Die Bruchpiloten von Hohenems

Ungerührt streifen die jungen Männer bei 115 Dezibel über den Hangar.

In Vorarlberg versuchten zwei Männer, ein Flugzeug zu stehlen, um sich damit nach Amerika abzusetzen. Rekonstruktion einer skurrilen Straftat.

Die Geschichte endet mit einem nackten Mann mit Handtuch um die Hüfte. Sie beginnt Ende September in einer Neumondnacht. Der Polizeibericht, Geschäftszahl PAD/19/0191 6934/001/KRIM, erzählt die Geschichte in zwei Sätzen: "Am 30. September 2019 zwischen 00.00 und 05.25 Uhr fanden in diversen Objekte beim Flugplatz Hohenems Einbrüche statt. Die Polizei konnte die Täter (28 und 15 Jahre alt) stellen und festnehmen." In dieser Nacht versuchten die Vorarlberger Christopher B., 28, und ein Halbwüchsiger, der hier Stefan P. heißen soll, in Hohenems ein Flugzeug des Typs Pilatus PC-12 zu entwenden, um damit, wie sie später vor der Polizei aussagen werden, nach Amerika zu türmen.

Man weiß nicht genau, was man von der Aktion halten soll. Schwer zu sagen, ob es sich dabei allein um eine Straftat handelt. Um einen Jungmännerstreich, der eine skurrile und eine tollpatschige Seite hat. Um eine Albernheit, die in Richtung Trottelei geht. Um die überdrehte Parodie eines Schurkenstücks, das außer Kontrolle geraten ist.

Flugplatz Hohenems: "Einbrüche in diverse Objekte"

Flugplatz Hohenems: "Einbrüche in diverse Objekte"

Georg Fessler würde einen guten Phileas Fogg aus dem Film "In 80 Tagen um die Welt" abgeben. Seit 27 Jahren leitet er den Flughafen in Hohenems, er kennt sich mit Luftfahrzeugen und Luftzonen bestens aus. Seinen Arbeitsplatz beschreibt Fessler, 60, in Zahlen: 630 Meter Rollbahn, acht über das Gelände verstreute Hangars, 16.714 jährlich zugelassene Flugbewegungen - und ein Vorfall, über den alle reden. "Eine verrückte Geschichte", sagt Fessler.

30. September, 0.30 Uhr. Eine Überwachungskamera filmt zwei Männer auf einem Quad. Christopher B. und Stefan P. werden auf dem Fahrzeug mit den knubbeligen Reifen in den kommenden viereinhalb Stunden auf dem Flughafengelände weite Strecken zurücklegen. Der Hangar mit der Drehbühne ist ihr erstes Ziel. "Dort verfallen sie auf eine Königsidee", sagt Fessler. Mit Schraubenzieher knacken B. und P. den Steuerungskasten an der Außenwand, in der Absicht, das Hangartor zu öffnen. Sie schließen Drähte kurz, wie man das aus Filmen kennt, in denen Autos gestohlen werden. "Das Tor blieb verschlossen. Dafür ging das Steuergerät für die Drehbühne in die Binsen." Schließlich sprengen B. und P. das Schloss mit einem am Quad befestigten Stahlseil auf. In dem Hangar finden sie das Flugzeug, das sie offenbar suchen, aber nicht. Weiter mit dem Quad in dunkler Nacht über das Gelände.

Hubschrauberpilot Albrecht: "Zwei Wahnsinnige!"

Hubschrauberpilot Albrecht: "Zwei Wahnsinnige!"

Das kleine Glück im Unglück sei, dass die beiden keine Vandalen gewesen seien, sagt Fessler mit schönem Zungenschlag. Alle Flugzeuge seien verschont geblieben, Tore und Türen den Eindringlingen zum Opfer gefallen. Fessler schätzt den entstandenen Sachschaden auf 20.000 Euro.

