Das unheilige Experiment: Hintergründe und Folgen der schwarz-blauen Wende vor zehn Jahren

Vor zehn Jahren holte Wolfgang Schüssel die Haider-FPÖ in die Regierung. Erst jetzt lichten sich langsam die Nebel und geben den Blick auf ein denkwürdiges Kapitel der österreichischen Nachkriegsgeschichte frei. Eine Rekapitulation der Ereignisse aus der Schlüsselloch-perspektive.

Kurz vor Weihnachten 1999 schien alles klar. Wolfgang Schüssel, der Verlierer der Nationalratswahl vom 3. Oktober, war zurück am Verhandlungstisch, die Gespräche mit der SPÖ liefen, wie alle Beteiligten berichteten, einigermaßen erfolgversprechend. Wie einige andere Politiker kam auch ein hochrangiger ÖVP-Verhandler zur Weihnachtsfeier von profil. Auf Fragen nach dem Stand der Verhandlungen reagierte er eher zurückhaltend. Zu später Stunde überraschte er mit einer damals kaum glaublichen Ankündigung: „Wir werden es wahrscheinlich mit Haider machen.“
Vier Wochen später scheiterten die Verhandlungen zwischen Volkspartei und Sozialdemokraten. Am 4. Februar 2000 wurde die Regierung Schüssel I angelobt. Fast sieben Jahre lang wurde Österreich vom Mitte-rechts-Kabinett des ebenso entschlossenen wie trickreichen Kanzlers gelenkt. Er saß die Sanktionen der 14 EU-Partner gegen seine Regierung aus, zwang Jörg Haider auf Europakurs und fuhr zwei Jahre nach dem demütigenden Schleichen durch einen unterirdischen Gang zur Angelobung beim Bundespräsidenten den größten Wahlsieg in der Geschichte seiner Partei ein: 14 Prozentpunkte Zugewinn – so erfolgreich war noch kein ÖVP-Bundesparteiobmann vor ihm gewesen.
Schüssels Koalitionspartner, die FPÖ, spaltete sich in diesen sieben Jahren zweimal, schien in die Bedeutungslosigkeit zu fallen und hat inzwischen fast wieder jene Stärke erreicht, die sie 1999 hatte.
Im Oktober 2006 wurde Schüssel abgewählt, bezwungen von Alfred Gusenbauer, dem SPÖ-Vorsitzenden, den der Kanzler jahrelang mit Verachtung gestraft hatte.
profil hat in vielen Gesprächen mit Zeitzeugen und Mitverhandlern bisher nicht bekannte Ereignisse im Hintergrund recherchiert. Sie zeichnen ein schärferes Bild jener Jahre, die sich einer endgültigen Deutung oft immer noch entziehen.

7. Dezember 1999, Brüssel
Jörg Haider fliegt nach Brüssel, um ein Kärnten-Büro zu eröffnen. Der Airport ist überbelegt, die Maschine muss kreisen. Zeit zum Plaudern mit den mitreisenden Journalisten. Welche Regierung es geben werde? Eine zwischen ÖVP und FPÖ, sagt Haider: „Wir werden Schüssel den Kanzler geben.“ Zum Schreiben sei das nicht, er würde das Gespräch sofort dementieren. In Brüssel erwarten ihn wilde Demonstrationen. Haider hat einen Kärntner Chor mitgebracht. „Was kümmern mi die Steandalan, wo kümmert mi der Mond …“, singen die Männer schwerblütig in einer Ecke des neuen Büros.

12. Jänner 2000, Ballhausplatz
Viktor Klima ist von Schüssels Verhandlungstaktik zermürbt. Bundespräsident Thomas Klestil hat ihm zwar versichert, er werde niemals Schwarz-Blau angeloben. Klima glaubt das aber nicht mehr. Er beginnt über ein „Kabinett der besten Köpfe“ nachzudenken. Doch Kapazunder wie Ludwig Adamovich sagen ab. Klima lässt bei FPÖ-Chef Jörg Haider anfragen, was dieser davon hielte, zwei unabhängige Experten in eine rote Minderheitsregierung zu nominieren. Als Klima der SPÖ-Spitze von seinem Offert berichtet, erntet er entsetzte Reaktionen: „Dann zerreißt es die Partei.“

