Verliebt in einen Mörder

SPURENSUCHE: Nicole G. in ihrem Schlafzimmer: Tatortfotos, Beweisstücke, Fragezeichen

SPURENSUCHE: Nicole G. in ihrem Schlafzimmer: Tatortfotos, Beweisstücke, Fragezeichen

Am 26.März 2009 trat Jürgen K. am Wiener Schwedenplatz einen Pensionisten zu Tode. Er wurde zu lebenslanger Haft und Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher verurteilt. Dort heiratete er 2016. Seine Frau Nicole G. hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, K.s Unschuld zu beweisen.

Nicole G. lebt in einem alten, wild-romantischen Haus, das gerade saniert wird. Die Gegend, ein paar Autostunden von Wien entfernt, ist ruhig. Auf dem Tisch im Garten stehen ein übervoller Aschenbecher und Kaffee, daneben liegen Zettel mit Notizen. Die ältere Tochter passt während des Interviews auf die jüngere auf. Beide Kinder stammen aus Nicole G.s erster Ehe, aus der Zeit vor Jürgen K.

Das Gespräch wird länger dauern. Es geht um einen grausamen Mord. Einen sinnlosen Akt der Gewalt. Einen Täter, der vielleicht bis zum Ende seines Lebens hinter Gittern bleiben wird. Um eine unwahrscheinliche Liebe. Und um die Hoffnung auf ein Happy End, das sich niemand vorstellen kann.

Nicole G., 37, wirkt resolut: eine Frau, die schon einiges erlebt und sich nun eine Aufgabe gestellt hat, die ihr alles abverlangt. Sie ist absichtlich aufs Land gezogen, sagt sie. Weit weg von Wien, weit weg vom Prater, wo sie lange in einer Bar als Kellnerin arbeitete, mit Gästen, die eher dem zwielichtigen Milieu zuzuordnen waren. Dort arbeitete auch die Mutter von Jürgen K., die Nicole G. erstmals jene Geschichte erzählte, die zur Geschichte ihres Lebens werden sollte.

"Das sind die Fakten"

Am sichtbarsten wird diese Geschichte in ihrem Schlafzimmer. Es ähnelt einem Kriminalkommissariat. Neben Fotos von ihrer Hochzeit mit Jürgen K., 2016 in der Justizanstalt Garsten, hängt eine riesige Leinwand mit Bildern vom Tatort, von Blutspuren, Beweisstücken, Standfotos aus Überwachungskameras. „Das sind die Fakten“, sagt Nicole G. Sie glaubt an die Unschuld ihres Mannes.

Die Fakten, wie die Polizei und das Gericht sie sehen: Jürgen K. trifft in der Nacht des 26. März 2009 auf den 52-jährigen Frühpensionisten Albrecht M., als er gegen halb vier Uhr früh betrunken das Lokal „Roter Engel“ am Schwedenplatz verlässt. Bekannte beschreiben das Opfer später als „ruhig“ und „einsamen Trinker“. Völlig grundlos schlägt K. den Mann zusammen, tritt danach immer wieder auf ihn ein. Die Worte des Gerichtsmediziners: „Der gesamte Schädel war zermalmt.“ Danach setzt sich K. in ein Taxi und fährt nach Hause. Als ihn die Ermittler am nächsten Tag in der Wohnung seiner damaligen Freundin antreffen, finden sie Blutspuren auf dem Boden und Schuhe in der Waschmaschine. In einem Geschworenenprozess wird K. zu 20 Jahren Haft und Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher verurteilt.

