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Kultur
07/09/2021

Machtmissbrauchsfälle und Mobbing häufen sich an den Theatern

Nach etlichen Fällen von Machtmissbrauch und sexuellen Übergriffen an deutschen Theatern schwelt es nun auch an österreichischen Bühnen.

von Karin Cerny

Die Intendantin droht einer jungen Schauspielerin, dass ihr Vertrag nur dann verlängert werde, wenn sie einem Regisseur gefalle, der als cholerisch gilt. Ein älterer Dramaturg versucht eine Nachwuchsschauspielerin in seiner Wohnung zu küssen. Eine Frau muss eine Vergewaltigungsszene spielen; der Regisseur zeigt dem männlichen Hauptdarsteller, wie er ihr an die Brüste greifen muss, damit es möglichst brutal aussieht. Von ihr wird erwartet, dass sie stillhält. Ein Regisseur beschimpft einen Schauspieler, der nicht nackt auftreten möchte: Mit dieser Prüderie werde er nie ein richtiger Künstler sein. Einer Schauspielerin wird gesagt, sie solle „mal richtig ficken“, sonst würde sie ihre Rolle nicht verstehen.

Alltagsszenen aus dem österreichischen Theaterbetrieb. Alle genannten Beispiele haben sich auf heimischen Bühnen ereignet. Sie wurden profil von Augenzeugen und Betroffenen berichtet. Aus Angst vor Repressionen wollten diejenigen, die über erlebte Missstände berichten, nicht namentlich öffentlich werden. Ihnen ist jedoch wichtig, eine grundsätzliche Diskussion anzuregen und jene Strukturen kritisch zu thematisieren, die den von ihnen erlebten Machtmissbrauch ermöglichen und begünstigen. Warum sind die Arbeitsbedingungen an so vielen Theatern, deren Proponenten gern von sich selbst behaupten, aufklärerisch und kämpferisch gegen Ungerechtigkeiten anzutreten, nach wie vor so hierarchisch, undurchsichtig und willkürlich?

Um den Status quo an den heimischen Kulturbetrieben zu erfassen, hat der parlamentarische Kulturausschuss nun beschlossen, eine Vertrauensstelle gegen Missbrauch in den Bereichen Kunst, Kultur und Sport einzurichten. Seit Mai haben Institutionen und Kunstschaffende die Möglichkeit, ihre Erfahrungen in einer anonymen Umfrage zu kommunizieren. Der Rücklauf ist überwältigend: 450 Betroffene haben sich gemeldet; mehr als 80 Organisationen haben erläutert, wie sie institutionell gegen Grenzüberschreitungen vorgehen wollen.

"Die Beteiligung war erstaunlich groß, obwohl wir derzeit eine gewisse Müdigkeit bei Umfragen beobachten. Es ist offenbar ein Thema, das unter den Nägeln brennt", sagt Ulrike Kuner, Leiterin der IG Freie Theaterarbeit. Die angesprochenen Missstände reichen von sexueller Belästigung und Gewalt bis zu Mobbing, Altersdiskriminierung oder Benachteiligung aufgrund von Geschlecht oder Hautfarbe. Das Erschreckende an der Umfrage: Nur elf Prozent glauben daran, dass sie im Fall der Meldung eines Vorfalls keine beruflichen Nachteile in Kauf nehmen müssen. Das zeigt deutlich, warum Betroffene viel zu lange geschwiegen haben. Und wie vergiftet das Klima in zahlreichen Theatern tatsächlich ist.

"Es wird ständig behauptet, es gebe flache Hierarchien. Das Gegenteil ist der Fall"

"Alle haben Angst", erklärt die Schauspielerin Marie (Name von der Redaktion geändert, Anm.), die an einem heimischen Stadttheater engagiert war, gegenüber profil: "Gerade Nachwuchskräfte befinden sich ständig in einer Art Schleudersitz. Man hat Verträge auf zwei Jahre, und die Theaterleitung kann diese grundlos nicht verlängern."Das sieht von außen einvernehmlich aus, wirkt aber für die Betroffenen wie eine Kündigung. Man werde wie auf einem Schachbrett gegeneinander ausgespielt, was die Solidarität untereinander verhindere. "Es wird ständig behauptet, es gebe flache Hierarchien. Das Gegenteil ist der Fall: Letztendlich entscheidet die Intendanz im Alleingang, völlig willkürlich." Wohin soll man sich also wenden, wenn man sich diskriminiert fühlt oder übergriffiges Verhalten erlebt hat? Marie hat den Theaterbereich verlassen, sich auf eigene Kosten eine Psychologin gesucht.