19. Jänner 2000, Wien
Die Gerüchte über Schwarz-Blau scheinen zu platzen. Mit 23 zu vier Stimmen hatte der ÖVP-Vorstand in der Nacht zuvor das von Wolfgang Schüssel und Viktor Klima ausgehandelte Paket gebilligt. Rot-Schwarz scheint fix. Doch dann:
10.06 Uhr: Landeshauptmann Erwin Pröll reklamiert in einer Aussendung das Finanzressort für die ÖVP.
12.17 Uhr: Der ÖGB stimmt der paktierten Anhebung des Pensionsantrittsalters nicht zu.
12.43 Uhr: Eine neue Gallup-Umfrage wird bekannt. Bei Neuwahlen würde die FPÖ mit 32 Prozent stärkste Partei, die SPÖ käme auf 29, die ÖVP auf 23, die Grünen hätten zwölf Prozent.
16.34 Uhr: Die APA sendet den ihr offenbar von der ÖVP zugespielten Text des Abkommens aus – wenige Stunden vor Beginn der entscheidenden Vorstandssitzung der SPÖ.
22.00 Uhr: Klima bringt sein Papier im Vorstand nur mit 32 zu 13 Stimmen durch.

20. Jänner 2000, ORF-Zentrum
Heinz Fischer, Nationalratspräsident und Mitglied des SPÖ-Verhandlungs­teams, ist am Küniglberg, um in der „ZiB 2“ zum Stand der Dinge befragt zu werden. Zu seiner Überraschung teilen ihm die ORF-Leute mit, unmittelbar nach ihm werde auch Schüssel interviewt, er habe eine „wichtige Durchsage“ angekündigt. Schüssel macht im Interview dann den Posten des Finanzministers und die Unterschrift der roten ÖGB-Granden unter den Pakt zur Koalitionsbedingung. Fischer verfolgt den Auftritt im Gästeraum mit und wartet auf den ÖVP-Obmann. Er stehe halt in seiner Partei unter starkem Druck, begründet Schüssel die Volte. Tags darauf platzen die Verhandlungen. Die ÖVP wendet sich den Freiheitlichen zu.

25./26./27. Jänner 2000, Präsidentschaftskanzlei
Schüssel entsendet ständig Emissäre zu Thomas Klestil, um diesen von Schwarz-Blau zu überzeugen. Es kommen die ehemalige Nationalbank-Chefin Maria Schaumayer, Verfassungsgerichtshof-Vizepräsident Karl Korinek und ÖVP-Ehrenobmann Alois Mock. Der ehemalige ORF-Generalintendant Gerd Bacher erscheint aus eigenem Antrieb und fordert Klestils Plazet zu Schwarz-Blau. Mit Bacher habe er eine besonders heftige Auseinandersetzung gehabt, erzählt Kles­til danach seinen Mitarbeitern.

31. Jänner 2000, Hofburg
„Achtung, da kommt der Haider“, warnt Alfons Mensdorff-Pouilly seine Frau, die ÖVP-Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat. Den FPÖ-Chef hätten sie auf dem eher ÖVP-lastigen Jägerball wirklich nicht erwartet. Rauch-Kallat will unbedingt ein trautes Ballfoto mit Haider vermeiden. Als der auf sie zukommt, zieht sie ihn hinter einen Paravent nahe der Bar und putzt ihn zusammen: „Was fällt Ihnen eigentlich ein, auf Ihrem Geburtstagsfest auf der Gerlitzen halb Europa zu beleidigen? Werden Sie endlich erwachsen!“ Man vereinbart für den nächsten Tag einen Termin im Imperial. Haider kommt mit einem Blumenstrauß.

1. Februar 2000, Parlament
Spätnachts versammelt Haider Susanne Riess-Passer, Herbert Scheibner, Gernot Rumpold und Peter Westenthaler im Klubzimmer um sich. Die Gespräche mit der ÖVP sind zwar inhaltlich abgeschlossen, aber viele haben noch Restzweifel, ob man den Sprung wagen soll. Wenn SPÖ und ÖVP es noch einmal machten, wäre die FPÖ das nächste Mal stärkste Partei, argumentieren sie. Aber Haider hat Angst, dass „sich die FPÖ zu Tode siegt“.