Zum ersten Mal besuchte Nicole G. Jürgen K. im Gefängnis, nachdem ihr Jürgens Mutter die Geschichte ihres gefallenen Sohnes erzählt hatte – und davon, dass dieser unschuldig einsitze. Dass ein anderer nach der Tat sogar damit geprahlt habe, „davongekommen“ zu sein, indem er „dem Jürgen das alles in die Schuhe geschoben“ habe. Das habe sie neugierig gemacht. Aus regelmäßigen Besuchen bei Jürgen K. wurde Liebe. „Da ist eine große Nähe entstanden. Und ich wollte ihm eine Chance geben. Wenn man einmal sitzt, sind die Möglichkeiten begrenzt, die Wahrheit ans Tageslicht zu bringen.“

Solidaritätskonzert von Rechtsextremen

Jürgen K., zum Tatzeitpunkt 22 und arbeitslos, soll in der rechtsextremen Blood&Honour-Szene verkehrt haben. Nach seiner Verhaftung sei ein Solidaritätskonzert von Rechtsextremen in einem einschlägigen Lokal im 2. Bezirk veranstaltet worden, berichten Szenekenner. Was sagt Nicole G. dazu? Ihr Ehemann habe früher vielleicht Fehler gemacht, sei inzwischen aber geläutert. „Der Jürgen ist ein Mensch, der sich um alles Sorgen macht – wenn es jemandem schlecht geht, wenn jemand ungerecht behandelt wird. Ein Mensch, der in seiner Jugend in Kreise gekommen ist, die ihm nicht gutgetan haben, aber der von seiner Überzeugung her sicher nie ein Neonazi war – und auch heute keiner ist.“

Ob sie manchmal darauf angesprochen werde, sich zu verrennen, eine Obsession entwickelt zu haben? „Regelmäßig. Viele bezeichnen mich als die liebeskranke, verrückte Alte. Aber ich kenne die Fakten. Und die sprechen eine andere Sprache.“ Was für sie dagegen spreche, dass ihr Mann so lange auf einen Pensionisten eingetreten habe, bis dessen Kopf „geplatzt sei wie eine Melone“, wie es ein Zeuge in der Verhandlung damals ausgesagt hatte? „Der ganze Akt.“

Versuch einer Rekonstruktion der Tatnacht. Jürgen K. sitzt am 26. März 2009 mit drei anderen Männern in der Bar „Roter Engel“ am Wiener Schwedenplatz. Es fließt reichlich Alkohol. Einer der anderen Männer ist Christian F., der von sich selbst behauptet, ein Informant der Wiener Polizei und „Aussteiger der Wiener Unterwelt“ zu sein. Tatsächlich war er 2006 in die Affäre um den wegen Amtsmissbrauchs suspendierten und später verurteilten Wiener Polizeigeneral Roland Horngacher verwickelt.

Als sich die Männer im „Roten Engel“ treffen, ist Jürgen K. nicht bei bester Laune, so Christian F. im Gespräch mit profil: Seine damalige Freundin habe ihm mitgeteilt, dass sie das gemeinsame Kind abtreiben lassen wolle. Nachdem Jürgen K. mehrmals vom Barhocker gekippt sei, hätten ihn seine Begleiter in ein Taxi gesetzt und nach Hause geschickt. Doch anderthalb Stunden später sei K. zurückgekehrt. „Viel wacher als zuvor“, so F: „Irgendwo dürfte er sich Stoff besorgt haben – welchen auch immer.“ K. kommt mit einer Frau ins Gespräch; schließlich verlässt die Gruppe die Bar. „Der Jürgen ist mit der Dame hinter mir gegangen – auf einmal war er weg. Ich habe sie gefragt, wo er hin ist, und sie hat um die Ecke gedeutet. Dann habe ich schon einen Schrei gehört.“ Wie von Sinnen habe Jürgen K. auf der Rotenturmstraße auf einen Pensionisten eingetreten, der völlig unbeteiligt an der Gruppe vorbeigegangen sei. Sein Schicksal: Er habe die Begleitung von Jürgen K. unabsichtlich leicht berührt, so die Beschreibung im Gerichtsakt. Nach der Tat sei Jürgen K. seelenruhig nach Hause gefahren, sagt F.

