Marihuana-Paradies Kalifornien

MATT KURTH: Der 35-Jährige macht sein Geld mit Marihuana-Tourismus und ist Sekretär der örtlichen Cannabis-Wirtschaftskammer.

MATT KURTH: Der 35-Jährige macht sein Geld mit Marihuana-Tourismus und ist Sekretär der örtlichen Cannabis-Wirtschaftskammer.

Seit Anfang des Jahres ist Cannabis in Kalifornien auch als Genussmittel zugelassen. Doch viele der alteingesessenen Hanf-Farmer sind gar nicht so glücklich über die Legalisierung.

Das monatliche Mitgliedertreffen der Cannabis-Wirtschaftskammer von Humboldt County ist eine eher beschauliche Veranstaltung. Knapp 40 Personen versammeln sich in einem Geschäft für Gartenbedarf. Man trägt Namensschilder, trinkt Craft Beer und Bio-Limonade und sammelt Spenden für einen neuen Radweg entlang der nahegelegenen Meeresbucht. "Die Leute von der alteingesessenen lokalen Wirtschaftskammer wollten nichts mit uns zu tun haben", sagt Matt Kurth, Sekretär der Vereinigung: "Irgendwann reichte es uns, und wir gründeten unsere eigene Kammer. Nun treffen wir uns ein Mal im Monat, um uns auszutauschen und besser kennenzulernen."

So richtig gewöhnt daran, Vertreter eines offiziellen Gewerbes zu sein, haben sich viele der Anwesenden ganz offensichtlich noch nicht. Obwohl Cannabiskonsum und -anbau in Kalifornien aufgrund einer Volksabstimmung seit Jahresbeginn voll legalisiert sind, bleibt Vorsicht an der Tagesordnung. Den Medien gegenüber zeigt man sich eher misstrauisch, Fotografieren ist weitgehend unerwünscht. Dabei gibt es hier in Humboldt schon so etwas wie eine Tradition im Cannabisanbau. Das County ist eines von dreien, die das "Emerald Triangle" bilden, benannt nach der smaragdenen Farbe der Cannabispflanzen, die bereits seit den 1960er-Jahren hier und in den Nachbar-Countys Mendocino und Trinity in großem Stil angebaut werden.

Sechs Autostunden benötigt man von San Francisco in Richtung Norden, um die Stadt Arcata im Emerald Triangle zu erreichen. Der Highway Nummer 101 führt durch den Redwood-Nationalpark mit seinen mächtigen Mammutbäumen, die bis zu 100 Meter Höhe erreichen können. Da der Wald das Gebiet vom weit stärker bevölkerten Süden des Staates abtrennt, spricht man vom Redwood Curtain, dem Mammutbaum-Vorhang.

Konventionelle und neuartige Landwirtschaft

Der Vergleich mit dem Vorhang bezieht sich aber auch auf die Strukturschwäche dieser abgeschiedenen und dicht bewaldeten Gegend im Norden Kaliforniens. Weniger als 250.000 Menschen bewohnen eine Region, die ungefähr so groß ist wie Niederösterreich und die Steiermark zusammengenommen. Seit dem Verbot zur Abholzung der Mammutbäume und dem damit einhergehenden Niedergang der Holzwirtschaft lebt man hier hauptsächlich von Landwirtschaft, und zwar sowohl von konventioneller als auch von neuartiger, in Form von Cannabisanbau.

"Die Bevölkerung fällt in zwei Teile auseinander: auf der einen Seite die weitgehend konservativ denkenden, alteingesessenen Farmer, auf der anderen die eher progressiv ausgerichteten Hanfpflanzer und jene, die wegen des Cannabis hergezogen sind und davon leben", sagt der 35-jährige Kurth, ein zierlicher Mann mit Bart und Baseballkappe. Vor einigen Jahren hat er sich aus dem südkalifornischen Torrence aufgemacht, um hier ein Unternehmen für Cannabistourismus zu gründen, einen mittlerweile boomenden Wirtschaftszweig im Staat Kalifornien.

An diesem Tag ist man also zusammengekommen, um sich im Geschäftslokal eines Gartenausstatters auszutauschen, der sich auf Cannabisanbau spezialisiert hat. Er hat all jene Artikel im Sortiment, die dafür notwendig sind: biologisch erzeugte Dünge- und Pflanzenschutzmittel, Handbücher, Kompostlaugen, Gießkannen und andere Gerätschaften.

Der Großteil der älteren Anwesenden stammt ursprünglich nicht aus der Gegend. Viele von ihnen kamen schon in den 1960er-Jahren als Hippies hierher, bauten zuerst illegal Hanf an und beantragten später, nach der Legalisierung von Cannabis für medizinische Zwecke im Jahr 1996, eine offizielle Lizenz. Dazwischen mussten sie den "War on Drugs" überstehen, den die Reagan-Administration in den 1980er-Jahren ausrief.

