Neuer Roman von Paul Auster: Ein gescheitertes Erzählexperiment

Paul Auster

Paul Auster

Paul Austers jüngster Roman "4 3 2 1" erzählt auf exakt 1259 Seiten vom Amerika der 1960er-Jahre. Eine Bestandsaufnahme in 1259 Wörtern.

Hunderte Seiten Prosa liegen manchmal in einem Witz begründet. In einem Kalauer, der sich zu einer Parabel über den Zauber des Zufalls, die Schicksalsschwere und Rätselhaftigkeit der menschlichen Existenz aufzubäumen sucht. Und so geht der Witz: Der junge Russe Isaac Reznikoff stellt sich 1900 auf Ellis Island in die Warteschlange für Einwanderung und kommt mit einem anderen Russen ins Gespräch. Mit seinem für amerikanische Ohren nach Atemwegserkrankung klingenden Namen, so der Landsmann, komme Reznikoff nicht weit. "Sag ihnen, du heißt Rockefeller. Damit kannst du nichts falsch machen." Als Reznikoff vor dem Einwanderungsbeamten steht und nach seinem Namen gefragt wird, platzt er auf Jiddisch heraus: "Ich hob fargessen!" Reznikoff beginnt sein zweites Leben in Amerika als Ichabod Ferguson.

"4 3 2 1", der neue Roman von Paul Auster, 69, berichtet von Archibald Isaac Ferguson, geboren am 3. März 1947, ein Verwandter jenes Auswanderers; das Buch begleitet Archibald durch Kindheit, Jugend und frühes Erwachsensein bis Ende der 1960er-Jahre. "4 3 2 1" ist der mit Abstand umfangreichste und ambitionierteste Roman des New Yorker Bestsellerautors. Wie Isaac auf Ellis Island gewissermaßen in drei Männer zerrissen wird - Reznikoff, Rockefeller, Ferguson -, so spaltet Auster seinen Helden in vier Ferguson-Figuren, worunter sich auch der eigentliche "4 3 2 1"-Erzähler findet: F1, F2, F3, F4.

Episch geblähter Roman

Was wäre, wenn. Wo würde. Wie könnte. In Neonbuchstaben leuchten die Möglichkeiten des Konjunktivs gleichsam über diesem Roman, der Fergusons Lebensweg in Variationen erzählt. Was sich wie ein kühnes Experiment in Storytelling ausnimmt, kippt allerdings in die Travestie eines episch geblähten Romans mit vier nahezu voneinander separierten Erzählsträngen, die Fergusons Werdegänge in einer Vorstellung allzu einfacher Dialektik entwickeln: Glückskind und Pechvogel; Neureichen-Spross und Scheidungsopfer; Princeton-Schlauberger und Uni-Verweigerer; Halbwaise und Nesthäkchen; Frauenfreund und Homosexueller; Sportskanone und Stubenhocker; Grübler und Macher; Beziehungsgeschädigter und Siebter-Liebeshimmel-Anrainer; Querulant und Opportunist; Ein-Mann-Show und Statist; New-York-Stadtmaus und Vorstadt-Landmaus. Allen vier Fergusons ist lediglich gemein, dass sie ihr Glück im Schreiben suchen -als Journalist, Übersetzer, Romancier oder Prosa-Avantgardist. Fergusons Wandlungszwang begründet Auster mit erlesener Simplizität: "Ein Schmetterling fängt sein Leben als Raupe an, als hässlicher, kriechender Erdwurm, und eines Tages baut sich die Raupe einen Kokon, und nach einer bestimmten Zeit öffnet sich der Kokon, und heraus kommt der Schmetterling, das schönste Lebewesen der Welt."

In "4 3 2 1" mischt der Autor die bewährten Zutaten seines Schreibens, das seit 30 Jahren von einem präzisen Realismus bestimmt ist, der jede Psychologisierung meidet und zugleich das abgedroschene Spiel von Fiktion und Wirklichkeit vorantreibt. New-York-Obsession, Kino-und Literatur-Passion, Raunen über Zufall als Schicksalsmacht, dazu Anklänge von Autobiografischem und der obligatorische Buch-im-Buch-im-Buch-Zirkelschluss grundieren auch "4 3 2 1": Gegen Ende des Romans setzt sich der Protagonist an den Schreibtisch und beginnt die 1259 Seiten von "4 3 2 1" zu schreiben, ein Buch, das jeden dramaturgischen Rahmen sprengt. Zahllose Namen von Fergusons Mitschülern, Geliebten und Arbeitskollegen listet Auster wie in einem Telefonbuch auf, bevor diese sogleich wieder im Prosa-Strudel versinken, gefühlt müssen es Hunderte sein. Beim Tanz wird nicht nur Ferguson schwindlig: "Susie warf sich dem eben erwähnten Mark Connelly in die Arme, der Gloria Dolan an einen Jungen namens Rick Bassini verloren hatte, während Ferguson sich jetzt nach der zunehmend attraktiven Peggy Goldstein verzehrte, die vor einiger Zeit mit Howard Schluss gemacht hatte." Auf Seite 330 wird ein Schriftsteller namens Phil Costanza erwähnt, der mit einem von Fergusons Verwandten irgendwelche Projekte plant; auf Seite 1105, bei seinem zweiten Kurzauftritt, erleidet Costanza einen Schlaganfall. Auf Seite 1166 gibt sich der Erzähler erstmals generös und erlaubt zwei Frauen, "namenlos" zu bleiben.

