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machtschlau
07/01/2022

Corona-Impfung: Vierter Stich jetzt oder im Herbst?

Wir befinden uns mitten in einer Sommerwelle. Die Virologin Dorthee von Laer erklärt, was jetzt zu tun ist.

von Franziska Dzugan

Wien ist anders, besonders in der Corona-Pandemie. Nun bittet die Hauptstadt alle zur Auffrischung, deren dritte Impfung bereits sechs Monate zurück liegt. In den anderen Bundesländern gilt hingegen nach wie vor die Empfehlung des Nationalen Impfgremiums (NIG): Eine vierte Impfung für Risikopatienten und alle über 80, allenfalls auch für über 65-Jährige.

Den Wienern folgen oder warten?

Ist es nun ratsam, sich als jüngerer, gesunder Mensch noch vor dem Herbst impfen zu lassen – zumal erst dann die auf Omikron zugeschnittenen Vakzine erhältlich sein werden? „Das ist eine sehr individuelle Entscheidung“, sagt Dorothee von Laer von der Medizinischen Universität Innsbruck. Sie selbst sei völlig gesund, halte sich mit sozialen Kontakten zurück und warte deshalb auf den neuen Impfstoff im Herbst. Der Wiener Infektiologe Christoph Wenisch hat sich hingegen schon jetzt für den vierten Stich entschieden, wie er dem ORF sagte: „Ich hab’ jetzt einen Ironman vor mir, ich mag jetzt nicht krank werden.“ Können jene, die sich jetzt auffrischen lassen, den Omikron-Impfstoff im Herbst trotzdem bekommen? Ja, sagt Dorothee von Laer. Allerdings sei ein Abstand von drei bis vier Monaten anzuraten.

Was sollten Genesene tun?

Den besten Schutz bietet die sogenannte Hybrid-Immunität: Also die Kombination aus Dreifach-Impfung und einer Infektion. Wer sich bereits mit Omikron angesteckt hat, kann mit dem Auffrischen also getrost auf den Herbst warten. Dabei ist es egal, ob man mit den Subvarianten BA.1, BA.2, BA.4 oder BA.5 infiziert war. Was aber, wenn die Infektion schon weiter zurückliegt? Ein gewisser Schutz besteht trotzdem, aber: „Im Zweifelsfall sollte man sich lieber impfen lassen – oder einen Antikörpertest machen“, sagt von Laer. Wessen Werte über 1000 BAU (die Abkürzung steht für Binding Antibody Unit) liegen, kann die aktuelle Welle ebenfalls entspannt aussitzen.

Hilft der vierte Stich gegen die Ansteckung?

Ja, zu etwa 50 Prozent. Das heißt: Wer sich jetzt mit dem auf den Wildtyp abzielende Impfstoff boostern lässt, hat ein um die Hälfte geringeres Risiko als ein Ungeimpfter, sich zu infizieren oder das Virus an andere weiterzugeben. Vor einem schweren Verlauf schützt aber auch die Dreifach-Impfung.

Was können die neuen Impfstoffe?

Der erste auf Omikron zugeschnittene Impfstoff des Herstellers Moderna schnitt in den ersten klinischen Studien gut ab. Er zielt sowohl auf den Wildtyp des Coronavirus als auch auf die erste Omikron-Subvariante BA.1. Trotzdem bildeten die Studienteilnehmer auch eine Immunantwort auf die aktuell kursierenden Subvarianten BA.4 und BA.5. Auch das deutsche Unternehmen Biontech stellte kürzlich zwei adaptierte Impfstoffe vor, einer wirkt ausschließlich gegen Omikron, der zweite auch gegen den Wildtyp. Ersterer schnitt bei der Bildung von Antikörpern etwas besser ab. Dennoch empfahl die US-Arzneimittelbehörde FDA, auf bivalente Vakzine zu setzen, die gegen beide Varianten wirken. Ob sich die europäische Arzneimittelbehörde EMA dem anschließt, bleibt abzuwarten. Sie prüft derzeit die Zulassung des Boosters von Moderna. Läuft alles wie geplant, dürfte dieser ab September verfügbar sein.

Was, wenn im Herbst eine völlig neue Variante auftaucht?

Das Virus entwickelt sich stetig weiter, und wird im Rennen um die Anpassung der Impfstoffe die Nase immer vorne haben. Sollten bis zum Winter neue Subvarianten von Omikron auftauchen, zum Beispiel BA.6 oder BA.7, würden diese trotzdem mit dem auf BA.1 zugeschnittenen Impfstoff in Schach zu halten sein. Ist aber ein Nachfolger von Omikron in Sicht? „Nein. Ich halte die Wahrscheinlichkeit einer neuen, gefährlicheren Variante für extrem gering“, sagt Virologin von Laer. Dafür gebe es zwei Gründe: In den vergangenen Pandemiejahren dominierte die im Sommer zirkulierende Virusvariante auch den Herbst, und bisher wurde trotz weltweiten Monitorings kein Omikron-Nachfolger mit Durchsetzungspotential entdeckt. Zudem besteht die menschliche Immunantwort nicht allein aus Antikörpern, die das Virus durch seine neuen Ausprägungen zunehmend umgehen kann. Die sogenannten T-Zellen verhindern einen schweren Krankheitsverlauf – und ihnen können weder das Ursprungsvirus noch seine Varianten entkommen. „Das wird auch so bleiben“, sagt von Laer.