Radio: „Na hallo, das ist Zensur!“

2002

Mit Staatsoperndirektor Ioan Holender hatten wir die permanente Beziehungshochschaubahn. Einmal lobte er uns (meist dann, wenn er gegen das Fernsehen vom Leder zog), dann wieder beklagte er sich bitter über uns. Auf alle Fälle machten wir viel zu wenig für die (Staats-)Oper. Da konnten wir tun, was wir wollten. Aber das Wechselbad der Wertschätzung gab es auch bei uns: Einerseits war sein fordernder und fallweise Nerven strapazierender Einsatz für die Oper bewundernswert, andererseits schreckte er bei dieser Übung vor keiner Verdrehung von Tatsachen zurück. Das führte beispielsweise zur Beschwerde, er, Holender, wäre „ein ganzes Jahr“ nicht in Ö1 vorgekommen, obwohl er genau in diesem Jahr zwei einstündige Sendungen bestritten hatte … Auch die bloße Erwähnung unseres verdienten Opernredakteurs Gottfried Cervenka führte zum kompletten Verlust der Contenance. Aber bereits kurz darauf konnte Holender zu Gesprächen und zu vernünftigen Kompromissen bereit sein.

Das Ende der Rempeleien war also angesagt. Grundsätzlich negative Kritik war nicht mehr zu lesen. … Umso mehr wunderte es mich, als anlässlich eines von Agnes und Karlheinz Essl veranstalteten „festlichen Abendessens“ zur Eröffnung einer Ausstellung von Elke Krystufek Nationalratspräsident Andreas Khol über Ö1 als einen „linken Sender“ sprach. Mir fiel fast der Löffel in die Suppe. Diese Etikettierung hatte ich schon lange nicht mehr gehört. Khol präzisierte: ein guter, interessanter linker Sender. Wir redeten ziemlich lang darüber. Ich versuchte zu erklären, dass nun einmal Intellektuelle, speziell Künstler, kritisch bis aufmüpfig sind. Schließlich habe er selbst gerade das Bild einer Riesenvagina von Krystufek bewundert. Auch nicht gerade eine konservative Demonstration … Aber es nützte nichts. Das Gespräch endete ohne Ergebnis, aber mit der Versicherung einer gewissen gegenseitigen Wertschätzung. Ich hatte schon ödere Tischnachbarn.