"Und nun soll plötzlich alles anders sein?"

"Zur Zeit des Krieges gegen die Drogen marschierte plötzlich die Armee ein, mit Maschinenpistolen im Anschlag und unterstützt von Hubschraubern", erzählt ein großgewachsener Farmer mit weißem Vollbart und kariertem Holzfällerhemd, der selbst zu den Pionieren zählt und nur Harry genannt werden will: "Und nun soll plötzlich alles anders sein? Daran glauben viele nicht."

Tatsächlich sind bisher bei Weitem nicht alle Pflanzer aus dem Schatten der Illegalität getreten. "Nach wie vor werden schätzungsweise 98 Prozent des kalifornischen Cannabis illegal erzeugt und vertrieben", bedauert Kurth. Es liege hauptsächlich daran, dass die Preise auf dem Schwarzmarkt niedriger seien und die Nachfrage somit entsprechend größer.

Doch es gibt noch weitere Gründe. Einer davon ist, dass der Staat Kalifornien schon jetzt weit mehr Cannabis erzeugt, als er selbst verbraucht - nämlich rund 60 Prozent der Menge, die in den gesamten USA konsumiert wird. Da die Legalisierung jedoch kein Bundesgesetz ist und jede Ware, sobald sie eine Staatengrenze überschreitet, zur Bundesangelegenheit wird, ist legaler Export unmöglich.

Zugleich sind die Preise für Marihuana in Kalifornien um ein Vielfaches niedriger als etwa an der Ostküste, die sich dadurch zu einem attraktiven Absatzmarkt entwickelt hat, der nur über illegale Kanäle zu versorgen ist. Durch die Nichtanerkennung des Gewerbes auf Bundesebene bleibt den Unternehmern auch der Zugang zum bundesweiten Banken-und Justizsystem verwehrt, was sie unter anderem darin hindert, ihre Geschäfte mittels Überweisungen abzuwickeln.

Hoffnung kommt derzeit aus Kanada, wo noch diesen Sommer ein Gesetz in Kraft treten soll, das Cannabis im gesamten Staatsgebiet legalisiert. Mut machen auch einige Aussagen von US-Präsident Donald Trump, der erst vor wenigen Tagen erklärte, dass er ein ähnliches Gesetz eventuell unterstützen würde. Doch viele bleiben skeptisch. "Trump sagt immer wieder etwas und macht dann etwas völlig anderes. Außerdem ist Justizminister Jeff Sessions ein erklärter Gegner der Legalisierung", zweifelt Matt Kurth.

"Mühsame" Auflagen

Erschwerend kommt hinzu, dass viele der alteingesessenen Pflanzer es nicht gewohnt sind, Steuern zu zahlen, was sie mit einer Lizenz freilich müssten. "Dabei sind die Steuern noch das geringste Problem", sagt Harry, der Pionier im Holzfällerlook: "Am teuersten und mühsamsten sind die Auflagen, die für eine Genehmigung zu erfüllen sind."

Wer einen Antrag stellt, muss mehrere Ämter aufsuchen - darunter das Amt für Forstwirtschaft sowie für Fisch- und Wildtierschutz, aber auch jenes für Archäologie, das untersucht, ob es auf dem zu genehmigenden Gebiet Spuren der Ureinwohner gibt. Zudem braucht es den Segen des lokalen Sheriffs und den Nachweis, dass die Straße zur Farm den behördlichen Normen entspricht -ist das nicht der Fall, muss sie auf eigene Kosten adaptiert werden. "Das können sich etliche von uns beim besten Willen nicht leisten", erklärt der Farmer.

"Von den schätzungweise 10.000 bis 12.000 Erzeugern in Humboldt County arbeiten gerade einmal 700 mit offiziellen Lizenzen", sagt Kurth. Die Anzahl der lizenzierten Betriebe sei zuletzt zwar rapide gestiegen. Doch das liege nur bedingt an den alteingesessenen Farmen, die auf Marihuana umgestellt haben, sondern vielmehr daran, dass seit der Bekanntgabe der Legalisierung viel Geld in das neue Business geflossen sei und zu etlichen Unternehmensgründungen geführt habe, so der Cannabis-Touristiker.

So wie viele im Emerald Triangle sieht auch Kurth zahlreiche Parallelen zwischen dem "Gold Rush" Mitte des 19. Jahrhunderts und dem aktuellen "Green Rush", der durch die Legalisierung von Cannabis ausgelöst worden ist.

"Genau wie damals strömen auch heute etliche Glücksritter aus aller Welt nach Kalifornien, die allesamt überzeugt sind, es hier zu Reichtum zu bringen", sagt Kurth: "Und genau wie damals gehen damit viele Probleme einher."

