klassik

Der König: Thomas Quasthoff, 44


Weil er Franz Schuberts Lieder mit einer Traurigkeit auflädt, die selbst die versteinertsten Gesichter im Parkett zum Schmelzen bringt. Weil er jede Phrase so deutlich artikuliert, als würde er Nachrichten sprechen. Weil er mit blutleerem Schöngesang Schluss gemacht hat. Weil er 1,34 Meter groß ist, kurze Arme und sieben Finger hat – vier rechts, drei links. Weil seine schwere Körperbehinderung weder Grund noch Hindernis für seine Karriere war. Weil er als Contergan-Kind eineinhalb Jahre im Streckverband lag, damit seine Füße nach vorne gedreht würden. Weil er sich gegen gemeine Klassenkollegen zur Wehr setzen musste und sich nicht einschüchtern ließ, als ihm die Musikhochschule Hannover aufgrund seiner Behinderung die Aufnahme verweigerte. Weil er Journalisten zurechtweist, wenn sie banale Fragen stellen. Weil er vom Jammern über das anstrengende Jetset-Leben nichts hält, sondern die Meinung vertritt: „Harte Arbeit, das ist acht Stunden am Band stehen und irgendwo Schrauben reindrehen.“ Weil er findet, dass er „sehr, sehr gut bezahlt ist“. Weil sein Bassbariton vom tiefen D bis zum hohen A reicht. Weil er jetzt an der Wiener Staatsoper als Amfortas („Parsifal“) seine erste große Bühnenrolle gibt. Weil er Mahlers „Rückert-Lieder“ so schön wie niemand sonst singt: Deshalb ist Thomas Quasthoff der faszinierendste Sänger der Gegenwart.