Deutschland bemängelt nach Nullnummer Durchschlagskraft

Defensiv konnten die Deutschen überzeugen

Defensiv konnten die Deutschen überzeugen

Die Statistik würde auf eine eindeutige Angelegenheit hindeuten: 3:0-Torschüsse, rund 64 Prozent Ballbesitz, 517 gegenüber 177 angekommene Pässe zeigen das spielerische Übergewicht von Weltmeister Deutschland am Donnerstagabend gegen Polen. Unter dem Strich blieben im Stade de France aber die erste Nullnummer der Fußball-EM in Frankreich und ein nachdenklicher Weltmeister.

Das von Toni Kroos dirigierte deutsche Spiel endete meist rund 20 Meter vor dem polnischen Tor. Dort, wo es drauf ankommt, fehlten die Ideen gegen die massierte Abwehr, weshalb der Elf von Teamchef Joachim Löw der vorzeitige Aufstieg ins Achtelfinale nicht gelang. Letztlich musste die mit zehn Weltmeistern angetretene DFB-Auswahl sogar froh sein, dass Arkadiusz Milik (46., 68.) seine beiden Großchancen der nach der Pause gefährlich konternden Polen vergab.

"Insgesamt ist das Unentschieden vollkommen gerecht", sagte Löw nach dem 0:0. "In der Defensive haben wir gut gespielt, kaum Chancen zugelassen. Im Spiel nach vorn haben wir zu wenig Lösungen gehabt, uns durchzukombinieren. Unser Problem war das gesamte Spiel im letzten Drittel. Häufig haben wir nicht das Tempo erhöht, sondern abgebrochen. Dann waren wieder zehn Polen hinter dem Ball", analysierte der Teamchef.

Löw ließ aber auch keinen Zweifel aufkommen. "Wir werden uns qualifizieren und das erreichen, was wir wollen. In der Gruppenphase ist es ein Abnutzungskampf. In der K.o.-Phase wird es wahrscheinlich auch ein bisschen offener", meinte der ehemalige Trainer des FC Tirol und von Austria Wien. Bereits ein Unentschieden im abschließenden Spiel am Dienstag (18.00 Uhr) gegen die Nordiren, die nach dem 2:0-Erfolg über die Ukraine ebenfalls das Achtelfinale im Visier haben, genügt zum Aufstieg. Auch Polen reicht im Parallelspiel ein Punkt gegen die Ukraine.

In der Heimat kommt aber schon heftigere Kritik auf. "Zu wenig Charakter und Persönlichkeit", ätzte der ehemalige Teamkapitän Michael Ballack in der "Bild"-Zeitung. "Harmlos gegen Polen", titelte die Berliner Morgenpost.

Allerdings sparten auch die deutschen Spieler nicht mit Selbstkritik. "Offensiv hat heute viel gefehlt und wir müssen viel mehr Laufwege investieren, aggressiver sein, mehr Zweikämpfe gewinnen. Das müssen wir ändern, sonst kommen wir nicht weit", erklärte Abwehrchef Jerome Boateng, an dessen Seite Mats Hummels 26 Tage nach einem Muskelfasserriss in der Wade sein Comeback gab. "In der zweiten Halbzeit hatten wir schon einen Haufen Glück", gestand der Rückkehrer.

Die Polen, die in nun 21 Duellen mit Deutschland nur ein einziges gewonnen haben, konnten mit dem Punkt zufriedener sein. "Siegreiches Unentschieden der Polen!", jubelte etwa die Zeitung "Gazeta Wyborcza".

Nüchtern analysierte Adam Nawalka das Ergebnis: "Wir haben die Dinge gut kontrolliert, selbst am Ende. Wir haben ihnen bewusst das Spiel überlassen, um Räume für unsere Konter zu schaffen. Unser Plan ist aufgegangen. Das Einzige, womit ich nicht ganz zufrieden bin, ist, dass wir kein Tor geschossen haben", erklärte der polnische Teamchef.

Ähnlich analysierte Robert Lewandowski. "Mit dem Punkt sind wir zufrieden. Es ist aber schade, dass wir kein Tor erzielt haben", meinte der Torjäger.