Verurteilung im September 2009

Die Polizei findet ihn am nächsten Tag schlafend vor und verhaftet ihn. Schon beim Betreten der Wohnung fallen der Polizei Blutspuren und die volle Waschmaschine auf. Auf dem Kommissariat wird der Inhalt der Maschine mit anderen Beweisstücken aufgelistet: neben einer Hose und anderer Kleidung auch weiße und schwarz-silberne Nikes. An Letzteren wird das Blut des Opfers sichergestellt. Jürgen K. legt ein Teilgeständnis ab. Er könne sich an die letzte Nacht in keiner Weise erinnern. Ein Geschworenengericht verurteilt ihn im September 2009 zu 20 Jahren Haft und Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Das heißt: Eine Freilassung ist nur noch bei einem positiven psychiatrischen Gutachten möglich.

Doch das Verfahren sei mangelhaft gelaufen und Jürgen K. unschuldig, sagt Nicole G: „Der Jürgen hatte damals nur ein einziges Paar Schuhe – und zwar weiße Nikes. Die wurden in der Küche der Wohnung des Vaters gefunden und nicht in Jürgens Waschmaschine. Und an den weißen Sneakern war kein Opferblut, das hat auch die Spurensicherung festgestellt.“ Jürgen K. sei am Morgen nach der Tat barfuß auf das Kommissariat geführt worden. In der Verhandlung sechs Monate später sei immer nur von „den weißen Schuhen“ die Rede gewesen. Die Geschworenen hätten nicht gewusst, dass die Schuhe, an denen das Opferblut gefunden wurde, schwarz-silber waren, ihr Ehemann solche Schuhe aber nie besessen und am Tatabend seine weißen Sneaker getragen habe. „Das haben auch Zeugen bestätigt, die mit ihm an diesem Abend unterwegs waren – und Jürgens damalige Lebensgefährtin. Alle, außer Christian F. Der hat ausgesagt, dass Jürgen schwarze Nikes angehabt hätte.“

Aber wie sollen die schwarz-silbernen Schuhe in seine Waschmaschine gekommen sein, wenn Jürgen K. sie angeblich gar nicht getragen hatte? Und wie landeten seine weißen Nikes in der Wohnung seines Vaters? „Das wäre in einer Wiederaufnahme des Verfahrens zu klären“, sagt Nicole G. Eine Theorie hat sie freilich: Es gebe ein Foto, das kurz nach der Tat aufgenommen worden sei. Es zeigt Christian F. am Tatort, hinter einer Absperrung, im Vordergrund die bereits zugedeckte Leiche des Opfers. Und auf diesem Foto trägt Christian F. anscheinend jene Schuhe, die später in der Waschmaschine von Jürgen K. gefunden wurden. Das zumindest will Nicole G. auf dem Foto erkennen, dessen Qualität zwar nicht sehr gut, das für sie aber der Schlüssel zum „eigentlichen Täter“ ist.

Riesen und Zwerge

Und was sagt Christian F. dazu? „Glauben Sie nicht, dass die Polizei, nachdem sie am Tatort eingetroffen ist, uns alle auf Blutspuren untersucht hat? Wenn ich die alle getäuscht und nachher die Schuhe seelenruhig bei Jürgen in der Wohnung platziert hätte, können sie mich Harry Houdini nennen.“ Anfangs sei er von der Polizei durchaus auch als Verdächtiger geführt worden. Manche Beamte hätten ihn wohl sogar gerne als Täter überführt, sei er doch kein unbeschriebenes Blatt gewesen. Ein Taxifahrer, der den Mord beobachtet hatte und vor Gericht als Zeuge geladen war, sei vom Richter mehrmals gefragt worden, ob nicht Christian F. der Täter gewesen sei. „Der Taxler hat wortwörtlich gesagt, dass der Täter ein Riese war – und ich ein Zwerg sei. Ein Riese, das trifft auf Jürgen genau zu.“

