Ukraine will bei der EM den Krieg vergessen

Ukrainische Fans beim Training ihrer Mannschaft in Aix-en-Provence

Ukrainische Fans beim Training ihrer Mannschaft in Aix-en-Provence

Schmerz und Euphorie liegen wohl bei keinem Teilnehmer der Fußball-EM so nahe beisammen wie bei der Ukraine. Vor dem richtungsweisenden ersten Gruppenspiel am Sonntag in Lille gegen Weltmeister Deutschland überkommt die Menschen im größten Flächenstaat Europas Wehmut, wenn sie an die Aufbruchstimmung bei der EURO 2012 im eigenen Land denken.

Viele können nicht glauben, dass das gemeinsame Fußballfest mit dem Nachbarn Polen nur vier Jahre her ist. Seitdem hat ein blutiger Krieg im Osten des Landes etwa 9.400 Menschen das Leben gekostet.

Der zur Europameisterschaft gebaute Flughafen des Austragungsorts Donezk ist bei Kämpfen zwischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten komplett zerstört worden. Das örtliche Stadion dient als Verteilungsort für humanitäre Hilfe - der international bekannte Club Schachtar Donezk spielt 1.000 Kilometer westlich im Exil in Lwiw.

Die Ukraine ist im Krieg, und da geht es auch dem von Oligarchen geführten Fußball der Ex-Sowjetrepublik schlecht. Mehrere Pleiten lassen die Premier Liga schrumpfen - von einstmals 16 Mannschaften sind in der kommenden Saison noch zwölf übrig. Die Zuschauerzahlen haben sich seit 2012/13 mehr als halbiert. Gingen damals im Schnitt 13.000 Menschen ins Stadion, waren es in der vergangenen Saison gerade 5.000 pro Spiel. Nicht verwunderlich bei Monatslöhnen von umgerechnet knapp 170 Euro.

Ein Grund ist ebenfalls der Zwangsumzug der Traditionsclubs aus dem dicht besiedelten Osten. Neben Schachtar müssen auch Olimpik Donezk und Sorja Luhansk die zweite Saison fern ihrer Heimatstadien spielen, die mittlerweile im Gebiet der moskautreuen Aufständischen stehen.

Nichtsdestotrotz fiebern die Ukrainer dem Turnier in Frankreich entgegen. Seit Wochen stimmen TV-Spots auf die EM ein. Zeitungen stellen auf Doppelseiten Austragungsorte und Gruppengegner der eigenen Mannschaft vor: Deutschland, Nordirland und Polen. Drei TV-Sender von Schachtar-Besitzer Rinat Achmetow übertragen die Partien. Und Großstädte haben Fan-Zonen mit Public Viewing vorbereitet.

Vermögendere Ukrainer mit Tickets bewegt aber nur ein Thema: Wie bekomme ich rechtzeitig ein Visum? Trotz der von Staatspräsident Petro Poroschenko im Wahlkampf gemachten Versprechen hat die Ukraine noch keine Visafreiheit mit dem Schengenraum erhalten. In den Medien kursieren Berichte und Statistiken über abgelehnte Anträge, und das französische Konsulat in der Hauptstadt Kiew muss sich massive Kritik an langen Wartezeiten und unbegründeten Ablehnungen anhören.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Fall von Wladimir Bobentschik aus Lwiw - der Achtjährige gilt als "Glücksengerl" der Nationalelf. Seine Eltern schenkten ihm zum Geburtstag am vergangenen Montag Karten für alle Gruppenspiele des Nationalteams. Zusammen mit Großvater Andrej wollte die Familie nach Paris reisen, doch dann verweigerte Frankreich die Einreisegenehmigungen. Erst ein großes Medienecho brachte im zweiten Anlauf einen Erfolg, aber nicht alle haben soviel Glück. Poroschenko sprach das Visaproblem auch in einem Telefonat mit seinem französischen Amtskollegen Francois Hollande an.

Doch trotz Krieg, Dauerkrise und Visafrust - Teamchef Michail Fomenko betonte vor dem Auftakt gegen Deutschland: "Fußball ist keine Ausnahme, sondern Teil unseres Lebens." Seine Mannschaft um Co-Trainer und Ex-Superstar Andrej Schewtschenko verspricht den Landsleuten "positive Emotionen" durch schönes Spiel und Erfolge.

Präsident Poroschenko hofft sogar, dass das Team in Frankreich so erfolgreich abschneidet wie die ukrainische Sängerin Jamala ("1944") vor wenigen Wochen beim Eurovision Song Contest (ESC) in Stockholm. Das wäre wohl eine Sensation: Jamala gewann die "Gesangs-EM".