Rückenschmerzen sind heute die meistverbeitete Volkskrankheit

Rückenschmerzen sind heute die meistverbeitete Volkskrankheit – mit oft jahrelangen Leidensgeschichten und massiven Kosten für das Gesundheitssystem. Eine Vielzahl an Ursachen erschwert die Diagnose und lässt Betroffene häufig verzweifelt zurück.

Man muss lernen, damit zu leben. Man gewöhne sich daran, dass es „plötzlich einen Knackser im Kreuz macht“, berichtet der 63-jährige Wiener Paul Schmeidl. „Dann ist alles aus, und ich kann mich nicht mehr rühren.“ Etwa dreimal pro Jahr passiert ihm das, seit mittlerweile drei Jahrzehnten. Es geschieht beim Aufstehen aus dem Bett oder wenn er über den Badewannenrand steigt. Vor Schmerz stehe ihm dann das Wasser in den Augen, und er krieche auf allen Vieren durch die Wohnung. Manchmal vergeht der Schmerz nach ein paar Tagen von selbst, in anderen Fällen muss er den Notarzt rufen, der ihm dann eine Spritze verpasst. Schuld an seiner kaputten Wirbelsäule sei sicher die „einseitige Belastung durch den Job im Gastgewerbe“, in dem Schmeidl, inzwischen pensioniert, fast 40 Jahre lang arbeitete.

Der Fallbericht ist durchaus typisch: Rund 2,3 Millionen Österreicher leiden an manifesten Wirbelsäulenbeschwerden. Laut Statistik Austria avancierten diese Erkrankungen inzwischen zum „gesundheitlichen Problembereich Nummer eins“. 83 Einzeldiagnosen zu Krankheiten der Wirbelsäule sind heute nach internationalen Standards katalogisiert. Im Verlauf des vergangenen Jahrzehnts hat die Zahl der Menschen mit chronischen Rückenschmerzen um fast ein Drittel zugenommen. Rund 80 Prozent aller chronischen Schmerzen betreffen den Bewegungsapparat, gaben Linzer Schmerztherapeuten im Vorjahr bekannt.

An gelegentlichen Rückenbeschwerden laborieren sogar fast 90 Prozent der Erwachsenen in der westlichen Welt, weshalb es sich nach Einschätzung der Grazer Universitätsklinik für Orthopädie mittlerweile um eine „schwerwiegende Volkskrankheit“ handelt. Mehr als acht Millionen der insgesamt knapp 40 Millionen Krankenstandstage in Österreich des Jahres 2009 waren durch Probleme des Bewegungsapparats bedingt. Fast 100.000 Krankenhausaufenthalte entfallen jedes Jahr auf Wirbelsäulenleiden. Diese sind heute der häufigste Grund für Krankenstände, Spitalsaufenthalte und Frühpensionierungen: Rund 40 Prozent der vorzeitigen Renten gehen auf chronische Rückenleiden zurück.

Die Kosten durch Therapien und Arbeitsausfälle werden in Österreich auf
vier bis sechs Milliarden Euro pro Jahr ¬geschätzt, weshalb die Österreichische Schmerzgesellschaft bereits konstatierte: „Chronische Rückenschmerzen sind in den westlichen Industrienationen inzwischen die teuerste Diagnose überhaupt, sie kosten das Gesundheitssystem mehr als alle Krebserkrankungen zusammen.“ Auch Praktiker können diese Entwicklung bestätigen. „Vor ein paar Jahren hat es einen richtigen Knick gegeben. Seit damals erlebt unsere Branche einen wahren Boom“, sagt die Wiener Physiotherapeutin Ulrike Zöchling. Die aktuelle Datenlage deutet darauf hin, dass die Therapeuten künftig noch besser ausgelastet sein werden. In einer deutschen Studie gaben 44 Prozent der Elf- bis Vierzehnjährigen an, gelegentlich Rückenschmerzen zu haben, acht Prozent sogar permanent. Eine schottische Erhebung unter mehr als 150 Kindern zeigte, dass neun Prozent von ihnen bereits veritable Bandscheibenschäden hatten.

