Neun Beispiele für Verschwendung

Beispiel 1: Mandeloperation

In Italien kommen elf Eingriffe auf 10.000 Einwohner, in Österreich sind es 67. „Kann es sein, dass die Österreicher wirklich fast siebenmal öfter operiert werden müssen?“, fragt der Gesundheitsökonom Ernest G. Pichlbauer in der Zeitschrift „ÖKZ“ („Weltbestes Gesundheitssystem?“, Heft 07/2007). „Oder wird in Österreich zu schnell zum Messer gegriffen?“ Die gängigen Begründungen der Ärzteschaft – eine geplante Mandeloperation sei in jedem Fall besser, als wenn man in eine vereiterte Mandel hineinoperieren müsse; durch die Entfernung der Mandeln könnten häufige Hals- oder Mittelohrentzündungen vermieden werden – entlarvt Pichlbauer anhand von mehreren Studien als Märchen. Obendrein spricht die Bilanz der in Österreich so häufig vorgenommenen Mandeloperationen keineswegs für die oft behauptete Qualität der chirurgischen Eingriffe. Im Lauf eines Jahres sind in Österreich laut Pichlbauer sechs Kinder nach einer Mandeloperation verstorben. Bei etwa 9000 jährlich vorgenommenen Mandeloperationen entspricht das einer Sterblichkeitsrate von eins zu 1500 – zumindest im Lauf dieses von Pichlbauer untersuchten Jahres. In der Fachliteratur hingegen wird eine Sterblichkeitsrate von eins zu 16.000 bis 35.000 angegeben. In Italien liegt die Sterblichkeitsrate gar nur bei eins zu 95.000. Die häufigste Komplikation bei Mandeloperationen ist die Nachblutung. Studien zeigen, dass die Nachblutungsrate bei Patienten, die von einem geübten Krankenhausarzt behandelt wurden, nur halb so hoch ist, wie wenn der Eingriff von einem Konsiliar- oder Assistenzarzt durchgeführt wird. In Österreich werden aber Mandeloperationen in so gut wie jedem Spital angeboten, unabhängig davon, ob es dort eine HNO-Abteilung gibt oder nicht. Spital und Politiker betrachten dies als „wohnortnahe Behandlung“. In der Regel sind es Konsiliarärzte, die in den „kleinen“ Spitälern den Eingriff durchführen und damit Fälle von den zentralen HNO-Abteilungen abziehen. Und selbst in den zentralen HNO-Abteilungen gehört die Mandeloperation laut Pichlbauer „bei HNO-Spitalsärzten nicht gerade zu den beliebtesten und wird erfahrungsgemäß gerne von den Oberärzten an die Assistenzärzte abgetreten“. Aber die Häufigkeit von Mandeloperationen ist in Österreich nicht überall gleich. Ein Vergleich der Abrechnungsdaten der Krankenanstalten für das Jahr 2005 zeigt haarsträubende Unterschiede: So wurden in Kärnten – bezogen auf die Einwohnerzahl – um 28,3 Prozent und in Tirol um 46,5 Prozent mehr Mandeloperationen durchgeführt als im Österreich-Durchschnitt.