Donnersmarck: "Wir müssen diesen Entsetzlichkeiten ins Auge blicken"

Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck

Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck

Der deutsche Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck über moderne Kunst, seine Adelsfamilie, Gaskammern im Kino und sein umstrittenes NS- und Künstlerdrama "Werk ohne Autor".

INTERVIEW: ROBERT WEIXLBAUMER

profil: In einem Ihrer Texte schreiben Sie von dem Scheinwerferlicht, das man in die Seele von Schauspielern werfen kann. Wie würden Sie sich in diesem Licht denn selbst charakterisieren?
Donnersmarck: In meiner Funktion als Regisseur bin ich hauptsächlich ein Lügendetektor. Jemand, der bei den vielen Leuten, mit denen man einen Film gemeinsam macht, prüft, ob irgendwo ein falscher Ton ist. Und der, falls das je geschehen sollte, diesen falschen Ton dann benennen und richtig einstimmen kann.

profil: Und wenn man den Scheinwerfer auf Sie persönlich richtet?
Donnersmarck: Dann können wahrscheinlich Sie mir, als jemand, der meinen neuen Film kennt, deutlich besser sagen, was man da sieht. Ich glaube, dass man sich in einem Film kompletter abbildet, als man es mit Worten tun könnte. Das ist ja auch eine These des Films: Jeder kreative Ausdruck ist eine Form der Autobiografie.

profil: Ihr Film erzählt davon, wie im Werk des Malers Gerhard Richter familiäre Episoden, Biografie und Zeitgeschichte ineinanderfließen und daraus etwas entsteht, was im Film ein Kunstkritiker mit Bezug auf Richters Bilder "ein Werk ohne Autor" nennt. Wer ist denn der Autor von "Werk ohne Autor"?
Donnersmarck: Der Film erzählt nicht die Biografie Gerhard Richters, sondern die meines fiktiven Künstlers Kurt Barnert. Richter war lediglich eine von vielen Inspirationsquellen. Ich habe das Gefühl, dass der Autor eigentlich das ganze Land ist. Ich hatte eine ungefähre Vorstellung von dem Erfahrungshorizont der Hauptfiguren Kurt Barnert und Ellie Seeband, weil sie etwa so alt sind wie meine Eltern. Es gibt ein starkes kollektives Erleben, wenn man am gleichen Ort den gleichen Systemen ausgeliefert war.

WERK OHNE AUTOR Trailer German Deutsch (2018)

profil: Ich habe gestern ein Buch von Jürgen Schreiber gelesen: "Ein Maler aus Deutschland: Gerhard Richter. Das Drama einer Familie".
Donnersmarck: Das ganze Buch? Sie sind ja wirklich tapfer. Kennen Sie Schreiber auch? Das ist ein großartiger Journalist.

profil: Ich habe mich gefragt, warum Schreiber keinen Credit in "Werk ohne Autor" hat, obwohl der Film ganz offensichtlich auf seinem Buch basiert.
Donnersmarck: Hat er natürlich. Er ist in den Rolltiteln gleich nach den Schauspielern genannt. Zusammen mit den Künstlern, die uns geholfen haben, den Film zu machen.

