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© Bild: getty images
Wirtschaft
03.04.2021

Noreena Hertz über die "globale Einsamkeitskrise"

Die Ökonomin Noreena Hertz gilt als eine der wichtigsten Intellektuellen Großbritanniens. Wir leben in einer "globalen Einsamkeitskrise", sagt sie. Und das nicht erst seit der Pandemie.

Saito-San wacht jeden Tag im Frauengefängnis von Tochigi auf und findet das gar nicht schrecklich. Denn die japanische Witwe und Mutter zweier erwachsener Kinder ist nicht ganz unfreiwillig hier. In Japan hat sich die Anzahl von älteren Straftäterinnen in den letzten zwei Jahrzehnten vervierfacht. Die meisten sind wegen Ladendiebstählen verurteilt worden und werden oft nach ihrer Entlassung verdächtig schnell wieder straffällig. Viele, so vermutet Noreena Hertz nach Gesprächen mit Experten, sehen das Gefängnis als Oase, als Zufluchtsort, wo, wie eine Gefängniswärterin erklärt, "Menschen zum Reden sind".

"Wir befinden uns in einer globalen Einsamkeitskrise", schreibt Autorin Hertz in "Das Zeitalter der Einsamkeit - Über die Kraft der Verbindung in einer zerfaserten Welt".

Die britische Ökonomin recherchiert seit Jahren Zahlen und Fakten zu einer Krankheit, die erst in den letzten Jahren zu einer politisch-ökonomischen Kategorie geworden ist. Schon vor der Corona-Pandemie war die Einsamkeit als einer der bestimmenden Faktoren für Volkswirtschaften erkannt worden - aber seit den Covid-Lockdowns wird Loneliness bewusst als Volkskrankheit wahrgenommen. Pensionisten im Altersheim, die wegen Covid-19 nicht auf die Straße durften, standen am Anfang der Pandemie im Fokus der Aufmerksamkeit.

Doch Hertz konstatiert, dass die Einsamkeit nicht nur die Älteren in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft erfasst. Was mit sozialen Medien, Smartphones, einer zunehmend technologisierten Arbeitswelt und absterbenden Stadtzentren begonnen hat, wurde durch das Coronavirus noch verstärkt: Wer den Kaffee am Automaten holt, die Krankenpflege vom Roboter erledigen lässt, und wie Noreena Hertz selbst mit ihrer virtuellen persönlichen Assistentin Alexa eine fast menschliche Beziehung entwickelt, schränkt den Kontakt mit der Spezies Homo sapiens immer weiter ein.

Einsamkeit ist die Folge, und sie macht Körper und Seele krank. Hertz ruft Regierungen dazu auf, die Stadtzentren wieder mit Bibliotheken und Fitnesszentren zu beleben und Kaffeehäuser und Restaurants als Begegnungsstätten mit Subventionen zu unterstützen. Die Autorin möchte die sozialen Medien reguliert sehen und Firmen wie Facebook - wie die einst allmächtigen Tabakkonzerne in den 1990er-Jahren - in ihre Schranken gewiesen sehen.

Sie könne leider kein Interview beim Spazierengehen führen, sagt Noreena Hertz. Nun ist Gehen zwar der neue Volkssport geworden und insofern von wirtschaftlicher Relevanz - es ist der billigste und gesündeste Sport und für viele einer der wichtigsten Faktoren, wie man in einer Großstadt wie London während der Corona-Pandemie gesund und munter bleiben kann. Doch weil Ökonomin Hertz ihren Mann schützen möchte, vermeidet sie Walks &Talks im Hyde-Park in der Nähe ihres Hauses in Notting Hill. Das profil-Interview findet über Videolink statt.

Im Homeoffice steigt auch die Einsamkeit

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profil: Frau Hertz, Sie sagen, Einsamkeit sei schlecht fürs Geschäft. Wieso?

Hertz: Während der Pandemie sind sehr viele Leute im Homeoffice gelandet. Es wird jetzt darüber diskutiert, ob das bis zu einem gewissen Grad beibehalten werden soll. Die britische Bank HSBC hat schon angekündigt, ihren Büroplatz um 40 Prozent verkleinern zu wollen. Ich würde davor warnen. Denn im Homeoffice steigt auch die Einsamkeit. Untersuchungen haben gezeigt, dass Angestellte, die zwischenmenschlichen Kontakt haben, besser arbeiten. Gemeinsame Mahlzeiten, das haben die Untersuchungen auch gezeigt, fördern die Produktivität ebenso.

profil: Also raus aus dem Homeoffice und zurück in die Büros?

