Jörg Haiders anderes Leben: Der schwierige
Umgang mit seiner Sexualität

Herbert Lackner über den schwierigen Umgang mit Jörg Haiders sexuellen Neigungen.

Die Redaktion von profil erreichten vergangene Woche dutzende Leserbriefe zur Titelgeschichte über „Jörg Haiders letzte Stunden – das Protokoll einer Verschleierung“. Ein Teil der Leser kritisierte, dass wir über seinen Aufenthalt in einem Schwulenlokal berichteten, etwa ebenso viele bemängelten, dass wir das erst so spät taten. Wie umgehen mit einem Ausnahmepolitiker, der die letzten Stunden seines Lebens damit zubringt, sich in einer Schwulenkneipe fast bis zur Besinnungslosigkeit zu besaufen? Noch dazu mit einem, der stets einen äußerst kontrollierten Umgang mit Alkohol hatte. Der österreichische Journalismus weiß es nicht recht. Die zwei auflagenstärksten Tageszeitungen – „Krone“ und „Kleine Zeitung“ – sprachen einfach von einem „Szenelokal“ oder von einem „In-Lokal“. Die Kärntner Blätter verfuhren ebenso.

Aber auch kritische Medien stolperten vergangene Woche etwas unsicher durch das Thema. Gegen die „geile Verlogenheit der Andeuter“ und die „schwüle Verdrücktheit der Halbaufdecker“ wetterte „Falter“-Chefredakteur Armin Thurnher: „Wo und mit wem Haider seine letzten Stunden verbracht hat, ist nicht im öffentlichen Interesse.“ Eine Seite weiter befand „Falter“-Vizechef Florian Klenk: „Das Informationsrecht endet diesmal auch nicht bei Haiders Familienleben … In Wahrheit zog Haider durch Klagenfurter Schwulenkneipen, soff sich an und raste heim. Solche Scheinmoral soll den Kärntnern nicht vorenthalten werden. Die Presse ist nämlich frei.“ Das deutsche Feuilleton war nicht viel trittsicherer: „Vielleicht steckt in diesem Tabu sogar ein Rest von Anstand“, suchte Ulrich Weinzierl in der „Welt“ nach einem Positivum im langen Schweigen über „Jörg Haiders Bisexualität“. Aber, so Weinzierl: „Ist dieser Anstand angebracht? Oder sollte man dem Menschen die Wahrheit zumuten?“

Etwas unsicher auch Robert Misik in der Berliner „TAZ“: „War der Populist Haider schwul oder bi? Und was geht uns das an?“ Die Wiener „Presse“ hatte das vor einigen Monaten ähnlich formuliert: „Haider schwul? Wen interessiert das?“ Misik kommt in der „TAZ“ schließlich doch zum Schluss, Haider ließe sich „einfach nicht charakterisieren und porträtieren ohne diese homoerotische Dimension – und möglicherweise auch nicht ohne den inneren Leidensdruck einer nie ­offen ausgelebten Sexualität“.

Seit jenem 11. Oktober kann man es nicht anders sehen: Haiders sexuelle Orientierung – wie sie im Detail ausgesehen haben mag, hat tatsächlich nicht zu interessieren – ist wohl mit den Vorgängen in der Todesnacht eng verbunden. Nach einem Streit mit seinem Sekretär Stefan Petzner, in dem es offenkundig um Privates gegangen war, raste Haider nach Klagenfurt, betrat den „Stadtkrämer“ und betrank sich innerhalb kurzer Zeit so hingebungsvoll, wie es selbst Nahestehende nie zuvor gesehen hatten. Ja damals, bei seinem 40. Geburtstag, da habe er einmal zu tief ins Glas geschaut, erzählen sie, aber das ist auch schon wieder 18 Jahre her. Natürlich hatte die Frage, ob Haider – immerhin Familien­vater mit zwei Töchtern – „gleichgeschlechtliche“ Tendenzen habe, die österreichischen Journalisten seit dem Auftauchen erster Gerüchte Anfang der neunziger Jahre beschäftigt.