Das Opferprofil: in den besten Jahren
Eine Alterskrankheit sind Wirbelsäulenbeschwerden ohnedies nicht – was dem gängigen Klischee widerspricht, wonach vorwiegend Pensionisten und betagte Hausfrauen über Kreuzweh jammern. Wirft dann der teuflisch schmerzende Rücken einen hochaktiven Manager in den besten Jahren aus der Bahn, ist er selbst meist ebenso konsterniert wie sein Umfeld, das gern mit der Frage herausplatzt: „Was, in deinem Alter?“
In Wahrheit tritt die größte Häufung an Wirbelsäulenleiden zwischen dem 35. und dem 55. Lebensjahr auf, wobei der Gipfel um die 40 liegt. Denn in dieser Phase sind die Energiereserven der Jugend allmählich aufgebraucht, und der Körper toleriert mangelnde Sorgsamkeit und Schonung zusehends weniger. An den Wirbeln machen sich erste Verschleißerscheinungen bemerkbar, Gleiches gilt für die Bandscheiben. „Jeder ab 30 hat degenerative Ver¬änderungen an der Wirbelsäule, das ist völlig normal“, sagt der Wiener Neurologe Robert Paur. Etwa zwei Drittel aller Beschwerden betreffen die Lendenwirbelsäule, ein knappes weiteres Drittel entfällt auf die Halswirbelsäule, wobei diese zu mehr als 60 Prozent Frauen zu schaffen macht. Die Brustwirbelsäule ist sehr selten Zentrum des Schmerzes, weil die Brustwirbel durch die anliegenden Rippen besser gestützt sind.

Die typischen Fallgeschichten lesen sich wie jene eines Patienten von Zöchling: knapp über 40 Jahre alt, der Job zwingt ihn zum Sitzen hinter dem Lenkrad oder am Laptop, selten weniger als zehn Stunden pro Tag. Zu Hause gilt das Hauptaugenmerk dem Nachwuchs, für körperlichen Ausgleich bleibt kaum Spielraum. Der Mann hat mehrere Therapie¬reihen und Infiltrationskuren hinter sich – ohne durchschlagenden Erfolg, die Schmerzen kehren regelmäßig wieder. Auch dies gehört zum gängigen Bild: Bei gut 80 Prozent der Patienten können auch langwierige Behandlungen die Symptome nicht dauerhaft beseitigen.

Denn die Schwierigkeit bei Wirbelsäulenleiden generell lautet: Der Grund für die Beschwerden kann sehr simpel sein – aber auch extrem kompliziert, was die ¬Diagnose erschwert und Betroffene mit diffusen Beschwerden häufig jahrelang erfolglos von Arzt zu Arzt laufen lässt. Und dies ist oft der direkte Weg in langjährige Leidensgeschichten, verbunden mit Ratlosigkeit, Frustration und letztlich purer Verzweiflung der Patienten. „Die größte Gefahr ist immer die Chronifizierung“, sagt Paur. Bei bis zu 70 Prozent der Rückenpatienten, so zeigen Untersuchungen, wird überhaupt nie eine plausible Erklärung für die Schmerzen gefunden.

Dies mitunter auch deshalb, weil vielen dieser Leiden keine echte Krankheit zugrunde liegt, sondern schlicht Fehlverhalten. „Meist handelt es sich um funk¬tionelle Störungen wie eine muskuläre Dysbalance“, sagt der Wiener Physiotherapeut Robert Kriz. Eine meist selbst verschuldete Beeinträchtigung der Muskelfunktion verursacht dabei ähnliche Symptome wie eine echte Krankheit, entzieht sich aber konventioneller Diagnostik. Ein Beispiel ist der „pseudoradikuläre“ Schmerz: Er fühlt sich an, als werde eine Nervenwurzel abgeklemmt, wie bei einem Bandscheibenvorfall üblich. Tatsächlich jedoch täuschen etwa verhärtete Muskeln diese Schmerzquelle vor, deshalb „pseudo“.
Im Regelfall könnten die Menschen selbst Abhilfe schaffen. Sehr oft müsse man „den Ball an die Patienten zurückspielen“, so Kriz. „Mit ordentlich Bewegung, einem ergonomischen Arbeitsplatz und verbesserter Kondition lassen sich sicher 90 Prozent der Probleme flott und sauber aus der Welt schaffen.“