Hertz: Ja, es ist für Menschen und Business besser. Firmen sollten genug Platz zur Verfügung stellen. Sie müssen nicht gleich eine ganze Kantine bezahlen, aber wenn es einen kommunikativen Raum gibt, in den man sich mit seinem Lunch hinsetzen kann, dann hilft das allen Beteiligten, besser zu arbeiten.

profil: Einsamkeit kostet Firmen Profit. Das sollten sich vermutlich auch Regierungen zu Herzen nehmen?

Hertz: Klar. Die Corona-Pandemie hat das Bewusstsein dafür geschärft, wie schädlich Einsamkeit für die Menschen ist. In Deutschland sagten schon vor der Pandemie zwei Drittel der Menschen, dass sie sich zumindest manchmal einsam fühlen. Nach neueren Umfragen geben weltweit mehr als die Hälfte der Menschen an, unter Loneliness zu leiden. Drei Gruppen sind heute einsamer als früher: Arbeitslose, Jugendliche und Frauen. Manche Regierungen in Europa - Norwegen, die Niederlande und das Vereinigte Königreich - haben jetzt sogar Geld bereitgestellt, um Einsamkeit zu bekämpfen.

profil: Was soll denn damit passieren?

Hertz: Zehn oder 20 Millionen Euro ist nur ein Notpflaster. Einsamkeit hat strukturelle Ursachen, die man bekämpfen muss. Die großen Social-Media-Firmen - darüber schreibe ich in meinem Buch sehr viel, meine Recherchen dahingehend waren eindeutig - müssen reguliert werden. Genauso wie Stadtplanung neu gedacht werden muss. Es gibt eine ganze Reihe von Strukturreformen, die Regierungen angehen müssen.

Einsamkeit ist nicht nur eine psychische Krankheit, sie kann auch physische Auswirkungen haben

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profil: Um einsamen Freunden - und uns selbst auch - im Lockdown zu helfen, gehen wir jetzt mehr spazieren. Soll die Regierung extra Spaziergänger anheuern?

Hertz: Auf jeden Fall kann man die Hotlines und Anlaufstellen für geistige Gesundheit besser ausstatten. Wir wissen aus jahrelangen Studien, dass größere Einsamkeit zu größerer Angst führt. Einsame Menschen sind depressiver. Einsame Menschen sind stärker selbstmordgefährdet. Einsamkeit ist aber nicht nur eine psychische Krankheit, sie kann auch physische Auswirkungen haben.

profil: Einsamkeit kann die Gesundheit gefährden?

Hertz: Einsame Menschen haben weitaus höhere Erkrankungen der inneren Organe. Das Risiko für Herzkrankheiten ist um 29 Prozent höher, Gehirnschläge sind 32 Prozent häufiger, und Demenz tritt 64 Prozent öfter bei einsamen Menschen auf. Wer länger einsam ist, stirbt früher - die Wahrscheinlichkeit liegt hier bei 30 Prozent. Einsamkeit wirkt auf den Körper wie Rauchen, und zwar wie schweres Rauchen. Etwa 15 Zigaretten pro Tag im Durchschnitt. Neuseeland hat das früh erkannt. Der Finanzminister trifft Entscheidungen für das Budget nicht nur danach, was sie für das Wirtschaftswachstum bedeuten, sondern auch, ob sie Einsamkeit verringern helfen.

profil: In Großbritannien hat die Regierung 2017 eine eigene Ministerin für Einsamkeit eingesetzt. In Boris Johnsons Regierung ist es Baroness Barron, sie ist genau genommen Unterstaatssekretärin für Zivilgesellschaft und Loneliness im Ministerium für Sport und Kultur. Was macht die Ministerin gegen Einsamkeit?

Hertz: Die Ministerin für Einsamkeit hat kein großes Budget. Sie kann Kurse veranstalten lassen, in denen Männergruppen gemeinsam schnitzen, oder Frauen zusammen boxen lassen. Es gibt aber darüber hinaus viele Möglichkeiten, wie Regierungen ressortübergreifend Einsamkeit bekämpfen können. Bei meinem Treffen mit ihr haben wir darüber gesprochen, welche verheerende Rolle soziale Medien bei der Vereinsamung der Menschen spielen. Sie meinte, die Leute sollen eben weniger auf ihr Telefon schauen. Das ist etwas kurz gegriffen. Die Regierung müsste natürlich eingreifen und die sozialen Medien regulieren. So wie man in den 1990er-Jahren gegen die allmächtigen Tabakkonzerne vorgegangen ist. Am Anfang dachten die Leute auch, dass man gegen diese Konzerne kaum ankommen wird.