profil: Nicht im Presseheft zum Film.
Donnersmarck: Ich habe das Presseheft nicht ganz gelesen - wenn es stimmt, würde ich das vielleicht einfügen lassen. Schreibers Buch war für mich nämlich die Initialzündung, das erzähle ich bei jeder Gelegenheit. Warum auch nicht? Er hat mich überhaupt erst auf die Idee gebracht, eine Geschichte über Täter und Opfer innerhalb einer Familie zu erzählen. Ich hatte ein Treffen mit Jürgen Schreiber vor rund zehn Jahren, bei der Gelegenheit erzählte er davon, dass er gerade ein großes Buch über Gerhard Richter geschrieben hatte. Eine Biografie. Und dass er herausgefunden hat, dass der spätere Schwiegervater Richters ein Euthanasie-Täter war und SS-Obersturmbannführer, der dennoch nach dem Krieg freikam. Aber eben auch, dass er ein sehr bedeutender Frauenarzt und Professor war, dessen Texte sogar an der Universität gelehrt wurden. Von dessen NS-Vergangenheit wusste Gerhard Richter nichts. Ich fand die Idee faszinierend, dass der vielleicht größte Frauenarzt, ein Nazi, und der größte Maler des Landes, ein Opfer, lange unter einem Dach lebten, also bat ich Schreiber, mir sein Buch zu schicken. Das Buch war toll recherchiert, taugte aber nicht als Filmstoff. Ich habe dennoch die Rechte gekauft. Dann habe ich mir überlegt: Wie hätte eine Geschichte über Täter und Opfer unter einem Dach eigentlich aussehen müssen, um etwas Allgemeingültiges über diese drei Jahrzehnte deutscher Geschichte zu erzählen. Ich recherchierte viel über diese Epoche und ihre Künstler, traf mich mit David Hockney, Thomas Demand und vielen, vielen anderen, reimte mir eine Geschichte zusammen. Ich wollte auch hören, was Richter zu einer derart fiktiven Geschichte sagt, kontaktierte ihn - und war dann de facto einen ganzen Monat bei ihm, durfte die Gespräche mit ihm sogar aufzeichnen. Auch davon floss einiges in den Film ein.


Ich fand die Idee faszinierend, dass der vielleicht größte Frauenarzt, ein Nazi, und der größte Maler des Landes, ein Opfer, lange unter einem Dach lebten (...)

profil: Was müsste man denn über die Donnersmarcks von 1919 bis 1945 in diesem Zusammenhang wissen? Was hat das alles auch mit Ihrer Familie zu tun?
Donnersmarck: Ach. Unsere Familie kommt aus Schlesien, und das ging ja 1945 verloren, an Polen. Vertreibung und die Folgen einer extremen politischen Ideologie haben meine Eltern sehr stark gespürt. Meine Mutter kommt auch aus dem Osten, ist in Magdeburg geboren. Sie und mein Vater konnten gegen Ende des Krieges noch fliehen. Glücklicherweise gab's in unserer direkten Familie, soweit ich weiß, keine Verstrickungen mit den Nazis. Für die waren fromme Katholiken und Adelige sowieso ein Feindbild. Insofern gehörte das dann auch zum Selbstverständnis, sich antifaschistisch zu definieren.

profil: Ihre Familie ist doch sehr groß ...
Donnersmarck: Nicht größer als die anderer Menschen. Ich spreche von meiner direkten Familie. Ich bin kein Familienhistoriker, der jeden Aspekt durchleuchtet hätte. Ich spreche von meinen Eltern und Großeltern und deren Erlebnissen. Mein Großvater hatte einen landwirtschaftlichen Betrieb, wurde erst im allerletzten Moment eingezogen und hat sich dann gleich ergeben. Der andere, auf der Seite meiner Mutter, war an der Ostfront. Ich habe keine persönlichen familiengeschichtlichen Dinge in meinem Film beleuchtet. Aber was die Kriegserlebnisse bedeuten, was Bombardierung und sowjetische Okkupation bedeuten, das wusste ich schon recht genau aus den Schilderungen meiner Eltern und Großeltern.

profil: Die Donnersmarcks waren am Ende des Wilhelminischen Kaiserreichs eine der mächtigsten Familien Deutschlands. Historiker behaupten, dass sie durchaus dazu beigetragen haben, die Nazis salonfähig zu machen - etwa durch den vermögenden Guidotto Fürst von Donnersmarck ...
Donnersmarck: Das habe ich noch nie gehört. Wo hätten Sie das gefunden?

profil: Der deutsche Historiker Stephan Malinowski hat davon 2003 in seinem Buch "Vom König zum Führer" geschrieben.
Donnersmarck: Und was hat er gesagt?