Das Täterprofil: eine Unzahl an Verdächtigen
Erst wenn dies nichts hilft, muss man sich auf die Suche nach verzwickteren Zusammenhängen machen, von denen – und dies ist das andere Ende der Skala – auch eine ganze Menge existiert. Denn tückischerweise können sich an der Wirbelsäule Schmerzen abbilden, die ihre Wurzel ganz woanders haben. Das grundlegende Missverständnis: Man hat Schmerzen im Kreuz und denkt zwangsläufig, dort müsse etwas beschädigt sein. „Kreuzschmerzen müssen keineswegs aus dem Kreuz kommen“, so Kriz. „Es gibt eine Unzahl ¬potenzieller Täter.“
So wird vermutet, dass entzündete Nebenhöhlen die Wirbelsäule ebenso in Mitleidenschaft ziehen können wie kranke Zähne – Letztere sowohl durch Entzündungsherde als auch aufgrund von Zahnlücken. Der dann fehlende Gegenbiss könnte sich, so die Annahme, infolge der veränderten Statik im Mundbereich negativ auf die Halswirbelsäule auswirken. Als klassische Auslöser für Rückenbeschwerden gelten zudem innere Organe, allen vor¬an der Darm. Denn dieser liege schließlich nicht lose im Becken, so Kriz, sondern sei dort mit Bändern befestigt, sodass rein mechanisch Wirkung auf das Knochen¬gerüst ausgeübt werden könne. „Jede Veränderung im Unterbauch kann zu Kreuzweh führen“, sagt Kriz.

Schon allein aufgrund der Wirbelsäulennähe könnten innere Organe wie Magen und Darm negative Effekte verursachen, erläutert der Wiener Orthopäde Paul Köstler. Ein ständig krampfender Darmtrakt sei pures Gift für die angrenzenden Areale. Indessen sende „ein glücklicher Darm weniger Irritationen ans umliegende System“, so Köstler. Mediziner kennen zudem die so genannten Head’schen Zonen: Demnach können über sensible Projektionen etwa Erkrankungen innerer Organe Schmerzwahrnehmungen im Bereich der Wirbelsäule auslösen.

Zwischen dem Rückgrat und dem umliegenden Körpergewebe herrscht überhaupt ständige Wechselwirkung. Denn im Inneren der Wirbelsäule, dem Spinalkanal, verlaufen zahlreiche zum Rückenmark gebündelte Nerven. Dies ist die Hauptdatenleitung des Menschen, die für permanente Informationsübertragung zwischen Gehirn und dem Rest des Organismus sorgt. In jedem der 24 Wirbelabschnitte treten aus den Wirbellöchern beidseitig Nerven aus, die spezifische Muskeln und Hautabschnitte versorgen. Derart lässt sich der Körper in einzelne Segmente unterteilen, Dermatome genannt, die von den Nerven der jeweiligen Wirbel angesteuert werden. „Das ist wie beim Sicherungskasten im Haushalt“, vergleicht Köstler. „Jeder Abschnitt ist für ein anderes Zimmer zuständig.“ Zudem sei die „Wirbelsäule mit ihren direkten Verbindungen zum Gehirn und zu in¬neren Organen der Hauptprojektionsort für psychosomatische, also von der Psyche auf den Körper abgeschobene Probleme“.

Insgesamt kann die Wirbelsäule schlichtweg die generelle Befindlichkeit des Körpers spiegeln – und damit Ausgangspunkt, Zentrum oder Zielort einer Unzahl von Erkrankungen sein. So richtig setzt die große Ratlosigkeit meist dann ein, wenn über lange Zeit deutlich beschreibbare Schmerzen bestehen und dennoch weder eine plausible Erklärung noch eine wirkungsvolle Therapie greifbar sind. „Ich habe Patienten, die hundertprozentig glaubwürdige Beschwerden schildern, und man findet nichts“, berichtet Neurologe Paur. „Man kann dann nur immer weitersuchen.“