Das Leben der vier Fergusons wird von Austers Regime des prosaischen Protokollierens bleischwer überlagert: Jeder Restaurantbesuch plus Speisefolge -Zwiebelbrötchen und Räucherfisch, Erdbeeren mit Obers zum Dessert -wird verzeichnet, jeder Gang durch die Stadt akkurat fixiert; Auster schreibt gleichermaßen mit Stoppuhr und Rechenschieber: Das Schweigen am Telefon dauert genau 20 Sekunden lang, zehn Minuten der Fußweg zum Bahnhof, 25 Minuten das Gespräch in der Galerie, die Monatsmiete beläuft sich auf 77 Dollar und 50 Cent; 53 Zigaretten raucht Ferguson, 746 Mal sinniert er über seine finanzielle Situation nach, 21 Artikel schreibt er für eine Zeitung, sieben Achtel Benzin und ein Achtel Öl schluckt sein alter Saab, und "27 Speere" verspürt er, als ihn Bauchgrummeln quält. Folgerichtig mündet der Roman in ein Crescendo der Quantität: "1969 war das Jahr der sieben Rätsel, der acht Bomben, der 14 Ablehnungen, der zwei gebrochenen Knochen, der Zahl 263, und des einen, lebensrettenden Witzes."

Auster bleibt in "4 3 2 1" der Gefangene seines eigenen Rufs. Im Säureband des Hyperrealismus opfert er jeden Anflug grüblerischer Introspektion, was sich in einem Buch, das sich dem Stürmen und Drängen der Adoleszenz verschreibt, einigermaßen kontraproduktiv auswirkt. Das Innenleben steht Kopf, seinen Ferguson schickt Auster als mechanische Marionette auf Tour. "Wie kompliziert das alles war", ächzt Erzähler F.

Übermaß an Handlung

Das Übermaß an Handlung auf Kosten innehaltender Reflexion erzeugt nicht zufällig reichlich konstruierte Szenen, die unfreiwillig komisch wirken. Um sich Geld für seine Prostituiertenbesuche zu beschaffen, klaut Ferguson ausgerechnet Bücher - in Zeiten einer "Buchdiebstahlepidemie", die viele New Yorker Buchhändler in den Ruin treibt. Ferguson wird erwischt -und vom Richter als einschüchterndes Exempel zu Sozialarbeit verdonnert; sein Salär muss er der amerikanischen Buchhändler-Vereinigung spenden. Dann wieder platzt Ferguson unangemeldet in die Wohnung seines Großvaters, in der dieser mit kleiner Crew einen Porno dreht. Ferguson, stets klamm, erhält vom Porno-Opa 10.000 Dollar Schweigegeld.

Der Roman laboriert an dem inneren Widerspruch, die vielen Möglichkeiten eines Lebens aufzeigen zu wollen, indem er die graue Alltagsrealität in Form eines klirrenden Schematismus ins Visier nimmt. Dem verzwickten Verhältnis von Literatur und Leben, dem Auster seit Jahrzehnten auf der Spur ist, wird wenig Erhellendes hinzugefügt. Spät reift in dem Erzähler Ferguson auf Seite 1027 die Erkenntnis, dass er viele Identitäten hat, "ein starkes und ein schwaches Ich, ein nachdenkliches und ein impulsives, ein großzügiges und ein egoistisches, so viele unterschiedliche Ichs, dass er am Ende so groß wie jedermann oder so klein wie niemand war". Der Indikativ schlägt alle Konjunktive. Wirklichkeitssinn statt Möglichkeitssinn.

Das Fernsehen tritt in "4 3 2 1" seinen Siegeszug an, Kühlschränke und Waschmaschinen kommen in Mode, das Auto wird zum Statussymbol. Musterschülerhaft staffiert Auster die Erzählung mit historischen Wiedererkennungszeichen aus, die den spröden Charme eines Wikipedia-Artikels über die 1950er-und 1960er-Jahre entfalten. Die Namen Kennedy, Martin Luther King, Marilyn Monroe, Humphrey Bogart, Charles Manson geistern durch "4 3 2 1", allerdings nur als Chiffren einer untergegangenen Epoche, die bereits die vier Fergusons seltsam unbeteiligt lassen. Koreakrieg und Kubakrise, Mondlandung und Eichmann-Prozess werden als Fußnoten eingefügt und fallen als fahle Gegenwartsschatten auf Fergusons Dasein. Für das historische Pandämonium sozialer Kontroversen und globaler Konflikte, für die Umbruchzeit der 1960er-Jahre, in die Auster seinen Protagonisten entlässt, etabliert der Autor das Bild von den konzentrischen Kreisen. Der äußerste Kreis? Der Krieg in Vietnam. Das Amerika der Rassenunruhen, das New-Yorker-Metropolenleben, Fergusons Studium an der Columbia Universität? Die kleineren Kreise, deren Zentrum, so Auster, Fergusons Wesenskern bilde. Das derart imaginierte Gebilde, wird Auster nicht müde zu betonen, verschmelze zu einer einzigen schwarzen Scheibe. Zu einem, um in diesem Bild zu bleiben, Stück Vinyl, das nach Monotonie und Manieriertheit tönt und sich als fader Aufguss einer rasanten Epoche liest.

Gustave Flaubert, einer von Austers literarischen Säulenheiligen, bemerkte einst, die Poesie sei, ähnlich wie die Geometrie, eine exakte Wissenschaft. Flaubert mühte sich im Zeichen der Genauigkeit an der Übertragung von Realität in Literatur. Auster jazzt seine ausufernde Ferguson-Story zur schlichten Gleichung mit wenig überzeugendem Ergebnis hoch: F1+F2+F3+F4 ="4 3 2 1". Die Welt, staunt der Autor als Additionskünstler, bestehe aus Geschichten. Und zwar aus so vielen, dass, würde man sie zwischen Buchdeckel pressen, ein Band von 900 Millionen Seiten entstünde. 1259 reichen allemal.