So gibt es etwa massive Spekulation auf Grundstücke, selbst auf solche, die für den Cannabisanbau ungeeignet sind. Auch Kriminalität ist ein leidiges Thema für die Farmer, die sich gezwungen sehen, ihre Plantagen und Pflanzen von bisweilen schwer bewaffneten Sicherheitsleuten schützen zu lassen. Und da bundesweite Banküberweisungen unmöglich sind, befinden sich große Mengen an Bargeld im Umlauf, was für zusätzliche Sicherheitsrisiken sorgt.

Umweltschäden durch illegalen Anbau

Außerdem entstehen vor allem durch den illegalen Anbau Schäden an der Umwelt, etwa durch unkontrolliert entnommenes beziehungsweise umgeleitetes Wasser oder durch Chemikalien aus Pflanzenschutz- und Düngemitteln, die den Wasserkreislauf belasten: ein viel beachtetes Problem im umweltbewussten Kalifornien.

"In zahlreichen Proben von illegalem Marihuana wurden Spuren von Carbofuran entdeckt", sagt Michele Malaret, die in Arcata ein autorisiertes Labor für Cannabis-Analyse betreibt: "Das Mittel wird von den Behörden als äußerst gefährlich für Natur und Mensch eingestuft und darf eigentlich nur unter besonderer Aufsicht angewendet werden. In Kanada und in der Europäischen Union ist es gänzlich verboten."

Es gibt noch weitere, kaum weniger bedenkliche Pflanzenschutzmittel, die in illegalem Cannabis immer wieder auftauchen und in einigen Fällen sogar stärker gesundheitsgefährdend sind, wenn man sie raucht, als wenn man sie isst. Für Malaret besteht daher kein Zweifel, dass man als Konsument gut beraten ist, zu legalen und also kontrollierten Cannabisprodukten zu greifen.

Die Umweltprobleme betreffen aber nicht ausschließlich den illegalen Anbau. Auch große Unternehmen, für die es naturgemäß einfacher ist, eine offizielle Genehmigung zu erhalten, stehen im Verdacht, beträchtliche Mengen von Chemikalien einzusetzen, die Böden und Grundwasser belasten. "Sie investieren vor allem und in großem Stil im weiter südlich gelegenen Central Valley, wo Land billig ist und die Böden zu einem großen Teil schon von der intensiven Form von Landwirtschaft ausgelaugt sind, die dort betrieben wird", erklärt Kurth.

Tatsächlich entstehen im Central Valley immer mehr weitläufige Plantagen und Gewächshäuser, die dazu dienen, möglichst viel Cannabis zu möglichst niedrigen Preisen zu erzeugen - und das nicht immer mit dem allerhöchsten Respekt vor der Umwelt, wenngleich nach geltenden Regeln und Gesetzen.

"Napa Valley für Gras"

Das Zusammenspiel von besserem Zugang zu Verkehrswegen, zu größeren Märkten wie etwa in San Francisco und Los Angeles sowie zu billigeren Arbeitskräften in Gestalt von Tagelöhnern aus Mexiko ermöglicht den Erzeugern aus dem Süden, ihre Produkte billiger zu verkaufen, was wiederum die Preise in Humboldt drückt.

"Legales Cannabis aus dem Central Valley ist heutzutage schon für 1300 Dollar pro Pfund erhältlich, während wir hier bis vor wenigen Jahren für dieselbe Menge noch gut das Dreifache verlangen konnten", bedauert der Farmer Harry. Deswegen setzen er und viele seiner Kollegen im Emerald Triangle zunehmend auf höchste Qualität, umweltschonende, nachhaltige Anbauweisen und ein entsprechendes Marketing.

So spricht man hier auch immer öfter vom "Napa Valley für Gras", in Anlehnung an das weltbekannte Weinbaugebiet im Norden von San Francisco, das sich marketingtechnisch ebenfalls deutlich von den Billigweinen abhebt, die im Central Valley erzeugt werden.

Tatsächlich gibt es bereits Initiativen, Cannabis in den drei Countys nicht nur nach der Sorte, sondern auch nach dem Ort zu kennzeichnen, wie es auch in vielen Weingegenden längst der Fall ist.

"Für die Zukunft müssen uns kleinen Farmern zwei Dinge gelingen: zum einen, den Schwarzmarkt zu bekämpfen beziehungsweise überflüssig zu machen, und zum anderen, uns deutlich von der billigen Massenware abzuheben", sagt der Pflanzer Harry. Doch dazu müssten deutlich mehr seiner Kollegen in die Legalität übertreten, um gemeinsam an einem Strang zu ziehen und die Vorzüge von Cannabis aus der Region zu vermarkten.

"Und das ist leider gar nicht wenig verlangt von den alteingesessenen Farmern, die es jahrzehntelang gewohnt waren, möglichst unauffällig vorzugehen", sagt Kurth, bevor er ins Freie tritt und sich eine Zigarette anzündet. Er ist übrigens der Einzige, der hier raucht. Tabak ist hierzulande weitgehend verpönt. Und Cannabiskonsum im öffentlichen Raum bleibt nach wie vor verboten.

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