"Betroffene können oft nur zum Betriebsrat gehen. Dann kommt aber schnell der Vorwurf, sie würden eine Polarisierung vorantreiben", betont der Psychologe und Coach Michael Schmitz, der auch im Theater bei Krisen vermittelt (siehe Interview im aktuellen profil). Diskriminierte schweigen oft, wagen nicht, ihre Rechte in Anspruch zu nehmen. Was ein marodes System weiter stützt.

Aber auch die Kulturpolitik ist viel zu lange einem veralteten Künstlerbild auf den Leim gegangen: Wer laut poltert, sei der beste Regisseur; der genialische Tyrann dürfe nicht nach gängigen Maßstäben beurteilt werden. Vermutlich sind die Zustände an den Theatern auch deshalb oft so explosiv, weil dort viel stärker (und auf der Bühne notwendigerweise) mit Emotionen hantiert wird als in anderen Bereichen. Auf Proben muss man sich öffnen, freiwillig gemeinsam über Grenzen gehen. Vor nicht allzu langer Zeit meinten Regisseure, es sei völlig legitim, Schauspieler zu "brechen", um an gute künstlerische Ergebnisse zu kommen. Der meist männliche Regisseur wurde lange als Guru hofiert. Er hat die künstlerische Vision, der Ensemble und Technik sich unterzuordnen zu haben. Dass Theater ein kollektiver Prozess ist, geht in diesem reaktionären Bild vom "starken",sich als Übervaterfigur inszenierenden Regisseur verloren. Von einer jüngeren, häufiger im Kollektiv arbeitenden Generation werden diese überkommenen Rollenbilder inzwischen aber immer stärker hinterfragt.

Claus Peymann in der Josefstadt

"Je länger ich dort arbeite, desto weiter werden meine Klamotten"

Oft steigen Regisseure auch zu Intendanten auf, ohne die nötige Qualifikation für diese Leitungsrolle mitzubringen. Es stellt sich zunehmend die Frage, ob Learning by Doing hier der richtige Weg ist oder ob es nicht eher eine Zusatzausbildung bräuchte, um ein Stadttheater mit Hunderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zeitgemäß und professionell zu führen. Die Machtmissbrauchsfälle, die gerade an Berliner Theatern diskutiert werden, zeigen, dass Politiker bei ihren Besetzungen meist nur auf künstlerisches Renommee achten. Führungsqualitäten? Egal. Auch politisch korrektes Kuratieren ist kein Indikator für soziale Fähigkeiten: Shermin Langhoff, Leiterin des Berliner Gorki Theaters, das Wert auf ein postmigrantisches, diverses, queeres Programm legt, wurde unlängst mit Mobbingvorwürfen konfrontiert. Sie soll nicht nur jähzornig auf Kritik reagieren, sondern auch mit körperlichen Übergriffen und Taktiken der Demütigung. Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer soll davon ebenso gewusst haben wie von dem offenbar sexistischen Umgang des Theatermachers Klaus Dörr mit seinen Mitarbeiterinnen. Trotzdem wurde Dörr von Lederer 2018 als interimistischer Intendant für die Berliner Volksbühne bestellt. Er könne eine Personalentscheidung nicht auf Grundlage von Gerüchten fällen, meinte der Kultursenator nach Kritik an seiner Entscheidung. An der Volksbühne eskalierte die Situation. Bei Themis, einer deutschen Vertrauensstelle gegen sexuelle Belästigung und Gewalt, reichten im November 2020 zehn Frauen Beschwerde gegen Dörr ein. Von einem vergifteten Betriebsklima war die Rede, dass der Intendant jungen Frauen auf die Brüste gestarrt haben soll, während er ältere gemobbt habe. Von zufälligen Berührungen wurde berichtet. Man habe sich wie ein Stück Fleisch gefühlt. "Ich versteckte meine Beine. Je länger ich dort arbeite, desto weiter werden meine Klamotten", beschreibt es eine Betroffene.

