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2. Die Politik hat versagt, vor allem die ÖVP opferte Reformen dem Standesdünkel

Chancengleichheit war auch unter Bruno Kreisky eine Illusion. Gratisschulbücher, Schülerfreifahrt, Abschaffung der Aufnahmsprüfung für das Gymnasium und vor allem die propagierte Aufbruchstimmung brachten zwar aufstiegsorientierte Arbeiter- und Bauernkinder in höhere Schulen, doch die Bildungsdefizite aus dem Elternhaus konnte ein zweigliedriges Schulsystem ohne Ganztagsbetreuung nicht bewältigen. Der Oberschichtbonus blieb bestehen. Über Jahrzehnte hinweg bestimmten ideologische Scharmützel die Bildungsdebatte, gefesselt durch die verfassungsrechtlich abgesicherte Zweidrittelmehrheit, mit der im Parlament über Schulfragen entschieden werden musste.

An Expertisen und Warnungen fehlte es nicht. Eine Studie der Max-Planck-Gesellschaft erhob 1975 die Charakteristika der Schulpolitik in sechs europäischen Ländern. Schweden etwa stach durch „Chancengleichheit“ hervor, Österreich hingegen durch „gehässige Polarisierung in der Bildungspolitik“, erinnert sich der renommierte Erziehungswissenschafter Karl Heinz Gruber. Nach seiner Ansicht war es den „Führungseliten in Politik und Gesellschaft immer schon möglich, den Status quo für ihren Nachwuchs zu nützen“. Das Gesamtinteresse der Gesellschaft trat ­dadurch in den Hintergrund. Bis heute werden – vor allem von konservativer Seite – Vielfalt und Wahlfreiheit hochgehalten, doch „bildungsferne Schichten haben keine echte Wahl“, so Gruber.