Ernsthafte Recherchen hatte kaum ein Blatt angestellt: Im Vergleich mit dem englischen war der österreichische Boulevardjournalismus stets nobel wie die „Neue Zürcher“. Die ­Nackerte auf Seite elf in der „Krone“ genügt ihm: Am Strand von Sydney ist es so heiß, dass Cindy, 19, jetzt gleich den BH ablegen muss … Verschwitzt genug.

Freilich gab es immer wieder einen „Zund“ fragwürdiger Qualität: Haider säße ständig im „Stiefelknecht“, deponierte etwa Mitte der neunziger Jahre ein „Informant“ brieflich in der profil-Redaktion. Der „Stiefelknecht“ entpuppte sich als ein Lokal für auf Lederbekleidung spezialisierte Schwule in Wien-Margareten. Aber was konnte man mit der anonymen Information anfangen? Einen Reporter wochenlang bis zur Sperrstunde in den „Stiefelknecht“ zu setzen war nicht zumutbar. Und was hätte es schon gebracht – selbst wenn Haider aufgekreuzt wäre?

Ein anderes Mal , es war etwa 1995, stand plötzlich ein Mann in der profil-Chefredaktion, der sich selbst als Stricher bezeichnete und angab, er habe Haider wiederholt in dessen Wiener Wohnung besucht. Er könne genau beschreiben, wie diese aussehe, wo das Bett stehe, und gegen eine kleine Gebühr erzähle er gerne auch mehr. Haider war zu dieser Zeit Klubobmann im Nationalrat und bewohnte einen fein aus­gebauten Dachboden in der Wiener Leopoldstadt, nahe der Hauptallee mit Blick über den grünen Prater. Die Wohnungsbeschreibung des Besuchers war tatsächlich völlig korrekt. Sein Pech war, dass die üppig illustrierte Story einer Wohnzeitschrift über Haiders neue Bleibe, der er sein Wissen unzweifelhaft entnommen hatte, auch am Chefredaktions-Tisch von profil lag, was nun selbst dem Stricher so peinlich war, dass er rasch das Weite suchte.

Die Innenpolitik-Journalisten hatten ohnehin keine große Lust, sich die mühsame Recherche in irgendwelchen „Szenelokalen“ anzutun. Überdies schien Haider mit seiner Frau Claudia eine durchaus harmonische Partnerschaft zu führen. Rasch kam man in der Branche zu einer informellen Übereinkunft: Haider, so lautete sie, habe ja nun wirklich gegen viele Minderheiten gehetzt – gegen Asylanten und Arbeitslose, „Sozialschmarotzer“ und Slowenenvertreter – aber jedenfalls nicht gegen Homosexuelle. Also gäbe es keinen Grund, ihm eine etwaige Homo- oder Bisexualität vorzuwerfen, zumal eine solche ja auch gar nicht als Vorwurf gesehen werden könne.

Das stimmte nun auch wieder nicht ganz. Denn Haiders FPÖ – und auch er selbst – hatte durchaus mit Vorurteilen gegen Homosexuelle Politik gemacht. Als „Schwuchtelpartie“ hatte etwa der damalige FPÖ-Generalsekretär Walter Meischberger 1993 Heide Schmidts Liberales Forum beschimpft, weil dieses die Schwulenrechte ausbauen wollte. Der FPÖ-Abgeordnete Hilmar Kabas nannte die „Rosa/lila Villa“, ein von der Gemeinde Wien gefördertes Kommunikationshaus für Schwule und Lesben, ein „subventioniertes Bordell“. Als das rote Wien dann auch noch das Schwulenfestival „Wien andersrum“ sponserte, schwoll das freiheitliche Protestgeheul weiter an.