Man muss die Algorithmen umprogrammieren, damit Hass und Polarisierung nicht gefördert werden

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profil: Was genau können Regierungen also tun?

Hertz: Die sozialen Medien müssen reguliert werden. Jetzt sind sie mit Algorithmen so eingestellt, dass sie süchtig machen und spaltend wirken. Das kann man ändern. Man muss die Algorithmen umprogrammieren, damit Hass und Polarisierung nicht gefördert werden. Wir brauchen null Toleranz gegenüber Hate Speech.

profil: Die Debatte, wie man die Balance zwischen freier Meinungsäußerung und dem Schutz aller Beteiligten findet, werden wir noch lange führen. Das Bewusstsein, wie sehr Smartphones und soziale Medien zur Vereinsamung von Teenagern beitragen, ist dagegen schon sehr gestiegen. Ich bin aber auch ganz froh, dass mein im Lockdown isoliertes Schulkind seine Freunde zumindest auf Spielplattformen und sozialen Medien treffen kann.

Hertz: Ich habe einige Jahre damit zugebracht, die wissenschaftlichen Daten auszuwerten und Jugendliche zu interviewen. Die Medienplattformen sind absichtlich so gestaltet, dass sie abhängig machen. Das macht uns einsamer, weil es uns von denen entfernt, mit denen wir zusammenleben. Mein Mann und ich sitzen oft nebeneinander und sind so absorbiert von unseren Feeds am Telefon, dass wir nicht mehr miteinander kommunizieren. Dazu kommt, dass man sich auf den sozialen Medien oft inszeniert und sich besser darstellt, als man ist. Gerade für junge Menschen ist es oft schwer, die Online-Persönlichkeit mit der wahren Identität zu vereinen. Wer gibt schon zu, dass er abends auf dem Sofa Kekse ist?

profil: Derzeit sind Kekse auf dem Sofa doch hoch im Kurs, die Jogginghose ist in der Pandemie kollektionsreif geworden.

Hertz: Das ist allerdings eine der positiven Folgen von Covid: Wir sprechen offener über unsere Lage. Generell aber muss man leider sagen, dass es gemeinhin auf sozialen Medien darum geht, wer am meisten Likes bekommt und wie man das erreichen kann. Dazu kommt, dass Hass, Mobbing und Belästigung auf den sozialen Medien immer mehr ansteigen. Ein Drittel der 18- bis 24-jährigen Frauen in Britannien hat Belästigung auf Facebook erlebt. Die Plattformen machen bei Weitem nicht genug, um Hasspostings zu entfernen und zu verhindern. Gerade die Jungen verbringen so viel Freizeit auf sozialen Medien, dass diese Plattformen einfach sehr, sehr wichtig für sie geworden sind. WhatsApp-Gruppen sind zum Beispiel äußerst beliebt, und das hat seine Vorteile sogar im Schulalltag - aber nicht alle werden zu den Freundschaftsgruppen eingeladen. Und es schmerzt natürlich, wenn man nicht eingeladen wird.

profil: Gut, das Problem hatte man früher bei Geburtstagspartys auch. Der Effekt wird aber wohl durch die sozialen Medien verstärkt.

Hertz: Absolut. Wenn jemand zu irgendetwas nicht eingeladen wird, dann wird das oft auch noch auf den verschiedenen Plattformen ausgeschlachtet. Diese Ausgrenzung schmerzt dann doppelt, wenn man davon Wind bekommt. Die Telefone, die Plattformen - es ist jetzt alles 24/7 geöffnet. Und die Erwachsenen bekommen es oft gar nicht mit.

profil: Ein anderes Beispiel zur Eindämmung der Einsamkeit ist für Sie die Stadtplanung?

