Radio: „Na hallo, das ist Zensur!“

1995

Im Juni übergaben wir die gesamte 700.000 Euro teure Imagekampagne mit TV-, Radio-, Print- und Plakatwerbung Demner, Merlicek und Bergmann. Es hat Wochen gedauert, bis wir zufrieden waren. Ich kann mich noch erinnern, dass die Agentur immer wieder „Hirn“ und „Ohr“ optisch ins Spiel brachte. In mehreren Sitzungen im ORF-Zentrum mit Weis und mir (und mit Generalsekretär Rudas als GI-Vertreter) haben wir das bis auf ein paar „Betriebsunfälle“ abgewendet, weil die Vorlagen immer etwas Unappetitliches an sich hatten. Hirn ist gut, wenn man es hat, aber nicht wirklich schön anzuschauen. Und das Ohr ist auch nicht gerade ein erotisches Organ … Knapp vor der Verzweiflung kamen die Herrschaften Werbefachleute mit einem Slogan daher, den wir sofort als genial klassifizierten (er stammt übrigens von dem inzwischen bekannten Krimiautor Wolf Haas, der damals für Demner arbeitete): „Ö1 gehört gehört“.

Ab dann ging es ganz schnell. Die ersten drei Sujets waren „Verstand gehört geschärft“, „Literatur gehört entstaubt“, „Musik gehört unter die Haut“ – in der Mitte das grafisch gestaltete „Ö1 gehört gehört“. Später gab es auch preisgekrönte City-Lights: „Politik gehört durchleuchtet“ (bei Dunkelheit hat „Ö1 gehört gehört“ durchgeleuchtet), „Festspiele gehören ausgestrahlt“ (am Tag sah man nur einen Scheinwerfer, in der Nacht erschien ein Dirigent im Scheinwerferlicht) und „Diskurs gehört entfacht“ (am Tag sieht man ein Streichholz, bei Dunkelheit entbrennt das Streichholz) …

Die Kosten der Kampagne von 700.000 Euro waren viel Geld. Im Verhältnis zu den Gesamtkosten des Senders aber nicht besonders viel. In der so genannten Vollkostenrechnung, also alles inklusive Wasser, Strom und Gas (sprich: Programm-, Personal- und Infrastrukturkosten), war Ö1 damals ungefähr so teuer wie die drei größten Landesstudios zusammen, also eine Milliarde Schilling oder 72 Millionen Euro.

1995 hatte die H2 (Wissenschaft) zehn Dienstnehmer und 0,8 Millionen Euro Budget für neun Sendereihen, die H3 (Kultur + Musik) 33 Angestellte und 5,8 Millionen Euro Budget für 67 Sendereihen, die H4 (Religion) vier Angestellte und 0,6 Millionen Euro Budget für 14 Sendereihen, die HRO (Produktionsgruppe Rosenberg) fünf Dienstnehmer und eine Million Euro Budget für vier Sendereihen.

Von der H1 (Information) muss man zwei Drittel der 71 Angestellten zu Ö1 rechnen. Und vom Budget ebenso. Macht rund eine Million Euro zusätzlich … Das heißt, dass für Ö1 über 100 Angestellte arbeiteten, dazu das Dreifache an freien Mitarbeitern, für die ein Außenkostenbudget von 9 Millionen Euro zur Verfügung stand. Nicht gerechnet das Orchester, Administration und Technik.

Ö3 hatte 23 Angestellte und ein Budget von 4,1 Millionen Euro. Damit erlöste es etwa 70 Millionen Euro an Werbeeinnahmen …