Jörg Haider war persönlich dabei , als der Salzburger FPÖ-Obmann Karl Schnell und Stadtparteiobmann Siegfried Mitterdorfer 1994 beim Wahlkampfauftakt der FPÖ gegen „Schwule, Mafiosi und Ausländer“ wetterten und der SPÖ vorwarfen, sie wolle Gratiskondome an Homosexuelle abgeben. Haider selbst vergatterte zwei Jahre später als Klubobmann seine Abgeordneten, gemeinsam mit der ÖVP gegen die Angleichung des Schutzalters an heterosexuelle Partnerschaften zu stimmen, obwohl einige FPÖ-Abgeordnete auf diese Liberalisierung gedrängt hatten. 2002 wurde der entsprechende Paragraf 209 dann vom Verfassungsgerichtshof als verfassungswidrig aufgehoben. Als BZÖ-Justizministerin Karin Gastinger 2005 als Konsequenz aus diesem Spruch einen Vorstoß in Richtung eingetragene Partnerschaften riskierte, wurde sie postwendend von BZÖ-Klubobmann Herbert Scheibner zurückgepfiffen.

Jörg Haider schwieg zu diesem Thema und war verblüffend unverkrampft. Gut gelaunt schäkerte er etwa beim Umtrunk nach der Präsentation eines seiner Bücher Mitte der neunziger Jahre mit dem 20-jährigen Sohn einer Verlagsangestellten, statt den anwesenden Journalisten sein Œuvre nahezubringen. Bei einem profil-Interviewtermin knapp vor der Bildung der schwarz-blauen Regierung interessierte er sich mehr für die Meinung des jungen Fotoassistenten als für die Fragen der Redakteure. Haider war dabei nicht unangenehm, nicht belästigend, nicht einmal besonders peinlich. Aber sein durch nichts abzulenkendes, völlig offen gezeigtes Interesse für die jungen Männer war in diesem Rahmen äußerst ungewöhnlich.

Haiders Umgebung – in jenen Jahren waren das etwa Susanne Riess-Passer, Herbert Scheibner, Peter Westenthaler, Walter Meischberger – bekam all das natürlich weit öfter mit. Gesprochen habe man mit Haider, den angebeteten Rudelführer, darüber nie, erzählt einer aus der Runde. Nur einmal hätten sie ihn gebeten, doch etwas vorsichtiger zu sein.
In Jörg Haiders Umgebung herrschte ständig Angst vor einschlägigen Medienberichten. Vor der Nationalratswahl 1999 steigerte sich die Angst zur Panik. Nikolaus Forman­­­ek, ein ehemaliger Mitarbeiter des Liberalen Forums, hatte mit finanzieller Hilfe des Bauunternehmers Hans Peter Haselsteiner die Website ican.at eröffnet, die er dem amerikanischen „Drudge Report“ nachempfinden wollte. Der „Drudge Report“ stellt bis heute schonungslos ungeprüfte Gerüchte ins Netz, verzeichnete aber auch tolle Treffer: So berichtete die Klatschseite 1998 als Erste über die Clinton/Lewinsky-­Affäre.

In FPÖ-Kreisen wurde vermutet , Formaneks Website sei nur zu einem einzigen Zweck gegründet worden: Haider zu „outen“. Aber schon bald wurde Entwarnung ge­geben. ican.at meldete zwar zutreffend, Margot Löffler habe in der Präsidentschaftskanzlei immer mehr zu reden, und ­verbreitete die Ente, Maria Rauch-Kallat werde demnächst Bernhard Görg als Wiener ÖVP-Obmann nachfolgen. Heißere Ware war aber nicht dabei.
Was die Tratsch-Homepage unterließ, tat wenige Wochen später die englische Tageszeitung „The Guardian“. Ende Februar 2000, am Tag nach der Hofübergabe von Jörg Haider an Susanne Riess-Passer, meldete das seriöse Weltblatt unter Berufung auf „politische Insider“, dies sei auch eine Panik­reaktion wegen der innerparteilich kursierenden Gerüchte, Haider sei schwul, was dieser stets bestritten habe. Alles falsch: Die FPÖ war damals keineswegs panisch, außerdem hatte Haider nie bestritten, schwul oder bisexuell zu sein, weil er ja auch nie wirklich danach gefragt worden war.