Hertz: Genau. Es hat wenig Sinn, eine Einsamkeits-Ministerin mit einem kleinen Budget einzusetzen, die dann Geld in Begegnungskurse investiert, wenn man gleichzeitig bei existierenden Bibliotheken und Kulturzentren spart. Wir brauchen nicht weniger Bibliotheken und Kulturzentren, sondern mehr. Jugendzentren und Begegnungsstätten für ältere Menschen wären ungemein wichtig. In den vergangenen zehn Jahren wurde da aber immer nur gespart. Das könnte sich vielleicht jetzt ändern. Es geht schließlich um unsere Gesundheit und unseren Wohlstand. Und unsere Demokratie.

profil: In der Pandemie ist der E-Commerce gestiegen, weil viele Geschäfte nicht öffnen konnten. Viele können vielleicht nie wieder öffnen, weil die Kunden aufs Internet umgestiegen sind. Was können Staaten da tun?

Hertz: Der Trend zum E-Shoppen war natürlich schon vor Covid ein Problem für die Einkaufsstraßen. Man muss neue Konzepte für die Hauptstraßen entwickeln, damit die Geschäftslokale nicht leer stehen und die Fußgängerzonen nicht veröden. Auch da helfen kommunikative Einrichtungen wie Begegnungsräume oder staatlich geförderte Fitnesszentren.

profil: Theater und Kinos?

Hertz: Ja. Und natürlich Kaffeehäuser und Restaurants. Die Regierungen müssen allen unter die Arme greifen, die bisher profitabel waren und Einsamkeit einfach im Nebeneffekt mitverhindert haben. Alle Untersuchungen zeigen, dass selbst ein einminütiger Kontakt zu einer Kellnerin oder einem Verkäufer das furchtbare Gefühl der Isolation, das alleinlebende Menschen oft haben, extrem verringert.

profil: Die steigende Einsamkeit ist auch eine Folge neoliberaler Politik, in der Leistung und nicht Solidarität im Vordergrund steht. Hier im Vereinigten Königreich ist das seit Margaret Thatcher stärker spürbar geworden als auf dem europäischen Kontinent, aber auch dort wird, wie Sie im Buch beschreiben, das Wort "wir" in Popsongs heute weniger oft verwendet als das Wort "ich".

Hertz: Auch in Österreich und Deutschland hat man Politiker wie Gerhard Schröder erlebt, die neoliberale Projekte angegangen sind, in denen das Individuum über das Kollektiv gestellt wurde und Eigenschaften wie Hyper-Kompetitivität wertgeschätzt wurden - und zwar auf Kosten von Eigenschaften wie Rücksichtnahme oder Solidarität. Auch Österreich und die anderen europäischen Staaten haben sich der Sichtweise angenähert, Menschen eher als Arbeitstiere zu betrachten, als sie als Helfende wahrzunehmen. So wurde das Gemeinsame zurückgedrängt, und die Menschen wurden einsamer.

profil: Als gelungene Gegenmaßnahme zur Vereinsamung zitieren Sie in Ihrem Buch die Initiative "Deutschland spricht", die von der "Zeit" in Deutschland 2017 veranstaltet wurde. In Österreich wurde dieses Experiment vom "Standard" aufgegriffen: "Österreich spricht". Da wurden Gesprächspartner aus zwei unterschiedlichen Meinungscamps zusammengebracht, die einfach miteinander reden sollten.

Hertz: "Die Zeit" und der "Standard" haben richtig erkannt, dass wir das Gefühl vieler Menschen, voneinander abgeschnitten zu sein, bekämpfen müssen. Wie kommen wir wieder zueinander? Das Experiment gelang: Nach zwei Stunden sahen sich die Leute ganz anders, man vertraute sich wieder mehr. Auch, wenn man ganz andere politische Meinungen hatte. Auf den sozialen Medien ist das viel schwerer zu schaffen als im direkten Kontakt.

profil: Sie haben auch die Kommerzialisierung der Einsamkeit in Ihrem Buch behandelt, oder, wie mir schien, fast aufs Korn genommen. Sie haben sich in New York zum Beispiel für ein paar Stunden eine Freundin gemietet?

Hertz: Ja, das ist ein ernstes Thema. Ich habe Brittany, die auf der Eliteuniversität Brown studiert hat und später keinen anderen Job bekommen hat, als Freundin für ein paar Stunden gemietet. Wir waren zusammen Kaffee trinken und shoppen. Ich dachte zeitweise, sie mag mich wirklich. Für einsame Menschen ist das an sich keine schlechte Idee. Wir bestellen ja schließlich auch einen Cheeseburger, wenn wir Hunger haben.

 

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