3. Februar 2000, Parlament
Haider beginnt hektisch zu telefonieren. Dass der Bundespräsident Hilmar Kabas als Verteidigungsminister ablehnen würde, hatte ihm Wolfgang Schüssel prophezeit. Dass Klestil aber auch sein Veto gegen Thomas Prinzhorn als Finanzminister einlegt, erwischt die FPÖ am falschen Fuß. Jetzt sucht Haider nach Alternativen – und holt sich reihenweise Körbe. Klaus Pekarek, Raiffeisen-Chef in Kärnten, will nicht, Billa-Boss Veit Schalle auch nicht, Weltbank-Direktor Robert Holzmann verweigert ebenso. „Sechs Leute haben uns abgesagt, als siebten haben wir den Grasser angerufen“, erinnert sich Peter Westenthaler. Grasser sagt sofort zu. Um 23.09 Uhr trifft eine „Eilt“-Meldung der APA in den Redaktionen ein: Frankreich verkündet das sofortige Inkrafttreten der angedrohten Sanktionen der EU-14.

4. Februar 2000, Ballhausplatz
Das Büro Wolfgang Schüssels kündigt telefonisch bei Klestil an, die neue Regierung werde wegen der Großdemo am Heldenplatz durch den unterirdischen Gang zwischen Kanzleramt und Präsidentschaftskanzlei zur Angelobung kommen. Der Gang endet bei einem Aufzug, der ins Stockwerk des Präsidentenbüros fährt. Ein Mitarbeiter Klestils testet sicherheitshalber den Lift. Die Kabine bleibt stecken. Die Trauermiene des Bundespräsidenten bei der Angelobung ist dann kein Spontanakt. Bei einer Vorbesprechung hatte Klestils Frau Margot gemeint, der Präsident müsse nach außen hin ein Zeichen seiner Ablehnung setzen, wenn er diese Regierung schon nicht verhindern könne. Man einigt sich auf die Formulierung „Die Sorge steht dem Präsidenten ins Gesicht geschrieben“, mit der man nach der Angelobung dessen Miene in der Öffentlichkeit erklären will.

5. Februar 2000, Ballhausplatz
Noch immer herrscht vor dem Kanzleramt Papstwahl-Gewühle. Kamerateams aus aller Welt kämpfen um die besten Plätze. „Nazi shadow over Europe“, spricht ein amerikanischer Reporter beim Soundcheck in sein Mikrofon. Beim Live-Einstieg später: derselbe Text. Ein kanadischer Kameramann erkundigt sich, wo Aufmärsche der FPÖ-Anhänger in Stiefeln und Uniformen zu filmen wären. Ein Brite fragt, ob es möglich wäre, eine Drehgenehmigung für die Lager in Kärnten zu bekommen. Welche Lager? Na die, in denen Haider die Slowenen einsperrt.

7. Februar 2000, Parlament
Die Stimmung hat sich etwas gedreht. Die „Krone“, bisher scharfe Gegnerin von Schwarz-Blau, unterstützt heftig Schüssels Kampf gegen die Sanktionen. Die ÖVP-Spitze erkennt die neue Chance. Bei der Präsidialsitzung des Nationalrats droht ÖVP-Nationalratspräsident Andreas Khol düster, man werde bald Beweise vorlegen, „wer die wahren Drahtzieher der Sanktionen“ und der „Vernaderung Österreichs“ seien: „Kein Netz ist so fein gesponnen …“

2. März 2000, Staatsoper
Bis auf Kasachstans Präsident Nursultan Na­sarbajew haben alle ausländischen Staatsgäste ihren Besuch des Wiener Opernballs abgesagt. Fast stündlich treffen Stornos ein. Am Nachmittag verzichten laut APA auch „der Transvestit Chi Chi La Rue, das lesbische Duo Janine und Julia Ann und John Wayne Bobbit, der durch eine Attacke seiner Frau vorübergehend penislos war“. Das Quartett wollte am Rande des Balls einen Pornofilm der offenbar etwas seltsameren Art drehen.

