„Science Buster“ Werner Gruber: „Auch Physiker bluten“

„Science Buster“ Werner Gruber: „Auch Physiker bluten“

Sommergespräch VI. „Science Buster“ Werner Gruber über die Reize seines Faches, sein Desinteresse an H. C. Strache und die Unwirksamkeit von Diäten.

Interview: Herbert Lackner

profil: Herr Gruber, planen Sie, mir während des Interviews irgendwelche Substanzen drüberzuschütten?
Gruber: Nein, warum sollte ich?

profil: Meiner Journalisten-Kollegin Lisa Gadenstätter haben Sie in der „ZiB 24“ einmal sehr spektakulär flüssigen Stickstoff über die Arme geleert – was diese völlig unbeschadet überstanden hat, muss man hinzufügen.
Gruber: Damals fragte mich der ORF, ob ich etwas hätte, das Kälte etwas spektakulärer darstellt. Das war eben der gefrorene Stickstoff. Es ist mein Geschäft, etwas spannend, spektakulär und verständlich darzustellen.

profil: Wie kamen Sie auf die Idee, Physik in den Infotainmentbereich zu exportieren?
Gruber: Ganz einfach, ich hatte Geldprobleme. Vor 13 Jahren gab es eine Initiative des jetzigen Wiener Stadtrats Michael Ludwig, der Vorsitzender des Verbands Wiener Volksbildung ist. Er wollte Universitätslehrer an die Volkshochschulen bringen, weil diese immer nur durch Koch- und Ikebanakurse wahrgenommen wurden. Früher wurde ja mehr auf den Begriff Hochschule im Wort Volkshochschule Wert gelegt. Albert Einstein hat nie an der Universität Wien Vorträge gehalten, sehr wohl aber in der Urania. Ich habe bei dem Projekt „University meets public“ mitgemacht. Man muss seine Themen dort gut präsentieren. Ich habe erlebt, wie die, die nicht so gut vorbereitet waren, die Segel gestrichen haben.

profil: Das sind wahrscheinlich jene Kollegen, die es nicht mit großer Begeisterung sehen, wenn Sie eine von Red Bull gesponserte Papierfliegermeisterschaft veranstalten.
Gruber: Die wirklichen Verantwortlichen an den Unis wissen, dass das zukünftige Studenten bringt. Man kann nicht einfach sagen: Gebt uns Geld für die Forschung. – Es ist wichtig, Wissenschaft medial aufzubereiten. Im angelsächsischen Raum wird das viel mehr gewürdigt als bei uns.

profil: Sind Physiker unentspannte Menschen?
Gruber: Auch Physiker bluten, wenn sie sich schneiden, auch wir haben Gefühle. Verallgemeinerungen sind ein Blödsinn. Wenn ein neues Projekt kommt, sind wir halt einmal drei Wochen nicht ansprechbar.

profil: Sie haben in Ihrer Arbeit als Neurophysiker an der Wiener Universität versucht, das Gehirn am Computer zu simulieren. Wie weit sind Sie?
Gruber: Heute können wir beantworten, was ein Gedanke ist. Wir können auch sagen, in welchen Hirnregionen es welche Arten von Gedanken gibt. Dafür haben wir schon einige Forschungspreise bekommen.

profil: Haben Sie nie Angst, dass sich die Experimente verselbstständigen könnten?
Gruber: Einer meiner Diplomanden versuchte seiner Mutter zu erklären, was er gerade machte. Das funktionierte nicht. Im Fernsehen lief gerade „Terminator“ – da sagte er: „Mama, das bauen wir.“

profil: Das wird die Mama nicht wirklich beruhigt haben.
Gruber: Es ist die Idee, wegzugehen von der Rohstoffintelligenz hin zur künstlichen Intelligenz. Das haben wir ja bereits. Der Browser trifft, sobald Sie ins Internet gehen, für Sie Entscheidungen, von denen Sie nicht einmal wissen. Er orientiert sich an Ihrem bisherigen Verhalten, er stimmt Ihre Suchergebnisse darauf ab. Ihr Office-Paket richtet sich nach ein paar Wochen automatisch auf Sie ein. Das ist eine Vorstufe von lernfähigem Verhalten. Auch bei Computerspielen sind künstliche Intelligenzen weit fortgeschritten.

