kanon

1 La règle du jeu / Die Spielregel

Jean Renoir, Frankreich 1939

Was charakterisiert ein Meisterwerk? Wie schafft es ein einzelner kleiner Film, ohne jede Wichtigtuerei inszeniert, als eine über die Jahrzehnte hinweg in allen Bestenlisten vertretene Spitzenleistung der Filmkunstgeschichte zu gelten? Jean Renoirs „Spielregel“ ist ohne Zweifel ein hervorragender Film, aber das olympische Chef d’Œuvre sieht man ihm auf den ersten Blick wohl nicht an. Und doch ist seine Kraft zu spüren: Als „zu demoralisierend“ wurde dieser Film 1939 bezeichnet – und sofort verboten. Erst zwei Jahrzehnte später hatte die integrale Version des Renoir’schen Sittenbildes dann tatsächlich Premiere: Und die Welt hatte eine sarkastische Gesellschaftskomödie zu entdecken, in deren Zentrum die französische Gesellschaft überprüft wird. In einem luxuriösen Landhaus findet eine Party statt. Renoirs Inszenierung changiert zwischen den sozialen Ebenen, zwischen Melodram und subtiler Ironie, zwischen Realismus und Fantasie. Eine comédie humaine – oder, wie der Kritiker André Bazin notiert: „Weder das Publikum noch die Mehrheit der Kritiker konnten 1939 erkennen, dass ,Die Spielregel‘ den weitest gespannten und klarsten Ausdruck einer zum Untergang verurteilten Epoche darstellt.“