Wie österreichische Adelige trotz Aufnahmesperre der NSDAP beitraten

Österreichische Adelige und Industrielle schafften es 1938 trotz Aufnahmesperre, der NSDAP beizutreten – indem sie sich eine Vergangenheit als illegale SA-Männer bescheinigen ließen. In einer SA-Brigade, die fast nur auf dem Papier existierte.

Das sonderbare Treffen fand im Haus eines Wiener Aristokraten Ende 1937 statt. Als Gast war der damalige Stabschef der illegalen SA in Österreich, Alfred Persche, geladen. Er sei vom Hausherrn liebenswürdig empfangen und in einen großen Salon geleitet worden, schrieb der SA-Mann später. Etwa ein Dutzend Herren habe ihn erwartet, „äußerst intelligent aussehend und gut angezogen“. Wie eine Flut seien ihre Titel über ihm zusammengeschlagen: „Oberstleutnant, Oberst, Graf, Baron, Generaldirektor.“ Die bescheidenste Bezeichnung sei die eines Gutsbesitzers gewesen.

Offiziell vorgestellt wurde ihm die erlauchte Gesellschaft von einem Mann mit schmaler Reiterstatur und Oberlippenbart: dem ehemaligen k. u. k. Rittmeister Emil Jäger, als Bundesheeroffizier bei hohen Bezügen beurlaubt und Nazi seit Jahren. In wohlgesetzten Worten trug der Major das Begehr „seiner Männer“ vor: Die Gruppe wolle geschlossen als „Sonderformation“ in die SA aufgenommen werden – in die Sturmabteilung der in Österreich seit 1934 verbotenen, aber offensichtlich als künftige Macht vor der Tür stehenden ­NSDAP. Ihre bisherigen selbst verliehenen SA-Ränge sollten den Herren fix zugeteilt werden.

Der echte illegale SA-Führer konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, die versammelte Runde wolle in einer Art Torschlusspanik, aber standesgemäß unter sich bleibend, bei den Nazis andocken, und empfahl ihnen den Beitritt als „einfache SA-Männer“. Die Grafen, Industriefürsten und Militärs waren dabei, sich quasi Tribünenplätze in der Zukunft des Dritten Reichs zu sichern: So charakterisiert der junge Historiker Roman Eccher vom Österreichischen Staatsarchiv das Motiv der Runde, sich als klandestine SA-Männer zu präsentieren. Die Abfuhr 1937 habe sie nicht weiter aufgehalten. Laut Eccher ließen sie und viele andere sich in der Folge eine NS-Vergangenheit maßschneidern: in der so genannten „Illegalen SA-Brigade 6“, die ein österreichisches Paradoxon war. Sie soll ­mehrere Formationen umfasst ­haben, war tatsächlich aber ein Potemkin’sches Dorf, errichtet zu dem Zweck, ihren Mitgliedern nach dem „Anschluss“ Österreichs im März 1938 die Eintrittskarten in die NSDAP zu verschaffen.

Wegen des gewaltigen Ansturms so genannter „Märzveilchen“ hatte die NSDAP Aufnahmesperre verhängt. Die begehrte Mitgliedschaft wurde an den Nachweis geknüpft, dass man sich bereits in der Verbotszeit für die NSDAP oder ihre Organisationen wie die SA betätigt und laufend Mitgliedsbeiträge geleistet hatte. Dies nachzuweisen war meist unmöglich für jene, die im Ständestaat zur einflussreichen Schicht gehört hatten – der Adel etwa konnte seine 1919 abgeschafften Titel wieder führen. Militärs und Beamte hätten durch beweisbare NS-Unterstützung ihre Existenz riskiert. Die SA mit ihren undurchschaubaren Verhältnissen bot sich als „Illegalenfabrik“ an: Die oft ins Treffen geführte „geheime“ Nachrichtentätigkeit für sie war nicht überprüfbar.

„Unterschlupf“. Einige Prominente waren tatsächlich seit Jahren einschlägig unterwegs gewesen. Wie Johannes Graf Hardegg ­(NSDAP-Beitritt 1930), nach dem Juliputsch 1934 war er als SA-Führer inhaftiert; wie Gottfried Schenker-Angerer (NSDAP-Beitritt 1933), Chef der ursprünglich mit den jüdischen Partnern Karpeles und Hirsch gegründeten Spedition Schenker & Co., der gute Beziehungen zum deutschen Gesandten in Österreich, Franz von Papen, pflog; oder der prominente Industrielle Philipp von Schoeller, der sich „seit 1936 dem Nationalsozia­lismus auf Gedeih und Verderb verschrieben hatte“, wie es in der Studie über „Österreichs Banken im Nationalsozialismus“ (Verlag C. H. Beck) heißt.

