Radio: „Na hallo, das ist Zensur!“

2006

Nach Bekanntgabe des endgültigen Wahlergebnisses erteilte der Bundespräsident dem Kanzlerkandidaten der stimmstärksten Partei, also Dr. Gusenbauer, den Auftrag zur Regierungsbildung. Die stand unter keinem guten Stern, weil der Kanzler, also Dr. Schüssel, gleich zu Beginn sehr unernst war und sagte: „Das wichtigste Entgegenkommen der ÖVP ist, dass wir an den Verhandlungen teilnehmen.“ Er sagte dies aber so schmallippig, dass ich an einen Spaß nicht mehr glauben konnte, obwohl es ein Witz war. Peter Rabl konzedierte daher Schüssel im „Kurier“ auch „ein eher altmodisches Amtsverständnis“. Aus diesem heraus „interpretiert er den häufig eingeforderten Schulterschluss als Anlehnung des Gegners an seine Schulter, den Konsens als Annäherung an seine Meinung, den Kompromiss als weit gehende Übernahme seiner Position“. Bei solcher journalistischer Impertinenz war auch klar, warum Rabl, einer der bürgerlich-logischen Kandidaten für den Informationsdirektor, für die ÖVP nicht infrage kam.

Jetzt spätestens konnte man erahnen, wie wichtig es war, die Direktorenwahl des ORF hinter sich zu haben. Das Feilschen und Gezerre hätte wahrscheinlich eine neue Dimension erreicht. Überhaupt waren mir die rituellen Verhandlungs-Veitstänze derartig unverständlich, dass ich langsam das einstige Kabarettprogramm von Otto Grünmandl für mich anwendbar fand: „Politisch bin ich ein Trottel, aber privat kenn ich mich aus.“ („Privat“ müsste man nur durch „kulturell“ ersetzen …)