klassik

Pop-Appeal: Anna Netrebko, 32


Sie kam aus dem Nichts. Oder zumindest schien es so, als die junge Russin bei den Salzburger Festspielen 2002 in einem gelben Kleidchen die riesige Bühne des Großen Festspielhauses betrat und Mozarts Donna Anna („Don Giovanni“) sang, als wäre das ein Klacks. Tatsächlich war der Twen keineswegs vom Himmel gefallen, sondern hatte bereits neun Jahre Stimmen-Drill hinter sich: in St. Petersburg, in San Francisco und Washington. Bloß war die Kunde von Netrebkos Engelsstimme noch nicht in die westlichen Kulturhochburgen vorgedrungen, und so wurde die Sopranistin 2002 in Salzburg so staunend wie hilflos als „Wunder“ kategorisiert. Netrebko hat tatsächlich ein kleines Wunder vollbracht: Sie lässt die Opernwelt den Ballast ihrer 400-jährigen Tradition vergessen. Netrebkos Auftritten fehlt der unfreiwillige Humor, der an den Komödien des Repertoires wie Sirup zu kleben scheint; und ihr fehlt das Pathos, mit dem sich die Heroinnen der Hochdramatik für gewöhnlich in den Tod stürzen. Erst zwei Jahre ernsthaft im Geschäft, hat die neue Diva den Sperrbezirk der Klassik schon verlassen: Sie gastierte in „Wetten, dass …?“ und posierte für das Boulevardblatt „Gala“. Die junge Sopranistin hat offensichtlich, wonach sich die Klassik-Branche seit der Erfindung von Crossover sehnt: die Leichtigkeit des Pop.