12. Juni 2000, Kärnten
Wolfgang Schüssel fährt zu Pfingsten zu Jörg Haider nach Kärnten. Er will sich in Ruhe mit dem FPÖ-Chef aussprechen, denn dieser fordert immer ungestümer eine Volksbefragung zu den EU-Sanktionen. Man einigt sich darauf, eine derartige Befragung dann zu machen, wenn die EU keinen Ausstiegsplan aus den Sanktionen vorlegt. Die Stimmung ist gut. Haider schlägt vor: „Fahren wir noch gemeinsam auf ein Volksfest, das ist eine Riesenveranstaltung.“ Schüssel willigt ein und setzt sich auf den Beifahrersitz in Haiders blauem Porsche. An der nächsten Kreuzung warten schon die von Haider bestellten Fotografen.

Ende Juli 2000, Salzburg, Klagenfurt
In der Regierung wird freudig vermerkt, dass der amerikanische Salzburg-Mäzen Donald Kahn Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer zu einem noblen Empfang am Rande der Festspiele geladen hat. Bröckelt die Isolation? In Klagenfurt verweigert der italienische Barde Albano Carrisi nach einem Auftritt empört ein gemeinsames Foto mit Jörg Haider.

16. August 2000, Reichraming
Wolfgang Schüssel und Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer unternehmen einen für die Medien inszenierten Ausflug in den Nationalpark Kalkalpen. Zwischen einer Wanderung und einer Floßfahrt auf der Enns erklärt der Kanzler die Welt. Aus Molterers Entourage stellt sich ein neuer Kabinettssekretär vor, ein vergnügter junger Mann ohne Menschenscheu: „Sepp Pröll. Und ja, ich bin verwandt.“

8. September 2000, Madrid
Das Madrider Blatt „El País“ veröffentlicht vorab den vertraulichen Bericht der drei EU-Weisen, welche die österreichische Regierung durchleuchten sollten. Ergebnis: Die Politik der österreichischen Regierung sei im Einklang mit den europäischen Werten, die FPÖ allerdings „eine rechtspopulistische Partei mit radikalen Elementen“. Die Aufhebung der Sanktionen wird empfohlen. Die schwarz-blauen Spin-Doktoren in Wien finden rasch ein Wording: „Freispruch“. Eine Zählung wird später ergeben, dass der Begriff „Sanktionen“ im ersten Regierungsjahr 3551-mal in den Aussendungen der APA vorkam. Anlass waren in der überwiegenden Mehrzahl Stellungnahmen von Mitgliedern der Wenderegierung, die den Opferstatus genießerisch auskosteten. Der Begriff „Reformen“ kam übrigens nur 299-mal vor.

7. Oktober 2000, ORF-Zentrum
profil berichtet, FPÖ-Klubobmann Peter Westenthaler habe sich offenbar Zugang zum ORF-Redaktions-Computersystem verschafft. Er sei nachweislich schon Stunden vor Sendungsbeginn darüber informiert, was die „Zeit im Bild“ plane, und interveniere vorweg. Einmal habe er 22-mal an einem einzigen Tag angerufen. Thomas Fuhrmann, Chef vom Dienst, erinnert sich an eine ­Westenthaler-Beschimpfung: „Er hat mich ,roter Regierungskommissar, depperter‘ genannt.“

12. Februar 2002, Salt Lake City
Unvorhersehbare Zwischenfälle begleiten die penibel vorbereitete USA-Reise von Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer. Beim Flug in die Olympia-Stadt Salt Lake City fangen zwei Jets der US-Streitkräfte ihr Flugzeug ab und fordern den Piloten zur Landung auf. Der Grund: Die Air Force One mit US-Präsident George W. Bush ist ebenfalls im Anflug. Am Boden erhält Riess-Passer verstörende Nachrichten aus der Heimat: „Jörg Haider bei Saddam Hussein in Bagdad.“ In der Partei eskaliert die ohnehin angespannte Stimmung. Riess-Passer bricht ihre USA-Reise ab.