profil: Sie haben einmal gesagt, im Notfall könne man ja immer noch den Stecker ziehen. Das funktioniert aber nicht immer, wie das Beispiel Fukushima gezeigt hat.
Gruber: Fukushima ist eher ein Beispiel für eine aus dem Ruder gelaufene Medienberichterstattung. profil und der ORF waren unter den wenigen Medien, die das halbwegs richtig berichtet haben. Heute wissen wir, dass in Fukushima vier Personen gestorben sind und es auch nicht recht viel mehr werden. Darüber gibt es Habilitationen. Von den vier Personen starben zwei, weil das Dach einbrach, einer starb an einem Herzinfarkt und einer fiel von der Leiter. Wir haben heute 300 Meter vom schwer beschädigten Reaktorblock 3 dieselbe Radioaktivität wie im Heilstollen Bad Gastein. Dort fahren die Leute freiwillig hin. Direkt beim Reaktor beträgt die Dosis weniger als die maximale Einsatzdosis eines österreichischen Feuerwehrmanns. Man muss dazu sagen, dass es auch anders ausgehen hätte können.

profil: Und niemand kann genaue Aussagen über die Spätfolgen treffen.
Gruber: Doch, auch dazu gibt es Habilitationen. Aber es gab vor allem keinen Anlass für Horrormeldungen, wie sie in österreichischen Kleinformaten gestanden sind: „Radioaktive Wolke zieht über Österreich.“ Wenn im AKH, zwei Kilometer Luftlinie von der Uni entfernt, ein Prostatakranker mit Strahlen behandelt wird, kann man diese Radioaktivität auch messen, weil die Messinstrumente heute wahnsinnig genau sind. Nur weil man etwas messen kann, heißt das nicht, dass es gefährlich ist.

profil: Ich hatte einen pädagogisch völlig unfähigen Physiklehrer, der nicht einmal erklären konnte, warum die Sonne im Osten aufgeht. Sind schlechte Lehrer der Grund für die Naturwissenschaftsskepsis der Österreicher?
Gruber: Ich würde sagen, dass es nicht nur an den Physiklehrern liegt. An der Uni muss man Physik mit einem zweiten Gegenstand kombinieren, Biologie früher aber nicht, weil man sagte, das Fach sei so vielfältig. Biologielehrer spielen deshalb fachlich auf einem viel höheren Niveau als Physiklehrer. Auch die Physik ist ein irrsinnig großes Gebiet. Es gibt die Tieftemperaturphysik, die Hochtemperaturphysik, die Plasmaphysik, Teilchenphysik, theoretische Physik, Relativitätstheorie, Quantenphysik, Quantenoptik, klassische Optik, Astronomie, Astrophysik, stellare Physik, Aerosolphysik, Sonnenphysik, klassische Mechanik, Festkörperphysik, Kolloidphysik – und ich bin noch lange nicht fertig. Zehn Prozent der Physiklehrer sind toll. 20 bis 30 Prozent wissen, dass sie Schwächen haben, können aber damit umgehen.

profil: Wie soll man das ändern?
Gruber: Wir haben ein Schulsystem, das auf Maria Theresia zurückgeht. Warum haben wir im Sommer zwei Monate Ferien? Damit die Kinder am Feld aushelfen können. Bloß: Es gibt keine Kinder mehr, die am Feld helfen müssen. Warum beginnt die Schule um acht Uhr früh? Aus neurowissenschaftlicher Sicht wäre neun Uhr ideal. Wann lernen Schüler Sprachen am besten? Im Alter zwischen drei und sechs Jahren. Wann bringen wir ihnen Sprachen bei? Ab zehn Jahren.

profil: Ist das der Grund, warum Österreich keine Physik-Nobelpreisträger mehr hervorbringt?
Gruber: Das und die Geringschätzung gegenüber der Naturwissenschaft. Viele Leute wissen gar nicht, wer die heimischen Nobelpreisträger Erwin Schrödinger oder Karl Landsteiner sind. Ich habe erlebt, dass Politiker zu Physikerkonferenzen kamen und ihre einleitenden Worte waren: „Schön, dass ich einmal Physiker sehe. Wissen Sie, ich habe in dem Fach immer nur Nicht genügend geschrieben.“ Die waren noch stolz darauf. Österreich war bis 1938 ein Land der Forscher und Entdecker. Wir hatten eine große Nobelpreisdichte. Diese Leute wurden vertrieben und kamen nicht mehr zurück. Dazu kommt das haarsträubende Dienstrecht an unseren Universitäten. Wir schmeißen Leute raus, wenn sie am Höhepunkt ihrer Leistung sind. Einem international renommierten Kollegen wurde mit 42 der Vertrag nicht verlängert, jetzt arbeitet er in der Privatwirtschaft. Das ist nicht nur eine Geldfrage, das Hauptproblem ist die Einstellung.