Strafrechtlich relevant ist davon kaum etwas, vieles im Theater spielt sich im Graubereich ab: eine SMS, die spät abends kommt, Berufliches und Privates vermischt; Arbeitstreffen in Privatwohnungen. Per se ist das nicht verwerflich, aber die Situationen, die es provoziert, lassen sich leicht ausnützen. Vor allem, weil Schauspielerinnen und Schauspieler für ihren Job oft in eine andere Stadt ziehen, in der sie kein privates Netzwerk haben. Laut Aussagen der betroffenen Frauen hat Dörr ein perfides System aus Förderung und Übergriffigkeit etabliert. Im März legte er seine Tätigkeit als Volksbühnenleiter zurück.

"No sex, no solo"

Ähnliche Vorwürfe tauchten bereits im September 2018 gegen den belgischen Choreografen Jan Fabre, 62, auf. 20 Tänzerinnen und Tänzer beschrieben in einem offenen Brief eine Arbeitsatmosphäre, die von Erniedrigung und Mobbing geprägt war. Nach dem Motto "No sex, no solo" soll Fabre Mitarbeiterinnen zu sexuell grenzwertigen Fotoshootings gezwungen haben. Der Fall sorgte international für Aufsehen, in Belgien wurde eine offizielle Untersuchung eingeleitet. Um den viel gebuchten Fabre wurde es die letzten Jahre ruhig. Beim Sommerfestival ImPuls-Tanz läuft nun die österreichische Erstaufführung von "Resurrexit Cassandra".

"Die Entscheidung, Jan Fabre einzuladen, war kein einfache", gibt ImPulsTanz-Leiter Karl Regensburger auf profil-Anfrage zu: "Für mich ist er ein bedeutender Künstler, der unser Festival bereits seit 1996 intensiv begleitet. Überzeugt hat mich schlussendlich dieses wirklich wunderbare Stück: Es ist ein Aufruf, die Zeichen richtig zu deuten, die Zuspitzung der Klimakrise etwa und wie wir Menschen unseren Planeten gegen die Wand fahren."Ilse Ghekiere, eine belgische Tänzerin, die eine Forschungsarbeit über Sexismus im Tanz geschrieben hat, sieht das kritischer: "Für die Betroffenen ist es extrem frustrierend: Die Untersuchungen über Fabre sind noch immer nicht abgeschlossen. Wie langsam kann ein System arbeiten?" Zumindest diesbezüglich gibt es gerade Bewegung: Ab September muss sich der Künstler, der die Vorwürfe gegen sich stets zurückgewiesen hat, nun doch vor Gericht verantworten.

#MeToo hat Bewegung in die verkrusteten Theaterstrukturen gebracht. "Es ist auch eine Generationenfrage", sagt die Leiterin der IG Freie Theaterarbeit, Ulrike Kuner: "Früher hat man das einfach hingenommen - oder den Job gewechselt. Junge Kunstschaffende dagegen lassen sich nicht mehr alles gefallen."

Als Claus Peymann in den 1990er-Jahren das Burgtheater revolutionierte, eilte ihm der Ruf voraus, ein Theatertyrann zu sein. Um mit dem gigantischen Ego des gefeierten Theatermachers umzugehen, erzählte man am Haus Anekdoten über ihn. Gemeinsam über den cholerischen Chef zu lachen, half, zu überleben. Als Praktikantin erlebte die Autorin dieses Artikels, welche Angst damals am Burgtheater herrschte - auch bei alltäglichen Kleinigkeiten. Wer muss zum Chef gehen, um ihm die Programmfahnen zu zeigen? Es wurde gelost, denn stets war mit einem Wutausbruch zu rechnen. Beim Einstellungsgespräch sagte Peymann zu mir, dass es, wenn man am Theater arbeite, so sei, als träte man in ein Kloster ein. Man müsse alles andere hinter sich lassen. Die Bühne als Sekte mit einem größenwahnsinnigen Chef? Heute würde ich gegen diesen veralteten Theaterbegriff ankämpfen. Damals wechselte ich lieber in den Journalismus.

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