Grauzone: Senioren als Wählergruppe immer unberechenbarer

Grauzone: Senioren als Wählergruppe immer unberechenbarer

Pensionisten waren früher verlässliche Kernwähler. Heute sind sie tief verunsichert. Das macht diese enorm wichtige Wählergruppe immer unberechenbarer.

"Hofer wählen!“ Christa Reichmann entdeckte den Slogan nicht sofort. Er klebte vorne an ihrem Rollator. Jemand hatte ihn aus einer Zeitung ausgeschnitten und damit ihr Van-der-Bellen-Pickerl überklebt. Menschen, die den Wirtschaftsprofessor in der Hofburg sehen wollen, seien in ihrem Seniorenwohnheim eine Rarität, sagt Reichmann: "Ich habe den Eindruck, da wählen 90 Prozent Hofer.“

Zwei Millionen Menschen in Österreich haben die 60 überschritten. Etwa ein Viertel der Wähler sind in Pension. Sie erfüllen an den Wahlsonntagen verlässlich ihre staatsbürgerliche Pflicht. Und sie bilden eine treue Klientel. "Ältere wählen überdurchschnittlich SPÖ und ÖVP“, sagt Eva Zeglovits vom Meinungsforschungsinstitut Ifes. So war das zumindest bisher, in der Welt von gestern.


Viele werden zur Wahl gehen, aber sie werden niemanden ankreuzen. (Ingrid Korosec)

Und was kommt jetzt? "Vielen fehlt ein Kandidat“, sagt Karl Blecha, Präsident sowohl des Seniorenrates als auch des SPÖ-Pensionistenverbands. Sie seien zum zweiten Mal "gezwungen“, jemanden zu wählen, der nicht aus ihrer politischen Welt kommt. Bei der vergangenen Stichwahl gaben 51 Prozent der über 60-Jährigen Alexander Van der Bellen ihre Stimme, 49 Prozent wollten Norbert Hofer als Bundespräsidenten sehen. Wie werden sich die Pensionisten am 4. Dezember entscheiden? "Viele werden hingehen, weil sie es für ein Sakrileg halten, auf ein hart erkämpftes Recht zu verzichten, aber sie werden niemanden ankreuzen“, glaubt Ingrid Korosec, die Chefin der ÖVP-Senioren.

Traude Eripek öffnet die Tür mit Schwung, stellt ihre Tasche ab und ist schon mittendrin in der vielleicht wichtigsten Wählergruppe des Landes. 600.000 über 60-Jährige sammeln sich in großen parteinahen Organisationen. Eripek war SPÖ-Bürgermeisterin der niederösterreichischen Umlandgemeinde Purkersdorf, als die Partei Karl Schlögl als Innenminister nach Wien rief. Nun ist Schlögl wieder Bürgermeister; und sie kümmert sich um die 450 Pensionisten im Bezirk. Vergangenen Mittwoch zieht sie im direkt über der örtlichen Raika-Filiale gelegenen Vereinssaal von Tisch zu Tisch, schüttelt Hände und küsst Wangen. 60 bis 70 Mitglieder des Pensionistenverbandes versammeln sich hier jede Woche.


Jeder kennt jemanden, der keine Arbeit findet. Wie soll das mit den vielen Flüchtlingen im Land weitergehen? (Peter Hecht)

Die Tische sind mit Herbstlaubservietten, Blumengestecken und Soletti dekoriert. Es gibt Nusstorte und Apfelstrudel, Kaffee, weiße Spritzer und Bier. Zwei Herren haben sich beim Fenster niedergelassen. Sie tragen das goldene Ehrenzeichen für Verdienste um den Pensionistenverband. Peter Hecht, 77, Tischlermeister in Pension, war einige Jahre lang im Vorstand. Auf dem Tisch liegen Alben mit Fotos von Muttertagsfeiern, Seniorenreisen, Operettenabenden, Ganslessen, Ausflügen mit dem Schiff. Franz Stanek, seit 26 Jahren "schon in allen möglichen Funktionen“ beim Pensionistenverband dabei, war Werkstättenleiter bei einem Türen-und Fensterhersteller. Er ist 87, und noch gehen ihm die Amterl nicht aus: Er misst den Blutdruck, spielt einmal im Jahr den Nikolaus und fertigt zu Ostern famose Nesterl. Stanek wählte zum ersten Mal in seinem Leben ungültig, so geärgert habe er sich darüber, dass SPÖ und ÖVP keinen gemeinsamen Kandidaten aufstellten. Sein Tischgenosse sagt: "Jeder kennt jemanden, der keine Arbeit findet. Wie soll das mit den vielen Flüchtlingen im Land weitergehen?“