Viele Patienten forschen allerdings auch selbst nach – und werden spätestens im Internet fündig, stoßen auf ein reichhaltiges Angebot gravierender Erkrankungen, wobei ein paar der angeführten Symp¬tome fast immer zur eigenen Befindlichkeit passen. So lässt sich leicht herausfinden, dass Tumoren wie Brust-, Lungen- und Prostatakrebs auch Rückenschmerzen verursachen. Gleiches gilt für rheumatische Leiden wie Morbus Bechterew, der meist ab dem 25. Lebensjahr einsetzt und zu einer sukzessiven Versteifung der gesamten Wirbelsäule führt. Zu den entzündlichen ¬Erkrankungen zählt auch die Spondylodiszitis, eine schwerwiegende bakterielle Infektion von Bandscheiben und Wirbelkörpern. Autoimmunleiden wie Lupus erythematodes können ebenso Schmerzen in der Wirbelsäule hinterlassen wie zum Beispiel die Fibromyalgie, der chronische muskuloskelettale Schmerz, dessen Ursachen nach wie vor nicht vollständig geklärt sind.

Freilich: So grausam all die Leiden alle klingen – so selten sind die meisten von ihnen auch. Rund 6500 Patienten behandle er pro Jahr, berichtet Köstler. Im Schnitt hätten zwei davon Tumoren.

Der Kern des Übels: die geplagte Wirbelsäule
Das Problem begann im Grunde vor annähernd 500 Millionen Jahren: Seit damals besitzen Wirbeltiere, die Vertebraten, eine Wirbelsäule, vom Frosch bis zum modernen Menschen. Die Besonderheit des Homo sapiens liegt darin, dass er als einziges Lebewesen im Zuge seiner Evolution beschloss, zur Fortbewegung den aufrechten Gang zu wählen. Fossile Fußabdrücke deuteten zuletzt darauf hin, dass dies vor zumindest 3,6 Millionen Jahren geschah. An der Grundkonstruktion der Wirbelsäule hat sich seit damals erstaunlich wenig geändert: Wir besitzen sieben Hals-, zwölf Brust-, fünf Lendenwirbel, die Nacken, Rücken und Kreuz bilden. Weiters gibt es fünf zum Kreuzbein verschmolzene Kreuzwirbel sowie das Steißbein.

Strittig ist unter Wissenschaftern, ob die Konstruktion des Rückgrats für den Gang auf zwei Beinen, die Bipedie, überhaupt geeignet ist. Während manche Forscher meinen, die Entwicklung des Menschen sei viel zu schnell verlaufen, um eine tragfähige Adaption zu erlauben, behaupten andere, die Wirbelsäule sei ein Wunderwerk an Perfektion – nur erfolge der Service oft nachlässig.

Sicher ist: Das heute übliche Leben zwischen Computerarbeitsplatz, Autositz, Aufzug, Bar und Couch, überflutet mit ständigen Sinnesreizen und viel Hektik, ist einer gesunden Wirbelsäule abträglich. „Viel Zeit am Computer, Druck im Arbeitsalltag, wenige Fußwege, kaum natürliche Bewegung“, nennt Köstler das optimale Rezept für ausgiebige Rückenleiden. „Dabei wäre der Mensch von Natur aus ein Steppen- und Savannenläufer.“ Stattdessen sitzt er im Schnitt 1500 Stunden pro Jahr auf dem Bürosessel – mehr als 60 ganze Tage.

Und sehr oft nimmt er die Folgen seines Fehlverhaltens lange gar nicht zur Kenntnis: verkümmerte oder verhärtete Muskeln, eventuell durch den Lebensstil beleidigte Knochen. Wer raucht, schädigt sein Knochengerüst im Wege dürftiger Durchblutung zusätzlich. Eine Kölner Studie kam im Jahr 2008 zu dem Schluss, dass sich die Wahrscheinlichkeit für chronische Rückenschmerzen nach eineinhalb Jahrzehnten Raucherkarriere verdoppelt. Wenig Bewegung lässt die Knochenstärke überdies erstaunlich schnell genau auf jenes Minimalausmaß schrumpfen, das für die tägliche Aktivität tatsächlich benötigt wird. Hinzu kommen die unvermeidlichen Abnützungen durch fortschreitendes Alter, Anlagerungen an den Wirbeln oder Verengungen des Wirbelkanals. Besonders unangenehm kann es werden, wenn mehrere solcher Beeinträchtigungen kombiniert auftreten.