Gottfried Schenker-Angerer sagte im Prozess gegen Schoeller 1948, er und seinesgleichen hätten aus Angst vor dem „preußischen Omnibus“ Wege gesucht, die Aufnahmesperre in die NSDAP zu umgehen: „Im Rotaryklub bestand auch ein Zirkel von national eingestellten Männern, die dieselben Besorgnisse wie ich und Dr. Schoeller hatten.“ Schoeller selbst will damals explizit von einer Aktion für jene informiert worden sein, die mit verschiedenen „Behauptungen in der Partei Unterschlupf suchten“. Der umtriebige und gefinkelte „Herrenreiter“ und Nazi Emil Jäger dürfte sich als Bindeglied zwischen gehobener Gesellschaftsschicht und gestandenen Nazis angeboten haben, denn er trieb sich in den entsprechenden Netzwerken beider um. Er frequentierte etwa das niederösterreichische Reitgut Marienhof, auf dem Franz von Papen, Hitlers Botschafter in Österreich, beim Ausritt Nazi-Sympathisanten kennen lernte. Für seine Militärkarriere intervenierte Karl Anton Prinz Rohan, NS-Parteigänger ab 1935.

Seine Rolle bei der Gewinnung Prominenter nannte Jäger vollmundig „Schicksalsbeitrag aus der Kampfzeit der NSDAP in Österreich“: Unter diesem Titel beschrieb er auf vielen Seiten, wie er Angehörige der Großindustrie und „Träger glanzvoller Namen des alt­österreichischen Adels als Bannführer mitzureißen vermocht hatte“. Im Sommer 1939 ließ er die Schrift durch den späteren General Edmund von Glaise-Horstenau an oberster Stelle deponieren: Glaise-Horstenau übermittelte sie dem Leiter der Parteikanzlei, Martin Bormann, mit dem Bemerken, Jäger, „ein alter Kamerad und Mitarbeiter in der illegalen Zeit“, dränge ihn immer wieder, „sein Opus an den Führer heranzubringen“.

Beigelegt war eine Liste, die mehr als 120 Namen Industrieller, Aristokraten, Wissenschafter, Anwälte, Militärs und Künstler enthielt. Sie alle, schrieb Emil Jäger, seien in seiner Brigade illegale SA-Männer gewesen. Und weiter: „Ich fand es nun als meine Pflicht, für die Eingliederung aller Kameraden aus der Kampfzeit in Partei und Wirtschaft zu sorgen.“ Eine derartige Liste Prominenter hatte es tatsächlich gegeben. Sie wurde als „Industriesturm“ oder auch „SA-Sturm Schenker-Angerer“ bezeichnet – und von Schenker-Angerer nach dem „Anschluss“ Österreichs zur Parteiaufnahme weitergeleitet.

Als SA-Sturm dürfte die Gruppe aber fast nur auf dem Papier bestanden haben. Und Emil Jäger konstruierte in seinem „Schicksalsbeitrag“ vollmundig, was ihre Mitglieder angeblich geleistet hatten. Was davon stimmte und was Schwindel war, ist schwer zu eruieren. Friedrich Reichsgraf zu Hard­egg etwa benennt Jäger als seinen SA-Adjutanten, mit dessen Vetter Johannes Graf Hardegg habe er ab 1934 den ersten illegalen SA-Trupp aufgebaut.

Konspirative Treffen hätten auf dem Rennplatz in der Freudenau stattgefunden – dieser sei vom Sekretär des traditionsreichen Wiener Rennvereins, Hauptmann Carl Ritter von Gerelli, angeboten worden.
Der Regimentskamerad aus k. u. k. Zeiten, Major Pius Alber-Glanstätten, wiederum habe seine Villa am Semmering stets für SA-Kameraden offen gehalten. Sogar in der Amtswohnung von Camillo Ruggera, Oberst im Generalstab des österreichischen Bundesheers, hätten die SA-Männer Treffen veranstaltet. Bei allen Appellen habe man einen Platz für Hitler freigehalten: „Für den Mann, dem wir verschworen waren.“

Die diversen SA-Formationen finden sich in vielen der formellen NS-Aufnahmebogen von Adeligen und Wirtschaftsleuten wieder. Johannes Graf Hardegg bezeichnete sich darin als „Führer“ von Emil Jägers „Gruppe S“. Emmerich Freiherr von Boxberg, Mitglied im Nazi-affinen Deutschen Klub, empfahl sich damit, er sei bei der Gruppe Jäger aktiv gewesen. Die Angaben bestätigte man sich gegenseitig. So unterschrieb SS-Obersturmführer Peter Graf Czernin als „Präsidialchef“ für die NSDAP Österreich die Angaben Schenker-Angerers zu den angeblichen Mitgliedern eines illegalen „Industriesturms“, zu dem auch Burgschauspieler Fred Hennings gehört haben soll.