13. Februar 2002, Ried im Innkreis
Haider kommt direkt vom Besuch bei Saddam Hussein zum Aschermittwoch-Auftritt in der Jahn-Turnhalle von Ried. „Der Bush hat sich an einem Brezel verschluckt, wie er den TV-Bericht von meinem Besuch in Bagdad g’sehn hat“, prahlt Haider. Das sage er den „erschrockenen Bleistiftspitzern von der schreibenden Zunft“. Dann folgen in seiner Rede alte Bekannte: Gusenbauer, der in Moskau den Boden geküsst hat, Cap, der ohne Rückgrat stehen kann, die links-linken Trauerweiden, die in den Keller lachen gehen. Der Saal kocht.

2. Juli 2002, Kanzleramt
Die Regierung entscheidet sich in einem Meinungsschwenk in allerletzter Sekunde für die Anschaffung von Eurofighter-Abfangjägern um zwei Milliarden Euro. Bis zuletzt hatten Verteidigungsminister Herbert Scheibner und seine ranghöchsten Generäle den billigeren Saab Gripen favorisiert. Am selben Tag sehen Journalisten FPÖ-Justizminister Dieter Böhmdorfer schon zur Mittagsstunde in der Loos-Bar eine Flasche Schampus knacken. Sein frohgemuter Tischpartner ist ein alter Bekannter: Gernot Rumpold, dessen Werbeagentur 100% Communications später 6,6 Millionen Euro für die Vermarktung des Eurofighter kassiert – eine so absurd hohe Summe, dass sie die Staatsanwaltschaft auf den Plan rufen wird.

7. September 2002, Halbthurn
Es ist 22 Uhr, Susanne Riess-Passer sitzt im Restaurant von Schloss Halbthurn im Seewinkel und isst eine gewaltige Portion Spaghetti. Ist sie so hungrig, oder ist es Frust-Schlingen? Sie ist den ganzen Tag im Burgenland von Termin zu Termin gehetzt, während Jörg Haider, H. C. Strache, Andreas Mölzer und die Gebrüder Scheuch bei einem Delegiertentreffen in Knittelfeld gegen sie und ihre Regierungspolitik mobilisiert haben. Riess-Passers Intimfeind Ewald Stadler wird mit der Überwachung ihrer Politik betraut.

8. September 2002, Heldenplatz
Wolfgang Schüssel sammelt seine Minister und Landeshauptleute ein, die sich am Fest des Bauernbunds am Heldenplatz tummeln. Man zieht sich ins Bundeskanzleramt zurück. Schüssel berichtet, dass Riess-Passer, Grasser und Westenthaler am Abend zurücktreten werden. Nach kurzer Debatte fällt die ÖVP die Entscheidung für Neuwahlen.

Oktober 2002, Wien
„Krone“-Herausgeber Hans Dichand trifft Alfred Gusenbauer. Der Zeitungszar hat zwar keine ausgeprägten Sympathien für den Sozialdemokraten, gibt ihm aber einen Rat: Gusenbauer solle sich Grasser angeln, mit diesem gewinne er die Wahl sicher. Der SPÖ-Obmann versucht Dichand zu vermitteln, dass Grasser nicht zur SPÖ passe.

17. Oktober 2002, Wien-Simmering
Rainer Nikowitz besucht für profil den Wahlauftakt der FPÖ und schreibt eine Reportage: „Allein die Nennung des Namens Gusenbauer sorgt für Pfiffe, was Herbert Scheibner, den Wiener FPÖ-Spitzenkandidaten, zu folgendem Wortspiel animiert: ,Lieber einen Bio-Bauer statt einen Gusenbauer.‘ Das Publikum tobt.“

12. November 2002, Finanzministerium
Grasser nimmt die Einladung Wolfgang Schüssels an, als „unabhängiger Finanzminister“ auf dem ÖVP-Ticket zu kandidieren. Im Ministerium ist Grasser in ­diesen Tagen mit einer sensiblen Causa beschäftigt. Neun Tage nach seinem Wechsel zu Schüssel setzt er durch, dass die Investmentbank Lehman Brothers mit der Abwicklung der Buwog-Privatisierung beauftragt wird.