„Die Menschen haben vielfach kein Körperbewusstsein“, sagt Physiotherapeut Kriz. Zwar verfüge die Medizin heute über immer präzisere Screenings, doch viel zu ¬wenige Menschen würden die verbesserte Diagnostik nutzen, um daraus Schlüsse für ihr tägliches Verhalten zu ziehen. „Der übliche Vorgang ist: Man hat Kreuzweh und straft es zunächst mit Ignoranz“, so Kriz. „Je nach mentaler Hartnäckigkeit kann man das über Jahre spielen.“ Derart würden sich mit der Zeit immer mehr „Hypotheken“ im Körper ansammeln. Die Krankheit würde sich gewissermaßen „anschleichen“, formuliert Orthopäde Köstler. „Das Ausmaß dieser Vorschäden kann für den Betroffenen so gering sein, dass er es bis zum Hauptschlag gar nicht wahrnimmt.“

Dieser „Hauptschlag“ ist dann im Regelfall aber eben bloß der akute Auslöser der Krankheit, jener Höhepunkt, der lange schlummernde Sünden zum Vorschein bringt, nicht jedoch die Ursache.
Die Auslöser sind fast immer dieselben: eine falsche Bewegung, eine abrupte Drehung aus der Hocke, eine Überlastung beim Heben einer Bierkiste aus dem Kofferraum; dann ein scharfer Stich im Kreuz, gefolgt manchmal von der Unmöglichkeit, sich aufzurichten, oder von Taubheit an den Gliedmaßen. „Hexenschuss“ sagt der Volksmund, „Wirbelgelenksblockierung“ nennen dies Mediziner. Durch die Fehlbewegung verklemmt sich ein Wirbelgelenk und steckt in der falschen Position fest. Manchmal löst es sich von selbst in wenigen Tagen, mitunter ist nach einiger Zeit dann doch die helfende Hand des Arztes gefragt.

Der Patient mag sich ob seiner Schmerzen dramatische Verrenkungen der Wirbel im Rückgrat vorstellen, tatsächlich ¬jedoch handelt es sich anatomisch stets um minimale Verschiebungen, sodass im ¬Regelfall ein gekonnter Stupser zur Positionskorrektur genügt. Experten warnen eindringlich vor „Einrenkern“, die mit großer Geste und brachialen Griffen vermeintlich massiv verschobene Wirbel verrücken. „Es ist fahrlässig, wenn da grob herumgerissen oder gar ins Kreuz gestiegen wird“, sagt Orthopäde Köstler.

Pufferzonen: die teuflischen Bandscheiben
Der zweite häufige „Hauptschlag“ sind Bandscheibenvorfälle. Bei der 47-jährigen Bankangestellten Renate Rannicher zum Beispiel ist es die Halswirbelsäule, die ihr zu schaffen macht. „Das ist meine Schwachstelle, das Problem habe ich schon seit meinem 18. Lebensjahr“, sagt Rannicher. Vor knapp drei Jahren ereilte sie ein Bandscheibenvorfall zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel. „Zuerst war es nur ein dumpfer Druck, als wäre ich schlecht gelegen“, erinnert sich die Wienerin. Doch drei Tage später konnte sie aus dem Bett nicht mehr aufstehen. „Mir sind vor Schmerz die Tränen heruntergeronnen“, so Rannicher. Nach einiger Zeit habe sie den Arzt schon fast angefleht, sie zu operieren. Doch recht plötzlich klangen die Schmerzen wieder ab. Geblieben ist ihr „ein leises Taubheitsgefühl im Daumen, er fühlt sich an wie zart eingeschlafen“.