In intellektuellen Zirkeln wurde das Thema weit abgehobener diskutiert. Elfriede Jelinek etwa sprach schon 1991 in einem Interview mit der französischen „Libération“ vom Haider-Lager als einer „verdrängten homoerotischen Gemeinschaft“. Als die FPÖ im Jahr 2000 an die Regierung kam, prophezeite die spätere Nobelpreisträgerin düster, jetzt werde Haider „endgültig sein homoerotisches System verwirklichen, seinen homoerotischen Männerbund“.

Die Theorie, rechte Männerbündler seien in Wahrheit verklemmte Schwule, ist nicht neu. Der umstrittene Sexualforscher und Psychoanalytiker Wilhelm Reich hatte sie schon in den dreißiger Jahren in seinem Buch „Massenpsychologie des Faschismus“ vertreten. Die SS-Runen interpretierte Reich als die Körper von zwei a tergo kopulierenden Männern.

Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit griff die These 1977 in seinem Buch „Männerphantasien“ auf und spitzte sie zu: Die Nazi-Elite habe die Homosexualität nur deshalb so vehement geächtet, weil sie selbst aus verkappten Schwulen bestanden habe – eine etwas krude Annahme, die in hitzigen Kaffeehausdebatten dennoch gerne auf Haider und sein Gefolge angewendet wurde.

Nach derselben Logik könnte man in der SS einen jüdischen Geheimbund sehen. Im März 2000 schwang sich dann der deutsche Theatermacher und Organisator des Wiener „andersrum“-Festivals Jochen Herdieckerhoff in der Berliner „TAZ“ zu einem ­versuchten „Outing“ Haiders auf. Titel der Story: „Der Jörg will eh bloß kuscheln.“ Besondere Neuigkeiten hatte Herdieckerhoff nicht zu bieten, dafür servierte er eine gewaltige ­Räuberpistole: „News“ habe längst alle Beweisfotos im Tresor, zitierte der Theatermann eine „Fama“. Veröffentlicht würden sie aber erst später, weil das Magazin vorher noch mit Haider-Covers Kassa machen wolle. Außerdem wage niemand wirklich über das Thema zu reden, weil Haider „vorzügliche Beziehungen zum Polizeiapparat und anderen dunklen Mächten“ habe.

Die Homosexuellen Initiative (HOSI) zeigte sich über Herdieckerhoffs Artikel wenig begeistert und stellte sich in einer Aussendung schützend vor den FPÖ-Obmann: „Gerade die Haider-GegnerInnen schätzen wir als aufgeschlossen genug ein, diesen Umstand nicht gegen ihn einzusetzen. Es gibt genug Gründe, Haider und seine Politik zu bekämpfen. Homosexualität darf keiner sein.“

Haider war jetzt wieder Landeshauptmann von Kärnten und kam seltener nach Wien. Vor allem war er jetzt Anführer eine Partei, die in den Umfragen bei drei Prozent lag. Entsprechend erlahmte auch die ohnehin nie besonders große Recherchelust der überregionalen Zeitungen. Manchmal flackerte das Thema wieder auf, etwa als 2007 Fotos von Haider bei einer Saufparty in der Disco „Tollhaus“ in Spittal auftauchten, die ihn in etwas großer Nähe mit einem jungen Mann zeigten.

Haider quittierte die Aufregung beinahe amüsiert und kündigte an, am nächsten Wochenende gleich wieder ins „Tollhaus“ zu kommen.
Die Angst vor einem Outing plagte ihn schon längst nicht mehr. Zwei-, dreimal im Monat war er in den „Stadtkrämer“ gekommen, dass er ausgerechnet am letzten Abend seines Lebens dort fotografiert wurde, ist Zufall. In Kenntnis der Umstände seines Todes bekräftigen jetzt jene Biertischphilosophen, die normalerweise noch über den erbärmlichsten Schwulenwitz wiehern, auch etwas anders ­gepolten Menschen müsse Respekt gezollt werden – ein ­wahrhaft denkwürdiger Seitenaspekt in Jörg Haiders Lebensdrama.