Was sagt Christian F. zu dem Vorwurf, er habe Nicole G. bedroht, als sie begonnen habe, Nachforschungen anzustellen? „Davon höre ich zum ersten Mal. Für mich ist das erstens Verleumdung – und zweitens war es genau anders.“ Nach dem Urteil gegen Jürgen K. sei vielmehr er von K. und dessen rechtsextremen Freunden bedroht worden. „Sieben Jahre lang wurde ich verfolgt, weil ich Jürgen an die Polizei verraten hätte. Da war nie die Rede davon, dass er nicht der Täter gewesen sei. Dann lernt er dieses Madl kennen, und plötzlich bin ich der Täter.“

Für Nicole G. sind die Aussagen von Christian F. nichts als Lügen, mit denen er seine Täterschaft verheimlichen wolle. Er habe möglicherweise seine Kontakte zur Polizei genutzt, um sich seiner Kleidung und seiner Schuhe zu entledigen. Außerdem habe im Akt ursprünglich gestanden, dass Blut und DNA des Opfers in der Wohnung von Jürgen K. gefunden worden seien. Ein später von Nicole G. privat in Auftrag gegebenes Gutachten des Labors Confidence DNA-Analysen habe aber ergeben, dass nur Spuren von Jürgen K.s damaliger Lebensgefährtin und deren Sohn nachgewiesen werden konnten. „Aus diesem Gutachten ergibt sich, dass die Blutspuren des Opfers sich nicht in der Wohnung befunden haben und sohin jedenfalls die Geschworenen in die Irre geführt worden sind“, so der Schluss des Rechtsanwalts Andreas Mauhart in seinem jüngsten Antrag auf eine Wiederaufnahme des Verfahrens. Außerdem gebe es ein Foto aus einem Bankfoyer, das Jürgen K. telefonierend nach der Tat zeige. Laut der späteren Auswertung seines Handys habe er um diese Zeit aber nicht telefoniert. Sollte das Foto den „echten“ Täter zeigen, könne es sich also nicht um Jürgen K. handeln.

"Er war nicht der Bravste"

Die „Beweise“, die sie an der Wand ihres Schlafzimmers gesammelt hat, thematisierte Nicole G. gemeinsam mit Jürgen K. und wechselnden Anwälten in verschiedenen Wiederaufnahmeanträgen. „Es wäre so einfach“, sagt sie. „Man müsste nur die Schuhbänder und das Innere der Tatschuhe auf DNA untersuchen. Wenn die DNA meines Mannes drin ist, dann war er wohl der Täter. Aber das ist sehr unwahrscheinlich – weil sie ihm außerdem zu klein sind.“

Aber welche Gründe hätte ein anderer Täter gehabt, Jürgen K. den Mord buchstäblich in die Schuhe zu schieben? „Er war vielen ein Dorn im Auge“, sagt Nicole G. „Der Polizei, aber auch anderen. Er war nicht der Bravste und hat nicht funktioniert, wie das manche in seinem Umfeld gerne gehabt hätten.“

Das Landesgericht Korneuburg hat den vierten Wiederaufnahmeantrag im Mai abgelehnt. In der Begründung heißt es, das Gutachten des Labors „Confidence DNA-Analysen“ habe keinesfalls die Qualität eines Sachverständigengutachtens – die Probe sei dem Labor von einem Detektiv übergeben worden und ignoriere andere DNA-Spuren geflissentlich. Und weiter: „Auch die weitschweifigen Ausführungen zur Frage, welche Schuhe der Verurteilte in der Tatnacht getragen hat, sind nicht geeignet, eine Wiederaufnahme herbeizuführen. Im gesamten Akt wird ersichtlich, dass es divergierende Aussagen über die vom Verurteilten getragene Kleidung gibt. Diese wurden somit von den Geschworenen in ihre Beurteilung miteinbezogen. Ergänzend sei festgehalten, dass sich der Verurteilte in der Hauptverhandlung selbst zur Tat bekannt hat und lediglich den Tötungsvorsatz in Abrede stellte.“

Nicole G. denkt nicht daran, aufzugeben. Sie möchte ein Buch schreiben. Eine Beschwerde gegen den Beschluss des Korneuburger Landesgerichts wird gerade am Oberlandesgericht Wien bearbeitet.