Die 23 Bandscheiben zwischen den Wirbeln sind die Stoßdämpfer des Körpers, die sämtliche Bewegungen und Belastungen abfangen und auch das Gehirn vor Erschütterungen schützen. Jede Bandscheibe besteht aus einem sie umgebenden Faserring und einem Gallertkern, der als eigentlicher Druckpolster fungiert. Was Bandscheiben ertragen müssen, lässt ein medizinischer Versuch erahnen, der demonstrierte, dass das Heben einer 25 Kilo schweren Kiste einen Druck von bis zu 150 Kilo auf eine einzelne Bandscheibe erzeugt. Wer aus falscher Position hebt, mutet seinen Stoßdämpfern gar 500 Kilo und mehr zu. Und selbst das stecken sie lange duldsam weg: Es bedarf mehrerer tausend Überlastungszyklen, bis eine Bandscheibe wirklich den Dienst versagt.
Die Ernährung der Bandscheiben erfolgt ausschließlich durch Bewegung. Wie ein Schwamm saugen sie Lymphflüssigkeit an und pumpen sich dadurch auf, anschließend wird der Schwamm wieder ausgequetscht. In Ruhelage plustern sich die Bandscheiben auf, in Bewegung und unter Belastung werden sie entleert. Morgens nach dem Aufstehen sind sie deshalb prall gefüllt. Um diese Zeit ist aufgrund der voll ausgedehnten Kissen, eng zwischen die Wirbel gepresst, die Gefahr eines Vorfalls am größten. Tagsüber, nach körperlicher Betätigung, sind die Bandscheiben leerer und dünner, in der Wirbelsäule besteht mehr Spielraum. Andererseits gönnt, wer sich tagsüber eine halbe Stunde hinlegt, seinen Bandscheiben eine Regenerationsphase, in der sie sich gewissermaßen wieder aufladen können.

Die kritische Phase konzentriert sich auf die Zeit um das 40. Lebensjahr, wobei auch Vorfälle mit Anfang oder Mitte dreißig keineswegs Ausnahmen sind: Der Faserring wird allmählich rissig, zugleich ist der Gallertkern im Inneren noch flüssig genug, um bei entsprechendem Druck nach außen zu drängen. In höherem Alter sinkt, entgegen der landläufigen Meinung, das Risiko: Denn da vertrocknet der Gallertkern zusehends und büßt an Elastizität und möglichem Druck ein. Dadurch kommt es außerdem zu einer Höhenminderung der Bandscheiben – weshalb der Mensch mit zunehmendem Alter kleiner wird.

„Vorfall“ bedeutet, dass der Faserring an einer Stelle reißt, wodurch aus dem Inneren Gallertmasse hinausgequetscht wird. Diese kann entweder seitlich nach außen geschoben werden oder nach hinten, ¬direkt Richtung Rückenmarkskanal. Die Bandscheiben selbst verursachen, da sie keine Nerven besitzen, keine Schmerzen; vielmehr kann das austretende Gewebe andere Nerven bedrängen: Bei einem seitlichen Austritt ist dies eine jener Nervenwurzeln, die den Zwischenwirbellöchern entspringen und konkrete Körperareale versorgen. Deshalb können die Schmerzen in andere Regionen ausstrahlen. Klassisches Beispiel ist die „Lumboischialgie“, die an die 60 Prozent aller Vorfälle ausmacht: Ein Prolaps im Lendenbereich quetscht dabei den Ischiasnerv, der über Kreuz und Gesäß in die Beine reicht – weshalb Sensibilitäts- oder auch Mobilitätsstörungen in einem Bein folgen können. Ist die Halswirbelsäule betroffen, kann es zu Ausfällen oder gar Lähmungen von der Schulter bis zu den Fingern kommen.

Anders, wenn ein Vorfall „median“ stattfindet, wobei sich austretendes Gewebe Richtung Spinalkanal bewegt. Das Fatale daran ist, dass die Beschwerden in diesem Fall nicht ausstrahlen. „Der Patient fühlt nur einen dumpfen Schmerz im Rücken. Da ist eine gute Diagnose gefragt, damit so ein Vorfall nicht fehlgedeutet wird“, sagt Köstler. Zusätzlich zum bloßen mechanischen Druck durch austretendes Gewebe kann ein derart gereizter Nerv auch dicker werden und die Enge forcieren.
Jüngst wurde ein Hinweis auf einen weiteren Schmerzauslöser entdeckt: Forscher der amerikanischen Duke University fanden bei Bandscheibenvorfällen Anzeichen für Entzündungen, wie sie auch bei Autoimmunerkrankungen auftreten. Die Vermutung: Die normalerweise quasi isoliert im Körper versperrte Gallertmasse werde, wenn durch einen Vorfall freigesetzt, als nicht körpereigen erkannt und vom Immunsystem durch eine Abwehrreaktion bekämpft.