24. November 2002, Wien
Wolfgang Schüssels großer Tag: Er holt 42,3 Prozent – so stark war die ÖVP zuletzt 1983. Zwei Drittel der ÖVP-Wähler geben an, der Kanzler sei für ihr Votum entscheidend gewesen. Detailanalysen ergeben Verblüffendes. So holte die ÖVP selbst im Wiener Karl-Marx-Hof 20 Prozent. ÖVP-Wähler hatte es dort vorher praktisch nie gegeben. Die FPÖ verliert fast zwei Drittel ihrer Wähler von 1999. Alfred Gusenbauer gewinnt 3,7 Prozentpunkte hinzu und ist dennoch Wahlverlierer. „Erstaunt und freudlos taumle ich in den Rest des Sonntags. Man hält sich am Kanzler an, eine der traurigsten Haltestangen Österreichs“, konstatiert Peter Turrini in profil.

8. Jänner 2003, Raiffeisenhaus Wien-Leopoldstadt
Wolfgang Schüssel und Alfred Gusenbauer stoßen beim traditionellen „Sauschädelessen“ im Raiffeisenhaus aufeinander und beschließen, sich zu einem Gespräch zurückzuziehen. Sie fahren in Schüssels spartanische Wohnung in Wien-Hietzing. Der Kanzler bietet dem SPÖ-Obmann Wein an, Gusenbauer ersucht um Kräutertee: Er absolviert gerade seine alljährliche Krautsuppen-Diät. Das Gespräch bleibt unverbindlich.

16. Februar 2003, Bundeskanzleramt
Um sechs Uhr Früh ist es vorbei. Übermüdet verlassen die grünen Verhandler um Alexander Van der Bellen, Eva Glawischnig und Peter Pilz das Kanzleramt. Eine schwarz-grüne Regierung wird es nicht geben. Da half es auch nicht, dass ÖVP-Generalsekretärin Maria Rauch-Kallat in der Nacht mit einer Speckjause im Kanzleramt anrückte. Der schwarze Wahlkampf-Chef Reinhold Lopatka hatte schon Tage zuvor in kleinem Kreis gemutmaßt: „Aus meiner Sicht kann das nichts werden.“

19. Mai 2004, Parlament
Wolfgang Schüssel löst ein Versprechen bei Hans Dichand ein, das der ÖVP im Wahlkampf 2002 wohlwollende Berichterstattung der „Kronen Zeitung“ gesichert hatte. Der Nationalrat beschließt nach langwierigen Verhandlungen ein bundeseinheitliches Tierschutzgesetz.

13. Juni 2004, Hotel Hilton, Wien
Bei den EU-Wahlen verliert die FPÖ 17 Prozentpunkte, dennoch gibt es einen blauen Sieger: Andreas Mölzer, der aufgrund seiner Vorzugsstimmen statt des eigentlichen Spitzenkandidaten Hans Kronberger das FPÖ-Mandat gewinnt. Bei der Wahlparty der Freiheitlichen im Wiener Hotel Hilton raunen fassungslose blaue Minister-Sekretäre, nun würden „echte Rechtsextremisten“ die Partei übernehmen.

15. Juni 2004, Klagenfurt, Finanzministerium Wien
Um neun Uhr verzichtet die Kärntner Landesregierung auf Antrag Jörg Haiders auf das Vorkaufsrecht für die Villacher Eisenbahner-Wohnbaugenossenschaft ESG. Stunden später bekommt ein Konsortium um die Immofinanz den Zuschlag bei der Buwog- und ESG-Privatisierung. Walter Meischberger und Peter Hochegger, zwei Freunde von Finanzminister Grasser, verdienen damit 9,61 Millionen Euro, die vereinbarungsgemäß erst später nach Zypern und Liechtenstein überwiesen werden.

4. April 2005, Urania Wien, Klagenfurt
Gernot Rumpold hat das Dachgeschoß des Kinos und Volksbildungshauses am Donaukanal heimlich schon Tage zuvor reservieren lassen. Jetzt verkündet Jörg Haider im Kreise seiner Vertrauten bei einer Pressekonferenz die Abspaltung des BZÖ von der FPÖ. Drei Tage später wird der interimistische FPÖ-Chef Hilmar Kabas zur historischen Figur. Er schließt Jörg Haider formal aus der FPÖ aus. Im Büro von Landeshauptmannstellvertreter Martin Strutz riecht es streng. Die Räumlichkeiten wurden frisch ausgemalt – in schrillem Orange.

