klassik

Schönsänger: Andreas Scholl, 36


Er sieht aus wie Clark Kent, ist glatt rasiert und trägt Timberland Boots. Er hat Frau und Tochter, ist fanatischer Basketball-Fan, und auch karrieretechnisch hat der Mann alles im Griff: Die Kritiker nennen ihn bloß „Superman of Song“. Doch wenn der 36-jährige Deutsche die Bühne betritt und die erste Note singt, reagiert das Auditorium mit distinguiertem Staunen: Scholl zählt zur seltenen Spezies der Countertenöre, die ihre Engelsstimmen bis in die Sopran-Lage ihrer weiblichen Kolleginnen hinaufjagen. Kein Schlick trübt Scholls glasklaren Gesang, unbeschwert hebt er mit Händel und Monteverdi in vokale Stratosphären ab. Galten Countertenöre lange Zeit als seelenlose, androgyne Schönsänger, sind sie seit dem Boom alter Musik wieder hoch im Kurs: Wo auch immer der Amerikaner David Daniels oder der Franzose Gérard Lesne auftreten, sind die Opernhäuser ausverkauft. Denn endlich stehen zur Abwechslung auch andere Tondramen als die rund 70 Repertoireopern von Richard Wagner & Co am Programm: Mindestens 50.000 Opern sind zumindest dem Titel nach bekannt, und der Großteil davon ist im Zeitalter des Barock entstanden. An die Arbeit!