Das Skalpell zücken Neurochirurgen bei Bandscheibenvorfällen nur noch selten. Bei weniger als einem halben Prozent der Bandscheibenvorfälle wird in Europa operiert – dann, wenn ein Nerv dauerhaft bedrängt wird. Die überwiegende Zahl der Vorfälle lässt sich dagegen mit konservativer Therapie flott in den Griff bekommen, was einer verbreiteten Ansicht widerspricht. „Viele Leute glauben ja, ein Bandscheibenvorfall sei eine Art Todesurteil“, sagt Köstler.

„Ein Vorfall ist erstens kein Schicksal und zweitens nicht die Ursache einer Krankheit“, ergänzt Physiotherapeut Kriz. „Er ist ein Symptom einer Überlastung. Man darf das Symptom nicht zur Krankheit erklären.“ Die gängige Annahme, dass ein Bandscheibenschaden dauerhafte Schonung und körperliche Einschränkung erfordert und man ständig Gefahr läuft, bei der geringsten Belastung den nächsten Vorfall zu provozieren, ist schlicht falsch. Zerbröselte Bandscheiben sind vielmehr das Resultat dauerhaften Fehlverhaltens, und dieses gilt es zu beheben.

Im Zangengriff: die Muskulatur als Schlüssel
Die sinnvollste Therapie lautet fast immer Muskeltraining. Die unmittelbare Folge ¬eines Bandscheibenvorfalls – und auch ¬einer Wirbelblockade – ist die „schmerzreflektorische Muskelanspannung“, welche die oft extreme Körpersteife verursacht. „Der Körper versucht, durch die muskuläre Ruhigstellung eine Beschwerdelinderung herbeizuführen“, erläutern die deutschen Mediziner Nicolas Gumpert und Marc Jungermann in einem umfassenden Kompendium zum Thema Kreuzschmerz. Um die lädierte Region ruhigzustellen, krampfen sich die Muskeln massiv zusammen und nehmen das betroffene Areal buchstäblich in die Zange.
Die Unbeweglichkeit drängt die Betroffenen in eine Schonhaltung, was
das Problem zusätzlich verschärft: Aus Angst vor möglichen neuerlichen Schmerzen krampfen sich die Muskeln noch weiter ein. Längerfristig wird damit die Reaktion des Organismus auf eine Verletzung selbst zur Krankheit. Einen „Teufelskreis aus Ursache und Wirkung“ nennen dies Gumpert und Jungermann.

In einer ersten Phase sind deshalb die üblichen physikalischen Behandlungen durchaus sinnvoll, denn sie bewirken eine Lockerung der Muskulatur. In weiterer Folge ist vor allem die Aktivität des Patienten gefragt: Er muss durch gezieltes Training die Muskeln nicht nur elastisch halten, sondern über die Stärkung der feinen Muskeln entlang der Wirbelsäule das erlittene Manko ausgleichen. Denn eine kaputte Bandscheibe kann nicht repariert werden – der Stoßdämpfer in der betroffenen Region ist irreversibel geschädigt. Die Folge ist eine veränderte Statik in der Wirbelsäule, verbunden eventuell mit mehr Labilität.

Allerdings dominiere immer noch vielfach die Erwartung, „durch passive Therapien geheilt zu werden“, beobachtet Köstler. Um dauerhafte Besserung durch kräftigere Muskeln zu gewährleisten, ¬führe jedoch kein Weg an disziplinierter körperlicher Aktivität vorbei. Eine Heidelberger Studie unter 630 Rückenschmerzpatienten zeigte sogar, dass passive Behandlungen mit Spritzen und verordneter Bettruhe in die Chronifizierung führen können: Bei 66 Prozent der Patienten, deren Leiden zunächst nicht chronisch gewesen war, verschlechterte sich die Situation im Beobachtungszeitraum.