7. Juni 2005, Restaurant Sacher, Wien
Wolfgang Schüssel ist 60. Bundespräsident Heinz Fischer lädt den Kanzler zum Essen. BZÖ-Klubobmann Herbert Scheibner schenkt ihm einen großen Gartenzwerg – späte Rache dafür, dass Schüssel seine Koalitionspartner ein Jahr zuvor als „parlamentarische Wurzelzwerge“ bezeichnet hatte. Von den eigenen Abgeordneten erhält Schüssel ein Lied auf CD („Wolfgang Schüssel, du hast für alles eine Nase, einen Rüssel“) und eine chinesische Kalligrafie.

2. Mai 2006, Bawag-Zentrale Wien
In der Hauptfiliale der gebeutelten Bawag in der Wiener Tuchlauben inszenieren Schüssel, Grasser, Khol und Gorbach Solidarität und eröffnen Sparbücher. Jörg Haider ist auch da. Eigentlich war das mit den Sparbüchern seine Idee gewesen, jetzt muss er die Bühne anderen überlassen. Schüssel legt 2000 Euro ein – nachdem er einen Ausweis vorgezeigt hat. Der Ansturm der halben Regierung überfordert die Schalterdame: „Ich brauch noch drei Sparbücher.“ Khol schwärmt vor laufender Kamera von den Zinsen: „Die sind ein Hammer.“

28. September 2006, ORF-Zentrum
„Die Elefantenrunde“ vor der Nationalratswahl. Nach dem Bawag-Skandal scheint die Sache für die ÖVP gelaufen. Im August war sie um vier Prozentpunkte vor den Sozialdemokraten gelegen, Mitte September um drei Punkte. Das Ifes-Institut hat die ÖVP drei Tage vor der Wahl immer noch deutlich vorn. Unmittelbar vor Sendungsbeginn bekommt Alfred Gusenbauer den Anruf eines bekannten Wiener Meinungsforschers. Er habe soeben zwei Umfragewellen abgeschlossen und sei ratlos: In beiden Wellen sei der Vorsprung der ÖVP praktisch dahin. Die Debatte könne den Ausschlag geben.

30. September 2006, Museumsquartier Wien
Wolfgang Schüssel lässt die ÖVP-Abschlussveranstaltung in einer kleinen Runde von Vertrauten ausklingen. Die Stimmung ist vorsichtig optimistisch. Schüssel lässt Peter Ulram anrufen, den Meinungsforscher des für die ÖVP arbeitenden Fessel-Gfk-Instituts. Ulram warnt: „Es wird sehr, sehr knapp.“

1. Oktober 2006, Österreich
Um 11.32 Uhr liegt das Wahlergebnis von St. Ilgen in der Steiermark vor, der traditionell ersten Gemeinde, die bei Wahlen ausgezählt wird. Die SPÖ gewinnt hinzu, die ÖVP verliert stark. Der Trend wird bis zum Wahlabend halten. Erst gegen Mitternacht leert sich das Festzelt vor der SPÖ-Zentrale hinter dem Burgtheater. Das Bier ist schon vor Stunden ausgegangen. Man hatte nicht mit diesem Ergebnis gerechnet. Macht nix: Die Internationale wird in der Endlosschleife gesungen.

Dezember 2006, Zypern, Liechtenstein
International geht es auch anderswo zu. Auf Konten der Herren Hochegger und Meischberger, Freunde des noch amtierenden Finanzministers Karl-Heinz Grasser, treffen laufend fette Summen ein. Die Immofinanz überweist die 2004 bei der Buwog-Privatisierung vereinbarten 9,61 Millionen Euro.

10. Jänner 2007, Ballhausplatz
Alfred Gusenbauer und Wolfgang Schüssel informieren Bundespräsident Heinz Fischer in der Hofburg über den Abschluss der Koalitionsverhandlungen. Fischer gratuliert, wünscht Glück und überreicht Gusenbauer als Geschenk eine Flasche Rotwein. Zuvor hatte Schüssel die letzte Sitzung des Ministerrats geleitet. Es gab sogar noch einen Beschluss: Auf Ersuchen von Landeshauptmann Jörg Haider wird den beiden russischen Staatsbürgern Alexej B. und Artem B. die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen. Wie viel sie dafür bezahlten, ist derzeit Gegenstand von Ermittlungen.