Bürgermeister Karl Schlögl hält eine Rede. 42 Flüchtlinge hat die Stadt untergebracht. "Es gibt keine Probleme“, sagt er. Purkersdorf soll auf 10.000 Einwohner wachsen, 285 fehlen noch. Dann erhalte die Stadt pro Kopf statt 600 Euro fast 750 Euro. "Das sind um 1,5 Millionen Euro mehr. Was das bei einem Budget von 25 Millionen Euro bedeutet, wisst ihr.“ An einem der Tische sitzt die gelernte Sozialarbeiterin und frühere Stadträtin Christine Mandl. Sie kümmert sich um junge Asylwerber. "Es ist noch nie etwas vorgefallen“, sagt sie. Doch seit der Silvesternacht von Köln sei über das Thema kaum noch vernünftig zu reden. Man lese Gratisblätter, die Regierung sei bei den meisten unten durch. Ein ehemaliger Karosseriespengler im karierten Hemd, nach eigenen Angaben ein "eingefleischter Roter“, sagt, er habe beim ersten Wahlgang sein Kreuz bei Irmgard Griss gemacht. Sie sei unabhängig. Anderen Politikern gehe es nur um ihr eigenes Fortkommen. Allen? "Ja, allen!“

Die Klagen wiederholen sich an vielen Tischen. In der Regierung werde zu viel gestritten, gespart werde überall, nur nicht bei Politikern und Flüchtlingen. Eine sorgfältig geschminkte Dame sagt: "Meine Mutter hatte 1945 drei Kinder, mein Vater ist im Krieg gefallen. Wir sind trotzdem nicht davongelaufen. Warum bleiben sie nicht zu Hause und bauen ihr Land wieder auf?“ Beim Thema Burka geraten ihre Freundinnen in Rage: "Dahinter kann sich jeder verstecken, auch ein Terrorist.“ - "Hat jemals eine Lehrerin österreichischen Kindern umsonst Nachhilfe gegeben?“ Eine Mindestpensionistin sagt, sie habe im Abstand von elf Jahren zwei Kinder geboren. Im Alter fehlten ihr die Jahre, in denen sie nicht arbeitete. Es raubt ihr fast den Atem, dass der ehemalige FPÖ- und BZÖ-Minister Hubert Gorbach 11.000 Euro Pension haben will. Im Monat. Nur wenige Politiker finden Anklang: Außenminister Sebastian Kurz, Verteidigungsminister Hans-Peter Doskozil, der burgenländische Landeshauptmann Hans Niessl.


Gerade Ältere klagen, dass die Zeit unmenschlicher, schneller und rücksichtsloser wird, Traditionen verloren gehen, Bedächtigkeit und Erfahrung entwertet werden. (Bernhard Heinzlmaier)

Seit Langem warnt der deutsche Soziologe Wilhelm Heitmeyer davor, bei Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Abwertung von Randgruppen nur auf die Jungen zu schauen: "Die Gruppe der ab 66-Jährigen liegt in unseren Untersuchungen in fast allen Bereichen vorne.“ Die Wiener Forscherin Hilde Weiss hat für profil heimische Erhebungen nach Altersgruppen ausgewertet und kommt zu einem ähnlichen, wenn auch weniger klaren Befund. Besonders stark würden von älteren Menschen Arbeitslose, Asylwerber und Muslime abgelehnt.

