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10. Das Hauptübel des heimischen Schulwesens ist soziale Ungerechtigkeit

Alle heimischen und internationalen Studien zeigen, was ein gutes Schulsystem ausmacht: frühe Förderung, späte Selektion, lange Schulpflicht. „Bei der Frühförderung haben wir mit dem Gratiskindergartenjahr nachgezogen, doch bis vor Kurzem waren wir in allen drei Feldern mittelmäßig bis schlecht“, erklärt Bildungsforscherin Christiane Spiel. Das Hauptübel heißt soziale Ungerechtigkeit.

Seit Jahrzehnten verhindert die ÖVP, dass die größte Hürde für Chancengleichheit, nämlich die Trennung der Schüler nach der vierten Klasse Volksschule, beseitigt wird. Der Vorstoß der Bildungsministerin Schmied, die „neue Mittelschule“, wurde zum Modellversuch degradiert. Nun will Schmied die Standorte vernetzen und den „Umbau des Bildungssystems vorantreiben“. Die Zeit drängt, denn in den Schulen kumulieren alle gesellschaftlichen Umbrüche: Patchworkfamilie, unsichere Arbeitsverhältnisse, Globalisierung, Migration. In urbanen Zentren sind die Hauptschulen zu Restschulen verkommen, ihre Aufwertung zu kooperativen Mittelschulen änderte wenig an den Problemen, mit denen die Lehrer täglich konfrontiert sind. Nicht nur in der Stadt. „Viele Schüler kommen in der Früh ohne Frühstück, zu Mittag wartet niemand auf sie“, erzählt Wolfgang Haag, Hauptschullehrer in Taxham. Kinder, die mit zehn Jahren Erwachsene spielen sollen, reagieren nicht selten mit Aggression und Gewalt. Die Praxis zeigt, dass die Lehrer die Konflikte nicht alleine bewältigen können. Sie brauchen Sozialarbeiter und Psychologen an ihrer Seite – und nicht zuletzt einen ständigen Austausch mit Universitäten und Pädagogischen Hochschulen. In vielen Ländern, allen voran in Skandinavien, gibt es bereits seit Jahrzehnten ein Parteienübergreifendes Bekenntnis, dass kein Kind zurückgelassen werden darf. Davon träumt auch Schmied: „Wenn wir nicht Zustände haben wollen wie in Frankreich oder Griechenland, dann müssen wir geschlossen handeln.“