profil: Guidotto Graf von Henckel Fürst von Donnersmarck (1888-1959) habe in der Zwischenkriegszeit in seiner Villa am Tegernsee prominente NS-Führer empfangen. Sein Bruder Kraft Graf Henckel von Donnersmarck (1890-1977) war Mitglied der NSDAP.
Donnersmarck: Vielleicht müsste man in Erfahrung bringen, was bei solchen Treffen gesprochen worden ist. Guidotto galt keineswegs als radikal, hat sich zum Beispiel sehr für Menschen mit Behinderung eingesetzt. Es gibt ja die Fürst-Donnersmarck-Stiftung in Berlin für Menschen mit Behinderung. Aber mein letzter gemeinsamer Ahne mit der fürstlichen, der evangelischen Linie ist 1671 gestorben -mit dieser besteht eine Freundschaft, aber praktisch keine Verwandtschaft - deshalb weiß ich über deren Geschichte nicht viel, kann Ihnen dazu also gar nichts sagen. Ich ahne aber, auch dort werden Sie sich vergeblich abmühen.

profil: Der Theatermacher René Pollesch hat nach Ihrem ersten Film, "Das Leben der Anderen", ein Stück gewidmet. Es kreist um die Frage, warum Ihnen jemand aus der Familie Donnersmarck sich für das Leben der anderen interessiert - und ob es da nicht einen blinden Fleck in Bezug auf die eigene, schlesische Familiengeschichte und die historische Rolle der Donnersmarcks gibt.
Donnersmarck: Ich habe das Stück nicht gesehen. Soweit ich weiß, war es eher dadaistisch und vertritt keine Thesen. Der Titel "Das Leben der Anderen" meinte auch nicht die Menschen in der DDR oder im Osten, sondern dass da eine Organisation, die Staatssicherheit, nicht auf sich selber schaute, sondern sich ausschließlich mit dem Leben der anderen beschäftigte.


Ich finde es hochinteressant, zu sehen, dass jemand, der Furchtbares erlebt hat, beschließt: Ich lasse mich davon nicht brechen, sondern verwende es alles in meiner Kunst.

profil: In Ihren Filmen und Texten findet sich ein sehr empathischer Kunstbegriff: die Idee, dass es durch Kunst so etwas wie eine moralische Läuterung geben könne. Eine Verwandlung des Betrachters. Sie selbst sprechen in Interviews von Negativität und Trauma, die in einem Kunstwerk aufgehoben werden könnten.
Donnersmarck: Um beim Beispiel Richter zu bleiben: Für ihn war es sicherlich traumatisch, dass seine Tante von den Nazis ermordet wurde. Aber ich finde es hochinteressant, zu sehen, dass jemand, der Furchtbares erlebt hat, beschließt: Ich lasse mich davon nicht brechen, sondern verwende es alles in meiner Kunst. Und er hat zum Beispiel daraus dieses wunderbare Bild seiner Tante gemacht, wie sie ihn als Kind hält. Der Regisseur Elia Kazan hat einmal gesagt: Künstlerisches Talent ist nur der Schorf, der sich auf den Wunden des Lebens gebildet hat. Es ist doch wirklich bedeutsam, dass aus dem Versuch, die Nazizeit - das Schrecklichste, was Deutschland je hervorgebracht hat -zu verarbeiten, zum Teil so große Kunst wie die der frühen 1960er-Jahre in Düsseldorf entstehen konnte. Wenn man sich überlegt, wie in einem kleinen Städtchen plötzlich Beuys, Uecker, Polke, Mack, Piene zu wirken beginnen -viele von ihnen hatten mehrfach Diktaturen erlebt: Das fand ich faszinierend.

profil: In Ihren Filmen wählen Sie aber einen Stil, der deutlich weniger radikal, weniger modern ist: Ihr Kino ist sehr klassizistisch, fasziniert von Hollywood.
Donnersmarck: Mein Kino ist grammatisch. Immer unter Verwendung der modernsten Techniken. Man kann schreiben wie Tolstoi, bei dem auch Word mit dem Satzbau einverstanden wäre - oder wie Elfriede Jelinek, wo der Computer explodiert. Eines ist nicht unbedingt moderner als das andere. Es gibt nur unterschiedliche Temperamente und Neigungen; und Entscheidungen darüber, was man in den Vordergrund stellen will - den eigenen Stil oder den Inhalt. Und die Filmgrammatik in Amerika, Deutschland, Frankreich und England hat sich sehr stark angeglichen. Ein befreundeter Regisseur hat Film einmal als das Esperanto der Welt bezeichnet.