Die Gehässigkeit kommt nicht einfach mit dem Alter. Sie entsteht, wo Menschen sich missachtet und an den Rand gedrängt fühlen. Das klingt paradox, wenn man weiß, dass die heutigen Pensionisten, verglichen mit den 1970er-Jahren, gut dastehen. Sie sind gesünder und besser abgesichert, vor allem die Frauen. Die steigende Lebenserwartung führt jedoch zu sinkenden Einkommen, sagt Franz Kolland, Altersforscher an der Universität Wien: "Gleichzeitig steigen die Ausgaben für Hilfsmittel. Da kommt es trotz Pflegegeld zu Engpässen.“ Ein Drittel könne sich weder Weiterbildung noch das Reisen leisten.

"Soziale Isolation, die Beschleunigung des Lebens, finanzielle Verknappung, ein öffentlicher Raum, der auf Schwächere keine Rücksicht nimmt, fehlende soziale Anerkennung: All das löst diffuse Unsicherheitsgefühle aus, die nicht ausgedrückt werden können und an etwas anderem festgemacht werden“, sagt Kolland. Man verhärtet, zieht sich zurück, grollt Ausländern, denkt rückwärtsgewandt und materialistisch. Das kann eine Weile gutgehen. Aber wenn es - etwa durch die Flüchtlingsbewegung des Vorjahres - zu Konflikten kommt, wirken diese Effekte doppelt. Von geistigen Umschulungen hält der Soziologe nichts. Gefragt seien Verständnis und Entgegenkommen: "Eine altersfreundliche Gesellschaft ist auch weniger rassistisch.“

Der Befund deckt sich mit einer neuen Generationenstudie des Jugendforschers Bernhard Heinzlmaier. Die Ergebnisse wurden bisher nicht veröffentlicht und zeigen, wie sehr die digitale Disruptionskultur alle Milieus stresst, die sich nicht zu den Profiteuren, sondern zu den Verlierern zählen. "Gerade Ältere klagen, dass die Zeit unmenschlicher, schneller und rücksichtsloser wird, Traditionen verloren gehen, Bedächtigkeit und Erfahrung entwertet werden.“


Der Glaube, dass wir an der Spitze stehen und es von hier aus kein Weiterkommen gibt, festigt sich. (Reinhard Raml)

Ressentiments sprießen quer durch Milieus mit niedriger und mittlerer Bildung. "Wer selbst das Gefühl hat, nicht zu genügen, will Zuwanderer nicht haben, hat wenig Verständnis für political correctness, findet Donald Trump super und wählt die FPÖ“, fasst Heinzlmaier zusammen: "Die Wutbürger werden gerade erzeugt.“ Unter den 55- und 65-Jährigen kann sich nur jeder fünfte Befragte (19 Prozent) vorstellen, in ein Pflegeheim zu gehen. Doch laste auf Alten der moralische Druck, ihre Wohnungen für Jüngere zu räumen. Dass sie sich beim Anblick großer Flüchtlingsfamilien innerlich verhärten, darf man unsympathisch finden, ist psychologisch aber nachvollziehbar.

Frauen und Ältere sind stärker verunsichert als Männer und Junge. Dieser Langzeitbefund ist laut Ifes-Geschäftsführer Reinhard Raml angesichts von Wirtschaftskrise und Rekordarbeitslosigkeit überholt. "Der Glaube, dass wir an der Spitze stehen und es von hier aus kein Weiterkommen gibt, festigt sich“, so Raml. Während Jüngere knapp 50 Prozent der Flüchtlinge unterstellen, es sich im Sozialsystem bequem zu machen, glauben Ältere das von 57 Prozent.

Christa Reichmann lebt am Loquaiplatz in einem von 30 Pensionistenwohnhäusern Wiens. Sie sitzt im Aufenthaltsraum im Erdgeschoss, vier Bewohner schließen sich der Runde an. Im Foyer verkauft eine Bäuerin selbstgemachte Kekse und Speck. Es geht in den Gesprächen der Senioren viel um die Beschwerlichkeit des Daseins. "Wir sind Staatsbürger“, sagt eine fast 90-Jährige, die ihr Leben lang noch keiner Wahl ferngeblieben ist. Zwölf Schrauben halten ihre Wirbelsäule zusammen. Ein halbes Jahrhundert lang wohnte sie in der Nebengasse. Sie sei nicht "aus Jux und Toleranz“ in ein Pensionistenheim gezogen.

