobelpreis für Chemie.

Der Wissenschafter war außerdem ein engagierter Friedensaktivist. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte er sich mit den gesundheitlichen Auswirkungen von Atomtests und kam zu dem Schluss, dass sie zu große Risiken bergen. Er setzte sich für ein Ende dieser Tests ein und war maßgeblich am Zustandekommen des Atomwaffentestverbots beteiligt, das John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow 1963 beschlossen. Für seinen Einsatz wurde Pauling mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet - und ist damit neben Marie Curie der Einzige, der zwei Nobelpreise in zwei unterschiedlichen Kategorien erhielt.

Gegen Ende der 1960er-Jahre wandte sich Pauling aber einem anderen Thema zu: Er war davon überzeugt, dass die Einnahme großer Dosen Vitamin C fast alle medizinischen Probleme lösen und praktisch alle Krankheiten heilen könnte. Sein 1970 erschienenes Buch "Vitamin C und der Schnupfen“ war noch recht harmlos und empfahl die Einnahme von Vitaminen lediglich zur Behandlung von Erkältungen. Aber schon 1979 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel "Cancer and Vitamin C“, in dem er behauptete, dass auch Krebs durch hohe Vitamindosen geheilt werden könne und auf jeden Fall die Lebenserwartung von Krebspatienten verlängern würde.

Die Aussagen des zweifachen Nobelpreisträgers wurden durchaus ernst genommen, und zahlreiche medizinische Studien versuchten Belege für Paulings Vitamintherapie zu finden. Bei einer genauen Untersuchung stellte sich jedoch immer wieder heraus, dass Paulings Thesen nicht haltbar waren. Er ließ sich davon aber nicht beirren und war bis zu seinem Tod im Jahr 1994 fest von der Wirksamkeit seiner Vitaminbehandlungen überzeugt. Er empfahl sie sogar Richard Feynman, Nobelpreisträger für Physik des Jahres 1965, als dieser Ende der 1970er-Jahre an Krebs erkrankte. Feynman lehnte höflich ab - und starb erst zehn Jahre später an den Folgen seiner Krankheit.

Paulings wissenschaftliche Leistungen prägen die Chemie bis heute. Aber auch sein pseudowissenschaftliches Erbe hat viele Anhänger gefunden, die sich von den fehlenden Belegen nicht beirren lassen und Vitamin C in Form der "Orthomolekularen Medizin“ auch heute noch als Wunderkur für alle erdenklichen Krankheiten verkaufen wollen.

Pauling hätte mit ein wenig mehr Glück vielleicht sogar einen dritten Nobelpreis einheimsen können. Denn er beschäftigte sich auch mit der Frage der Struktur der DNA und stand kurz davor, die richtige Antwort zu finden. 1952 sollte er als Vortragender an einer Konferenz zum Thema in London teilnehmen. Aufgrund seines politischen Aktivismus verweigerte ihm das amerikanische Außenministerium aber die Ausreise. So verpasste er die neuesten Entwicklungen und Ergebnisse, und nicht er, sondern James Watson und Francis Crick entdeckten 1953 die berühmte Doppelhelixstruktur der DNA, wofür sie 1962 mit dem Nobelpreis für Medizin belohnt wurden.

So wie die Arbeit von Pauling die Grundlagen für die moderne Chemie legte, bildete die Entdeckung von Watson und Crick die Basis einer neuen Biologie. Und so wie Pauling fiel auch Watson gegen Ende seiner Karriere durch zweifelhafte Äußerungen auf. Watson war stets ein Befürworter pränataler Diagnostik und sprach sich 1997 in einem Interview mit dem italienischen "Corriere della Sera“ für das Recht auf eine Abtreibung aus, sollte sich bei einer Diagnose herausstellen, dass das Kind homosexuell ist (wobei natürlich bis heute keine Methode existiert, um die sexuelle Orientierung eines Menschen anhand der Gene festzustellen).

Neben solch homophoben Äußerungen erregte Watson im Jahr 2007 auch durch rassistische Aussagen Aufmerksamkeit. In einem Interview mit der "Sunday Times“ vertrat er die Ansicht, dass Schwarze genetisch bedingt weniger intelligent seien als Weiße.