profil: Man könnte sagen, Sie vertrauen der "guten, schönen Form", in der man dann auch extrem Traumatisches abbilden kann.
Donnersmarck: Ich glaube nicht, dass man Hässlichkeit braucht, um Furchtbares darzustellen. Eine Beethoven-Symphonie vermittelt Gefühle von Trauer im einen, von Glückseligkeit im nächsten Moment - aber immer durch Wohlklang. So muss für mich auch ein Kinobild nicht unbedingt hässlich sein, um etwas Hässliches auszudrücken.


Ich glaube, dass Joseph Beuys mit seinem berühmten Spruch, 'Jeder Mensch ist ein Künstler', recht hat.

profil: Sie spitzen die reale Geschichte von Richters Tante Marianne zu, fusionieren sie mit einer zweiten Geschichte aus Schreibers Buch, mit dem Schicksal einer Künstlerin, Elfriede Lohse-Wächtler, die in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet wurde. Es war jahrzehntelang ein Tabu, den Tod in einer Gaskammer in einem deutschen Film zu inszenieren.
Donnersmarck: Es ist nicht so, dass man der Tatsache, dass diese Morde an den Kranken geschehen sind, auch nur irgendetwas Schönes abgewinnen könnte. Und auch damit so etwas nie wieder geschehen kann, rufe ich es filmisch ins Gedächtnis. Wir müssen diesen Entsetzlichkeiten so ins Auge blicken, dass wir anfangen können, sie wissenschaftlich, künstlerisch zu verarbeiten. Ich spreche jetzt von Deutschland, Österreich, den Ländern, die von der NS-Diktatur betroffen waren ...

profil: ... Sie meinen die Täter.
Donnersmarck: Ich meine das ganze Land, die gesamte Nation, nicht nur die spezifischen Täter. Es ist wichtig, Problemen direkt ins Auge zu blicken. Hoffnungsschimmer gibt es immer, auch im größten Dunkel. Das sogenannte Euthanasieprogramm etwa, zumindest die große erste Welle, wurde durch massiven Protest ja schon damals gestoppt. Die Predigten Kardinal Galens haben dazu geführt, dass Pirna-Sonnenstein geschlossen werden musste. Wir haben diese Szene vom Mord an den Kranken am Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus gedreht und hatten zwei Historiker von der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein mit dabei. Wir waren vorher mit unserer ganzen Mannschaft an jenem Ort, an dem die Menschen mit Behinderungen ermordet wurden, und haben dort der Opfer gedacht. Der Versuch der Vergangenheitsbewältigung und der Aufarbeitung dieser Dinge in unseren Ländern ist etwas Großes und Wichtiges. Die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit das Euthanasieprogramm eine Art Vorlauf, auch methodisch, für die Shoah war.

profil: Ihr Film scheint mit einem Lächeln über den künstlerischen Erfolg Ihres Helden zu enden.
Donnersmarck: Das sehen Sie zu einfach. Man erfährt nicht, ob Kurt in seinem Leben auch nur ein Bild verkauft, lediglich dies: Ein Mensch hat es geschafft, unter den Traumata seines Lebens nicht zu zerbrechen, sondern ein Ventil zu finden, einen künstlerischen Ausdruck, der ihm helfen konnte. In uns allen steckt diese alchemistische Fähigkeit, aus dem Blei des Lebens das Gold der Kunst zu machen. Ich glaube, dass Joseph Beuys mit seinem berühmten Spruch, "Jeder Mensch ist ein Künstler", recht hat. Dieser kreative Prozess, diese Verwandlung von Furchtbarem in Glorreiches -dieses Potenzial steckt in uns allen. Und das Lächeln am Ende des Films hat für mich ausschließlich damit zu tun.