Welchem Politiker trauen Männer und Frauen jenseits der 60 noch zu, etwas von ihrem Leben zu verstehen? "Niemandem!“, sagt einer. "Kaiser Franz Joseph“, ein anderer. "Alles Gauner, die nur packeln.“ Wer in einem Wohnhaus für Senioren lebt, behält 20 Prozent von der Pension. 124 Euro bleiben Mindestpensionisten im Monat. Die Inhaber eines alten Vertrags kommen auf 460 Euro. Jede Veränderung bringt Verengung. Statt Geld gebe es Sachleistungen. "Care Paket“, nennt Christa Reichmann es bitter. Darin enthalten: neun Mal acht Rollen Klopapier für das ganze Jahr. "Man kommt sich wie ein Bittsteller vor“, sagt ein ehemaliger Industrieverkäufer. Politik ist für ihn tabu, seit sein Vater 1943 von der Gestapo abgeholt wurde, weil seine kommunistische Gruppe verraten worden war.


Großzügigkeit muss man sich leisten können. (Birgit Meinhard-Schiebel)

Jeder Handgriff, den man selbst nicht mehr machen kann, kostet extra: Fußpflege 19 Euro, Blutdruckmessen fünf Euro, Anziehen sieben Euro. "Wenn ich mir jeden Tag die Augen eintropfen und beim Anziehen von Stützstrümpfen helfen lassen muss, sind meine 290 Euro Pflegegeld schon weg“, sagt Christa Reichmann. In der Zeitung lese man, dass der Fonds Soziales Wien, derselbe, der für die Wohnhäuser der Pensionisten zuständig ist, einige Millionen für die Versorgung von Asylwerbern erhält. Man verstehe, dass sie Fahrscheine brauchen. Gleichzeitig werde es den Pensionisten nicht mehr erlaubt, den Fahrtendienst zu bestellen, wenn sie ins Kino wollen. "Man hat gearbeitet, das Land aufgebaut. Jetzt sind die Asylanten besser dran als wir. Da beginnt der Volksaufstand“, sagt einer. Sein Sitznachbar ist 36 Jahre lang mit dem Taxi gefahren. Die Grünen seien "unwählbar“: "Man kann Autofahrern doch nicht alles verbieten und Radler auf Gehsteigen herumfahren lassen.“

Birgit Meinhard-Schiebel kümmert sich bei den Grünen um die Senioren. "Großzügigkeit muss man sich leisten können“, sagt sie. "Die Angst, zu verarmen, abhängig zu werden und nichts weitergeben zu können, hat eine radikalisierende Wirkung.“ Vergangenen Montag trifft sich im Bildungshaus der Grünen in Wien eine Runde Pensionisten. Eine Frau mit grauen, kurzen Haaren hat Elisabeth Wehlings Buch über politisches Framing durchgearbeitet und trägt ihre Erkenntnisse vor. Auf dem Tisch liegen Van-der-Bellen-Werbesackerl mit Sportgummi und TTIP-Flugblätter, kein Handy. Wie sollen wir antworten, wenn der FPÖ-Chef einen Bürgerkrieg an die Wand malt, fragt eine Teilnehmerin. Bald geht es auch hier um Flüchtlinge. Man sollte sie "Schutzsuchende“ nennen, schlägt die Vortragende vor: "Das drückt aus, was die Leute wirklich brauchen.“ Christa Reichmann sitzt mit skeptischem Gesichtsausdruck daneben. Sie ist als Kind einer Arbeiterfamilie aufgewachsen. Vielleicht denkt sie an ihre Mitbewohnerinnen im Seniorenwohnheim. Eine elegante Dame mit Hündchen glaubt, Trump werde in einem halben Jahr aufgeben. Niemand will sich ihrer Einschätzung anschließen.