Auch über seine frühere Kollegin Rosalind Franklin hatte Watson wenig Gutes zu sagen. In seinem Buch "The Double Helix: A Personal Account of the Discovery of the Structure of DNA“ kritisierte er ihre "unweibliche“ Kleidung und ihre streitlustige Art und war offensichtlich nicht sonderlich begeistert davon, mit ihr zusammenzuarbeiten: "Der beste Platz für eine Feministin ist das Labor einer anderen Person“, meinte Watson, obwohl Franklin maßgeblich an der Erforschung der DNA-Struktur beteiligt war und Watson ohne Franklins Ergebnisse seine Entdeckung nicht hätte machen können. Heute wird es allgemein als Fehlentscheidung des Nobelkomitees betrachtet, dass Franklin nicht ebenfalls mit einem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist.

Auf andere Art macht der Physiker Brian Josephson von sich reden. Das erste Mal im Jahr 1962, als der damals 23-jährige Doktorand den heute nach ihm benannten "Josephson-Effekt“ vorhersagte: Er beschrieb einen quantenmechanischen "Tunnelstrom“, der zwischen zwei Supraleitern fließen kann. Als dieser Effekt später auch experimentell nachgewiesen werden konnte, erhielt Josephson 1973 den Nobelpreis für Physik. Heute ist er emeritierter Professor an der University of Cambridge und leitet dort das sogenannte "Mind-Matter-Unification-Projekt“. Josephson hat sich der Erforschung esoterischer Phänome wie Telepathie, Telekinese und anderer parapsychologischer Mysterien gewidmet und erntet dafür von seinen Kollegen heftige Kritik. "Die Beweislage für die Existenz von Telepathie ist mies. Würden Ingenieure oder Ärzte die gleichen Maßstäbe bei der Beurteilung der vorhandenen Daten anlegen wie es die Unterstützer des Paranormalen tun, würden die Brücken überall im Land einstürzen und die Medikamente mehr Menschen umbringen, als heilen“, ätzte David Deutsch, Professor für Quantenphysik in Oxford, über Josephsons Forschung.

Ein besonders heftiger Kritiker dieser parapsychologischen Umtriebe ist der Physiker Ivar Giaever. Der Norweger ist ebenfalls Nobelpreisträger, erhielt die Auszeichnung just gemeinsam mit Brian Josephson, distanziert sich heute ausdrücklich von dessen merkwürdigen Arbeiten - und ist dennoch seinerseits zu einer Randfigur im wissenschaftlichen Betrieb avanciert. Nach seiner Karriere als Physiker wandte sich Giaever dem Klimawandel zu. Bei der jährlichen Nobelpreisträgerkonferenz in Lindau am Bodensee erklärte er im Vorjahr seine Motivation dazu wie folgt: "Ich habe mich nie sehr stark für die globale Erwärmung interessiert. Wie die meisten Physiker habe ich nicht viel darüber nachgedacht. Aber 2008 nahm ich hier an einer Vortragsreihe über globale Erwärmung teil und musste mich informieren. Ich verbrachte einen Tag oder vielleicht auch nur einen halben Tag bei Google und war erschrocken darüber, was ich erfahren habe.“

Es waren aber nicht die immer deutlicher werdenden Folgen des stattfindenden Klimawandels, die Giaever dermaßen in Aufruhr versetzten. Das halbtägige Selbststudium via Google hat ihn zu einem erbitterten Gegner der Klimaforschung gemacht. Der Physiker vertritt nun die Meinung, dass sich das Klima nicht ändert, und lehnt die große Menge an existierenden Belegen dafür rundheraus ab. Klimaforschung ist für ihn schlicht "Pseudowissenschaft“, und er trat 2011 aus der American Physical Society aus, weil man seine Meinung dort nicht teilte.

Derartige Karrieren demonstrieren recht eindrucksvoll, dass große wissenschaftliche Leistungen keineswegs gegen groben Unfug immunisieren - und dass der Nobelpreis zwar eine berechtigte Auszeichnung für eine singuläre bahnbrechende Entdeckung sein mag, doch wenig über das Gesamtwerk eines Forschers aussagt. "Alle Menschen sind anfällig für Fehlwahrnehmungen“, sagt Psychologe Sebastian Bartoschek. "Denkbar ist, dass Nobelpreisträger von sich glauben, sich gegen solche Effekte abschirmen zu können, und deswegen absonderlichen Ideen anheimfallen - schlicht, weil ihnen ein gewisser Narzissmus suggeriert, sie könnten ja wohl nicht an etwas glauben, das unwissenschaftlich sei.“