100 Jahre Erster Weltkrieg: Der Tanz auf dem Vulkan

100 Jahre Erster Weltkrieg: Der Tanz auf dem Vulkan

Österreich vor genau 100 Jahren: Bis zum Jahrestag des Kriegsausbruchs am 28. Juli stellt profil in der Serie „Der Countdown zum Krieg“ anhand von Zeitdokumenten dar, wie ahnungslos und unvorbereitet eine Gesellschaft in die Katastrophe schlitterte.

Faschingsumzüge sind in Wien sehr beliebt. Bei jenem in Gersthof stehen 150.000 Menschen im Spalier, als die Narren – geordnet nach Themengruppen – die Herbeckstraße entlangziehen. Die Obrigkeit hat ein Auge auf das bunte Treiben. Die Gruppe „Die neuen Steuern“ wurde ebenso untersagt wie jene mit dem Namen „Veteranenfreud und -leid“. In Ober St.Veit im Bezirk Wien-Hietzing säumen 60.000 Zuschauer die Straßen. Den größten Applaus bekommt die Gruppe „Die Polizeihunde Lux und Leni als Verlobte“.

Bei den nobleren Veranstaltungen in den Salons bedient man sich eines Catering-Services. Die Delikatessen werden von den Hoflieferanten Sacher, Sluka, Gerstner und Heiner beigestellt – alles Firmen, die auch 100 Jahre später noch bestehen.

Der Fasching fordert auch Opfer. Im Kasino Zögernitz in Wien-Döbling bricht der 50-jährige Amtsdiener Vinzenz Hantschel „plötzlich bewusstlos zusammen und war nach wenigen Minuten eine Leiche“, so die „Neue Zeitung“ tags darauf.

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In Wien verhandeln Banken mit einem französischen Konsortium über die mögliche Finanzierung einer Untergrundbahn. Das Projekt wird Bürgermeister Weisskirchner vorgelegt. Sollte die Stadt zustimmen, wäre der Bau der ersten Linie innerhalb von fünf Jahren abgeschlossen, heißt es in dem Papier. Tatsächlich sollte es noch 64 Jahre bis zur Eröffnung der ersten Wiener U-Bahnlinie dauern.
Auch in London trägt man sich mit Tunnelplänen: Vertreter des Unterhauses, der Banken und des Kriegsministeriums sprechen sich einhellig für den Bau eines Tunnels unter dem Ärmelkanal aus. Skeptiker warnen, ein solcher wäre im Kriegsfall äußerst gefährdet.
Der Eisenbahntunnel unter dem Ärmelkanal wird erst 1994 eröffnet werden.

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Die Eisenbahn in Österreich wird schneller. Nach dem Mitte Februar 1914 in Kraft getretenen Fahrplan beträgt die Fahrzeit von Wien nach Bozen über Villach bloß 14 Stunden und sechs Minuten. 100 Jahre später dauert die Fahrt via Südbahnstrecke immer noch fast zehn Stunden. Über die Westbahn ist Bozen in sechs Stunden und 29 Minuten erreicht.

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Die Wiener Tageszeitungen berichten nun fast jeden Tag von Audienzen des Kaisers für Ministerpräsident Karl Stürgkh, Generalstabschef Franz Conrad von Hötzendorf und andere hohe Funktionäre des Reichs. Dass dabei stets über Aufmarschpläne gegen Serbien gesprochen wird, darf die Öffentlichkeit allerdings nicht erfahren.
Genauen Zeitungslesern entgeht nicht ein langsam einsetzender Propagandakrieg zwischen Deutschland und Frankreich. Paris lanciert etwa Meldungen, wonach der Gesundheitszustand im deutschen Heer miserabel sei. Wenige Tage später berichten deutsche und österreichische Zeitungen über Epidemien in der französischen
Armee. In Toul wüte der Scharlach, in Longwy seien sieben Soldaten an Lungenentzündung gestorben, 90 Männer lägen mit Masern im
Spital, drei seien bereits daran zugrunde gegangen.

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Die politischen Führer jener Jahre sind oft überaus belesene Männer. Der französische Sozialistenchef Jean Jaurès etwa hält in Toulouse einen Vortrag zum Thema „Der soziale Roman im 19. Jahrhundert“, den die Wiener „Arbeiter Zeitung“ vollinhaltlich abdruckt. Aber selbst Jaurès, ein Politiker, der unablässig vor einem möglichen Krieg warnt, neigt zu nationalistischen Aufwallungen. So vertritt er etwa die Meinung, in Deutschland habe es nur einen einzigen sozialen Roman gegeben, nämlich Goethes „Wilhelm Meister“: „Denn alle fruchtbaren Gedanken über die künftige Entwicklung der Industrie in der deutschen Literatur sind Frankreich entlehnt.“

Jaurès wird am Vorabend des Krieges von einem französischen Nationalisten ermordet.

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Die „Neue Freie Presse“ berichtet am letzten Tag des Februar in einer Kurzmeldung über eine seltsame Aussage des serbischen Bautenministers Vulovic: Serbien, so Vulovic, werde innerhalb der nächsten fünf Jahre mit Österreich-Ungarn „entscheidend abrechnen“. Dann werde auch Russland „aktiver als bisher für die serbische Sache eintreten“.

Noch 22 Wochen bis zum Krieg.

Lesen Sie außerdem:

„Ein Ball bei Hofe”: Der Countdown zum Krieg, Teil VII: 16.-22. Februar 1914

„Über den Dächern von Wien”: Der Countdown zum Krieg, Teil VI: 9.-15. Februar 1914

„Wiener Bürger gegen den Tango”: Der Countdown zum Krieg, Teil V: 2.-8. Februar 1914

„Plötzlich verstorben”: Der Countdown zum Krieg, Teil IV: 1. Februar 1914

In Paris wird getafelt: Der Countdown zum Krieg, Teil III: 19. bis 25. Jänner 1914

Der Kaiser fährt aus: Der Countdown zum Krieg, Teil II: 12. bis 18. Jänner 1914

„1914 wird ein schönes Jahr sein”: Der Countdown zum Krieg, Teil I: 1. bis 12. Jänner 1914

Sarajevo revisited: 100 Jahre Erster Weltkrieg