Konjunkturritter.
Alfred Prinz zu Hohenlohe-Schillingsfürst, Gesellschafter von Schoeller & Co., schrieb in seinen NS-Bogen, er habe neben Jockey- und Automobil-Club auch der SA der Indus­triellen angehört und seine Mitgliedsbeiträge an Baron Hans ­Possanner entrichtet. Ein NS-Funktionär bemerkte wohlwollend: „Bemüht sich in jeder Hinsicht, sich den neuen Verhältnissen bestens anzupassen.“

Der Historiker Gerhard Jagschitz meint:
„Da haben Wendehälse und Konjunkturritter etwas entworfen, das man als kakanische Posse innerhalb der großen tragischen Geschichte bezeichnen könnte.“ Auf der anderen Seite hätten die von unten kommenden Nazis sich geschmeichelt gefühlt, dass auch die snobistische Elite bei der NSDAP antrete. Manche in der NSDAP äußerten offen Skepsis gegenüber der Prominentenliste, wollten sich die einflussreichen Kreise aber sichern. So befand die Kreisleitung Wien I: „Der ‚Industriesturm‘ und ähnlich klingende Formationen haben ­einen gewissen odiosen Ruf. Interessant ist, dass Schenker-Angerer finanzkräftige, aber politisch indifferente Persönlichkeiten zur Parteiaufnahme befürwortete.“

Als gewichtiger Proponent der Gruppe dürfte ein „Alter Kämpfer“ fungiert haben: Franz Hanke, NS-Parteigänger seit 1921. Als SA-Führer trieb er ab 1932 sein Unwesen und saß als Illegaler fast 900 Tage in Haft, wofür er den Blutorden der Partei bekam. Das NS-Regime ernannte ihn 1938 zum Mitglied des Deutschen Reichstags und Ratsherrn in Wien. Hanke ebnete zahlreichen Wirtschaftstreibenden den Weg in die Partei, indem er ihre „Verdienste“ als „Illegale“ bestätigte. Nach den Forschungen von Historiker ­Eccher deutet viel darauf hin, dass er dafür mit Aufsichtsratsposten, wenn nicht sogar mit Geld „belohnt“ wurde.

In mehreren Unternehmen wurde der NS-Multifunktionär Hanke als Aufsichtsrat installiert. So etwa in Österreichs größtem Keramikproduzenten, der von der CA für eine Million Reichsmark „arisierten“ Ostmark Keramik AG. Nun saß der Ex-Häftling an einem Tisch mit Johannes Graf Hardegg, Hans von Possanner und Gottfried Schenker-Angerer, die wie er Aufsichtsmandate innehatten. Hanke selbst „arisierte“ ein Haus in Wien-Hietzing und beteiligte sich an der „Arisierung“ der Klavierfabrik Hofmann & Cerny, die zum Rüstungsbetrieb umfunktioniert wurde. Laut Erhebungen nach Kriegsende hatte er damals jedoch über keine Barmittel verfügt.

Aufsichtsratsvorsitzender in diesem Unternehmen wiederum war ein alter Intimus von Emil Jäger: Wolfgang Freiherr von Thienen-Adlerflycht.
Er entstammte einer uradeligen Familie in Schleswig-Holstein, seine Mutter war eine geborene Gräfin Dubsky. In Polizeiaufzeichnungen wurde er in der ganzen Ambivalenz beschrieben: als Mann mit großem Charme, vorbildlichen Umgangsformen und „fanatischer Nationalsozialist“. Er sei ein „her­untergekommener Aristokrat“, der für Geld alles mache. Nach der NS-Machtübernahme in Österreich unterschrieb Thienen-Adlerflycht auf offiziellem NS-Papier als „SA-Stabschef“ und stellte als Angehöriger der NS-Gauleitung „Gefälligkeitsbestätigungen“ für prominente Parteianwärter aus.

Thienen-Adlerflycht war Mitglied des Deutschen Klubs. Laut Jägers Aufzeichnungen soll er bei zahlreichen illegalen SA-Aktionen mit von der Partie gewesen sein. Bei ihm habe man sich auch in der Nacht zum 12. März 1938 zum „Marsch der SA auf das Bundeskanzleramt“ getroffen. Emil Jäger selbst wollte sich in dieser Nacht bei den neuen Machthabern noch mit einer besonders spektakulären Aktion empfehlen. Mit rund einhundert SA-Männern umstellte er die Wohnung des kurz davor zurückgetretenen Bundeskanzlers Kurt Schuschnigg. Der neue Kanzler Arthur Seyss-Inquart soll ihm jedoch befohlen haben, sofort abzurücken.

Mit dutzenden anderen österreichischen SA-Männern bekam Jäger per Führerbefehl kurz darauf einen offiziellen SA-Rang, beim Militär wurde er rückwirkend zum Oberstleutnant befördert. Während seines Einsatzes an verschiedenen Fronten deponierte er seine Habe in jenem Reitgut, in dem er sich in adelige Kreise eingeführt hatte.