Jürgen Albrecht, 49, ist in Hohenems seit 20 Jahren Polizeihubschrauberpilot, ein Bär von Mann mit der Aura einer Bud-Spencer-Figur. Er war früher Koch. "Von der Küche ins Cockpit", sagt er. Albrecht tischt Weißwürste und Milchkaffee auf und erzählt von seiner zufälligen Begegnung mit einem der beiden Überflieger zwei Tage vor der Tat. "Das Rolltor stand offen. Ein Mann wie ein Riese mit rotblonden Haaren stand plötzlich in der Hubschrauberhalle. Sandfarbener Militärrucksack, schwarze Nato-Jacke, zerfledderter, verpeilter Gesamteindruck. In gestelztem Dialekt wollte er wissen, wo die Jets nach Italien parken." Albrecht redet mit Händen und Füßen. Der Zeigefinger der rechten Hand tippt an seine Stirn. "Zwei Wahnsinnige!", wird der Helikopterpilot später sagen, als er vom Einbruch hört.

4.40 Uhr. Das Überwachungsvideo zeigt einen der Männer, wie er den Quad mit Karacho gegen das Tor von Hangar 7 lenkt. In Hangar 7 steht die Pilatus PC-12, Kennung HA-FOS, Privateigentum eines Liechtensteiner Industriellen, der einzige Flieger am Flughafengelände mit Druckkabine. Nur die PC-12 schafft die Reise nach Amerika. Wortfetzen sind im reißenden Wind auf der Tonspur des Videos zu vernehmen. "Achtung!", ruft mutmaßlich Stefan P., als er mit dem Quad einen weiteren Anlauf auf das Tor nimmt. Christopher B. drängt zur Eile: Der "Westwind" stehe gerade ideal zum Abheben. "Pronto!" Das Hangartor ist schließlich geknackt. Auf dem Video aus dem Inneren von Hangar 7 ist schemenhaft B. in kurzen Hosen und T-Shirt zu erkennen, sein emsiger Komplize folgt ihm im Lärm der losschrillenden Alarmanlage. 115 Dezibel durchschneiden die Stille der Nacht, ein startender Düsenjet in geringer Entfernung. B. ist ein korpulenter und sehr blasser Mann. Er streift ungerührt durch den Hangar, wie ein Geist mit Taschenlampe.

Flugplatzleiter Fessler: "Verrückte Geschichte"

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Die beiden scheinen sich ihrer Sache sehr sicher zu sein. Reisevorbereitungen sind zu treffen. In Hangar 7 gibt es eine Lounge mit hellbraunen Ledermöbeln, einem Kühlschrank, einer Hausbar, einem Ziervogel in Goldkäfig, einer leeren Holzkiste, Château Mouton Rothschild 2003. Ein bisschen versteckt gibt es auch eine Dusche. Hangar 7 bietet einigen Luxus.

B. und P. plündern die Bar, schnüren ihr Lunchpaket für den langen Flug: Chips, Marlboro, Red Bull, eine angebrochene Schachtel "NicNac's"-Knabberriegel, je eine Flasche Baileys und Whisky, zwei Cohibas und eine Monte Christo in Zigarrenlederhülle, alles in einen "Metro"-Plastiksack gestopft. Man braucht sehr viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie die beiden den Sprung nach Amerika tatsächlich je hätten schaffen sollen.

Gegen 5.25 Uhr. Blaues Flackern im Hangar. Die Polizei trifft ein. B., der Riese in Shorts, hat sich bereits in einen der sechs cremefarbenen Ledersitze der PC-12 gequetscht, die "Metro"-Tasche neben sich. Er macht einen verwirrten Eindruck und fragt die Beamten, ob sie die Piloten seien. B. wird noch im Flugzeug verhaftet. Sein junger Helfer Stefan P. wollte sich vor dem geplanten Langstreckenflug offenbar noch erfrischen. Er tritt den Polizisten geduscht und mit Handtuch um die Hüfte entgegen.