Experten schreiben der Muskulatur überhaupt eine Schlüsselrolle bei Wirbelsäulenbeschwerden zu. Rund 80 Prozent aller Rückenleiden seien nicht auf echte strukturelle Schäden – also gravierende Abnützungen, Deformationen oder Krankheiten – zurückzuführen, sondern auf Fehlfunktionen der Muskeln. Ein Defizit, das mit keinem bildgebenden Verfahren nachzuweisen ist und das auch nicht als „Krankheit“ gewertet wird, obwohl die ¬Folgen in jeder Hinsicht einer solchen ¬entsprechen. Und diese funktionellen Mankos setzen, teils direkt, teils über
recht verschlungene Wege eine komplexe Schmerzspirale in Gang.
639 Muskeln besitzt der Mensch, mehr als 30 allein im Hals- und Nackenbereich. Aufgrund allgemeinen Bewegungsmangels sind diese häufig unterentwickelt, wobei es wenig nützt, sich im Fitnesscenter dicke Muskelpakete anzutrainieren. Köstler berichtet von „echten Schwarzenegger-Typen mit massiven Rückenleiden“. Einer seiner Patienten kann kaum aufzählen, wie viele Extremsportarten er betreibt – zugleich hat der Mann derartige Nackenprobleme, dass seine Finger taub werden. Doch um die Wirbelsäule zu stützen, muss statt der Bewegungs- die Haltemuskulatur gestärkt werden. Es handelt sich dabei um zumeist winzige Muskeln entlang der Wirbelsäule, teils direkt an den Wirbeln, etwa die tiefen Rückenstrecker oder beispielsweise den Transversus auf der Bauchseite. „Diese Muskeln liegen sehr tief und lassen sich nur sehr schwer direkt ansprechen“, sagt Physiotherapeutin Ulrike Zöchling.
Eine spezielle Aufgabe, die diese Muskeln erfüllen müssen, kennen Therapeuten unter der Bezeichnung „Feed Forward“: Das bedeutet, dass ein Muskel in einer bestimmten Region „anspringt“ und seine Stützfunktion erfüllt, bevor der ¬Körper eine Bewegung ausführt – gleichsam eine Präventionsmaßnahme, um damit das Knochengerüst zu entlasten. „Dieses Feed Forward scheint nach einem Schmerzerlebnis verloren zu gehen“, so Zöchling.

Muskeln können indes nicht nur zu schlaff, sondern – zumindest stellenweise und meist in den falschen Arealen – auch zu hart sein. Übermäßige Muskelspannung resultiert, abgesehen von Reaktionen auf Bandscheibenvorfälle, aus einem heute sinnlos gewordenen evolutionären Erbe: Auf diese Weise bereitete sich in den frühen Tagen der Menschheit der Körper auf Flucht oder Angriff vor. Heute, im Zeitalter der Schreibtischarbeit, lässt bestenfalls der Stress die Muskeln einkrampfen. Die Lösung lautet neuerlich: Bewegung und sportliche Aktivität, wodurch die Spannung abgebaut wird.

In jüngster Zeit konzentriert sich die Wissenschaft noch auf einen weiteren muskulären Zusammenhang. Im Zentrum stehen dabei die so genannten Faszien: feine Häute aus Bindegewebe, mit denen die Muskeln überzogen sind und die als Trennung sowie als „Gleitschichten“ zwischen den Muskeln dienen. Mittlerweile etabliert sich ein eigener Zweig der Faszienforscher, die postulieren, dass auch eine enge Verbindung zum Nervensystem bestehe, wodurch sich ein den Körper umspannendes Netzwerk ergebe. Über dieses Fasziengeflecht werden auch Schmerzbotschaften verschickt, die sich an der Wirbelsäule niederschlagen und diverse Leiden auslösen könnten – etwa Missempfindungen wie Kribbeln an den Gliedmaßen. Auch weiß man, dass in der Lumbal-Faszie, also genau in der kritischen Region im Kreuz, eine hohe Zahl an Schmerzrezeptoren sitzt.

Zudem können die im Normalzustand gut beweglichen und verschiebbaren Faszien, laienhaft ausgedrückt, verkleben, wodurch eine Art steifer Klumpen aus Muskeln und Bindegewebe entsteht – welcher wiederum Zug auf die Wirbelsäule ausüben kann, sodass neuerlich ein Kreuzschmerz auftritt, dessen wahre Ursache kaum zu orten ist. Inzwischen wird auch eine eigene Behandlung angeboten, die so genannte Fasziendistorsion, die mittels manueller Techniken pathologische Veränderungen der Faszien beheben soll.
Ob muskuläre Störungen oder andere Schwachstellen, die sich auf die Wirbelsäule schlagen: Gelingt es nicht, die wahre Ursache zu identifizieren, ist das meist der direkte Weg vom akuten Schmerz in den chronischen – und damit in oft völlig wirre Leidensgeschichten.