profil: Halten Sie Studiengebühren für sinnvoll?
Gruber: Nein, ich halte es nicht für sinnvoll, jene, die kein Geld haben, Studiengebühren zahlen zu lassen. Machen wir es doch anders: Jeder, der studiert hat, zahlt nachher pro Semester ein wenig mehr Einkommenssteuer und finanziert also sein Studium dann, wenn er es sich leisten kann.

profil: Und Aufnahmeprüfungen?
Gruber: Das ließe sich so lösen, wie es auf der Physik gemacht wird. Als ich begonnen habe, Physik zu studieren, waren wir 160 Studenten. Bereits nach dem ersten Semester waren wir nur noch acht, aber wir haben alle abgeschlossen.

profil: Die Physik ist eine nüchterne Wissenschaft. Sie sagten einmal, beim Streicheln werde eine Substanz namens Oxytocin freigesetzt. Will man das so genau wissen?
Gruber: Ja, will man. Eine Frau hat mir geschrieben, dass die Spasmen ihres kranken Mannes durch Streicheln besser wurden. Das heißt, Oxytocin hilft kranken Menschen. Das ist das Schöne an der Objektivierbarkeit. Es gibt so viele Dinge, wie die Astrologie, den Vitaminwahn, die Homöopathie, die offensichtlicher Unsinn sind. Da werde ich grantig.

profil: Sie haben Religion vergessen.
Gruber: Religion ist ein Glaube, der mir, wenn er niemandem weh tut, egal ist. Mein Science-Buster-Kollege Oberhummer ist da kämpferischer. Natürlich ist es eine Bigotterie zu sagen, gebt den Armen – und gleichzeitig gehört die Hälfte des Grundbesitzes in Manhattan der Kirche. In Österreich besitzt die Kirche nach den Bundesforsten den meisten Grund.

profil: Ist der Glaube ein logischer Gegner der Wissenschaft?
Gruber: Der Glaube war einmal ein Mitbewerber um Wissen. Diese Zeiten sind vorbei. Wenn heute jemand etwas wissen will, fragt er nicht Dompfarrer Toni Faber, sondern Naturwissenschafter. Das war ein blutiger Weg, und seit Galileo Galilei hat sich da viel geändert. Der Glaube hatte seine Aufgabe als moralische Instanz. Was die meisten Religionen predigen, ist: Seid gut zu den anderen, tut euch nicht weh, bringt euch nicht um. – Das ist ja kein Blödsinn. Die Frage ist, worauf diese moralischen Gesetze fußen. Und da bin ich eher ein Anhänger der Aufklärung.

profil: Die katholische Kirche steht der Urknalltheorie mit großer Sympathie gegenüber. Es muss schließlich jemanden gegeben haben, der den Knopf gedrückt hat, und da bleibt Platz für Gott. Wer hat denn Ihrer Meinung nach auf den Knopf gedrückt?
Gruber: Es ist nicht unsere Aufgabe, nach dem Warum zu fragen. Unser Job in der Naturwissenschaft ist es, den Urknall zu beschreiben. Galilei sagte: „Stellt niemals die Frage nach dem Warum, sondern ausschließlich jene nach dem Wie.“ Es ist mir als Naturwissenschafter völlig egal, wer den Urknall ausgelöst hat. Das müssen die Geisteswissenschafter lösen. Im Moment gehen wir davon aus, dass der Urknall nicht aus einem Punkt, sondern aus einer Quantensingularität entstanden ist, die ist ein bisschen größer als ein Punkt. Punktförmige Objekte gibt es im Universum nicht, das verbietet die Quantenmechanik. Sie müssen eine Mindestausdehnung haben, die sogenannte Planklänge.

