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Schmäh 1: Es gibt keine Steuerstufen mehr

Ein paar Tag zog der Schmäh: Bei der Präsentation der Steuerreform am 9. Jänner suggerierten Kanzler Wolfgang Schüssel und Finanzminister Karl-Heinz Grasser erfolgreich, dass die traditionellen Steuerstufen mit unterschiedlichen Grenzsteuersätzen abgeschafft worden seien. Stattdessen wurden Tabellen mit verlaufenden Durchschnittssteuersätzen verteilt, auf die sich die vom raschen Ende der Verhandlungen überraschten Journalisten dankbar stürzten. Es dauerte eine Weile, bis die Öffentlichkeit merkte, dass sie an der Nase herumgeführt wurde. Noch vergangenen Mittwoch konnte Schüssel in einem Interview mit dem Chefredakteur der „Presse“ unwidersprochen behaupten, man habe auf ein „modernes System mit Durchschnittssteuersätzen“ umgestellt.

Tatsache ist: Es gibt immer noch Steuerstufen, geändert wurde nur die Darstellung. Jedes Steuersystem der Welt lässt sich mit Grenz- oder Durchschnittssteuersätzen darstellen. War in Österreich bisher immer nur von den Grenzsteuersätzen die Rede, also von jenem Prozentsatz, mit dem jeder zusätzlich verdiente Euro versteuert wird, spricht die Regierung nun von Durchschnittssteuersätzen. Letztere haben eine angenehme Eigenschaft: Sie liegen in einem progressiven Steuersystem natürlich stets niedriger als die Grenzsteuersätze und klingen dadurch verdaulicher.

Die Anzahl der Steuerstufen wird ab 2005 reduziert: Gab es bisher fünf Grenzsteuersätze – nämlich 0, 21, 31, 41 und 50 Prozent –, so bestehen nun nur noch vier Stufen mit 0, 38,3, 43,6 und 50 Prozent. Weiters wurde der allgemeine Absetzbetrag eingeebnet, der kompliziert gestaffelt war und für einen unregelmäßigen Verlauf der Grenzsteuersätze sorgte.

Die neuen Grenzsteuersätze sind in Teilbereichen höher als die alten, Gehaltserhöhungen werden also teilweise stärker belastet als früher – auch wenn Schüssel diese mathematische Tatsache im „Presse“-Interview einfach in Abrede stellt: „Dass die Progression schärfer wird, ist nicht wahr.“ De facto müssen Arbeitnehmer mit Jahreseinkommen zwischen 10.000 und 22.000 sowie zwischen 35.500 und 51.000 Euro von zukünftigen Gehaltserhöhungen mehr an den Finanzminister abliefern. „Im Finanzministerium tun sie so, als ob das nicht der Fall wäre“, kritisiert Karl Bruckner, Steuerexperte und Geschäftsführer der BDO Auxilia Treuhand GmbH., „es gibt eine schärfere Progression, das ist eine mathematische Wahrheit.“ Dennoch tragen alle Arbeitnehmer eine geringere Steuerlast als 2003, weil der steuerfreie Anteil des Einkommens – nämlich die ersten 15.700 Euro – größer wird.