profil: Wie viel größer wäre das?
Gruber: Eine Ausdehnung von zehn hoch minus 35 Meter, also sehr viel größer, aber immer noch klein. Ein Punkt ist ein nulldimensionaler Körper, das ist nicht einmal die Spitze einer Nadel. Derzeit gibt es auch heftige Diskussionen darüber, ob es nicht schon mehrere Urknalle gegeben hat. Die katholische Kirche ist bei den Naturgesetzen immer schon hinterhergehinkt. Die Kirche und die Naturwissenschaften – das sind zwei Dinge, die so viel miteinander zu tun haben wie Gruppensex und Bratkartoffeln. Beides kann lässig sein, aber es passt nicht zusammen.

profil: Gegenüber der Kuffner-Sternwarte, in der wir gerade sitzen, ist das Ottakringer Bad. Genau davor hat die FPÖ einen Info-Stand über „H.C. Straches Bädertour“. Haben Sie sich schon informiert?
Gruber: Über Herrn Strache braucht man sich nicht extra zu informieren. Viele Leute sind ja gegen Frank Stronach. Ich sage: Schön, dass es den Stronach gibt, er ist der Erste, der Strache Wähler wegnimmt. Und Stronach hat den Vorteil, dass das Problem zeitlich überschaubar ist.

profil: Glauben Sie, dass Stronach einen erwähnenswerten Anteil an Stimmen bekommen wird?
Gruber: Ja. Ich glaube, sogar einen zweistelligen. Stronach wird viele Protestwähler mitnehmen, die sagen: Strache ist mir zu weit rechts. Das wirklich Traurige ist, dass wir einen hohen Anteil an Nichtwählern haben. Viele sind dagegen, dass wir den Griechen Geld geben, um ihnen auf die Beine zu helfen. Ich sage, gebt ihnen so viel Geld wie sie brauchen. Sie haben für uns die Tragödie, die Komödie und vor allem die Demokratie geschaffen. Sie ist eines der höchsten Güter, die wir haben. Es macht mich unendlich traurig, wenn ich höre, dass fast 50 Prozent der Wiener nicht wählen gegangen sind.

profil: Sind Sie ein Wechselwähler?
Gruber: Ich bin klassischer Sozialdemokrat.

profil: Was halten Sie übrigens von Lichtessen, über das kürzlich im ORF berichtet wurde?
Gruber: Wollen Sie wirklich Zeit hergeben für so einen Plunder? Da wurde Steuergeld verprasst, um Werbung zu machen für absoluten Blödsinn. Bei einem dieser angeblichen Lichtesser waren die „Salzburger Nachrichten“ zum Interview. Er hatte Klopapier. Wozu braucht er Klopapier, wenn er sich seit ein paar Jahren von Licht ernährt?

profil: Haben Sie es schon mal mit Diäten versucht?
Gruber: Ja, deswegen habe ich auch mein Übergewicht. Seit ich keine Diäten mehr mache, halte ich mein Gewicht stabil. Es ist schon erstaunlich: Je mehr Ernährungswissenschafter es gibt, desto dicker wird Österreich.

Werner Gruber, 43
Der gebürtige Ober­österreicher ist Physiker an der Universität Wien und leitet das Wiener Planetarium sowie die Kuffner- und Urania-Sternwarte. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er – gemeinsam mit seinem Physiker-Kollegen Heinz Oberhummer und dem Kabarettisten Martin Puntigam – als „Science Buster“ bekannt.

+++ Lesen Sie hier: Sommgergespräch V - ÖBB-Chef Christian Kern über seinen früheren ­Berufswunsch Sportreporter, den Wettbewerb zwischen Auto und Bahn und die Wiener Vorstadt als Karriere-Schule +++

+++ Lesen Sie hier: Sommgergespräch IV - Die Molekularbiologin Renée Schroeder über den Zufall in der Evolution und ihre Überzeugung, dass Gott ein von Menschen erdachtes Mittel der Unterdrückung ist +++

+++ Lesen Sie hier: Sommergespräch III - Die Autorin Eva Rossmann über Krimis und Softpornos von Frauen, die Grenzen der Political Correctness und das Lustige an Frank Stronach +++

+++ Lesen Sie hier: Sommergespräch II - Kaiserenkel Karl Habsburg über seine politischen Ambitionen, seine Geschäfte in Bulgarien und seine Ehe. +++

+++ Lesen Sie hier: Sommergespräch I - Der Verleger Wolfgang Fellner über seine Auffassung von Journalismus, die Zukunft der Zeitung und seine früh beendete Karriere als Fußballer +++